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Die neue Welt · 1929-01-04 · Heft 68 (4.1.1929) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 68 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seffc g die jüdische Bevölkerung in dieser Zeit um fast 20.000 Seelen Termindert. Die Wirtschaftslage der Juden in Saloniki hat üt der letzten Zeit eine weitere Verschlechterung erfahren. Die Serie der Selbstmorde wurde um einen Fall, .die der Bankrotte um drei Fälle vermehrt. Ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde hat sich aus Verzweiflung über seinen wirtschaftlichen Zusammenbruch ins Meer geworfen uund wuurde als Leiche geborgen. Ein angesehenes Weinhaus, ein großes Schuhwarenhaus und ein kooperativer Konsumverein, alle jüdisch, haben ihre Zahlungen einstellen müssen; mehrere arme jüdische Familien sind deswegen brotlos geworden. Laut der letzten offiziellen Statistik leben in Konstantinopel 46,628 Juden. Der Turm von Babel. Die Sage vom Turm von Babel ist wohl eine der vielen Legenden, die uns aus alter vorbiblischer Zeit durch die Bibel erhalten blieben, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Es ist die Sage von der Ueberheblichikeit der Menschen, die sich unterfangen hatten, einen Turm zu errichten, dessen Spitze in den Himmel ragt, und von der fürchterlichen Strafe, von der sie ereilt wurden. Die damals, eine einzige Sprache sprechende Menschheit wurde plötzlich so verwirrt, daß sie einander nicht mehr verstanden und jeder ein anderes Idiom sprach. Der Turm von Baibel ist so eine mächtige Ruine geblieben, die niemals meihr aufgebaut werden konnte. Einer Beschreibung Hcrodots, der im fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung den Orient bereiste, verdanken wir auch eine Beschreibung dieses Turmes. Hienach war es ein mächtiger Bau mit sieben übereinandergetürmten Stockwerken, auf dessen Gipliel man durch eine Wendeltreppe gelangen konnte. An der höchsten Stelle befand sich eine tempelartige Nische mit einer Schlafstatt und einem goldenen Tisch. „Götzenbilder" — berichtet Herodot — „waren keine vorhanden. Die Tempelnischc wurde auch des Nachts von niemandem benützt, mit Aus- Uniersfütznngsverem „Esra" gratuliert seinem verdienten Obmannstellvertreter Jakob Heliczer zur Feier der silbernen Hochzelt nähme einer Frau, welche die Gottheit sich aus der Mitte der Eingeborenen erkoren hat." Die Erzählung der Bibel und der Reisebericht Herodots. waren zwei Jahrtausende lang die einzigen Quellen, welche vom Turm Baibel Notiz, nahmen. Im Verlaufe der Jahrhunderte wurde sogar der Platz vergessen, an welchem der Turm von Babel einst gestanden hat. Noch vor vier Jahrzehnten galt Bdrs Nimrud (die Festung Nimrud) als der einstige Ort des Babel turmes. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mit den ersten Enträtselungen der Keiliuschriften kamen wieder neue wissenschaftliche Mitteilungen über den Turm. Es wurde festgestellt, daß der König Nafoukadnezar, der 600 vor unserer Zeitrechnung herrschte, sich mit besonderer Sorgfalt des Gebäudes angenommen hatte. Dieser Turm war ein nationales Heiligtum der Baibyionier und wurde 'deshalb so hoch gebaut und mit soviel Pracht hergestellt wie kein anderer religiösen Zwecken dienender Turmbau im alten Orient. Auch in der Inschrift Nabukadnezars wird wie in der Bibel von diesem Turm gesagt, daß er mit seiner Spitze das Himmels-, gewörbe erstürmen muß. Die Ausgrabungen vom Anfang dieses Jahrhunderts haben von diesem Babelturm bloß eine Ruine, traurige Ueberreste des einst so stolzen Baues aulgedeckt. Eigentlich ist bloß das Fundament, das sich auf 91 Meter erstreckt, heute noch vorhanden. An der südlichen Front sieht man noch die untersten Stufen der drei breiten steilen Treppen, die einstens zum ersten Stockwerkführten. Der Turm, selbst Ist für alle Zeiten verschwunden. Die zerstörende Arbeit der Jahrhunderte hat auch hier ihr Werft 'vollbracht, und was die Zeit noch verschont hat, wurde dann von unkundiger Menschenhand zerstört. In den Achtzigerjahren verkaufte die türkische Regierung die damals noch vorhandenen Mauerreste als „Bruchsteine" an einen. Unternehmer, der bei der Abtragung so gründliche Arbeit geleistet hat, daß er sogar die Ziegel aus dem Grundwasser an die Oberfläche bringen ließ. Kurz vor Ausbruch des Krieges wurde bei einem Privatsammler eine keilinschriftliche Tafel entdeckt, welche auch eine Beschreibung des Turms von Baibel mit genauen Flächenmaßen enthält. Hiernach ruhten auf einem riesigen hallenartigen Unterbau vier Stockwerke, die durch außen laufende Windestiegen verbunden waren. An der höchsten Stelle befand sich ein Tempel. Das ganze Bauwerk war 91 Meter hoch, 91 Meter breit und 91 Meter lang. Der mit dem Unterbau zusammen sechs Stockwerk hohe Turmbau und der Weine Tempel auf der Spitze glänzten in sieben verschiedenen Farben, so daß der ganze Tempelbau im Altertum wohl einen überwältigenden Eindruck hervorrufen mußte. Ein Münchener Archäologe hat auf Grund der erwähnten keilinschriftllchen Beschreibung vor einigen Jahren eine Rekonstruktion des Turmes von Babel hersteUeu lassen. DIE NEÜt WELT SIEGM. KORNMEHL GROSSFLESSCHHAUEftEf Zentrale IX., Bcrgga«9e 19. Telephon 17-3-99 u. 16*9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für nty>Flelsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr, Kultusgemrinde Wien ~ Autozustellung kostenlos IX. Berggasse 15 ✓ XVIII., Währlngerstr. 97 Ein Jüdischer Adoptivsohn Gorkis. Es war in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, als Oorki zusammen mit den russischen Schriftstellern Korolenko, Tschirikoff und anderen von der zaristischen Regierung strafweise nach Nishni Nowgorod verschickt wurde. Dort lernte er einen jungen jüdischen Verbannten namens Sinowi Swerdloff kennen, dessen er sich mit großer Zuneigung annahm. Da Swerdloff noch ganz jung und elternlos war, adoptierte ihn der Dichter und legte ihm auch seinen eigenen Familiennamen Peschkoff (der Name Maxim Gorki ist bekanntlich ein Pseudonym) bei. Oorki setzte große Hoffnungen, in seinen jüdischen Adoptivsohn, dem er eine glänzende Zukunft in der revolutionären Bewegung Rußlands voraussagte. Viele Jahre lebte Swerdloff-Peschkoff bei Gorki rn Rußland und Italien, wo er später Mitarbeiter und Privatr sekretär des bekannten russischen Schriftstellers Amphi* theatroff wurde. Dieser aber machte eine innere Wandlung vom ehemaligen Revolutionär zum Anbeter des faschistischen Regimes durch, und zusammen mit ihm wandelte sich auch Gorkis Sohn. Zwischen Swerdloff-Peschkoff und seinem Adoptivvater entstanden nun immer tiefere politische und persönliche Differenzen, die den jungen Mann veranlaßten, Italien zu verlassen und in die französische Fremdenlegion einzutreten. Später wurde er zum Referenten für russische Militärfragen in das französische Außenministerium berufen, und heute gilt Swerdloff- Peschkoff, der jüdische Adoptivsohn Gorkis, als Führer der zaristischen (!) Restaurationsbewegung in Frankreich* Eine aus sechs Religionen zusammengebraute neue Religion. Aus London wird uns geschrieben: Vor einigen Tagen fand hier die erste Trauung nach den Gesetzen der „S h u f i - R e l i g i o n" statt. Shuf i ist der neueste Spleen einer aus überspannten Intellektuellen bestehenden Gruppe junger Engländer, in der Stadt Brighton* Shufi ist ein Extrakt von sechs anerkannten Religionen* und zwar der jüdischen, christlichen, mohammedanischen Religion, des Buddhismus, Parsismus und der Hindureligion, dessen Essenz, wie der Führer der Sekte, der Bürgermeister der Stadt Brighton, Galiers, einem jüdischen Journalisten gegenüber erklärte, int der neuen Religionenthalten ist. Bei der ersten Trauung in der Sekte fungierte als Priesterin Mrs. M u r s h i d a, die, ganz schwarz gekleidet, den Trauungsakt vollzog. Auf Befehl der Priesterin kniete das Brautpaar vor dem Altar nieder, worauf die Priesterin die Bibeln der sechs oben angeführten Religionen vor dem Bräutigam hinlegte und, diesem befahl, hestimmte Stellen aus ihnen — die sogenannte Essenz ~-i laut vorzulesen. „Hast du verstanden, was dein Bräutt-; gam hier gesprochen hat?" fragte die Priesterin nun die Braut. „Ich habe es verstanden," war die Antwort. „Präget beide diese Lehren gut in euer Herz ein! Denn Moses und plle übrigen waren wirkliche Propheten/' Braut und Bräutigam erhoben sich, und beide-hielten die flache Hand vor die Priesteiin hin, und diese sprach mit besonderer Feierlichkeit: „Ich lege Weizenkörner» das heißt Leben in eure Hand. Das bedeutet so viel, daß ihr von diesem . Augenblicke an . Eheleute seid, fü# euer ganzes Leben lang. Werdet ihr den Weg der. Tugend wandeln, so wird euer Leben so reich sein, wie da» Volk reich ist, das viel Weizen besitzt... So handelten alle die Völker, deren Religion alle anderen überlebt hat und aus denen das Beste und Vernünftigste die ehren unserer erhabenen Shufi-Religion sind." Damit war die Zeremonie der Trauung vorüber. Licht ins biblische Zeitalter. Die neuen biblischen Funde in Palästina. Der Jerusalemer Korrespondent unseres Blattes, Dr. Fritz Löwenstein, berichtet in der „Neuen Zürcher Zeitung"; In Palästina herrscht in den letzten Jahren eine außerordentlich starke Ausgrafoungstätigkeit, tbei der die verschiedensten Nationen miteinander wetteifern und 'bei denen die verschiedensten Gebiete des Landes unter die Spitzhacke genommen werden. Am meisten Interesse dürften die Arbeiten von Prof. Sellin beanspruchen. Dieser A'lttestamentler der Berliner Universität hat bereits vor dem Kriege mit großem Erfolge In Palästina gearbeitet: Meglddo und Jericho wurden von ihm ausgegraben. In den letzten Jahren hat nun Prof. Seläln seine Ausgrabungen auf die Wiederauffindung des alten Sichern gerichtet, das an der Stelle der Vorstadt Balata des heutigen Nablus gelegen ist. Es gelang Prof. Seliin, den alten Königspalast und den Tempel des Bundesgottes (vgl. Richter, Kap. IX) sowie ver- __Nr. 66 schiedene Urkunden in Keilschrift zu entdecken. In diesem Jahre ist nun eine Reihe weiterer sehr erheblicher Feststellungen gemacht worden. Der doppelte Befestigungsgürtel der Stadt wurde bloßgelegt und der „Stein von Sichern" gefunden, der in den Erzvätergeschichten von Jakob und Josua eine so große Rolle spielt. Es handelt sich hier also, wenn die Deutungen Sellins richtig sind, um die Auffindung eines der ältesten jüdischen K u 11 u r h e i l i g t ü m e r. Von großem Interesse sind auch die Arbeiten der archäologischen Mission der amerikanischen Pennsylvania- Universität in B e i s a n, nicht weit vom Südende des Sees Genezareth. Es wurden dort zwei aus dem 15. Jahrhundert stammende Tempel entdeckt, ferner eine vergoldete Götterstatue und eine Astarte. Im einen Tempel wurde der Altar aufgefunden, ne/ben dem die Knochen der Opfertiere lagen. Der Tempel war dem Gotte Dagon geweiht, an dessen Tempel in Beisan die Philister nach dem biblischen Bericht die Leiche des Königs Saul aufhingen. Auch ein Bild des Architekten wurde bei den Ausgrabungen gefunden. Erwähnenswert ist ferner neben vielen Hieroglyphen aus der Hetltiterzeit die Auffindung von Schlangen aus Ton, worin der Leiter der Ausgrabungen, Allan Rowc, Anknüpfungen an sumerische Kudte zu erblicken glaubt. Der Name eines der dort verehrten Götter heißt Makel (Hebräisch Stock). Unter der Leitung des bekannten englischen Orlen- . talisten Binders Petrie wurden Ausgrabungen der hrtitii sehen archäologischen Schmie In Südpalästina veranstaltet, wodurch eine Reihe von Orten, die die Bibel erwähnt, festgestellt wurde. Besonders zu erwähnen ist Met Betb P h e 1 e t, das von J o s u a eingenommen wurde, der Sitz von Davids Leibwache war und auch unter Nehemia wieder eine Rolle spieilt. Die bisherigen Ausgrabungen haben dort Friedhöfe bloßgelegt, die die Zeitperiode von 1600 bis 600 umfassen. Weitere Arbeiten beschäftigen sich mit der Umgebung von Hebron, wo es P. Mader, dem Direktor des orientalischen Instituts der Goerresgesollschaft in Jerusalem, gelang, ein Bauwerk, das die Tradition mit Abraham in Verbindung bringt, als aus der Zeit Hadrians stammend zu identifizieren, während die Fundamente aus herodianischer Zeit zu stammen scheinen. Kaiser Constantin erbaute a.n dieser Stelle später eine dreischiffige Basilika, deren Fußboden, ein Südjudäa darstellendes Mosaik, aufgefunden wurde. Samoffowitsch rüstet zu einer Nordpol-Expedition. Professor 'Samoillowitsch, der berühmte jüdische Arktis-Forscher, der als Leiter der Expedition des Eisbrechers „Krassin' die Nobile-Mannscihaft gerettet hat, rüstet für das kommende Frühjahr zu einer großangelegten Nordpol-Expedi'frion mittels Luftschiiifs und Flugzeugs. Die Tribüne* Ein Sprechsaal für unsere Leser Zum FalL Jakob Wassermann. Ein reichsdeutscher Leser schreibt: Geehrte Redaktion! In der letzten Nummer der Berliner „Jüdisch-liberalen Zeitung" bringt Herr Jakob Wassermann eine Berichtigung, dahin lautend, daß das Kind, das er angeblich taufen ließ, als unehelich von einer evangelischen Mutter geboren wurde und von Staats wegen evangelisch blieb. Ich hörte jedoch, daß Herr Wassermann diese Mutter dann standesamtlich geheiratet hat und das Kind auch weiter im evangelischen Glauben ließ. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir mitteilen würden, ob diese Ber hauptung stimmt. Wenn das auf Wahrheit beruhen sollte, muß man dann den Fall nicht ebenso betrachten als hätte Herr Wassermann sein Kind dem evangelischen Glauben zugeführt? Darf man dann Herrn Wassermann zugestehen, im Namen der Erhaltung des Judentums so zu sprechen, wie er es getan hat? S. L. Ein Wiener Leser schreibt: An die Redaktion der „Neuen Welt"! In seiner letzten Sabbatpredigt im Leopoldstädter Tempel besprach Herr Rabbiner Doktor M. Grünwald den Fall Jakob Wassermann. Er pries Jakob Wassermann als großen Juden und zog in heftigster Weise gegen die „Neue Welt**, welche er zwar nicht beim Namen nannte, aber unzweifelhaft bezeichnete, los. Er nannte das Vorgehen des Blattes hetzerisch und verleumderisch. Der Zwischenfall erregte bei dem Teile der Hörerschaft, welcher wußte, daß die „Neue Welt" gegen Jakob Wassermann vorgegangen war, weil er einen großen Teil der Judenschaft verunglimpft und sich als Vater eines getauften kleinen Kindes auf den Verkünder der jüdischen' Mission aufgespielt hatte, die hellste Empörung. Ist ein solcher Mißbrauch der Kanzel zugunsten des Abfalljudentums statthaft. m. r. * i Antwort der Redaktion? Die oben erwähnte Berichtigung ist eine Täuschung des Publikums. Nach österreichischem Rechte kann der Kindesvater das Religionsbekenntnis des Kindes bis zu dessen?. Lebensjahre bestimmen, also auch ändern, Herr Wassermann hätte, nachdem er die Kindesmutter geheiratet und das Kind legitimiert hat, das Kind dem jüdischen Glauben zuführen können. Er hat es nicht getan, ob-

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