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Die neue Welt · 1929-01-04 · Heft 68 (4.1.1929) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 68 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nf. 6g fcff? NfiW? WEtT 8«fte 7 NEUTROVOX DER BESTE 13 RADIO EMPFÄNGER Zusammenschluß der jüdischen Kaufleute, Gewerbetreibenden und Industriellen. Eine Betrachtung von Otto Lang. Seit längerer Zeit zeigen sieb Bestrebungen, einen Zusammenschluß der jüdischen Kaufleute, Gewerbetreibenden und Industriellen herbeizuführen, und zwar keineswegs als wirtschaftlich« Interessengruppe» sondern um ein wirklichkeitsgetreues Bild davon zu bieten, welche Stellung sie im österreichischen Wirtschaftsleben einnehmen und welche Ziele sie verfolgen. Die folgenden Ausführungen sollen nun andeutungsweise zeigen, von welcher Bedeutung ein derartiger Zusammenschluß für diese Kreise sel'bst, aber auch für das Judentum In Oesterreich, vielleicht sogar für das gesamte Judentum wäre. Bei der wesentlichen Verschiedenheit der drei Gruppen ist es unerläßlich, jede gesondert zu behandeln. Hier soll jedoch einstweilen die Sache nur vom -Standpunkte der jüdischen Kauflettte behandelt werden, um so meihr, als vieles, was von diesen gilt, sich auf das Gesamtwesen der Juden bezieht. Wie jeder Jude, fiUhlt es auch jeder jüdische Kaufmann, gleichviel, ob groß oder klein, daß sein Judentum, besonders gegenüber Niohtjuden, für ihn eine Erschwerung bildet. Das ist für ihn schon zur Selbstverständlichkeit geworden, mit der er nicht nur rechnet, sondern sogar überzeugt ist, daß sich daran niemals etwas ändern werde und könne. Gerade das ist aber der ärgste liebe 1stand, gegen den sich ein Zusammenschluß in erster Linie zu wenden hätte. Hat sich denn in dieser Hinsicht seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht sehr, sehr viel geändert? Wer kann daher behaupten, daß jene Vorurteile nieiht endlich völlig schwinden werden? Können wir aber erwarten, daß dies von anderer Seite ausgehen solle? Man wird sofort einwenden, dazu seien nicht die jüdischen Kaufleüte berufen, das sind .'„politisch e" Fragen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen. Dann aber kommen gerade die jüdischen Kaufleute und klagen: sie leiden wegen ihres Judentumes bald in Steuer-, bald in Rechts-, bald in sonstigen Angelegenheiten. Schließlich wird mancher jüdische Kaufmann sogar denken: gerade wir jüdischen Kaufleute sind es, um derentwillen sieb in erster Linie der Groll gegen das Judentum wendet, wie könnten daiher gerade wir daran etwas ändern? Wir tun weit besser, Wenn wir mit unserem Judentume möglichst im Hintergrunde bleiben. Hiebei spielt aber noch ein Umstand eine sebr wichtige Rolle, der noch niemals offen ausgesprochen wurde, der aber vielleicht den Schlüssel zur endlichen Lösimg des ganzen Problems bildet. Die jüdischen Kaufleute sind sicli bewußt, daß ihre Berufstätigkeit auf Gelderwerb gerichtet ist, und zwar auf m ö gl 1 c h s t reichlichen. D'Ieses Bewußtsein wird bei ihnen zu einer Art Schuldbewußtsein, das sie daran hindert, den hauptsücblioh in diese Richtung gehenden Anschuldigungen gegen sie, und — da der Handel den Hauptberuf der1 Juden bildet — auch gegen das Judentum sel'bst, rückhaltlos entgegenzutreten. In dieser Richtung müßte denn doch endlich mit viel größerem Nachdrucke als bisher hervorgehoben werden, daß es keine Menschengruppe gibt, die seit fast zwei Jahrtausenden ihr Leben unter solch erschwerenden Verhältnissen fristen mußte und die derart in den Möglichkelten biefür eingeengt, [a vielfach geradezu nur auf Schleichwege angewiesen war, Man wird einst zur Bewunderung dafür übergehen, daß das Judentum sich unter solch erschwerenden Umständen überhaupt erhalten konnte. Aber ist das Streben nach reichlichem Gelderwerb nicht ein allgemeines? Freilich konnten seitens der Nicht- Juden hiefür. alle erdenklichen Wege gegangen, werden, Und nun frage man sich: ob die religiösen Einrichtungen verschiedenster Art zu ihrer Erhaltung nicht die verschiedensten Wege einschlugen, um ihre Einnahmen m steigern. Und der Adel, der gewiß einstmal manche kulturelle Aufgäben zu erfüllen hatte, war er nicht seit jeher bemüht, seinen Besitz zu vermehren oft bis ins Maßlose, wofür sogar zahllose Menschenleben aufgeopfert wurden? Freilich geschah dies jn ga>nz anderen äußeren Formen als auf jenen kleinlichen Wegen, oft auch Umwegen, auf die die Juden eingeengt waren, darunter zumeist im Handel aller Art. Wie sehr ließe sieb das Streben nach Gelderwerb bei allen anderen Ständen nachweisen, es Ist ja schließlich nichts anderes als der unvermeidliche Kampf ums Dasein, der durch die jeweilig bestehenden Einrichtungen bald auf diese, bald auf jene Wege gelenkt wird. Von anderen, an sich auszeichnenden Berufen waren die Juden Jahr» hunderte hindurch vollständig ausgeschlossen. Daß die Juden die entgegenstehenden Schwierigkeiten und Hindernisse nicht nur überwanden, sondern unzählige Maie neue, überaus fruchtbar gewordene Wege des Wirtschaftlichen Verkehres für die Allgemeinheit dadurch erschlossen, das ist ein geschichtlich unbestreitbares Verdienst der jüdischen K a u 11 e u t e, so daß sie sich wahrlich von jenem stillen Selbstvorwurfe frei machen und endlich die gebührende Anerkennung für ihr Wirken rückhaltlos fordern könnten. Das ist eine der grundilegenden Aufgaben, die sich ein Zusammenschluß zu stellen hätte. Diese Aufgabe kann nämlich der einzelne niemals lösen und damit wäre allein schon ein solcher Zusammenschluß geradezu als dringende Notwendigkeit für alle jüdischen Ka'nfleute erwiesen und jeder würde sich selbst und auch seine Nachkommen schädigen, der noch zögert, sich ihm — schon aliein aus diesem Grunde — anzuschließen. Wie ist es nun gegenwärtig mit der Stellung der Jüdischen Kaufleüte in Oesterreich tätsächlich bestellt? Vor allem kann man untrüglich feststellen, daß es kaum ein Gebiet auf der Erde gibt, auf dem der Handel seit jeher verhältnismäßig so wenig gewürdigt wird wie in Oesterreich, wenngleich in neuerer Zeit -~ unter dem Drucke der Verhältnisse — manche Besserung eingetreten, sein mag. Zu diesem Zustande In Oesterreich trägt nun. das Vorurteil gegen das Judentum nicht wenig bei, denn da die Juden sich zum Großteil im Handel betätigen, in diesem auoh tatsächlich in Oesterreich stark hervortreten, wurde hier vielseitig das Vorurteil gegen die Juden auf den Handel im allgemeinen übertragen. Es besteht daher kaum ein Zweifel daran, daß eine Beseitigung des'Vorurteiles gegen die jüdischen Kaufieute, auch geeignet wäre, die verhältnismäßige Geringschätzung des Handels in Oesterreich zu beseitigen, so daß die Aufgabe, die sich ein solcher Zusammenschluß zu stellen hätte, zwar in ers>ter Linie dem Interesse der jüdischen Kaufleute dienen soll, aber nicht etwa in Irgendwelchem Gegensatze zu anderen Kaufleuten, sondern Im Gegenteile: zum Wohle des gesamten österreichischen Handels, wie dieser Zusammenschluß überhaupt die jüdischen Käufleute zwar, wo der einzelne ohnmächtig Ist, durch ihren Zusammenschluß gegen ungerechte Benachteiligung schützen, sonst aber nur den gesamten Handel fördern soll, wie dies erwiesenermaßen in den Kräften der jüdischen Kaufleute Hegt. Wie wirkt sich in Oesterreich das Vorurteil gegen das Judentum gegenüber den jüdischen Kaufleuten aus? Als vor Jahrzehnten in Oesterreich auch' dert Juden fast alle Erwerbsmöglichkeiten' zugänglich wurden, fanden' diese die erbgesessenen'Verhältnisse vor, ohne aber iti diese und ihre herkömmJiohenL Züsammenhänge selbst eingelebt zu sein. So iriußte es geschehen, daß die Juden sich über diese vielfach hinwegsetzend' —" ungewohnte Wege' einschlugen, teilweise verfehlte, ' größtenteils aber neue Wege, die in vieler Hinsicht belebend wirkten. Tatsächlich erwiesen sich letztere Wege — nebst anderen — auch für Viele Juden erfolgreich; nicht selten auch die erstereh, d>iese allerdings nur vorübergehend^ Jedenfalls ergab sich daraus eine Erschwerung für die Erbgesessenen, was — im Vereine mit den Eiifoligen der Juden — begreiflicherweise eine Immer schärfere Gegnerschaft weckte. Diese Gegnerschaft konnte sieb umso leichter verbreiten, als sie sich nw auf jene als verfehlt erwiesenen Wege stützte, Wie hätten die Juden, als Neulinge in dieser Löbenslage, nur richtige Wege einschlagen können! Jene Betätigungen der Juden aber, die sich als belebend und fruchtbar erwiesen und die weit überwogen, wurden Verschwiegen, jedenfalls ihnen nicht - angerechnet. Wie leicht war es da, sie alsbald als Schädlinge erscheinen zu lassen 1 Höchst bemerkenswert ist es, daß es dem Deutschen Reiche bald nach seiner Begründung gamz ähnlich zu ergehen begann, bis, es von dieser .Seite her zum Kriege 'kam* der nur äußerlich von Oesterreich ausging, Das Deutsche Reich trat ebenfalls als Neuling in den großen Weltverkehr ein und schuf dadurch gleichfalls manche Erschwerung für die Erbgesessenen. Auch seine Mittel waren infolgedessen anfangs in mancher Hinsicht verfehlt, in vieler Beziehung aber belebend. Sie wurden daher allmählich teilweise beispielgebend, aber wirksam für die Beziehungen zu den anderen Staaten gestaltete sich nur der bedrohlich erachtete Erfolg des Deutschen Reiches: Die daraus entspringende Gegnerschaft lenkte die Aufmerksamkeit nur auf die für die Anfänger im^Weltverkehr unvermeidlich gewesenen' Verfehlungen. Also genau dasselbe Schicksal, wie das der jüdischen Kaufleute in Oesterreich! (Fortsetzung folgt.) Cafe Reklame Cafetier i Jakob Goldflfeg Wien. U., Prateratra&e Nr. 3* anschließend die „Jüdischen Künstlerspiele" / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen / Rummy- Spieltische Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft SITMAR Soelatft ittiiana tfl S«tvt>t Marlttlml st wöchentlich mit dert Luxusdamplern Lnr-jnn. RegeintSfllge Eillinien nach Palästina, Griechenland, Konstsntlnopal Rundfahrten Im Hlltalmeer B l 11 i g e S o m m er fahrten Auskünfte». „Sltmaf, I. Kfirrlnerrlng 18 (Ecke Schwaizenbergplatz) > Telephon 55009 Siedelungsverschiebungen im osteuropäischen Judentum. Die Abwanderung vom Land In die Städte. Berlin, 30. Oktober. (J. T. A.) In den vom Jüdischen Wi'ssenschaltlichen Institut in Berlin unter der Redaktion von Jakob Lestschinsky herausgegebenen, soeben; erschienenen „Schriften für Wirtschaft und Statistik" veröffentlicht Dr. I. Korainik eine größere Arbeit über „Domographische Wandlungen im osteuropäischen Judentum". Indem der Verfasser die amtlichen Ergebnisse der Volkszählung 1926 untersucht, ermittelt er, daß die Zahl der jüdischen Einwohner auf dem flachen Lande in der Ukraine 1926 nur etwa 135.000 Seelen betrug, d. h. 8,6 Prozent des gesamten ukrainischen Judentums (1,574.428 Seelen). 1897 belief sich die Zahl auf 485.000 oder rund 30 Prozent des gesamten ukrainischen Judentums. Durch weitere statistische Unterlegungen des Verfassers klären sich die gegenwärtiigen Verhältnisse auf. Von den erwähnten 135.000 jüdischen Kindlichen Einwohnern im Jahre 1926 bringt er die 107.000 jüdischen An^ Siedler in den ukrainischen jüdischen Kolonien im Abrech«* nung. Es ergibt sich alsdann, daß in den nlchtjüdlsehen Dörfern, unter den nlchtjßdischen Bauern nur etliche 20.000 Juden gegen die mehreren Hunderttausend Im Jahre 1897 wohnen und eine Irrelevante Schicht bilden Ini Verhältnis zu der gesamten Jüdischen Bevölkerung und um so mehr zu der umgebenden nichtjüdischen Bauernmasse. Das ist die. Folge der neuen wirtschaftlichen Verhältnisse und der gegenseitigen . Beziehungen zwischen den: Nation nalitäten seit den Revplutionsjahren. In Polen und G ä 1 i z i e n ist der ländliche Teil der jüdischen Bevölkerung ebenfalls bedeutend gesunken. Gegen 40 Prozent im Jahre 1900 und 36,9 Prozent im Jahre 1910 bezifefrt sich die ländliche jüdische Bevölkerung Galizlens gegenwärtig auf nur 20,3 Prozent. In Kongreßpoleh ist der Prozentsatz von 13,5 im Jahre 1897 auf 7,3 im Jahre 1921 gesunken. Die absolute Zahl der ländlichen "Juden hat wie folgt abgenommen: in Gäiizen von 324.086 im Jalire 1900 auf 149.836 im Jahre 1921; in Kon« greßpolen von 216.965 auf 124.270 im Jahre 1921. Gleichzeitig mit der Schrumpfung der ländlichen jüdischen Bevölkerung ging, namentlich in Sowjetrußland, das Anwachsen der großstädtischen Jüdischen Einwohnerschaft einher. In den vier größten Städten der Ukraine, Kiew, Odessa, Charkow, Jakaterlnoslaw, von welchen Kiew und Charkow vor der Revolution für Juden so gut wie gesperrt waren, stieg die jüdische Einwohnerschaft vom Jahre 1897 bis zum Jahre 1926 um über 100 Prozent an. In Kongreß' polen beläuft sjob der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in den Wohnorten mit je über 50.000 Seelen auf etwa 60 Prozent, Im Verhältnis zu der jüdischen Gesamtbevölkerung der Ukraine bilden die jüdischen Einwohner in Städten mit über 100.000 Einwohnern 13,3 Prozent, im Jahre 1897 und 29,1 Prozent im Jahre 1926, Entsprechend finden sich für dje jüdische Bevölkerung der Städte mit je über 50.000 Einwohnern in Kongreßpolen: 23,9 Prozent, respektive 34,8 Prozent. ._ Der Niedergang der Juden von Saloniki Aus Saloniki meldet die J. T. A.; Die Resultate der am 15, Mai d. J. in Griechenland stattgefundene» allgemeinen Volkszählung liegen nun vor. Danach lebe» in Saloniki 47.996 jüdische Seelen unter einer allgemeinen Bevölkerung von 236,524 Seelen, Die Juden bilden also , heute 20 Prozent der Bevölkerung, während sie vor nöch fünfzehn Jahren — sie, zählten damals rund 150.000 Seelen : — die Hälfte der Gesamtbevölkerung dieser Stadt umfaßten. In ganz Griechenland leben heute etwas weniger, als 75.000 Juden unter einer Gesamtbevölkerung von 6,204.000. Während sich die allgemeine Bevölkerung., Griechenlands seit 1920 um 1,200.000 vermehrte, hat sich

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