Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 68 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 68 Dil NEUE WELT Seite 3 Von iiii 12a50 15.50 17.50 Gross« Auswahl In Nr. 37, Ab 7. Jänner. f^VL Liss&nsUy-Schuh I OetaiiMkaof 20 Engrospreisen direkt In der Fabrik V VII., Kaiserstraße 40 HF" ■ m ätock ~W wie es sich in den Rahmen faszistischer oder besser gesagt neuitalienischer Ziele fügen läßt. Für Italie'n ist die wichtigste Frage die O r i e n t f r a g e. Auf diesem Gebiet besteht eine sehr starke Konkurrenz mit England und da England die Mandatsmacht ist und da die zionistische Organisation auf dem Boden des von ihr in 30jährigen Mühen erkämpften Mandates steht, so ist der Anlaß für die Frage des „Popolo di Roma" sehr leicht zu verstehen. Sie ist in der ersten Linie an England gerichtet. W ii rd est du das Mandat an Italien abgebe n? Noch vor einem Jahre erklärte man es in Italien für absurd, irgendwelche Tendenzext nach dieser Richtung z\i hegen. Mittlerweile aber ist die Sachlage eine andere geworden. Die Krise in Palästina ist dank der jüdischen Arbeit abgeklungen, die Entwicklung von Handel und Verkehr beginnt wieder die aufsteigende Linie zu nehmen, der wirtschaftliche Einfluß auf den nahen Orient hebt sich und die Bedeutung des Landes als Konsument ist wieder im Anstieg. Das Tote Meer bekommt industriellen Wert, der große Mittelmeerhafen Englands soll in Haifa errichtet werden, das Jordantal wird elektrifiziert, immer größere Strecken Landes kommen unter den Pflug, -7das sind Momente genug, um die politische Anziehungskraft zu steigern. Werden nun die italienischen Zionisten auf diese oder jene Weise für die italienischen Mittclmeeraspirationcn sagen wir gewonnen, dann ist die Möglichkeit füre i 11 w e i t er es Vortasten der römischen Politik gegeben.- Auch Italien liest Zeitungen und versteht zu beobachten. Auch in Italien sieht man, daß der Zionismus schwach wird und daß seine zentralen Institutionen eine Aenderung des Mandates anstreben. Weshalb sollte Italien die gute Gelegenheit nicht wahrnehmen, um seinerseits die Position anzugeben? Ist die zionistische Organisation eine einzige Front vor dem Mandatsvertrag, ist sie eine bedingungslose national geschlossene Vereinigung, die das Genfer Dokument als ihren wertvollsten politischen Besitz schätzt, d a n n wäre jede r Schritt vergeblich. Stimmt sie aber der Aenderung nicht nur zu, sondern wünscht sie dies selbst, dann — kann der Fasz Ismus die italienischen Zionisten ins Dilemma führen. Und das hat der „Popolo di Ptoma" getan. Seine Frage geht über die Juden Italiens hinaus. Die Antwort können diese nicht geben. Sie muß von-der zionistischen Weltorganisation kommen, die ihr Mandat keiner internationalen politischen Diskussion aussetzen darf. Wir meinen, daß England eine Kompensationspolitik auf dem Rücken der Juden nicht; akzeptieren wird. Aber es ist besser, es nicht auf die Probe ankommen zu lassen. | Die Tagung des Zionistischen Aktionskomitees. Ein lN'acIifragsbtidgef von 20.000 Pfund. Aus Berlin meldet die J. T. A.:,ln der siebenten Sitzung! des Zionistischen Aktionskomitees am 24. Dezember erstattete Professor Dr. S. Brodetsky den Bericht über die politische Arbeit in London seit der letzten Aktionskomiteesitzling. Er erwähnt die wichtigen Ereignisse dieser Periode, insbesondere, den Amtsantritt des neuen High Commissioner Sir John Chancellor, und berichtet sodanii über die Schritte der Exekutive in der Angelegenheit des Vorfalles an der Klagemauer. Die Exekutive hat ferner mit der Regierung" verhandelt wegen der Beschäftigung jüdischer Arbeiter beim Hafenbau in H a i i a. Weiter wurde verhandelt wegen der neuen Verordnung über die Regelung des Erziehungswesens, zu der die Exekutive die jüdischen Wünsche vorgetragen hat. Was die Immigration betrifft, so steht die Exekutive auf dem Standpunkt^ daß die Regierung die Möglichkeit für eins große Atfja geben muß. In den Vorschriften bezüglich der Verwandteneinwanderung wurden Verbesserungen erzielt. Auch in der Durchführung der Naturalisation sind Erleichterungen zu verzeichnen. Miß Henriette S z o 1 d berichtet über die Tätigkeit der Palästina-Exekutive. Sie stellt zunächst fest, daß es den Exekutive gelungen ist, die Schuldenlast, die sie bei ihrem Amtsantritt übernommen hat, erheblich zu verkleinern. Die Rednerin gab einige Ergänzungen zum Referat von Dr. Brodetsky in bezug auf die politische Arbeit und betonte, daß der neue Oberkommissär in Palästina einen sehr guten Eindruck gemacht hat. Was die Kolonisation betrifft, ist die Konsolidierung der Siedlungen nicht so vorgeschritten, wie ,es wünschenswert gewesen wäre, erstens wegen der Dürre im letzten Jahre, zweitens wegen des zu kleinen Budgets. Die Rednerin betont, daß ein zusätzliches Budget von mindestens 20.000 Pfund unerläßlich sei, wenn nicht die dringendsten Notwendigkeiten der Kolonisationsarbeiten versäumt werden sollen, Was die Arbeitslosigkeit betrifft, so zählt 'man. jetzt 1632 Arbeitslose, besonders in Tel Aviv, Haifa un'd'AfüIe. Das ist keine übermäßige Zahl, aber es ist zu berücksichtigen, daß auch,die beschäftigten Arbeiter in keiner besonders guten Lage sind, weil der Lohneatz sehr niedrig ist. Die Referentin bespricht dann die Fragem der Einwanderung und der Verteilung der neuen Zertifikate. 30 Zertifikate wurden nach Aden für J e m e n i t e n geschickt. Der Sekretär des Einwanderungsdepartements B a r 1 ä s, der jetzt Europa bereist, erhielt die Direktive, die Zertifikate vor allem an qualifizierte G h a 1 u z i m zu geben. Außerdem hat die Regierung 200 Zertifikate -■ - ~ für politische Flüchtlinge aus Rußlana bewilligt. . Das letzte Jahr ist in gesundheitlicher Beziehung ein gutes gewesen, es gab weniger Malaria- und auch weniger Edelklinge ^winffi* macht Retsiel en zum Vergnügen. einzige dUeAe WcUmarkt. Dysenterie- und Typhuserkrankungen. Schließlich seien, noch zwei Angelegenheiten hervorzuheben, in denen wir uns noch nicht mit der Regierung einigen konnten, das ist die Errichtung eines Infektionsspitals und einer Anstalt für Geisteskranke. Im Schulwesen ist es gelungen, ein Zusatzbudget von 11.500 Pfund aufzubringen, so daß alle Schulen eröffnet werden konnten. Zum Schluß begründete Miß Szold nochmals die Forderung eines außerordentlichen Budgets von 20.000 Pfund, die unbedingt erforderlich seien, um katastrophale Folgen zu verrmeideii. Nach einer Pause gelangt zur Behandlung zunächst der Punkt 6 der Tagesordnung, etreffend d-e Ueberführung der Gebeine Herzls nach Palästina. Dr. Felix Rosenblüth referierte im Namen der Exekutive. Es folgt eine kurze Aussprache, an der sich u. a. Motzkin und Dr. Klee beteiligen, sowie eine neuerliche Erklärung, der Exekutive, aus welcher hervorgeht, daß die Exekutive im Sinne des Kongreßbcschlusses bei der Durchführung! dieser Aufgabe eine ganze Reihe von technischen und juristischen Einzelheiten einer Lösung zugeführt hat und die Angelegenheit weiter im Auge behält, wenngleich der Termin der Ueberführung vorläufig noch nicht festgestellt werden kann. Sodann wurde die Generaldebatte über die politischen und Palästina-Berichte durchgeführt. In der Nacht auf Dienstag berichtete Dr. Felix Rosenblüth über die Festsetzung von Ort und Zeit des XVI. Kongresses. Es wiurde beschlossen, daß der Kongreß am 28. Juli, das ist der 20. Tammus, der 25. Todestag Herzls eröffnet werden soll. Die Wahl des Ortes soll die Exekutive im Einvernehmen mit dem Vorsitzenden des Aktionskomitees treffen. Sodann folgte eine längere Debatte über die Frage, ob der Beschluß der vorigen A. C.-Sitzuug, im Frühjahr eine A. C.-Sitzung in Palästina abzuhalten, aurgehoben werden soll oder nicht. Es wurde durch Mehrheitsbeschluß festgestellt, daß der Beschluß der letzten, Sitzung wonach die Frühjahrssession in Jerusalem a b g e haltenwerden..so 11, aufrecht erhalten bleibt. . Als letzter Punkt der Tagesordnung gelangte dann zur Verhandlung der Bericht der Vierzehnerkommission, über die Vorschläge betreffend d'e Organisation und Zusammensetzung der Jewish Agency. Die Kommission hat eine, Reihe von Detailvorschlägen aus-, gearbeitet, die nach Beendigung der Debatte der Exekutive zur Durchführung der weiter erforderlichen -Maßnahmen übergeben werden. Dr. S o 1 o w e i t s c h i k beantragt, daß sich unter den sechs außeramerikanischen Ländern, deren Beteiligung die Voraussetzung für die neue Jewish Agency ist, mindestens zwei ostpreußische Länder, darunter^ Polen» befinden müssen. Es entspinnt sich eine lebhafte Debatte, an der sich vor allem die polnischen A. C.-Mitgheder Grunbaum, Roscnblatt, Dr. Hindes, Dr. Reich und Levite beteiligten. Schließlich wurde der Antrag Soloweitscnik mit Eine jüdische Hochzeit in Persien, Von Claude Anet. Der Leiter einer persischen Sch-ule der „Alliance israelite", mit dem ich mich oft zu unterhalten pflegte, sagte mir eines Tages: „In unserer Gemeinde findet eine Hochzeit statt. Vielleicht interessiert es Sie, ihr beizuwohnen. Die Bitern .des Brautpaares sind arme Lastträger. . Jedenfalls werden sie glücklich und stolz darüber sein,-Sie zu begrüße« und als ihren Gast in ihrer Mifrte zu sehen. Sie baten mich darum, Ihnen ihre Einladung zu überbringen." Wir nahmen die Einladung an umd unterwegs fügte der Direktor der Schule noch einige Worte 'hinzu, die •unsere Neugierde erweckten. „Die Brautleute, die Sie bald sehen werden, sind Kinder." ,,Kinder?" antwortete lieh 'verwundert. „Warum verheiratet man sie denn?" „Bin bißchen Geduld!" Wir' gelangten ins jüdische Viertel und 'betraten durch einen engen, finsteren Gang einen großen Hof. Da bot sich uns ein unerwartetes Schauspiel. - Die drei Seiten des Hofes wurden von rötlichen Ziegelmaueru gebildet, während die vierte Seite eine Terrasse aus gebranntem Lehm darstellte, eine Terrasse, die aui sehr unsolid aussehenden Baiken ruhte. Der Hof tvnd die Terrasse waren von einer buntfarbigen Menge angefüllt. Die Männer trugen sich wie Perser, in langen schwarzen Kaftauen, die sich, von einem Gurt umfangen, en« an den Körper schlössen. Auf den Köpfen saß die Kolk aus schwarzem Tuch, wie sie mit Weinen Abweichungen in gamz Persien getragen wird. Die Frauen wirkten wie Blumen in ihrem strahlenden Farbenglanz; sie waren in Musselin tind Gaze gehüllt: satteste Farbentöne von Blau, Orange, Grün, Rot, zusammen ein überraschendes Bild in Gold und Silber, womit die duftigen Stoffe bestickt sind. Die Frauen waren unverschleiiert. Wir sahen schmale „ blasse Gesichter,, schöne dunkle■ Augen und edle Stirnen, von schwarzen Bändern umrahmt. Wo ist das Brautpaar? Man führt' es uns zu. Es wäre natürlicher, zu sagen: „Man-trägt es zu uns",, denn es sind Kinder, kleine Kinder. Der Bräutigam ist elf Jahre alt, winzig klein, steckt in einem langen Paletot, der ihm ..fast bis zu den Knöcheln reicht. Die schwarze Kolla sitzt auf seiner starkgc wölbten Stirn. Die Braut trägt persische Hosen, eine Art Ueberkleid und eine Kapuze, darunter einen Schleier, alles in, den leibhaftesten Farben; über den Handgelenken Armreifen mit dicken, runden Steinen, an den Fingern Ringe.. Sic ist zehn Jahre alt, aber ein wenig größer als ihr Mann. Braut und Bräutigam sind so klein, daß es für sie passender wäre, Bali zu spielen, statt zu heiraten. Ich mußte die beiden auf Sessel stellen, um sie photogra« phieren zu können. Der Großvater der . Braut und die Mutter des Bräutigams stellen sich neben sie bin, und, ob-, wohl die Alten mittelgroß sind, überragen sie die Kinder nur ein wenig. Und da gibt es noch ein anderes Meines Mädchen, das ebenso gekleidet ist . wie die Braut. Sic sieiht wirklich wie eine Puppe aus mit ihren dicken Wangen und unschuldigen Kinderaugen. Was tut« sie bei diesem Aufzug? Sie ist kaum acht Jahre alt und schon verlabt, und noch in .diesem Jahre soll ihre Hoohzeit stattfinden. „Ihr verheiratet Kinder," sage ich zum Direktor der Alliance-Sohule, „wie man es einst an-den fürstlichen Höfen Europas zu tun pflegte.' Wenn dort die kirchlichen Zeremonien beendet waren, pflegte die Braut ins Kloster und der Bräutigam zu seinen Eltern zurückzukehren, um auf das Alter zu warten, das Ihnen erlaubte, einen gemeinsamen Haushalt zu führen und eine Familie zu gründen. So werden auch diese Kinder wohl zu ihren Bitern zurückkehren." nNein, nein", antwortete der Direktor. Irlß untren jüdischen Gemeinden in' Persien ist /dem nicht so.. Die frühzeitigen Hochzeiten sind leider wirkliche Hochzeiten." Ich lächle ungläubig, aber er spricht weiter: . „Das ist-eine jener Unsitten des Landes, die wir beikämpfen und, wie Sie sehen, ohne Erfolg. Eine unserer ältesten Traditionen verlangt, daß die Familie sich vermehre, uud legt jedem Vater die Pflicht au<r, Kinder und Enkel zu era&iehen. Nur dann kann er ruhigen Gewissens sterben, wenn er im Leben diese Pflicht erfüllt bat. In seiner Ungeduld kann er die Minute nicht erwarten, seine Kinder zu verheiraten. Und das führt zu dem Schauspiel, das Sie vor Augen haben: ein kleines Mädchen und ein Junge, die jetet Mann und Frau sind." „Aber was geschieht weiter? Diese Paar kann doch uoCh nicht alleim Wirtschaft führen?" „Das Haus, in dem wir uns beifinden, gehört einem der reichen Leute in der Gemeinde. Er hat es für die Hochzeit zur Verfügung 'gestellt, und eine Hochzeit 'bedeutet für uns einen Festtag für alle.' Am Abend werden die Bitern des Bräutigams in ihre Wohnung zurückkehren und das junge Paar mitnehmen. Auf dem nackten Lehmboden der Wohnung, die aus zwei Zimmern besteht, wird das Brautbett stehen. Und es bleibt dem Zufall überlassen, wann es winklich zur Vereinigung der beiden kommt, jedesfalls immer zu früh. Fast alle diese kleinen Frauen können ihre Kinder nicht austragen und sterben ton Kindbett, und wenn sie schon das Kind zur Welt bringen, haben sie nicht die Kraft, es selbst zu stillen. Wir wenden unsere ganze Energie auf, diesen schädlichen Brauch aus der Welt zu schaffen. Aber es gelingt uns nicht infolge der Rüdkständrgikeit dieser Menschen. In diesem Volke, das seit zweitausend Jahren. verfolgt wird und hier abgesondert lebt, sind alteingewurzelte Vorurteile schwer zw brechen. Der Instinkt zur Erhaltung der Rasse, der im allgemeinen natürlich und berechtigt ist, führt hier zu sonderbaren Erscheinungen, Wie Sie sich vorstellen können, ist die Kindersterblichkeit fürchterlich. Und spricht man von Kindersterben, so rechnet man nicht nur Kinder, sondern auch Mütter ein .,