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Die neue Welt · 1929-01-04 · Heft 68 (4.1.1929) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 68 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 ft!P NEUE WELT Nr. 68 Richard Herzog I. , Adtergats« 5 Tel. R-23-4-90 II. , K(. Pfarrg. 96 T«l. A-41-S-24 HEU!; Sprechapparate i«d«r AH, Urntr jQdlsrhe und nebrfliscne schallplatten sowie alle modernstenTanz-und Gesangsschlager in re ellster Auswahl auf Lagerl _ Auch Teiliahlungen 1 Provinzversand! Brief aus Palästina. In Petach Tikwah und Tel-Awiw. Von Dr. Fritz Loewensteln {Jerusalem). Anmerkung des Herausgebers. . Aus diesem interessanten Berichte geht hervor, daß im jüdischen Palästina der Mangel einer von allen Teilen anerkannten, nationalen Autorität immer fühlbarer wird. Desorganisa- . tion und Zersplitterung greifen um. sich. Während sich die Leitung der Zionistischen Organisation, Weizmann und seine Helfer, als. weise und staatsmännisch feiern läßt, und in ihrer Presse Lorbeeren pflückt, versagt sie in Palästina samt ihrem Beamtenapparate völlig. Es ist so, als ob überhaupt keine jüdische Oberleitung da wäre. Der Engländer greift ein, : " . macht wenigstens den Versuch zu vermitteln, die zionistische Leitung ist einfach nicht da. - Die Hoffnung, die in diesem Jafore von allen Seiten geäußert wurde, daß es in diesem Jahre 'bei der Orängenernte' in' Petach T i k w a h öhfte Konflikt abgehen würde, daß die b 1 u t ig en, Zusa mme ns 16ße vom Vorjahre eine Lehre gewesen seien, haben sich leider bisher nicht erfüllt. Wiederum sehen wir in Petach Tfikwah dieselben Zeichen kritischer Spannung: Arbeitslosendemonsrtationen, Poiizeischutz in den Institutionen .d-es Vaad Hachklai (der Pflanzerorganisation), vor allem in dem neu gegründeten "'Arbeitsbüro,- -über» das^ir? gleich noch Näheres berichten werden,: Protestversämmiungen, resultatlos, verlaufene . Verhandlungen,-^Vergebliche- Infcerventiortsversueihe, Automobile""'rh.it Poliz^iverstärkuhg in der Umgebung der Kolonie und, das äußere Zeichen, wachsende Erregung und Verbitterung, in den Kreisen der Arbeitsloser!, die auch von dieser Saison nichts erwarten zu, können scheinen. Die Schwierigkeit,im vorigen Jahre und überhaupt bisher lag bekanntlich in dqr Tatsache, daß ein großer Teil der Pflanzer die Frucht noch auf dem Baume an arabische Hä nd 1 er verkaufte, die ihrerseits das Pflücken durchführten und dafür ihre eigenen Arbeiter verwendeten. Zwar ist duren zahlreiche Beispiele zu belegen, daß es möglich ist, in diese Verträge mit den arabischen Händlern die Bestimmungauf zu nehmen, daß sie einen gewissen Prozentsatz i u d i s c h e r Arbeiter verwenden sollen, wie dies etwa in Kfar Saba gemacht worden ist. Aber immerhin, hier besieht eine Schwierigkeit, und bei der ohne weiteres Vorauszusetzenden Abneigung eines bestimmten Petach Tikv/äer Pflanzertypus,' einen Finger zugunsten jüdischer Arbeit zu rühren, mochte diese Schwierigkeit sogar als eine große erscheinen. Diese Schwierigkeit ist im laufenden Jahre fast gänzlich weggefallen. Die glänzenden Preise, die die Pflanzer erzielt haben, ermöglichen es ihnen, in diesem Jahre mit dem Verkauf der Früchte bis zur Ernte zu warten, d. h. auf die bisherige Bevorschussung der Ernte durch arabische Händler zu verzichten und macht damit wieder die Pflanzer zu Herren des Pflückens, das sie nunmehr wieder selbst in diejenigen Hände legen können, die sie wollen. Zu diesem Moment, auf das sich die Pflanzer selbst beriefen, um zu erklären, daß sie in diesem Jahre den Forderungen der jüdischen Arbeiter weitgehend entgegenkommen könnten, kam das zweite Moment, nämlich der Beginn direkter Verhandlungen zwischen dem Vaad Hachklai und der. Arbeiter organis-ation. Bedauerlicherweise haben diese Verhandlungen keinerlei Resultat erbiacfit. Die Hauptforderung der Arbeiter war die Schaffung eines gemeinsamen, neutralen Arbe its vertu f UI u n gs b ti r o s, eine Forderung, die überall auf d«r Welt als selbstverständlich angesehen worden wäre, auch in der palästinensischen Industrie zum, Beispiel heute von Unternehmer- und Arbeiterseite erhoben wird, in Petach Tikwah aber ungefähr so wirkt wie in anderen Ländern das Wort Bolschewismus. Es ist schwer, sich eine Vorstellung von der Primi-' tivität und Unbildung dieses Unternehmertypus zu machen, der den Kampf für seine Interessen mit Methoden führt, wie sie in Europa etwa in den ersten Zelten des Maschinen« Zeitalters üblich waren. Die Umernehmer lehnten also die Forderung eines gemeinsamen Arbeitsbüros ab und haben ihr eigenes Büro geschaffen, ohne Beteiligung der Arbeiter, und Herr Pascal, der Führer der ganzen Gruppe, hat in deutlicher Weise erklärt, was dieses Veftnlttlungsbüfo 2u i tun .habe und was nicht: Es sei nicht für die Arbeitslosen da, sondern dafür, den Pftaniern billige Arbeitskräfte zu beschaffen und Juden hätten keine Aussicht auf Arbeit, wen»1 sie teufer wären als Araber. Das Büro versucht, den Preis von 17Vt Piaster (6 österr. Schilling) pro Tag, der bisher bezahlt wurde und wirklich niedrig genug ist, da es sich um Saisonarbeit handelt, noch herunterzudrücken. Man zwingt die festangestellten jüdischen Arbeiter, sich in dem neuen Arboitsbüro noch einmal eintragen zu lassen, um dann zu behaupten, man habe diesen Arbeitern Arbeit verschafft. So wurde die Stimmung, immer erregter. Demonstrationszüge fanden. statt, das Arbeltibüro erhielt einen ständigen pöHaetitebtn &ühufcz. Nun griff der Jaffaer Gouverneur Campbell ein, dessen ruhige und versöhnliche Ha'ltattg *m vorigen Jahre vielleicht das Schlimmste verhütet hat. Er brachte die streitenden Parteien noch 1 einmal an den Verhandlungstisch und schlug ein Seh i ed s-! g e r i c h t vor, bestehend aus je einem Vortreter der Pflanzer und der Arbeiter, die sich auf einen neutralen Vorsitzenden einigen sollten. Die Arbeiter akzeptierten den Vorschlag, die Pflanzer lehnten ihn ab. Er schlug darauf eine Kommission vor, die die Verhältnisse prüfen und Vorschläge ausarbeiten söMte. Wieder stimmten die Arbeiter zu und die Unternehmer lehnten a>b, da bei ihnen alles in schönster Ordnung sei. Der Gouverneur machte dann noch einen dritten Vorschlag, daß beide streitenden Teile ihm in eitlem Memorandum ihren Standpunkt und ihre Vorsehläge einreichen sollten, damit er vielleicht einen'Weg'zur Versöhnung finden könnte. JSf a c h d e m a >u c h dieser Vorschlag dasselbe Schicksal hatte wie die vorhergehenden, kohnte er nichts tun, als achselzuckend sich verabschieden, indem er nochmals ersuchte, wenigstens die Ordnung nicht ziu stören. Es ist charakteristisch, daß auch der „Doar Hajom", das bürgerliche Tag-blatt, diesmal nicht die Partei der Pflanzer zu nehmen versucht. Was in den nächsten Tagen sich ereignen wird, ist nicht vorauszusehen, aber die Möglichkeit unangenehmer Zwischenfälle ist leider uan so mehr gegeben,:, als die;■-■besonnene; Mehrheit der Arbeiterschaft sich ständig' gegen die verhetzende Tätigkeit 1 inksradlka 1 e r El,c<ri*e ü t e wehren rhuß und es natürlich ist, daß, je mehr die Erbitterung über die Verwendung arabischer Arbeiter bei Vorhandensein zahlreicher jüdischer ' Arbeitsloser wächst, um so eher die Neigung, zu .-Au«schriB,|^^ßjj'Avof;b^tt4^n sein , wird. Kleine Zwischenfälle sind bereits vorgekommen, sind 'aber glimpflich abgelaufen. Uebrig bleibt noch - die Konstatierung, daß es heute in Palästina leider keine Instanz gibt, die Autorität ^eirtig besitzt, üni aiif die Pflanzer EinfluÖ zu nehmen.' kann heute, iiacihd&m auch dieses Jahr unter denselben Auspizien einsetzt wie die vorangegangenen, unumwunden dtisgesprochen werden. } , In der indischen Stadt Tel-Awiw herrscht WahJj fieber. Aber das «atiizc Drum uti<| Drän, rh de«m diesmal | die Wahlen zur S t a d t v c r.w a 11 ü n g (Iriaii) statt- finden, ist sehr unerfreuiieh. Auf Veranlassung rechtsi bürgerlicher Kreise,, des Häusbesibzerverbandes, hat die t Regierung eingegriffen, hat der Stadt ein neues, das a 11j gemeine Wahlrecht w es e n ti i c h b e s c h n e ij d e ji d e s V/ a h 1 g e s e t z gegeben, und im Zeichen dieses j ZensuswatolsystetTis finden die Neuwahlen statt. Die Parole } Dizengoffs, der eine Einigung aller bürgerlichen Elemente zum Kampie gegen links herbeiführen wollte, ist gescheitert, aber trotzdem dürfte bei diesen Wahlen eine bürgerliche Mehrheit das Ergebnis sejn, da die Wahlrechtsbesehneidiitigen natürlich in erster Linie Linkswähler betroffen haben. Es schien eine Zeitlang, als ob der Aufmarsch der Parteien in drei großen Lagern möglich sein werde: der Arbeiterschaft, dein Bürkerblöck und den Demokraten, die die Parole gegen links von vornherein ablehnten, Jetizt dagegen stelit sich heraus, daß nicht weniger als dreizehn Parteien in den Wahlkampf eintreten, deren Nameri wir einmal hier veröffentlichen wollen, um einen Einblick In die Strömwigän und Gruppierungen jn Tel-Awjw zu «eben. Es handelt «rieh um folgende Parteien: 1. Vereinigtes Zentrum (umfaßt u. a. Revisloulsten und Seffardifn), 2. Mittelstand (vor allem Organisationen der Eimyändeter liiiiiiiiiiiiiiiim 1 Verband demokratischer Z;ow§tm 1 aus Polen), 3. Arbeiterschaft (umfaßt Achdutfo Haawodari und Hapoel Hazair, jedoch nicht die Linksgruppen), 4. Poale Zion I, 5. Poale Z4on II (»beides linke Poale Zlon, die sich aber gespalten haben), 6. Handwerker, 7. Demokraten (Liste GIuecksohn-Haaretz, düe am weitesten limksstehende bürgerliche Gruppe), 8. Händler, 9. Misrachi, 10. Jemeniten, 11. „Lehre und Arbeit'* (Misrachi-Arbeiter), 12. Hausbesitzer (die extrCifn rechte Gruppe, die in der letzten Irtan wicht vertreten war und die das Einschreiten der Regierung herbeigeführt Hat, 13. Proletarische Liste (eine neue, ifnksradiikale Splittergruppe). Wie man sieht, ist die Linke i<m großen und ganzen einheitlich, denn die drei linksradikalen Gruppnn kommen ernsthaft kaum in Betracht. Die Wahlen werden kaum besondere Ueberrascihungen bieten. Die Arbeiterschaft wird sich wie immer stark an den Wahlen beteiligen, aber sie hat wohl kaum die Aussicht, wiederum gleich stark oder gar stärker zu sepn als die bürgerlichen Gruppen zusammen. Die Hauptfrage-allerdings ist heute nicht die Zusammensetzung der neuen Iriah, sondern die Aufgaben, die dieser neuen Iriah bevorstehen. Hier ist das viel mißbrauchte Wort Konsolidierung vielleicht einmal am Platze. Tel-Awiw bedarf vor allem einer Finanzreform; denn wenn auch die Behauptung des Kolonialministers Amery im Unterhaus, daß die Stadt bankrott sei, formell nicht ganz zutrifft, so ist doch die Wirklichkeit nicht sehr davon entfernt. Nur nach Ordnung der Finanzen und nach Anpassung des städtischen Apparates an die realen Verhältnisse wird Tel-Awiw an neue Expansion und an Befreiuung , von der Regierungseinmischung denken können. MItt woch, den 9. janner 1929 um Vj9 Uhr I abends im Cafg Produktenbörse (Klqbsaal) S II., Taporstrafle 10 | Versammlung Gegenstand: Jüdische Kultur in der italienUchtn Renaissance Referent: IÜDWIO B AT O Freie Ausspruche GMe willkommen! ii Eine faschistische Anfrage. —y. Das „PopoJo diRoma" hat sich kürzlich im Anschlüsse an die Tagung der italienischen Zionisten mit dem Zionismus beschäftigt. Das Blatt, das den leitenden Stellen des Faszismus sehr nahe steht, stellte an die Juden die Forderungsich zu der Frage zu äußern, ob sie sich als eine konfessionelle Gruppe oder als eine Nation fühlen. Die Aufwerfung dieser Frage von einem führenden Organ ist ein wenig verwunderlich. Die etwa 80.000 Juden Italiens sind dem wirtschaftlichen und sozialen Gefüge des Staates' restlös eingegliedert; Italien kennt keinen offiziellen Antisemitismus und es hat auch bislang keine jüdische Frage gekannt. Es hat auch bislang kein Symptom darauf hingedeutet, daß jemand an dem Bestände einer zionistischen Organ Ts at i o ir Anstoß nahm und das in Italien seit je hoch entwickelte NatiohalgefüM fand nichts daran Auszusetzen, daß sich auch ein jüdisches nationales Empfinden regte, das nirgends -— so wie überhaupt nirgends in der Welt — das Verhältnis zum Staat tangierte. Der Faszismus hat den Begriff der Staatsnation bis ins Extrem entwickelt und es ist eine Tatsache, daß die faszistische Intelligenz eine Minderheit nur im negierenden Sinne anerkennt. Das erstreckt sich auch auf die Juden und nicht bloß für Italieh allein. Der bekannte Journalist Z i n g a r e 11 i führt z. B. in seinem Buch „Der Groß-Balkan" die, Mißhandlung des Judentums in Ungarn darauf zurück, daß sich die Juden dort als nationale Minderheit fühlten. Das ist gearde für Ungarn unwahr, entspricht aber der faszistischen Einstellung. Wenn der Faszismus eine Frage stellt, dann kennt er auch schon die Antwort. Er schreibt die Reagenz Vor. Vielleicht geht sie sogar über die Erwartung hinaus und ein selbstbewußter Italiener wird mit einer gewissen Verwunderung die in einem römischen Brief der „Grazer Tagespost" zitierte Erklärung der '„Fraterna Generale I s r a e 1 i t i c a" in Venedig vernehmen, sie wolle mit jenen Juden, die nicht das italienische Vaterland allem anderen voranstellen, nichts zu tun haben. Er wird mit denselben Empfindungen zur Kenntnis nehmen, daß in Florenz die den jüdischen Kriegstoten gewidmete Gedenktafel mit der Inschrift „Den florentinischen Hebräern, die ihr Blut vergossen für ein größeres Italien, für ein freies geeinigtes wieder erstehendes Israel" nunmehr den Wortlaut hat; „. . . für die Größe des Vaterlandes, das für uns Juden nur Italien sein kann." Der italienische Leser wird finden, daß diese Beteuerung etwas zu stark polemisch ist. Aber sie ist, wie gesagt, die Wirkung einer ungeduldig gestellten Frage, die Entgegnung einer sehr, sehr geringen Minorität, die sich plötzlich ins Licht der faszistischen Girandole gestellt sieht. Ist aber die Frage, die „Popolo di Roma" stellt, an die italienischen Juden oder auch nur an die italienischen Zionisten gerichtet? Der Bestand einer zionistischen Föderation hat dem italienischen Staat nicht geschadet, ihr eventuelles Verschwinden würde ihm nichts nützen. Das weiß auch der Faszismus. Es müssen tiefere Gründe für die Angelegenheit vorhanden sein. Das faszistische System ist außenpolitisch unigemein rührig und ea sieht jedes Problem darauf an,

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