Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 68 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 30 Groschen ¥. b. b. DIE NEUE WELT BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vieitefjährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteliährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V L HERAUSGEBER: ROBERT ST >K- R BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A2S-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 4y Jänner 1929 ~JKh%^OQ Nr. 68 Faszismus und Zionismus mti Seite 2 Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Aus dem Inhalt: —y: Eine faschistische Anfrage. Haiders Wünsche. Claude An et: Eine jüdische Hochzeit in Persieii. Die Tagung des zionistischen Aktionskomitees. Die /Weltkonferenz der Ziouisten-Revisiohisteti. 60 jähre jüdischer Trennungspolitik in Ungarn. Dr. Fritz Löwensteilt: Brief aus Palästina. Aus der jüdischen Turn- und Sportbewegung. Schalöni Ale jenem: Komödianten. Sehalom Asch: Die Mutter. Die Wahleii in Rpniäiiien. Der jüdische Pariaiuetitskliihäpiisiiiiiicri-- . [j Aus-.'B' u k~ aVe-£t' meldet .die J. T. A.:. Zu den;acht jüdischen Mitgliedern dea rumänischParlaments * -'kommen nun, nach Abschloß der Senatsvyahlen, die folgenden fünf Juden als Mitglieder des Senats hin- . .zu: .Oberrabbiner Dr. Niemirover (Virilist) als Vertreter des jüdischen Kultus, Dr. Mayer Ebner (Jüd. Nat. Verb.) im Bezirk Cssermnvit/, Max A u s s c h u i 11 (Nationalzaranist) Handelskammer Calatz, Dr. Samuel Rappaport (Nationalzaranist) im Bezirk Ilfov, Bukarest, Moses. Zipstein (Nationalzaranist) im Bezirk Tighina. Der Kischinewer Deputierte Dr. L a n d a u,. der Siebenbürger Dr. Fische r und die Senatoren Dr. Theodor Fischer und Dr. Ebner haben sich zu einem „Jüdischen Klub" vereinigt, zu dessen. Vorsitzenden Dr. Ebner gewählt wurde. Es wird erwartet, daß in wichtigen jüdischen Fragen die übrigen jüdischen Parlamentarier mit dem Klub zusammengehen werden. Bei den Senatswahlen aus den Handelskammern blieb der Jude Dr. Kurjnir mit 75 Stimmen gegen den Liberalen Botez in der Minderheit, obwohl diese Kurie (12 jüdische gegen 92 nicht jüdische Wähler zählt. Eine Erklärung des Dep. Dr. Fischer. ,In der Kammer gab am 29. Dezember Abg. Doktor Fischer im Namen des jüdischen Klubs die folgende Erklärung ab: Die Juden Rumäniens sind von deu Gefühlen der Loyalität für Dynastie und Reich durchdrungen. Die Juden bringen der neuen Regierung das vollste. Vertrauen entgegen, weil sie. von ihr erhoffen, daß sie die Grundsätze der Demokratie und der bürgerlichen Freiheit in allen Belangen zur Geltung bringen. wird. Redner erklärt, . die Juden erwarten zunächst auf gesetzgeberischem Wege die Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen hinsichtlich der Gleichstellung mit Äen anderen Bürgern des Königreiches. Sie verlangen die Anerkennung und Behandlung als nationale Minderheit und die vpllc Respektie- , . rung der ihnen gewährleisteten Rechte. Redner werde für die Adreßdebatte stimmen, in der Erwartung, daß die Regierung ihre Pflicht dem jüdischen Volke gegenüber erfüllen wird. » Im Verlaufe seiner, Ausführungen anerkennt Dr. Fischer, , daß die diesjährigen. Wahlen ganz frei waren, Der jüdiscliTparlamentarische Klub muß als eine parlamentarische Fraktion, die die Interessen der ganzen Judenschaft des Landes im Parlamente .vertritt» angesehen werden; Im Programme, diesei- Fraktion steht an erster Stelle, nebst den fundamentalen politischen Prinzipien, auch die treue Ergebenheit gegenüber dem rumänischen Staate, dem Throne und der Dynastie. Die jüdische Fraktion im Parlamente steht au der Seite der jenige« Gruppen, die für die. Entwicklung und wirtschaftliche Saüiie;ru;ng des - rumänischen-Staates auf der -Basis demokratischer Prinzipien kämpfen. Der jüdisch-parlumentari^ehe Klub verlangt voii der Regierung die Anerkenriung der Rechte der jüdischen ethnischen^MjnpritÄt in Großrumähien. Die Juden werdeninsolange der Regierung . Gefolgschaft leisten, als,die-Haltung der letzteren mit dorn Programm . des jüdisch-parkinentarischen Klubs im Einklang steht. > ' Der Schutz <ier jüdischen Mindert^ Eine KoniQreiiz in Qerlin. Unter dein Vorsitz v^ÄJiv S. D u b n ö.w trat am 28. •Dezember - in - Berlin dic^von der Züricher Konferenz -für den Schutz der jüdischen Minoritäten Ctet-, euröp'as '\:$cwählic -. '•Exekutiv^ \; zu einer •...•.meh'rständfg.eir Sitzung züsammen. An der Sitzung nahmen teil: der Vorsitzende und; der •geschi^tefün>.ende••;y6rsjtze-nde.• dir Exekutive/ die, Herren ^. ,;SokölbW,-und .Leo.iM^ZKUi; weiter der. Sejrifabgebrdnetc1/' Ö'rüribaum-.Warschau, der Redakteur voii;,Thc , Rechtsanwalt Dr.: Alfred K l c e - Berlin' und der Abgeord- : nete< des;.le.ttÜipdfeeKeii«;VSejni>; Rabbiner ^yu|jio kvrRiga;^ Herr" Mojjekih'^erstättete• einen ^ncht.» über -die Ak? tionen des PäriserrBureaus..! Es wurden Pj-ppaganda- und Finarizfragen und eine Reihe von' Fragen,, die einzelne Länder betreffen, behandelt, Unter anderemeine Enquete über das, Schulwesen, sowie Fragen erörtert, die sich auf die Beteiligung der Minderheiten-Kommission der Union der Völkerbündsligen, des. Nationalitätenkongresses* und das StaatqnlosenrProbljfm beziehen. Außerdem gelangten eine Anzahl innerer, zumeist organisatorischer und literarischer Fragen zur Behandlung, so , auch Zeit und Ort für die Einberufung des Rates im kommendenPommer. Die Zuwahl der Herren K rein i n, D o b r y und G u r.ewitsch in das Pariser Konsultativ-Komilee wurde ratifiziert . :' Britischer Schutz für palästinensische Bürger. Aus London meldet die J. T. A.: In Erwiderung auf eine Anfrage des Captain Foxcroft stellte der Unterstaa'tssekretar für auswärtige' Angelegenheiten L o c k o r L a nvp/s-o n im Unterhaus fest, daß britischer Schutz allen jenen Personen gewährt wird, die die palästinensische- Bürgerschaft -gemäß den Bestimmungen der Bürgerschafts-Kabinettsorder vom Jahre 1925 erworben haben. Ghahcellor an Weizmann. . Er lioift, daß seine Atntsdauer einen Fortschritt in der Errichtung des jüdischen Natlonalheims bedeuten wird. Anläßlich der Tagung des A! C.: in Berlin, richtete Dr. Weizmann' namens der Exekutive an , den Oberkommissär für Palästina eine Qlückwunschdepesche zu seinem Amtsantritt. Darauf langte von Sir John Chancellor telegraphisch nachstehende Antwort ein: „Dr. Weizmann, Berlin. Wollenv:'Sie freundlichst der Exekutiverer zionistischen Weltorganisation meinen warmen Dank für ihre freundlichen Glückwünsche zu,meinem Amtsantritt! als Oberkommissär für Palästina ziun Ausdruck bringen. Ich teile Ihre Hoffnung, daß meine Amtsdauer einen F o rts c h r i tt in der Errichtung des jüdischen N a t i o nal h e i m s und in, der Entwicklung Palästinas zum Wohle aller seiner Einwohner bedeuten wird. Chancellor." Ein Prö-Palästina-Koniitee in Belgien. Dieser Tage hat sich ein b e | gj s c h e s Pro*Palästina-Komitee (Committee Belgique-Palestine) gebildet, dem bisher folgende Persönlichkeiten angehören: Se'natspräsldent Charles Mag netto (Präsident), Universitätsprofessor de, Don der (Sekretär), Universitätspröfessor Brächet, Bankier Leon Cassel, Senator Louis de Brpuc k e r e (früherer Vertreter Belgiens beim Völkerbund), der Führer der liberalen Partei und Deputierte Albert De v ez e, Universitätsprofessor Jacques E r r a r a, der Präsident der belgischen zionistischen Föderation Jean Fischer, Uhiversilätsprpfessör Leon Leclaire, der Staatssekretär und Mitglied der Mandatskommission des Völkerbundes Pierre Orts, der Richter am Kassation«« höf Heflri Rpliu, Or*ün Helena Qobtet d' AIDatierter Louis Pierrard, Mme Orts, Fräulein Alice Pols, Staatsminister Emile Vandervelde u. a. m. Das belgische Pro-Palästina-Komitee hat eine Kundgebung an die Oeffentlichk.eit erlassen, in welcher zur Unterstützung des Aufbafis des jüdischen Nationalheims in Palästina aufgerufen wird. Bei Gelegenheit des Besuches Dr. WeizmannS in Antwerpen würde eine Keren Hajessod-Aktion eingeleitet, die bisner allein in Antwerpen 3000 Pfund erbracht hat. Keinen Kaddisch .. * Wie Katharina Steiner begraben wurde. Am 28. Dezember ist hier Katharina S t ein er im 75. Lebensjahre gestorben. Sie war als junges Mädchen i« die Maschine der JUstte geraten und ihr Name wurde lange Zeit hindurch als eine warnende Erinnerung an einen Justizmord genannt. Sie war. im Jahre 1877 unter der Befomildigung, ihre Nachbärin ermordet zu haben, zum Tode •ü\trch . den Strang verurteilt worden. Es war ein reiner Indizienbeweis, ähnlich den späteren Hilsner-Prozessen und der .kürzlich in Innsbruck gegen den Studenten' H a 1 s m a u n durchgeführten Verhandlung. Es war zweifellos ■ ■ -:] ehi von antisemitischen Motiven beeinflußtes Verdikt der Geschworenen. pas •lil-r'teil-owürde revidiert und auf si e b e n J a ii.rjic Z.n ch t h a ü s-herabgesebzt. . yier jähre hatte die Steiner im Kerker zugebracht^ als die Wahrheit zif-Tage; icamr'Der' Border, eln'"Sphft 'des Staatsanwaltes W.a r.s cJli.a u er in--GTflfy..,-tib^r.sand.te "der Polizei ein sehrift^lies^estiUidnis. Er' wurde verhaiftet, aber dann; , '' ' ' in eine Irrenanstalt gebracht. Katharina Steiner Konnte,.schwer ikrank und mit zer-. . störtem Körper, das-Zuchthaus verlassen. Sie war ruiniert, . , konnte keine Arbeit und Brot finden uiid sank ins ßettilertuiri rettungslos hinab. Die hagere Fra;u mit dem aschfahlen-spitzen Gesicht war für die spätere Generation eine peinliche Erinnerung... Seit Jahren brachte sie . ihre Zeit im Krankenbett zu. Die Augen hatte sie sich in ihrem Elend ausgeweint. Sie ist gestorben. Nachdem sie wie ein Hund gelebt, ist sie wie ein Hund begraben worden. Zu dem Leichenbegängnis der Märtyrerin der Justiz hatte sich kein Vertreter der Regierung oder der Stadt, ja nicht einmal der Ku 11u sgem einde eingefunden. Keine oMfeieHc Stelle erkannte, daß es doch eine Pflicht menschlicher Solidarität gewesen w$re, dem armen, zertretenen, um sein Lebensglück betrogenen Wefb wenigstens das letzte Geleite zu geben. Kein Rabbiner sprach, kein Kantor Heß sich vernehmen. Die Nichte der Toten, zwei Nachbarinnen und ei-h Manu, Herr Alfons Mayer, der sich seit Jahren' der Kranken angenommen hatte, — vier Leute als okamen am Sonntag; vormittags auf den neuen jüdischen Friedhof und begleiteten den Sarg bis zu dem Grab, Draußen war niemand, der ein Gebet gesprochen hätte. Herr Mayer hielt die folgende Rede: Liebe Katharina Steiner! Arm und verlassen hast du gelebt und arm und verlassen wirst du begraben! Man soll au einem Grabe keine Worte des Hasses sprehen, aber es .ist nicht schön; wie man jetzt in dieser letzten traurigen Stunde an dir handelt. Der Staat, die - Stadt und die Kultüsgemeinde haben dich vergessen, sie ajle. haben nicht das Empfinden gehabt, daß sie hier, er- \ scheinen, müßten, um dadurch zu bekunden, daß sie alle das Verbrechen, das an dir begangen worden, verabscheuen und verurteilen. Du hast ein Marterleben geführfr'und nachdem dir zu Lebzeiten, Unrecht geschehen, V widerfährt dir, de-r Toten, abermals Unrecht. Man läßt di^h wie einen Hund zur Grube'fahren. . . Katharina Steiiier, dein schreckliches . Schicksal -'hat einst die ganize Welt erschüttrt und mm,- stehen nur wir vier hier an deinem Grabe. Wir vier werden dir .Treue halten auch über das Grab hinaus. Ruhe sanft *■ nach so vielem, unsäglichem Leid'und nach einem Dasein , voii Elend und Hunger.";: , ' Die vier Leidtragenden warfen dann einige Scholien, auf den Sarg und stapften dann durch den Nebel von dannen,; Katharina Steiner wjrd niemandem mehr zur Last fallen." Die Menschen waren grausam und kalt gegen sie und die jüdische Kultusgemekide hat sie verleugnet Sogar noch im Tod«.