Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 67 (28.12.1928)
- Date
- 1928-12-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 3 DIE NEUE WELT Nr. 67 Waktif-Ministerium die Verhandlungen weitergeführt, der Pascha von Jerusalem zeigte sich dem Besitzwechsel gar nicht abgeneigt, aber aus Konstantinopel war keinerlei Erledigung zu erlangen, bis dann der Ausbruch des Krieges auch diesen Plan zunichte machte. Triwax schließt seinen Aufsatz mit der Feststellung, daß Halperin, der nicht nur aus einer uralten frommen Familie stammte, sondern auch selbst ein konservativer, talmudisch gründlich gebildeter Mann war, den Plan des Ankaufes der Klagemauer und ihrer Umgebung durchaus ernst behandelte. Ein Gespräch mit Gisela Werbezirk. Die Künstlerin über Ihren Werdegang. Ein Mitarbeiter der Krakauer „Nowy Dziennik", Herr Dr. Josef F i n k e 1 s t e i n, berichtet über ein Gespräch mit Frau W e rbezirk: „Wissen Sic, daß mein Vater ebenso ein Lemberger war wie Sie? Natürlich! Daher meine „schwache Seite", daß ich mich mit jedem freu«, der mir etwas über Polen erzählen kann und speziell mit einem Lemberger. Also, mein Vater, der — ähnlich wie meine Mutter — einer frommen jüdischen Familie entstammte, hatte schon eine künstlerische Ader und wollte unbedingt in irgend einem Theater spielen. Sie können sich vorstellen, was ein solches „Verlangen" für fromme Juden vor Jahrzehnten bedeutete. Mein Vater-hat mir oft über seine Streitigkeiten mit den Eltern erzählt. Er hat sich jedoch nicht besiegt gegeben. Anfangs sang er in Lemberg im Tempel, sammelte einige Groschen und flüchtete „in die Welt" — jedoch nicht sehr weit. Er flüchtete nach Preß bürg. Vielleicht auch deshalb, weil, dort eine fromme Gemeinde war, jedoch viel toleranter gegenüber der Kunst. Sehr weit ist jedoch mein Vater mit seinen ' künstlerischen Aspirationen nicht gekommen. Er . wurde Sekretär irgend einer Wandertrappe. . Vom Vater erbte ich'die Liebe zum Theater und vielleicht . . . das Talent. Kaum 16jähTig trat ich in das Stadttheater in Preßburg ein, als eine damals nichts bedeutende Choristin. Nach kurzer Zeit jedoch spielte ich kleine Episodenrollen, dank dem damaligen Direktor B 1 a s e 1, welcher schon; zu jener Zeit zu mir, der jüngsten Choristin, Vertrauen hatte. In demselben Theater trat mit mir ein ebenfalls aus Lemberg stammender Künstler auf, der heute in der ganzen Welt bekannt ist: Max Pal lenfoerg. Wir spielten 'beide in Preßburg nur kleine Rollen. Da geschah auf einmal etwas, das unser weiteres Geschick entschied. Der damalige Direktor des Josefstädter Theaters besuchte während eines zufälligen Aufenthaltes in Preßburg auch das dortige deutsche Theater und wohnte dort einer Vorstellung bei. Iah und Pallenberg spielten eben irgendeine Episodenrolle. Sie können sich meine Verwunderung vorstellen, als ich nach der Vorstellung mit meinem heute so berühmten Kollegen zum Direktor Jarno eingeladen wurde. In einigen Worten sagte er uns: „Ich sah euch heute in euren Rollen. Preßburg ist eueto zu klein; ich engagiere euch an mein Theater in Wien, einverstanden?" Natürlich, daß ich aus Glück so laut' „einverstanden" ausgerufen habe, daß der arme Jarno bald auf deji Boden gefallen wäre ... . Vor meinem ersten Auftreten in Wien — in der Stadt, die damals der Antisemit Lueger regierte — hatte ich eine wahre Angst. Aber schnell erobeTte ich das Wiener PutblPkum und sogar Lueger selbst war nachher oft im Theater, um sich mein Spiel anzusehen. Sie können sich nicht vorstellen — sagte Frau WerhezJrk zum Interviewer — wie stolz ich darauf bin, daß ich eigentlich als erste auf der deutschen Bühne den Typus der jüdischen Frau geschaffen habe, einer Frau, wie sie eigentlich im Leben steht, ohne jede Uebertreibung und ohne Karikatur. Im Laufe von einigen Jahren wurde ich in Wien berühmt, was für eine Jüdin aus dem Osten hder in den früheren Zeiten keine so leichte Angelegenheit war. Die Autoren begannen einfach für mich Komödien zu schreiben und am meisten freue ich mich, daß ich als Jüdin von der Bühne sprechen und sogaT die verbissensten Antisemiten vom Wert des Herzens der jüdischen Frau, überzeugen kann. Sie müssen wissen — fügte die Künstlerin hinzu — daß ich im Herzen eine gute Jüdin, eine Zionistin bin und daß ich mich über jeden Fortschritt unserer Sache freue, Ich werde Ihnen sogar unter Diskretion sagen, daß meine Küche . . . koscher ist, schon mit Rücksicht auf meine gute, fromme Mutter, die bei mir wohnt. Ich reise jetzt mit einer Gruppe von Reinhardt- Künstlerin nach Berlin, wo ich durch einige Zeit in der Komödie „Dreimal Hochzeit" spielen werde. Nach der Rückkehr spiele ich wiederum die Hauptrolle in der Komödie des amerikanischen Schriftstellers Rabonowicz ,;jackie, der Jazzsänger**. Eine herrliche Komödie, sage ich Ihnen. Das wird vielleicht mein größter Erfolg werden, . Apropos Lemberg ., bemerkte lächelnd die Künstlerin — ich bitte Sie, gelegentlich Ihres Aufenthaltes in Polen alle Juden und Jüdinnen zu grüßen. Da ich von dort stamme, bin ich ihre Schwester." I Alfred Polgar liest in Preßburg über Weihnachten. Wir bekamen ihn bismin nur in kleinen Portionen in den Spalten des „Prager Tageblatts" zu sehen. Nun sahen wir ihn in Lebensgröße rosig und grau vor uns. Herr Polgar schickte voraus, daß er als Vorleser nur Debütant sei, ganz überflüssigerweise, denn ohne seine Bemerkung hätte es sicherlich niemand herausgefunden. Eine ungemein scharfe Beobachtungsgabe, verbunden mit vollkommener Beherrschung aller Wortnuancen, Sarkasmus, der nie verletzt, und natürliche Pointierung bringen ihm den wohlverdienten Ruf, einer der kurzweiligsten Tagesschriftsteller der Gegenwart zu sein. Er stellte die Geduld des Publikums auf keine harte Probe. Nach einer knappen Dreiviertelstunde schaltete er eine Zigarettenpause ein, wohl wissend, daß der geistvollste Vorleser unbehaglich zu werden beginnt, wenn seine Stunde bereits geschlagen hat. Ueberdies muß man ja auch den nach Autogrammen jagenden Backfischen Gelegenheit geben, ihr Attentat auszuüben. Das Publikum bestand zu neun Zehntel aus Israeliten und einem Zehntel Juden. Was ist der Unterschied zwischen beiden, fragt der naive Leser. Man konnte frivolerweise antworten, daß der Israelit ein verschämter Jude, dieser hingegen sehr oft ein unverschämter Israelit ist. Ich will aber eine ernsthafte, wissenschaftliche Definition beider Begriffe geben. Und zwar an. Hand eines Beispieles. Wenn Herr Alfred Polgar statt seiner „Weihnachtsstimmungen" dem Publikum etwas über Chanuka, das Geschlecht der Makkabäer vorgelesen hätte, so würden es die Juden mit selbstverständlicher Genugtuung angehört, die Israeliten jedoch als eine anzügliche Anspielung auf die rein zufällige Zusammensetzung des Publikums empfunden haben. Denn der Israelit fühlt sich auch dort als jüdische Minorität, wo er 100 Prozent des Publikums bildet und will in großmütiger Weise die Gefühle der nichtanwesenden Majorität beileibe nicht verletzen. Herr Polgar, der typische Budapester Israelit, trug der Mentalität seiner Gesinnungsgenossen Rechnung und las „Das Weihnachtsbild" vor, daß noch frisch im Gedächtnis des Großteils des Publikums war, da die meisten es vier Tage vorher im „Präger Tageblatt" gelesen hatten. Alfred Polgar ist der klassische Vertreter des Assimilanten, wie ihn so vollkommen makelfrei nur der Boden Budapests hervorbringen , kann. Er hat seine elegante, geistvolle Feder sicherlich noch nie in den Dienst des Judentums gestellt. An alles wagt sie sich kühn heran, nur nicht an jüdische Probleme. Sein feines Ohr, das das Gras wachsen hört, hat jüdische Notschreie niemals vernommen, und sein scharfes Auge spezifisch jüdisches Elend materieller oder geistiger Art, nie erschaut. Sein beharrliches Schweigen, sein Aus-dem-Wege-Gehen, wenn es sich um Jüdisches handelt, deutet wenigstens darauf hin, und wenn Männer, wie Alfred Polgar, über etwas schweigen, dann, und ich gebrauche da seine eigenen Worte, dann hört man es allüberall und macht sich den Reim darauf. Wir haben hier in Preßburg zwar zwei jüdische Gemeinden, doch eine Weihnachtsbaum- Reformgemeinde, wie sie beispielsweise Berlin hat und wie sie sicherlich Herrn Polgar vorschwebt, kennt man hierzulande nicht. Alle andächtigen Zuhörer des Herrn Polgars gehörten, und nochmals gebe ich die Versicherung ab, der einen oder der anderen jüdischen Gemeinde an. Man raunte sich zwar geheimnisvoll ins Ohr, daß auch ein Paradegoj anwesend sein soll, doch konnte ich ihn trotz sehr scharfen Spähens nicht ausfindig machen. Die Preßburger Juden kennen aber den Begriff Weihnacht und alles was mit ihm zusammen? hängt, nur jom Hörensagen, und wenn ich nicht irre, scheint auch Herr Polgar keine intimere Beziehung zum Weihnachtsfeste zu haben, denn seine Schilderung hält sich zu sehr an das Oberflächliche, das zufällig Begleitende. Aehnlich würde sicherlich ein geistreicher nichtjüdischer Schriftsteller über die Sedernacht schreiben. Sollte Herrn Polgar zu Ohren gekommen sein, daß der Weihnachtsbaum schon in manchen jüdischen Häusern Eingang gefunden hat, so handelt es sich hier um ein sozusagen illegitimes Verhältnis, iiber das man in der Oeffentlichkeit nicht spricht. Der offi* zielle Teil des Abends endete nach halb 10 Uhr* doc|i der unoffizielle Teil löste seih erst zu später jNachtzeit in „Harmonie" auf. J. May (Preßburg). Kauft Bretzel! Ein Warschauer Nachtbild. Herr Pi e r r o t, der Feuilletgnist , des in Warschau in polnischer Sprache erscheinenden jüdischen Tägblattes „Nasz Przeglad" (Unsere Revue) gibt folgendes Bild der War» schauer Judengasse nach Mitternacht; Üin armer Junger jüdischer Händler läuft mit Bretzeln die ganze Nacht durch die Stadt, am frühen Morgen kehrt er nach Hause zurück. Die nächtlichen Passanten, die die Arbeit oöer das Vergnügen in der Schlafenszeit auf die Gasse führt, kaufen Bretzeln, Pie Konkurrenz ist bedeutend, die „Bedingungen" schrecklich, überall lauert die Gefahr. Man muß sich anständig plagen, laufen, schreien, die Ware anpreisen, sie vor deni Regen I SIEGM. KORNMEHL GftOSSFLElSCHHAUEREI Zentrale IX., Bcrggaoae 19, Telephon 17-3-99 q. 16-9*34 Lieferant für Heilanstalten §j Abteilungen für «^^Flelsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kollj tusgemeinde Wien 1= Autosusteilung kostenlos |j IX. Berggasse 18/ XVIII., Wöhringersir. 97 fj fmmn^mmn^mnm^ 7aiwi«aiMmii»nKmmmiiwaaimiui«mnmmiiiiuim schützen. Wenn es gut geht, kann man zwei Zloty an einem Korb Bretzel verdienen. „Und so jede Nacht?44 „Einmal in der Woche von Freitag auf Samstag handle ich nicht..." „Und wer verdient noch zu Hause?44 „Niemand. Nur ich; ich habe eine Mutter und Gey schwister: drei Schwestern, zwei Brüder." „Und bei Tag schlafen sie?" „Es gibt keine Zeit, man muß mit allem Möglichen handeln." Ein gesunder, hochgewachsener Jüngling. Er könnte Landarbeiter oder Fabriksarbeiter sein, Pflasterer, Hausbesorger, Schaffner. Er würde jede physische Arbeit ausgezeichnet verrichten, er würde über acht Stunden arbeiten, in der Nacht schlafen; er würde sich nicht ängstigen, noch fluchen; er wäre nicht verfolgt, und — er hätte nicht diese Unruhe in den Augen. Aber er ist Jude, ist Sohn eines Volkes, das sogar um das Recht auf solide Arbeit kämpfen muß... * In der Warschauer Grochowagasse wurde kürzlich an einem Morgen in einer Mauernische eine jüdische Frau mit zwei Kindern vor Kälte bewußtlos aufgefunden. Neben der Frau stand ein Korb mit Bretzeln. Vorbeigehende Arbeiter nahmen sich der Verunglückten an. Die Rettungsgesel'lschaft brachte die unterstandalose Familie ins Spital, wo man sie vor dem Tode noch retten konnte. Wie ein Rabbiner Geheimagent in Pftfersburg wurde. Historische Episoden aus der nahen Vergangenheit. 1. Des Dichters Jehuda Leib Gordon Verbannung. Im Jahre 1872 ist der beikannte hebräische Dichter Jehuda Leib Gordon dank der Unterstützung seiner Freunde und Verehrer aus dem versteckten litauischen Städtchen Tels, wo er Schulaufseher war,,nach. Petersburg übersiedelt. Hier bekam er sofort ein wichtiges Amt: er wurde Sekretär der Petersburger Judengemeinde und der jüdischen Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung und Aufklärung. Gordon, der bis dahin in verschiedenen kleinen Provinzstädtchen gelobt hatte, fand in diesem neuen Großstadtmilieu zahlreiche Anregungen, die sein Schafften günstig beeinflußten. Die Siebzigerjahre, Gordans erste Petersburger Periode, nehmen vermöge ihrer Fruchtbarkeit einen besonderen Platz in seiner dichterischen Tätigkeit ein. Nicht lange aber war es ihm beschert, in der russischen Hauptstadt zu leben. Im Jahre 1879 entstand in Petersburg ein Konflikt wegen eines Rabbiners, und Gordon wurde in ihn hineingezogen. Gleichzeitig wurde er den Behörden denunziert und verhaftet. Nach sechswöchiger Haft wurde Gordon zusammen mit seiner Frau als politisch verdächtig bis ins Olenezker Gouvernement verschickt. Sehr viel Mühe und Energie mußten die Repräsentanten des Petersburger Judentums, besonders die Günsburgs, die einflußreichsten Protektoren des verbannten Dichters, aufwenden, bis man ihm endlich nach einigen Monaiten die Rückkehr nach Petersburg gestattete. Was der eigentliche Grund von Gordons Verbannung war, wußte man damals nicht. Erst in allerletzter Zeit beginnt sich der Nebel um diese Episode aufzuhellen. 2. Die beiden Rivalen. Baron Horace Güns'burg waT einer der leidenschaftlichsten Verehrer J. L. Gordons, und da der Baron Präsident der Petersburger Judengemeinde und der BW« dungs- und Mfklärungsgesellschaift war, also derselben Institutionen, deren Sekretär J. L. Gordon war, fühlte sich dieser besonders fest. Er liebte es auch deswegen, sich in Gemeindeangelegenheiten zu tnischjsn, und zog sich dadurch die heutigste Gegnerschaft der orthodoxen Elemente in der jüdischen Bevölkerung zu. In Petreburg gab es damals eine ansehnliche Gemeinde frommer Juden, für die Gordon die Verkörperung des Freidenkertums war und die es nicht dulden wollten, daß ein solcher Aufklärer sich in die intimen Angelegenheiten der Kehilla mische. Besonders feindlich gegen Gordon waren die Chassidim, da es bekannt war, daß Gordon in seinen damaligen Werfken über die Chassidiim scharf hergefallen war. Es wr* zur Zelt, da der Petersburger Rabbi Jtechak Blaser, der Verfasser des Buches „FereJ Jizchak" (Früchte Isaaks) Petersburg verfassen hatte und seine Stelle vaiikant blieb. Die Midnagdtai (Aufklärer) und die Intelligenz waren darrat sehr zufrieden, da Rabbi Jizchak Blaser ein Rabbi