Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 67 (28.12.1928)
- Date
- 1928-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 67 DIE NEUE WELT Seite 5 sei. Die Exekutive sollte ebensoviel Energie verwenden, um die 50 Prozent, die da sind, die Zionisten, nicht zu verloren, wie sie sich bemüht, die anderen 50 Prozent zu gewinnen. Die Basis der Marshall-Gruppe ist tinsicher. Die Schaffung der erweiterten Jewish Agency ist im Grunde genommen illegal. Die Revisionisten bleiben in der Organisation, weil sie die Hoffnung haben, daß noch manches anders kommen kann, als die Mehrheit denkt. Remez (Achduth Awodah-Palästina) erklärt, daß seine Gruppe für die Erweiterung der Agency ist, verlangt aber, daß die zionistischen Mitglieder der Agency gebunden bleiben, für die volle Erfüllung der Juli-Beschlüsse einzutreten. Sprinzak (Hapocl Hazai-Ralästina) spricht sein Bedauern aus, daß zu den Verhandlungen mit dem Siebenerkomitee der Marshall-Gruppe auf zionistischer Seite kein Vertreter der Arbeiterschaft zugezogen wurde, der auch der Gegenseite den Standpunkt der Arbeiterschaft hätte direkt darlegen können. Die Rede des Stephan Wise. Am Samstag um 9 Uhr abends erschienen Stephan Wise und Rosensohn aus Amerika. Die Sitzung wurde für eine Stunde unterbrochen. Nach Eröffnung der Sitzung erhielt Wise das Wort zu einer Rwle, die über eine Stunde dauerte. Vor allem protestierte Wise gegen die Vertraulichkeit der Sitzungen. Die Balfour-Deklaration — sagte Wise — war kein Geheimnis, auch das Mandat ist kein Geheimnis. Das jüdische Volk hat nie von einer Geheimd i p 1 o m a t i e gewußt. Sodann erklärte er. daß er sich durch den Beschluß der Vertraulichkeit der Sitzungen nicht für gebunden hält. Wenn das Aktionskomitee meint, daß er — Wise — seine Rede geheim halten wird, so wäre es besser, ihm das Wort zu entziehen. Wise begann hierauf seine Ausführungen über die Frage der Erweiterung der Jewish Agency. Ich weiß — sagte Wise — daß der Agency- Aikt schon eine abgemachte Sache ist. Ich will Sie aber doch in letzter Minute vor Schwächung der zionistischen Bewegung warnen. Die Zionistische Organisation wird heute abends getötet. 65 Generationen haben für den Zinnismus gearbeitet und heute nachts wird dieser Arbeit der Grabstein gesetzt. Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß der Zionistenkongreß niemandem gestattet hat, die Grundprinzipien des Mandates zu ändern. Ihre Beschlüsse werden ungesetzlich sein, weil Sie das Recht des Kongresses usurpieren Der Kongreß bat festgestellt. 1. Die Unantastbarkeit des Mandates; 2. daß die Zionistische Organisation die Jewish Agncy bleibt. Es ist falsch, zu meinen, daß das 50 : 50-Ab kommen den Zionisten und Ndchtzionisten Rechte gibt. Die Zionisten sind in dem Falle der nachgebende TeM'ist. Das wird keine Kooperation, sondern eine Unterwerfung der Zionisten. Die Marshall- Gruppe kann nur Statist sein, aber nie ein Helfer. Sie reden nie vom Ausbau der jüdischen nationalen Heimat, immer mir vom Palästinaaufbau. Selbst Ghrcbili hat den Arabern nicht so viel nachgegeben, als , wir den Nichtzionisten nachgaben, da Churchill die Forderunigen der antizionis tischen Araber gegen das jüdische nationale Heim in Erez Israel abgedehnt hat. Wir aber geben nach. Wenn man sich aber schon zum Verzicht auf das nationalle Heim entschließt und nur mehr vom Auälbau Palästinas spricht, dann können wir doch von den Arabern mehr erreichen als von der Marsball-Gruppe. Wir sprechen immer von Erez Israel, sagt Redner, inzwischen sind aber im Laufe der letzten sechs Monate acht Millionen Dollar für die Krim, nicht aber für Erez Israel gesammelt worden. So lange wir unserem Ideal des Judenstaates treu bleiben, werden die Märshall-Leute zu uns kein Vertrauen haben. Jetzt ist man so weit, daß Brez Israel die letzte Provinz ist, die der Joint erobert, anstatt daß wir. die Fahnenträger des jüdischen Volkes sein sollen. Ich warne Sie davor, den tragischen Schritt zu tun. Er bedeutet das Zerschmettern der Zionistischen Organisation. Wenn vor mir die Formel steht: Zionismus ohne Weizniann oder Weizmann ohne Zionismus, so werde ich selbstverständlich das erstere wählen. Ich weiß, daß Sie eine schlechte Sache tun wollen und daß Sie sie tun werden. Aber ich weiß auch, daß: w*e nnihan das jüdische Volk über diese Frage stimmen ließe, so würde es diesen Akt verwerfen. Nach einer kurzen Pause und einer Replik Weiizmanns wurde am 22. d. nachts die Abstimmung vorgenommen. Dem Aktionskomitee legte die Exekutive die folgende Resolution vor: Das Aktionskomitee sprüht über den Verlaut der New Yorker Verhandlungen mit den amerikanischen Nichtzionisten seine Befriedigung aus und nimmt die ' im Marshall-Memorandum enthaltenen Punkte zustimmend zur Kenntnis. Das Aktionskomitee ermächtigt den Präsidenten der Organisation zur Fortsetzung der Verhandlungen nach den bisherigen Grundsätzen, bis zur endgültigen Schaffung der erweiterten Jewish Agency. Diese Resolution wurde nach einer zweistündigen Rede um halb 3 Uhr nachts mit 39 gegen 5 Stimmen angenommen. Gegen den Antrag stimmten Grünbaum und Soloweitschik, die Revisioisten Lichtheim und Großmann sowie Stephan Wise. Der Delegiertentag der Judäa6. Die jfidische Studentenschaft Oesterreichs. Am 15. Dezember fand im Festsaale des Vereines „Zukunft", Wien, VIII., Bennoplatz 1, der elfte Delegiertentag der „Judäa" statt. Herr Dr. Max K i w e gedachte des verstorbenen Oberrabbiners Prof. Dr. Chajes sowie des kürzlich verstorbenen Prof. Dr. Leon Kellner. Hierauf erstattete der Präsident der „Judäa" Dr. Eduard Pachtmann seinen Rechenschaftsbericht über das verflossene Studienjahr. Durch den Tod des Oberrabbiners Dr. Chajes habe sich die finanzielle Lage der „Judäa" besonders schwierig gestaltet. Der Ausschuß war genötigt, eine Aktion in die Wege zu leiten, welche darin bestand, früher gewährte Darlehen an Studierende wieder hereinzubringen. Es handelte sich um einen Betrag von S 15.000 bis 20.000, welcher seinerzeit an bedürftige Studierende in Form von Darlehen gewährt wurde. Es ist zu hoffen, daß der Appell von Erfolg begleitet sein wird. Es folgten hierauf Begrüßungen sowie eine Debatte über die Berichte. Bei der Neuwahl des Ausschusses wurde zum Präses abs. jur. David B u k s p a n n, zum Vizepräses abs. med. Siegmund Schargel. außerdem Ing. Dr. Mande 1 ker, Bergstein, Mann, Weiler und Zimmermann gewählt, zum Vorsitzenden des Verbandsgerichtes wurde Dr. Eduard Pachtmann und für für ihre Verdienste um den Jüdischen Hochschulausschuß zu Ehrenmitgliedern der „Judäa*4 Herr Dr. S. Hirschhorn und Herr Dr. Max Kiwc gewählt. Das Weltstudentenwerk. Die erste Konferenz des Weltstudentenwerkes (International Student Service Genf) über das jüdische Problem an den Universitäten findet vom 28. Dezember bis 3. Jänner im Schlosse Bierville in der Nähe von Paris statt. Zu dieser Tagung sind 15 Juden und 15 Nichtjuden eingeladen. Die Tagung soll zunächst einmal das Problem, wie es sich in der Stellung der jüdischen Studierenden an der Hochschule auswirkt, in seinen verschiedenen Elementen klarlegen, das heißt, es ohne Parteieifer und Vorurteil in seinen Grundlagen erkennen. Sie wird dann zum Studium CENTRAL-KINO il.Taborstrafte 8 :: Tel. «2-3-43 ^Q Ab 1." Jänner 1929 Werner Kraus. Jenny Jugo und Warwick Ward in LOOPING THE LOOP j SYLVESTER Große Künstler-Akademie mit den besten internationalen Vatietee-Kiäften Beginn: An Werktagen um 6 '/28 und 9 Uhr kSJ An Samstagen. Sonn- und Feiertagen ab 1li5 Uhr [§] der tatsächlichen Lage an den Universitäten übergehen, die Ursachen und Gründe derselben aufdecken und versuchen, eine Konstatierung der Tatsachen vorzunehmen. Schließlich wird die Tagung darüber beraten müssen, inwieweit ein Studium des Problems durch internationale Gruppen förderlich sein kann und in welchen Fällen die Frage am besten als Rassenfrage, in welchen Fällen als religiöse Frage und in welchen als ökonomische Frage behandelt wird. Diese Tagung wird nur dann von Bedeutung sein, wenn sie diejenigen, die an der-Lösung des Problems beteiligt . oder interessiert sind, zu fernerer ernsthafter Beschäftigung mit demselben anregt. Anschließend an diese Tagung findet die Zentralratssitzung des Weltverbandes der jüdischen Studentenschaft in Paris statt. Aus Oesterreich fahren zu dieser Tagung die Herren David B u k s p a n n, Dr. Eduard Pacihtmann und Alexander Teich. Ein Leon Kellner-Garten in Palästina. . Herr Ing. Johann Kremenetzky hat uns namens de! Schwägerinnen und Schwäger des Verewigten als Kranzafolöse den Betrag von S 500 übergeben, mit der Bestimmung, für diesen 50 Bäume in seinem nach dem,. Ver«. storibenen zu nennenden Garten in Palästina zu pflanzen, im Chajes-Wald wird somit ein Garten auf den Namen des Verewigten gestiftet werden. 'reunde. Verwandte und sonstige Gesinnungsgenossen werden ersucht, die Komplettierung des Gartens durch Spenden zu ermöglichen. Ein Garten umfaßt bekanntlich 100 Bäume ä S 10. Große Spenden für den Chajes-Wald. Anläßlich der ersten Jahraeit des OberrafobUver* Dr. Zwi Perez Chajes sind unter anderem beim Keren Kajemeth folgende Spenden für den Chajes-Wald eingegangen: Ing. Johann Kremenetzky ein Garten S 1000; durch die „Neue Freie Presse" Kom.-Rat Leo Weiß, Linz, namens der Schwägerinnen und Schwäger des verstorbenen Hof rat Univ.-Prof. Dr. Leon Kellner, übergeben durch Ing. Johann Kremenetzky S 500; R. P S 100; WHH Gomperz S 100; Dr. Philipp Gomperz S 50; Marie Gomperz S 50; Kom.-Rat Karl Klemperer S 30; Alex. Marmorstein S 25; Friedrich Grübe! S 20. TRIESTINO DIREKTE LINIE TRIEST-JAFFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag mit den vorzüglichen Salonschiiten „Adria" und „Carnaro* Fahrtdauer mit Berührung von Brindisi 5V9 Tage FahrprJse: LK1. Lst. 22.—.—, Ii. Kl Lst 15.-.-, III Kl. Lst. 5.—.— inklusive Verpflegung und Kabine Clmlwtim besondere Ermässigung Eine Fahrt Trlest - Jaffa -Haifa und zurück kostet In der Iii. Klasse Inklusive Kabtne und Verpflegung bloß österr. Seh. 345.- Famiiien erhalten überdies noch eine i0-, beziehungsweise 15%ige Er mäßigung! Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 8 Telephon : U-46-0.S3 bis U-46-0-6B Der Kampf um die Leichen« Auch an den polnischen Universitäten. Aus Warschau wird uns geschrieben: Im Sejm brachte Abgeordneter Dr. Wygodzki einen Antrag ein wegen der Schwierigkeiten, die den jüdischen Hochschülern bei ihren Arbeiten in den Universitätsprosekturen und anatomischen Instituten gemacht werden. DeT Antragsteller erinnert daran, daß diese Angelegenheit seinerzeit die Ursache eines Konfliktes an den Universitäten in Lemberg, Warschau umd Wiilna bildete, wobei bis heute keinerlei Regelung erfolgt ist. Die Faikultätsbehörden befolgen in ihrer Praxis genau die antisemitischen Forderungen, welche dahin gehen, daß Juden an nichtjtidischcn Leichen nicht arbeiten dürfen. Das Ministerium hat stillschweigend diese Uebung approbiert, wodurch die Lage der jüdischen Hörer eine kritische geworden ist. Der Antrag fordert die sofortige Vorlage eines Gesetzprojektes, welches die Beerdigung normiert und die Wiederherstellung der Ordnung an den medizinischen Fakultäten. Schließlich wird die Erfassung einer Verordnung verlangt, wonach die Leichen zu anatomischen Studien den jüdischen Studenten ebenso wie den christlichen zugeteilt werden. . Die Jewsekzia auf dem Scheideweg. DJe Jeschiwa von Gewel. — Was nützt der amerikanische Rabbinerprotest? — Kreml und Jewsekzia. — Das amerikanische Judentum wartet. In der offiziellen Sowjetpresse und darunter auch im Organ der jüdischen Kommunisten „Em es" war die Mitteilung der Russischen Telegraphenagentur gedruckt,, daß in Gewel (Gouvernement Witebsk) eine unlegale Jeschiwa (Rabbinerschule) entdeckt wurde. Die Jeschiwa bestehe seit dem Jahre 1923 und habe zwei Abteilungen, eine für Rabbiner und eine für rituelle Schächtung. Nach dem Telegramm beherberge die Jeschiwa mehr als 100 Lernende aus verschiedenen Städten und werde von jüdischen Kapitalisten des Auslandes unterstützt Jetzt wurde der Beschluß gefaßt* die Schule zu sperren und deren Leiter strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Dies mutet um so sonderbarer an, als ja die Jeschiwa im kleinen Städtchen Gewel schon seit fünf Jahren existiert und als halb legal angesehen werden kann. Eine geheime Schule konnte schon in der zaristischen Zeit mehrere Jahre hindurch nicht unentdeckt bleiben, geschweige denn in Sowjetrußland, wo die jüdischen Kommunisten ihre Sprünase überall dort haben, wo sie religiöses Judentum vermuten. Bekanntlich haben sie in ihrem Zerstörungsfanatismus jeden kleinsten, in einem Beth Hamidrasch verborgenen Cheder, den ein paar Kinder besuchten, aufzustöbern vermocht, ihn sperren und die Lehrer vor Gericht stellen lassen. Aber auch vom gesetzlichen S'andpunkt konnte hier, von einer Illegalität nicht die Rede sein. Denn nur Jünglinge über 18 Jahre fanden in diese Jeschiwa Auf. nähme, und nach sowjetrussischem Gesetz ist es allen Konfessionen, den Muselmanen wie den russischen Rechtgläubigen, gestattet, religiöse Seminare für Schüler über 18 Jahre zu halten, und für Juden gibt es ja kein Ausnahmsgesetz. Warum also jetzt gerade die „Entdeckung" der Illegalität? Die Antwort ist einfach. Es ist die Reaktion auf den Protest, den die amerikanische Rabbinerkonferenz gegen die Verfolgungen der jüdischen Religion in Sowjetrußland erhoben hat. Ganz nach zaristischem Muster reagiert die Jewsekzia (jüdische Sektion der kommunistischen Partei) auf Proteste des Auslandes. Ebenso wie die zaristischen Regie* rungen die scharfe Stellungnahme ausländischer Kreise gegen Judenverfolgungen mit noch schärferen