Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 67 (28.12.1928)
- Date
- 1928-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 67 v ä^^WM^Mä^Mmm *<mmL^ßmns4& §£9Kw fe^MPl/i <? E^TOOT^I II n h a b e r : mini l.f Adlergasse 3 I 1 Richard Herzog wltfl trffcSSSrM 1 M , Tel. A-41-6-24 | Sprechapparate S ■ ■ j^der Art, ferner > .. | Jüdische und hebräische Stlttillplotteii I H sowie alle modernsten Tanz-und Gesangsschlager I . in reichster Auswahl auf Lagerl 1 Auch Teilzahlungen! Provinzversand l I LordChancellors erste Botschaft. Die. Wirtschaftskrise Palästinas vor dem Ende. Der neue Oberkommissar für Palästina, Sir John Robert Chaneello r, hat am Tage seiner Ankunft in Jerusalem, am 6. Dezember, eine Ansprache an dje ihn erwartenden Honoratioren gehalten, die wie folgt gelautet hat: ■ „Ich habe schon wiederholt ein Amt als englischer Gouverneur angetreten, aber niemals noch habe ich meine, Verantwor.tung gegenüber einem mir anvertrauten Lande so groß gefühlt, als in diesem Augenblick. Iorh bin ein Neuling im Lande und werde über Palästina und seine Bevölkerung alles zu lernen haben. Sie werden daher in diesem Augenblick keine Erklärungvon mir darüber verlangen, was ich während meiner Administration zu erreichen.hoffe. Es genügt .mir, .zu sagen, daß ich es als meine heilige Pflicht, betrachte, die Regierung von Palästina im Einklang mit den Maiidatsbestimmungen und den Interessen jedes Teils der Bevölkerung zu'führen. Palästina hat während, der letzten Jahre unter einer akuten wirtschaftlichen Depression gelitteiii. die seinen Fortschritt, aufgehalten und vielen seiner Einwohner . große ' Schwierigkeiten bereitet hat. Die Sympathien aller Freunde von Palästina gelten dem ungebrochenen Mut,, der. allein das Ertragen dieser Schwierigkeiten und Leiden ermöglichte. .Meine Freude darüber ist groß,' .: daß die Periode der Wirtschaftskrise sich ihrem Ende nähert, und daß die Aussichten für die Zukunft besser sind als seit vielen Jahren. Es ist daher meine große Hoffnung, daß ich imstande sein werde, meine Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der Hilfsquellen des Landes zu konzentrieren und zwar sowohl was die Tätigkeit der Regierung selbst angeht als durch die Anregung privater Unternehmungslust. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist .nötig, sowohl um hier einer größeren Bevölkerung Existenzmöglichkeiten :zü: geben, als auch um den Wohlstand der alten Einwohner zu vermehren und die Bedingungen ihres Lebens zu verbessern. Ich hege die Hoffnung, daß die Erkenntnis von der Gemeinsamkeit der Interessen aller Einwohner an der Entwicklung des Landes zur Entwicklung e i n e s allen gemeinsamen Patriotismus führen wird, zu einer allgemeinen Liebe zu diesem Lande, zu einem Vertrauen in die Zukunft, die ihm winkt und' zu einer nicht geringen Ehrfurcht vor der Heiligkeit seiner historischen Vergangenheit." Die rumänischen Wahlen. Acht jüdische Abgeordnete, davon sechs Zionisten. In der Bukowina wurde Dr. Mayer Ebner, in Siebenbürgen Dr.. Thepdor F.ischer, beide Zionisten, in den rumänischen Senat gewählt. . Die in Siebenbürgen gewählten zionistischen Deputierten sind Dr. N o b e I, Dr. Fischer und Dr. Marten. In Kischinew wurden der Zionist Dr. Landau ,und die. jüdischen Nahonalzaranisten. H o f f m a n u und .Rosenberg, in der Bukowina der jüdische Sozialist Dr. Pistiner, im Altreich ein jüdischer Natjonalzaranist gewählt, demnach gehören der rumänischen Kammer acht jüdische Deputierte an. Die Mandatskommission, Der Völkerbundsrat hat an Stelle des wegen Krankheit zurückgetretenen Generals Freire d'Andrade den früheren Handelsminister Grafen de Penta Garcia zum spanischen Mitglied der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes ernannt. Der Sprung ins Dunkle* —y. Dieses Blatt hat als erstes darauf aufmerksam gemacht, daß die Erweiterung der jüdischen Vertretung, der Jewisch agency, durch Hinzuziehung nichtzionistischer Personen auch politisch ein Wagnis'ist. Der Mandatsvertrag bezeichnet ausdrücklich die Zionistische Exekutive als diejenige Körperschaft, die der Mandatsregierung bei allen Fragen, die mit dem Zwecke des Mandats in Berührung stehen, mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. Diese Textierung war ein sehr großer politischer Erfolg der Zionistischen Organisation, die die völkerrechtliche Anerkennung ihrer bisher rein moralischen Funktion erhielt. Die Leitung einer von jedem Standpunkt aus privaten Vereinigung erhielt offiziellen Charakter, d. Ii. sie wurde mit einer öffentlich-rechtlichen Verantwortlichkeit ausgestattet, ohne daß jedoch ihr Verhältnis zum Völkerbund geregelt wurde. Alle politischen Bestrebungen der jüdischen Vertretung, also ,de.r Zionistischen Exekutive,' hätten logischerweise nach der Richtung gehen müssen, sich im Völkerbund zu verankern und so ihre Autorität der Mandatsregierung und der übrigen jüdischen Welt gegenüber zu festigen. Die Zionistische Exekutive ist aber einen ganz anderen Weg gegangen. Sie hat sich still und gottergeben von der Mandatsregierung zurückdrängen lassen und ist heute nicht einmal mehr in der Lage, mit Rat zur Seite, zu stehen. Sie. ist aber mit diesem Glück im Winkel noch nicht zufrieden. Sie baut sich selbst ab und tritt die Hälfte ihrer Prärogative an die Nichtzionisten ab. Wir haben immer darauf hingewiesen, daß dies ohne jeden Zwang von außen geschieht, und dies um, so■<mehr, als keine Völkerbundmacht unter den gegebenen Verhältnissen einer Aenderung eines internationalen Vertrages zustimmt. Man weiß bei solchen Dingen niemals, welche Weiterungen daraus entstehen können. Wenn heute die Zionistische. Exekutive an England oder an den Wursteinkauf Yerträuenssach6 Der Name verbürgt die Qualität L, & T, Piowati Völkerbund mit dem Verlangen herantritt, den Artikel'4 des Mandats im $inne der Aktionskomiteebeschlüsse zu ändern,* so entseht eine sehr mißliche Situation. Alle VöJkerbuhdsfaaten. müssen zustimmen, und da .besteht doch die Möglichkeit, daß der eine oder andere. Staat, z. B. Italien, entweder ablehnt oder—Kompensationen verlangt. Es ist schon an sich unangenehm genug, daß der schwerfällige bureaukratische Apparat des Völkerbundes plus einem Dutzend Regierungen einen sehr langwierigen Prozeß verursacht. Noch unangenehmer wird die Lage 4urcli die möglichen Zwischenfälle der Politik. Es . ist, .ein . Rattenkönig , von KömjDensatipneh^ die heraufbeschworen werden — ohne Not. . , - In der Berliner Aktionskomiteesitzung hat Herr Weizmänn auf zwei präsise Anfragen, ob-''England die'Aenderung verlangt "hat oder ob es im .Falle' der Nichterweiterung das■ Mandat in Frage zieht, ebenso präzise mit nein geantwortet Das muß .auch sq. sein,, jda. doch das. Mandat nicht ,Privatbesitz: Englands ist. •In-dieser Tatsache- Hegt . ein sehr starker .Schutz für die jüdische Sache, die vor allen inerpolitischen. Zufälligkeiten Englands gesichert ist. (Dieser Schutz würde sofort fehlen, wenn Palästina ein Dominium würde.) Nun liegt also die. Situation so, daß England die Erweiterung nicht will, wphl auch deshalb* weil es ja an seinen Sorgen genug hat und nicht noch mit Frankreich, Italien,. Deutschland, Japan über das jüdische Mandat zu streiten wünscht. Da ist nämlich noch das syrische Mandat,' der italiensche Appetit auf Arabien, das deutsche Verlangen nach Kolonialbesitz, Japans Ausdehnungsselinen im Stillen Ozean und noch eine Menge stachliger Fragen, die alle zu unheimlichem Leben erwachen würden. Auf der anderen Seite aber haben die Nichtzionisten bisher wenigstens dem Liebeswerbcu Weizmanns eine sehr ahnsehnliche Sprödigkeit entgegengesetzt. Den Bedingungen, die sie stellten, war deutlich anzumerken, daß sie in der Hoffung auf Ablehnung textiert worden sind. Und heute liegt ja das Memorandum Marshalls vor, der ausdrücklich fordert, daß der Zionistenkongreß, die oberste zionistische Stelle, seinen Beschluß, den nationalen und sozialen Inhalt der Palästinaarbeit .wenigstens noch für drei Jahre zu sichern, aufheben soll. Herr Marshall irrt sich; der Zionistenkongreß wird auch diesen Wunsch erfüllen. Und das wird dann seine letzte autonome Funktion sein. Bisher hat der Kongreß das Budget für die Palästinaarbeit zu kontrollieren gehabt und er konnte hieba — wenigstens theoretisch — Richtung und Wesen bestimmen. Der Kongreß wählte die Exekutive und somit die jüdische Vertretung. Wird die von Weizmänn und seiner Majorität angestrebte Erweiterung beschlossen und wird sie dann auch vom Völkerbund genehmigt, dann ist der Zionistenkongreß nur mehr eine Versammlung von Vereinsvertretern. Die Exekutive gibt ihre unstreitig vorhandene internationale Position freiwillig auf und der Kongreß dankt ab. Was aber haben die Zionisten in Zukunft zu tun? Die Palästinaarbeit übernimmt eine Agency, deren nichtzionistischer Teil angeblich das Gelt stellt und sicherlich auch die Verwendungen überwachen wird; die lartdespolitische Arbeit hat Weizmänn mit dem großen Bann belegt. Welche Aufgabe hat also die Organisation zu erfüllen? Und zu welchem Zweck wird eigentlich das Wagnis der Erweiterung unternommen, das alle politischen Erfolge mit einem einzigen Schlag aushebt? Es ist ein schier irreparabler Fehler, der da begangen wird, bei dem man sich nicht einmal auf eine Vis major berufen kann. Es gibt heute nur mehr die Hoffnung, daß der Völkerbund und England vor der ihnen zugemuteten Belastung zurückscheuen und diese ganze innerjüdische, nichtzionistische Diplomatisiererei untersagen werden. Jüdische Kolonien in Brasilien von Räubern angegriffen. Kämpfe in Quatro Irnaos. — Die Regierung entsendet eine MiHtärexpcdition. Aus New York, 18. Dezember, meldet die J. T. A.: Umherschweifende Räuberbanden sind in das Gebiet der jüdischen Kolonien der Jewish Colohisation Association (J. G. A.) in Brasilien eingefallen und haben einen Teil. des Vermögens der Kolonisten weggeführt. Besonders schwer heimgesucht wurde die Kolonie Quatro Irnaos, wo es zu einem Kampf zwischen den Räubern und den Kolonisten gekommen ist und einige jüdische Kolonisten getötet wurden. Das Treiben der Bande stehtoffenbar im Zusammenhang mit der infolge der Grenzkämpfe zwischen Bolivien und Paraguay um sich greifenden Anarchie. Die Regierungvon Brasilien hat in das Gebiet der jüdischen Kolonien eine Militärexpedition entsandt. Herr Dr. Louis Cungre, der Generaldirektor der J. C. A..hat erst vor einigen Monaten die neuen J. A.. C.¬ Kolonien in Brasilien besucht und festgestellt, daß sie nach anfänglichen Krisen nunmehr in ruhiger Aufwärtsentwicklung begriffen sind. Besonders wies er auf den Aufschwung, den die Kolonie Quatro Irahaos genommen hat, hin. Der Fall Halsmann und „Die Neue Welt". Vor zehn Tagen hat das Schwurgericht in Innsbruck den russisch-jüdischen Studenten Philip Halsmann schuldig gesprochen, seinen Vater Mordechai Halsmann ermordet zu haben, und zu einer schweren Kerkerstrafe verurteilt. Das Urteil, welches mangelhaft begründet erscheint, hat großes Aufsehen erregt und wurde leidenschaftlich besprochen, insbesondere in manchen jüdischen Blättern, welche die Innsbrucker Geschworenen beschuldigten, an dem jungen Mann einen Justizmord ' verübt zu haben, weil sie von vorneherein gegen den Ostjuden feindlich eingestellt waren. Die „Neue Welt" hat den Fall nicht erörtert. Dieser Umstand hat bei den Lesern , des Blattes Verwunderung erregt und Kritik hervorgerufen, da ja die „Neue Welt" bei ihrer Gründung die Pflicht übernommen hatte, jedem judenfeindlichen Vorstoße energisch zu begegnen und dieser Pflicht auch immer entsprochen hat. Am Tage nach der Urteilsfälhing erscMen bei mir, dem Herausgeber der „Neuen Welt'*, eine Abordnung aus Innsbruck und ersuchte mich, im Namen der unglücklichen Mutter des Verurteilten und im Namen meiner Innsbrucker zionistischen Freunde, von einer politischen Erörterung des Falles im Blatte insolange abzusehen, als nicht das im Zuge befindliche Revisionsverfahren erledigt sei. In Erläuterung ihres. Ansuchens teilten mir die Herren niit, daß stob