Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 66 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 66 _, _ DIE NEUE WELT Der Zweideutigkeit freie Bahn Zur Erweiterung der Jewish Agency. Die Körperschaft, welche vom Völkerbund und England als politische Vertretung des jüdischen Volkes beim Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina anerkannt wird, heißt J e vr i s h Agency. Mit ihr haben England und der Völkerbund zusammenzuarbeiten. Nachdem die Zionistische Organisation die einzige jüdische Organisation ist, welche den Aufbau eines nationalen jüdischen Palästinas anstrebt, haben der Völkerbund und England die Zionistische Organisation als Jewish Agency anerkannt. Nur ihr, der Zionistischen Organisation und dem Völkerbünde ist die Palästina regierende Mandatarmacht England verantwortlich. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation W c i zm a n n hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, die Jewish Agency in dem Sinne zu erweitern. daR Nichtzionisten in gleicher Zahl und mit gleichem Rechte wie die Zionisten in diese oberste Leitung der zionistischen Sache eintreten sollen. Dieser widersinnige Plan ist vor ungefähr fünf Jahren aus momentaner ökonomischer Not der Zionistischen Organisation entstanden und Weizmann hat dank seiner Energie, seines Ansehens und dank einer gefügigen Beamtenschaft und Presse die Zustimmung der Zionistischen Organisation zu diesem Plane erkämpft. Er und seine Freunde haben vor allem mit T äuscliung n a c h b c i d e n Seiten gearbeitet. Den Nichtzionisten wurde vorgetäuscht, daß es einen Zionismus ohne Anerkennung einer j ü d i s c h e n N a t i o n und ohne Streben nach einem Judenslaatc geben kann, den Zionisten wiederum wurde vorgetäuscht, daß die in Frage kommenden Nichtzio n i s t e n eigentlich ganz gute Zionisten sind, es nur nicht öffentlich einbekennen wollen. Das Manöver ist gelungen und im Jahre 1929 soll die zionistisch-nichtzionistische Körperschaft endgültig gebildet werden. Dann werden die Getäuschten endlich einander gegenüberstehen, ohne doppelzüngige Vermittlung, von Angesicht, zu Angesicht. Was dabei herauskommen kann, das beweisen die nachstehenden Ausführungen eines nichtzionistischen Führers, worin dieser ausdrückt, wie er sich die Sache vorstellt. In dor Berliner ..Jüdisch-liberalen Zeitung" nimmt Landesgerichtsrat Dr. Artur L i 1 i e n t h a 1, Mitglied des Vorstandes der Vereinigung für das liberale Judentum, das Wort zur Frage der Beteiligung des liberalen Judentums an der Jewish Agency. Die Redaktion bemerkt einleitend: „Bisher hat noch kein Gremium der „Vereinigung für das liberale Judentum" offiziell zur Agency-Frage Stellung genommen; die nachfolgenden Ausführungen eines der prominentesten liberalen Führer dürften aber die Auffassung weiter Kreise der deutschen nichtzionistischen Judenheit widerspiegeln. Sie verdienen daher die größte Beachtung." Nach einer einleitenden Feststellung über den gegenwärtigen Stand der Jewish-Ageucy- Frage bespricht Dr. Lilienthal die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit von Zionisten und Nichtzionisten in Deutschland und erklärt: .„Wir müssen willens sein, an der Siedlung im Lande der Bibel, der Ursprungsstätte unserer Gemeinschaft, mitzuarbeiten. Vorbedingung für eine gemeinsame Arbeit ist aber natürlich, daß man von zionistischer Seite denen, die die Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung des Palästinawerkes schaffen, den entsprechenden Einfluß zugesteht und ihrer Einstellung Rechnung trögt. Eine Zusammenarbeit, wie man sie sich offenbar noch immer bei vielen Zionisten vorstellt; Pnltistinanrbeit ausschließlich in zionistischer Ideologie, selir wesentlich auch mit dem Gehle und der Arbeit von Nichtzionisten. ist nicht möglich." Die gemeinsame Palästinaarbeit selbst muR entpolitisiert werden. Das muß in zwei entscheidenden Punkten zum Ausdruck kommen. Die Einwanderung darf nur in dem Umfang erfolgen, in dem das Land wirtschaftlich zur Aufnahme der Einwanderer imstande ist... Die Siedlung muß in dem Geist friedlichen Zusammenlebens mit den Arabern unter Rücksichtnahme auch auf ihre Interessen erfolgen... Eine wirklich fruchtbare Zusammenarbeit der gesamten Judenheit dürfte sieh nicht a u f P a l ä s t i n n beschränken, sondern müßte ein planmäßiges Siedlungswerk für die ganze W e 1 t schaffen." Fn dem Sehlußkapitel faßt Dr. Lilienthal die Wünsche, die seiner Meinung nach von nichtzionistischer Seite für ein Zusammenarbeiten in Palästina ausgesprochen werden sollten, wie folgt zusammen: ..I. Einräumung eines entsprechenden Einflusses auf die .Palästinaarbeit. 2 Respektierung unserer n i c h tnntionalen s i c d 1 u n g s m ä R i g e n Einstellung zum Palästina werk auch nach außen. Eine Palästinawerbung auf der Grundlage ' nationa 1 e r Ansdiauungeri ist n i c h t möglieh. 3. Die Entpolitisierung der gemeinsamen Palästinaarbe.it muß > ihren "Ausdruck finden in-•'•'•zweierlei: a) bei der Einwanderung in dem Grundsatz des Gleichgewichtes zwischen der Zahl der Einwanderer und den wirtschaftlichen Fähigkeiten des Landes; b) in der Herstellung eines vernünftigen Verhältnisses zu den Arabern. 4. Palästinaabkommen als Teil eines G es a m t k o 1 o n isa t io ti sabkomm e n s mit dem Ziel einer planmäßigen Siedlung in der ganzen Welt." S. Swm&l? V 9r Wetimmrt* macht Rtisief an snm Vergnügen. _ Seile 3 ^jiniiHiiiiuiiiiiinniiiiiiiiiiHsiiiiiimimiiiiiiiiiniimiiiiiiitt I Heu eröffnet! neu eröffnet! | Englische« i Resten hallet! | Wien, I. Franz-Josefs-Kai 49 | H Stoffreste engL Provenienz in la Quali- 5 5 täten und modernen Dessins für Herrens 5 Anzüge, Modehosen, Knaben-Anzüge u. 2 S Mäntel, Kostüme etc. etc. zu sehr billigen js 5 Preisen. 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Die Arbeit und Propaganda für Palästina, welche von der Jewish Agency ausgeht, darf fortab keinen nationalen C h ar aktcr trage n. Kurz gesagt: Liquidation der nationalen Freiheitsbewegung, die man Zionismus nennt. Dafür eine in mäßigen Grenzen gehaltene Judcnsicdluug an der Ostküste des Mittelmeeres., ohne jedes politische Ziel. Sonst bleibt im Weltjudentum alles beim alten. So, wie Dr. Lilienthal spricht, so wird schließlich jeder ehrliche Niehtziouist sprechen. Er kann nicht anders, auch wenn er in der Jewish Agency sitzt. Angesichts dieser Erkenntnis wäre nur eine Maßnahme am Platze: Schluß machen mit dem unseligen Plan der Erweiterung. Aber diese einzig richtige Konsequenz wird nicht gezogen werden, denn Weizmann und seine Partei sind schon zu weit gegangen. Man wird weiter täuschen und Risse kleistern. Den Zionisten wird man erzählen, daß dieser Dr. Lilienthal ein Niemand, ein Vereinzelter ist. Und den Nichtzionisten wird man erzählen, daß ja der Zionismus und die zionistische Arbeit nicht wesentlich anders sind, als Dr. Lilienthal es wünscht. Hat man zu täuschen begonnen, muß man weiter täuschen, sich und die anderen! Die Täuschung muß über kurz oder lang zerrinnen und dann wird ein wüster Kampf einsetzen. Russische Kulturkuriosa. Trunksucht und P r ü*gclwut, Ueber die Trunksucht der sowjetischen Arbeiter im Ural erzählt der „rote" Direktor Z i k o w in einer Moskauer Zeitung: Unerhört ist die Trunksucht der russischen Arbeiter gestiegen. In einer einzigen kleinen Fabrik haben die Arbeiter in einem Jahre 12.000 Eimer Branntwein ausgetrunken. Manche Ortschatt gleicht einem Branntweinmeer, worin alles ertrinkt,- was die Partei dort aufgebaut hat. Rauihändel sind gang und gäbe. Die Proletarier schlagen ihre Frauen und Kinder und leben im Schmutz und Sumpf dahin. Der kleinste Raum wird vermietet, alle Zrairnerwinkel. sind von Mietern besetzt, .in den neuen Häusern sogar die Aborte und Badezimmer; mit Frau und Kind haust man im Hauseingang oder im Hoi. Die wenigen Rubel Zins werden in Bierstuben und Schnapskneipen vertrunken. Im Moskauer „Trud" schreib* der Korrespondent aus Jarzewo (Smalensker Gouvernement): Hier sind in den großen Webereien einige tausend Arbeiter beschäftigt. Schwelgerei und Sauferei nehmen in erschreckendem Maß« zu. Das Prügeln der Frauen und Kinder ist an der Tagesordnung. Allnächtlich hört man aus den Kasernen, in denen die Arbeiter wohnen, Hilfeschreie und Schüsse. Unter den Arbeitern gibt es einige, die Spezialisten im Prügeln ihrer Frauen sind, andere im Erbrechen fremder Speisekästen. Weich traurige Zustände! Ein jüdischer Schneider, der Zahnschmerzen, hat. Der Schneider Leon Mangoäd erzählt: Was tut man in Minsk, wenn man mitten in der Nacht Zahnschmerzen bekommt? Man leidet und geht am nächsten Morgen ins Ambulatorium. Da \ beginnt die Gesphichte. Die Beamtin der Registratur nimmt dir das KranJcenkassenbuch ab und nachdem sie dir einen grünen Zettel in die Hand gedrückt hat, beginnt sie zu «ragen: „Sind Sie männlichen Geschlechts?" „. . . Sie sehen doch -~!" Und der Zahn, bohrt. „Ich will nichts sehen. Wenn man Sie fragt, halben Sie zu antworten." „Also . . . mit ^^cH^?J1^^ . . . ich bin ein Mann." „Name?" „Leon.'" ..Famiii/e?" „Mangold." „Profession?" „Schneider." „In weicher Stad4 wohnen Sie?'1 „In Minsk natürlich." „In welcher Straße?" „In der Taiarcnslraße." Die Fragen nehmen kein Ende und der Zahn bohrt und bohrt. „Die Nummer des Kreises." „Aber um Gottes willen, das steht doch alles in meinem Buch!" Die Rcgistratorin schaut mich streng an. Sie.schert sich nicht um meinen Zahn, sie cnnahnt mich, streng präzise zu antworten. „Also zum Teufel, Nummer dreizehn!" „Türnummer?" „Zwei!" Noch immer nicht genug? Und der Zahn bohrt und (bohrt. „Wie alt sind Sie?" Folgt Antwort. „Eingetragen?" „Was ist das für eine Frage? Sie sehen doch mein Krankenkassenbuch —-" „Antworten Sie!" „Aiso ja." „Jetzt können Sie gehen." „Wohin soll ich gehen?" frage ich die Beamtin. „Ach ja, hier haben Sie eine Anweisung zum Zahnarzt." Und der Zahn bohrt. „Sind Sie« mir nicht böse, Genossin! Sie haben mir so viele Frageu vorgelegt, daß ich jetizt auch schon Kopfschmerzen habe. Können Sie mir nicht auch eine Anweisung für einen . Nervenarzt geben?" „Aber, bitte, mit dem größten Vergnügen!" Sie gibt mir einen zweiten Zettel und beginnt neuerdings zu frageu. „Sind Sie mänmliciieu Geschlechts?" „Ja", antworte ich mit dem Aufgebot meiner letzten Kraft. Was weiter geschah, weiß ich nicht. Denn, aus Zahn- und Koptfschmerzen gemischt, erfaßte mich SchwindeÜ nnd ich fiel in Ohnmacht. Es ist nicht angenehm, ins Mmsik Zahnschmerzen m bekommen. Das Paradies der arbeitslosen Frauen. Die Leningrader „Rote Fahne" schreibt über den Prozeß gegen den Verwalter des Leningrader Arbeits- Vermittlungsamtes Savarschny, der beschuldigt wird; nur denjenigen arbeitslosen Frauen Stellen zugewiesen zu haben, die ihm gefügig waren. Die diesbezüglichen Recherchen ergaben, daß Savarschny mehreren Dutzend arbeitslosen Frauen seine erpresserischen Anträge stellte, ja daß er ohne Umschweife sie vor die Alternative -Gefügigkeit oder Abweisung des Gesuches stellte. Ganz offen rühmte er sich dessen, daß das Schicksal von 35.000 Frauen ir, seinen Händen liege. Er hatte sich ein raffiniertes System zurechtgelegt, entsprechend der materiellen Lage des Opfers vorzugehen; vielen versprach er, um sie gefügig zw machen, die Ehe, und schob sie dann auf irgend einen Posten ab, manche Mädchen höheren Intdlisgenzgrades suchte er durch das Versprechen, ihnen die Möglichkeit.des Studiums oder des Eintrittes in die kommunistische Partei zu verschalen, zu gewinnen. Von einzelnen, die wegen Arbeit in sein Büro gekommen waren, ließ er Lärmszenen arrangieren und gab ihnen darauihin Posten, um dadurch seine Protectionsmanipula-tiouen zu verwischen. Aber die entsetzlichste Beschädigung, die tgegen den Sowjerbeauiten erhoben wird, ist die, daß er viele brave arbeitslose Frauen mit Lues infiziert hat. Auch einige 'Helfershelfer stehen unter Anklage, darunter ein hoher Leningrader Funktionär, ein führendes Mitglied der kommunistischen Partei, der sich als Berufsverbrecher herausgestellt hat und nachgewiesenermaßen schon vor der Revolution wegen Raub und Raubmord verurteilt worden war. In solchen Händen, schließt der Bericht der „Roten Fahne", liegt das Schicksal von vielen taueenden Frauen. M.