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Die neue Welt · 1928-12-21 · Heft 66 (21.12.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 66 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 66 [Inhaber: Uli TM I., Adlcrgaaso 8 Richard Herzog Wltil HÄ&r^*0 | Sprechapparate Joder Art, faritdr Jüdische und hebröische Schailplatten sowie alle modernsten Tanz-und Gesangsschlager In r«lch$t« AwjwrM auf-Lagerj Auch Teilzahlungen! Provinzversand! Bilanz ziehen! Znr bevorstehenden Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees. In einigen Tagen wird in Berlin -die oberste Körperschaft -der Zionistischen Weltorganisation ihre Versammlung »Mia4teii.: Die Tagung und alle Demonstrationen um sie werden den Charakter einer Verherrlichung der zionistischen Leitung, insbesondere des Präsidenten Weizmann tragen. So verlief ja scMicEMich jede Tagung in -der letzten Zeit. Diesmal dürfte die Sache besonders prunkvoll ausfallen, da ja Präsident Weizmann von .Amerika kommt und von dort die Zusage reicher Nichtzionisten Mitbringt, in die Zionistische Leitung einzutreten. Die QppoStion wird einfach niedergedrückt werden. Alks wird".sich 'freuen, alles wird bewundern. Da ist es gut, in Erinnerung zu bringen, daß das Aktionskomitee auch andere Pflichten hat. Vor allern die Pflicht, Bilanz zu ziehen und die Ergebnisse'der-von : Hirn so hartnäckig gestützten Leitung nicht auf den Glanz, sondern auf ,dcn Inhalt zu prüfen. Tausende Rückwanderer, haben Palästina verlassen. Jetzt stockt die Einwanderung, sie ist rninima:l. Mühselig hält die Zionistische Organisation das von ihr Geschaffene. Öic: 'kann nichts Neues schaffen. ' . .. Die politischen Beziehungen zu dci^.besUnimenden •Faktoren, zu England und .''zum Völkerbünde, sind unzureichend oder .schlecht. Wohil wird' in alfcrT' B'öricn'teii'-'der Zionistische^ Exekutive "hartnäckig un'dl;'un)bck.üMmeft■' erklärt: „Die Beziehungen zur Mändatarrnacht sind befriedigend." Die Vorfälle an der Kkgcmäucr, die Mägen der palästinensischen Juden über mißwöllcndc, oft feindliche, jedenfalls ibre Aufbauarbeithindernde ' Handlungsweise der 'Regierung, über die offenkundige' Bevorzugung der Araber beweisen das Gegenteil Die Finanz- und Wirtscbaftsinstitutc der Zionistischen Organisation versagen, sie befinden sich iw'Sta-, diuiTi der Stagnation oder des Niederganges. Die um-1 fassende Kontrolle fehlt noch immer. ' Die Reinerträgnisse der zionistischen Fonds sinken.; Ehr Immer teurer werdender bürokratischer Apparat hält mühselig 'die' Bruttoeinnahmen 'aufder alten Höhe. Die Leitung hat es . nicht verstanden, die Lust an freiwilliger Mitarbeit zu erhalten oder gar zu fürdorn. Die vom Ideal beseelte freiwillige Arbeit, die allein'den Zionismus tragen kann, wird eine immer seltenere Erscheinung. Die Schekelzahil ist rapid gesunken. Die Zionistische Organisation wird immer kleiner, nur ihr Apparat wird größer. Die Jugend wendet sich ab.. . Die Verhandlungen zwecks Erlamgung einer -Völkerbundanleihe oder einer großen .Anleihe seitens der Mächte sind resuMos geblieben. . ■ Diesen wichtigsten negativen Posten.wird heute eine.' einzige Post gegenübergestellt: das dam Präsidenten Weizmann gegebene Versprechen einiger reicher amerikanischer, Njchtzlpnisten, unter noch nicht feststehenden. Bedingungen' und in einem nicht fixierten Ausmaßemitzuhelfen. Das ist die Bilanz, welche' die heutige Leitung zu verantworten: hat. Diese Bilanz kann durch, keine noch so große, noch so ( jubelnde und bewundernde Regierungsmajorität verschleiert werden. Wenn nicht das zionistische Ziel preisgegeben werden soll, dann müssen die Konsequenzen, aus ' dieser Bilanz^ gezogen werden. Und zwar sehr bald und gründlich. ' Weitere Einwanderungssperre in Aroerika. ' Im Senat der Vereinigten Staaten ist eine BMI ein-j gebracht worden, 'die die Einstellung der gesamten Einit^nderung Iii die Vereinigten Staaten für die Zeit von. Juli J930 bis Juli' 1940, also für zehn Jahre, vorsieht. Anderseits liegt dem Repräsentantenhaus ein vom: jüdischen Repräsentanten Dickst ein verfaßter Entwurf, vor, wonach den zeitwellig in die Vereinigten Staaten hereingelassenen Einwanderern die Aufenthaltserlaubnis im Lande selbst verlängert werden soll, ohne daß sie ge* zwungeh werden sollen, erst wieder ins Ausland zu gehen, um sich dann aufs neue eine Einwanderungserlaubnis zu erwirken. Die Ausrottung des russischen Judentums. Dr. Ismar Freund Uber die religiöse Frage. Ueber eine Reise durch Sowietrußiand berichtet Herr Dr. Ismar Freund im Berliner „Gemeindeblatt". In einem der „religiösen Frag<" gewidmeten Aufsatze schildert er die Eindrücke, die er bei dem Besuch der Len ingrader Großen Synagoge gewonnen hat. Zu dem Sabbat-Gottesdienst hatten sich ungefähr 40 Menschen eingefunden: alte Leute und „Batlonim", beschäftigungslose Müßiggänger. Der Kantor bestritt den gisainten Gottesdienst allein, ein Chor war nicht vorhanden. Kinder unter 18' Jahren, sagte man ihm, dürfen, die Synagoge nicht besuchen, geschweige denn im Chor mitwirken, und für einen Männercbor hat mart kein'Geld. Die Kirchen aber waren am Sönfttag gefüllte Auch in der Moskauer Synagoge, die vielleicht 1200 bis 1500 Menschen faßt, fand der Verfasser nur eine kleine Zahl Betende vor, ein'Kantor war nicht vorhanden, nur ein Chordirigent. In Odessa fand er die größte Synagoge in einen Klub umgewandelt, in Minsk in ein Kino, in Chcrson und Simfcropol fürchtete man das gleiche Schicksal. Nicht anders war die geistig-religiöse Atmosphäre in einer Kolonie .des Ohcrson- Distriktes, die schon etwa 123 Jahre besteht und an die 4000 Seelen zählt. Dort gibt es nicht nur drei Synagogen und jüdische Schulen, nicht nur ein jüdisches Hospital, sondern jüdische Polizei, ein jüdisches Gericht und einen jüdischen Dorfrat. Man kann sich schwer vorstellen, wie die jüdische Autonomie restloser durchgeführt sein könnte, als iiier. Zum Freitag-Abendgottesdienst in einer der Synagogen fanden sich aber bloß 11 Personen .ein. Am nächsten Vormittag ging der Verfasser itV die zweite Synagoge. Er traf an die 20 Menschen an. Das Bild aber das gleiche: ausschließlich alte Leute. Die Alten hängen noch am Juden-, tum. Sie sind durchaus religiös eingestellt und leben' nach alter Weise. Aber sie selten ihre Welt, versinken. Die, Jugend ist kommunistisch, atheistisch, äntircligiö.sV Systematisch wird dureh die von der Partei organisierte a n^t i-, religiöse Propaganda dieser Geist auch in der Wursteinkauf Vertrauenssache Der Name verbürgt die Qualität i, & T. Piowati jüdische Jugend größgözoge'm Diese 'Beeinflussung beginnt bereits• Iii-"def' allferfr'üh'esten jü#end.: Sie durchdringt das letzte Dorfünd; sie formt " aü-chdie - jüdische-' Jugend. Jüdische Schulen -■ fand der Verfasser -in allen übrigen jüdischen Kolonien? die er besuchte, vor. Hebräische Schriftzeichen überall. Alle möglichen Disziplinen werden dort gelehrt. Aber von jüdischer Religion hört man nichts. Die Feldarbeit ruht überall am Sabbat'; aber die Schulen sind offen, in ' einem Ch'aluzirrtdorfe in der Nähe von Ds ch an k'o i in 4er K vi m', das ursprünglich für 130 Personen bestimmt ,'wär, jjibt' es.' heute nur etwa 60 Siedler. Von den übrigen ist es etwa der Hälfte geglückt, ähdas Ziel ihrer Sehnsucht, riach* Palästina, zu kommen, die andere Hälfte bat ihre Z i o ri s s e b n s u c'h t "m i t Sibirien büßen m.ü s s e n. Derr auf. der Kolonie yerbjjcbene Rest hat offiziell den Zionismüs'. ä bgc'sohworen.. Als Dr. Freund nach Moskau zurückkam, hatte er eine Aussprache mit führenden Persönlichkeiten der russischen Regierung. Er wurde zunächst von dem Vorsitzenden ' des Komzet, Herrn. S m i d o w i t s c h, empfangen, der die maßgebende Rcgierungsinstanz für alle religiösen Fragen überhaupt ist. Nachdem Dr. Freund, der Aufforderung entsprechend, über die Eindrücke Vortrag gehalten hatte, die er von den Kolonien in 'wirtschaftlicher . Hinsicht empfangen, kam er auf die religiöse Frage zu sprechen. Er fragte: „Kennt Rußland überhaupt Glaubens- und Gewissensfreiheit?" Die Antwort läutete: „Die russische Verfassung ' gewährleistet ausdrücklich diese Freiheit." Wir Gegen decken Sie Ihren Bedarf an Linoleum, Teppichen. Vortinaen, Bertgarnfturan, Steppdecken, Schafwell- und Baumwolldecken u/elfte/aren alUr Art und sonstigen Bedarfsartikeln nur bei „LIKEUM" Leo Apfel " XX., WallenitelnstraBe 48 Bei Anruf A-46-8-82 kommt Vertreter ins Haus f»rovin*versaitd! ProvlnswMn«! Am goldenen Sonntag ganztägig geöffnet haben, fuhr Smidowitsch fort, Trennung von Staat und Kirche. Der Staat ist gegenüber der Religion neutraL Wo die Juden eine Mehrheit darstellen, haben sie völlige Glaubens- und Gewissensfreiheit. Smidowitsch versicherte Herrn Dr. Freund, daß die Moskauer Synagoge den Juden nicht genommen werden wird. Herr Mer-eschin, Vizepräsident des Komzet,. der selbst Jude ist, bestätigt *n allen Punkten die von Smidowitsch erteilte Auskunft.. Herr Dr. Freund stellt einen klaffenden Widerspruch fest zwischen den Antworten der Regierungsstellen und den Antworten, die man von den Leuten erhält..Er erklärt diesen Widerspruch damit, daß neben der Regierung noch eine zweite Instanz existiert: die kommunistische Partei. Innerhalb dieser Partei .gibt es eine jüdische Sektion, die sogenannte Jewsekzia, die hetzt und treibt. Eine Atmosphäre der Verängstigung ist geschaffen. Man hält viele Dinge für verboten, die tatsächlich gar nicht verboten .sind. Wenn die Entwicklung, wie sie im Flusse ist, sich hemmungslos weiter vollzient. dann Ist, wenndas alte Geschlecht gegangen, in 10 oder 20 Jahren das t u ss i s c h e Judentum als religiöser Begriff gewesen. Scheint Dir das Leben öd und leer Und willst Du schier verzagen, Verschaff Dir schleunigst Huber-Likör. v Dann kannst Du alles leicht ertragen! Die Verarmungspolitik der Sowjets* Wieviele Berichte man auch über den jüdischen Ansicdlungsrayon in Sowjetrußland lesen mag, immer erscheint dasselbe Bild des Jammers und des Elends. Diesbezüglich herrscht nur eine Stimme, die nämlich; daß diese Kolonisationsbestrebungen verfehlt, weil einem bestimmten politischen System zugrunde gelegt, seien./Wenn viele Darstellungen «gefärbt erscheinen sollten, wird mart 'wohl einem zwar kritischen, aber objektiven .Betracht«} wie dem Korrespondenten, des „Berliner Tageblattes« Paul Scheffer .Beachtung schenken müssen, der über seind Studien jn der Ukraine folgende Schilderuung der judt-. stehen Kölönieri gibt: .•„Ich sah jüdische Ländansiedtungen aus dem fröneren jüdischen Ghettogebiet. Diese Ansiedlurigeii sind eine gute Tat der amerikanischen ^grarjoint", die1 bisher auf ihre verschiedenen Unternehmungen im Süden 7 Millionen Dollars verteilt hat. Die Bevölkerungint den Ghettjs kann heute weniger denn je existierend denn das bestehende System treibt die kleinen Händleü und Handwerker aus ihrem Beruf. Man sagt, und das! sagen sehr Sachverständige, daß heute eine Million! der zweieinhalb Millionen Juden in Rußland bitterstef Not leiden, weil das immer härtere Diktat der sozra-' listischen Wirtschaftsform sie vernichtet. In den' Landsiedlungen, die kh traf, fand ich keinen Optimis-i m u s. Hingegen auch da enorm« Steuern, Hih^ gebende Fürsorge der Administration. Aber wenn sechs' Paar Schuhe für eine sechsköpfige Familie 60 PucS Getreide kosten? Und dann die alles erfassenden Steuern? Man ist Zumeist seit drei Jahren angesiedelt. Jn( diesen drei Jahren hat man mehr verschleißen müssen, als man zu kauften ver- -möchte. Viele der Ansiedler sagendes gebe keine Hoffnung mehr. Die darum stehen, nicken. Dasselbe/ Bild in einem jüdischen Dorf, das hundertzwanzig Jahre alt ist. So käme man nicht vorwärts, nur rückwärts." Paul Scheffer schließt diesen Bericht mit der Erlklärung, daß sich diesier Zustand nicht nur auf einer« kleinen Fleck, sondern, auf die ganze Ukraine, soweit sie von Juden besiedelt ist, bezieht und daß diese gegen die Juden angewendete Verarmungspolitik von den Moskauer Machthabern bestritten wird. Auch Strasser muß vors Gericht. Der verantwortliche Redakteur von neun antisemitischen Hetzblätterten. Der Geschäftsordnungsausschuß des deutschen Reichtages beschäftigte sich mit Anträgen, die die Aufhebung der Immunität des völkischen Abg. St-r asser wegen verschiedener Beleidigungen fordert. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten, des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Bayrischen Volkspartei wurde die Aufhebung der Immunität beschlossen. Die Ausschußmehrheit ist zu diesem Beschluß gekommen, weil sie in der verantwortlichen Zeichnung Strassers für neun, in verschiedenen Orten Deutschlands erscheinenden völkischen Zeitungen einen Mißbrauch der Abgeordnetenimmunität erblickt ' Durch diesen Beschluß' wird ein Fall besonders krassen Mißbrauchs der Immunität geregelt. Fast, alle antisemitischen Parlamentarier, so wird gesagt, leihen ihre Unmw&ät gierteuod gewohnn^näßi^ÄWi.

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