Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 65 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 65 PA5SiNSlwEIHNACHTSGESCHENKE OHRFAUTEUILS - SCHIAFFAUTEUILS AIS BETT VERWENDBAR. OtfttKT Sil* TAPtZIEITIRMlISTfR |J|SBU«Afll| VI.SIE8ENSTWH6.12 Zionistisch-revisionistische Konferenz in Wien. Die wichtigsten Fragen der Tagung. Die zionistische Bewegung steht gegenwärtig vor wichtigen Ereignissen und Entscheidungen, die den jüdischen Kampf um Palästina wesentlich beeinflussen werden. Im Zusammenhang mit der Frage der Erweiterung der Jewish Agency, die auf der demnächst stattfindenden Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees zum Abschluß gebracht werden soll, mit dem Eintreffen des Oberkommissärs Chancellor in Jerusalem und mit den ökonomischen und politischen Problemen, die einerseits aus dem Haifaer Hafenbau, anderseits aus der Klage-i mauer-Angelegcnheit reflektieren, werden mit besonderem Interesse die Beratungen der Oppositionsgruppe der Z i onisten-Revisionisten verfolgt werden. Die 3. Konferenz der Union der Zionisten-Revisio» misten nimmt in Wien am 26. Dezember d. J. ihren Anfang. An ihr werden ungefähr 165 Delegierte teilnehmen, darunter 30 Warschauer, eine Anzahl aus Palästina und vier aus Wien. Auch der revisionistische Jugendbund „TrumpeldoT", der eine eigene Tagung in Polen einberufen hat, wird die 3. Weltkonferenz beschicken, dessen rund 15.000 Mitglieder (hievon 10.000 in Polen) zu einer der stärksten Gruppen der neuen zionistischen Jugend zu zählen sind. Als die zionistische WeltpolrHk immer mehr von den starken Traditionen der Herzischen Auffassung des Zionismus als einer politischen Bewegung abrückte, deren Endziel, d.; i. die Schaffung eines Judenstaates Palästina, nur durch politische Aktionen zu erreichen] sei, gewann der Oedanke „Zurück zu Herzl" in einem Teil der Organisation so viele Anhänger, daß eine scharfe Opppsitionsgruppe gegen die „legale" Politik entstehen mußte. Aus dem Kern des Gedankens der „Jüdischen Legion", verkörpert und in die. jüdische Welt gebracht durch Wladimir Jabotinsky, entwickelte sich eine auch die anderen zionistischen Probleme neu auffassende Gruppe, die also eine Revision des ganzen zionistischen Programms durchzuführen unternimmt, die Union d e r Z i o u i s t e n- Re vision i'sten. , Die Weltkonferenz der Union der Zionisten-Revisiomisfen wird zunächst ihr V e r h ä 11 n i s zur zionistischen Weltorganisation zu klären haben. Bisher bestand keine Tendenz, die Weltorganisation zu verlassen, da die Zionisten-Revisionisten nicht einmal eine; Fraktion bildeten, sondern innerhalb der Gesamtorgahisation durchzudringen, d. h. ihr . Programm durch Uebernahme der Exekutive zur Geltung zu bringen. Aber die Entwicklung die die zionistische Organisation in ihrer Politik genommen hat, sich äußernd im Wege, die Selbständigkeit durch Hinzuziehung nichtzionistischer, ja antizionistischer Faktoren in die legale jüdische Vertretung, die Jewish Agency, fallen zu lassen, sich ferner kundgebend m der Anwendung ungeeigneter wirtschaftlicher Methoden, die" Krisen und Stagnationen in Erez Israel zur Folge hatten, schließlich zum Ausdruck kommend in den politischen.Niederlagen, wie Sistierung der Einwanderung, Benachteiligung des Jischuvs in der Frage des Schutzes und in anderen politischen Positionen inj Lanoje, hat eine ernste Stimmung und Spannung hervorgerufen, mit der Tendenz, sich von der allgemeinen zionistischen Weltorganisation loszulösen und unabhängig von ihr kraft einer eigenen Organisation politische und wirtschaftliche zionistische Arbeit zu leisten. Die Tragfähigkeit dieser Tendenz stärken die von der Exekutive nicht abgewehrten, von einzelnen Exekutivmitgliedern sogar gebilligten, Bestrebungen, den Boden für einen palästinensischen „binationalen" jüdisch-arabischen Staat ohne Hinblick auf eine jüdische Majorität vorzubereiten und die gefährliche Propaganda für ein Parlament in Palästina hinzunehmen, das im Falle seiner derzeitigen Realisierung alle politischen Errungenschaften einschließlich die Balfour-Deklaration zunichte machen würde. Die Konferenz wird aber voraussichtlich vor die Situation gestellt sein, feststellen zu müssen, daß die Loslösungsbestrebungen nicht so stark sind, um im gegenwärtigen Zeitpunkt zum Durchbruch zu gelangen. Denn.'soweit man heute schon übersehen kann, sieht sich die?e Strömung einer andern gegenüber, die der Zionistischen Organisation die politische Prärogative nicht nehmen, möchte, mit der Argumentation, daß die Zionisten-Revisionisten sich als organischen Bestandteil der Gesamtorganisation immer noch betrachten und daher in ihr verbleiben müssen, "m ihre revisionistische Politik zu forcieren. Wenn man das Kräfteverhältnis gefühlsmäßig richtig absphltzt, wird es in dieser Frage zu einer Kompromißlösung kommen. Die endgültige Lösung wird' jenem Zeitpunkt überlassen bleiben, da die Frage der Erweiterung der Jewish Agency zum Abschluß gebracht sein wird. Weiters wird die Konferenz eingehend die Möglichkeit selbständiger politischer Aktionen des Jischmw, von denen seit kurzem die Rede ist, zu besprechen haben. Es wird darum gehen, darüber klar zu werden, ob die jüdische Vertretung Palästinas nicht nur wie bisher die jüdischen Forderungen Erez Israels vor den britischen Landesbehörden oder dann und wann durch ein Memorandum an den Völkerbund vorbringt, sondern auch direkt durch eigene politische Vertretung bei der Mandatarmacht England ki London geltend macht, was die Autorität der Zionistischen Exe* kutive in London wesentlich schmäler würde. Auf dem Programm der Konferenz steht auch der Vorschlag des Colonel Wedgwood, Palästina nach Abllauf dier Mandatsperiode in ein britisches Dominion mit jüdischer Majorität umzuwandeln, wodurch eine aktive Beteiligung am Aufbau des jüdischen Palästina erzielt werden könnte. Während ein Teil der Konferenz mit Wedgwoods Plan konform geht, mit der Begründung mit Wedgwoods Plan konform geht, mit der Begründung, daß ein britisches Dominion den Judenstaatsgedanken nicht einschränke, und sich jetzt dafür engagieren möchte, mahnt der andere Teil zu Zurückhaltung bis zum Zeitpunkt, in welchem die Dominionfrage vom offiziellen England als aktuell ► ezeichnet weerden wird. Eine ganze Reihe interner Fragen wird die Konfe- „U R A N" Dauerbrand-Ofeit D. Anavi, vorm. H. Heim Baden Größte Sparsamkeit Solide Konstruktion Ueberau su haben! Fabriksniederlage: Ludwig Raisner, I., Schollenring 33 renz beschäftigen. Im Vordergrund stehen die Fragen des Ausbaues der revisionistischen Organisation, der Jugendarbeit, die Fixierung des Wirtschaftsprogramms und ie Neuformulierumg derForderungnach derjüdischen Legion, schließlich auch die von den Zionisten-Revisionisten zu unternehmenden Tozereth-Haarez- Aktionen (Verwendung palästinensischer Produkte) in großem Stil. Diese Punkte betreffen eine innere Arbeit, die natürlicherweise in vollster sachlicher Uebereinstimmungl erledigt werden wird. Gleichzeitig wird auch die Tagung, der zionistisch-revisionistischen Studenten in Wien die Konferenz beschicken. Das Oesamtprogramm wurde vor mehreren Tagen vom Konferenzkomitee den Vertretern der jüdischen Inlund Auslandspresse ausführlich dargelegt. Das Komitee war durch die Herren M. A. Tenenblatt und Dr. Norbert Hofmann vertreten. Die spaniolischen Juden des Orients und ihre spaniolische Sprache. Von M. I, Cohen (Sofia). Im nachstehenden bringen wir die sehr interessanten Ausführungen des bekannten Balkankehners und Publizisten M. I. Cohen, ohne uns mit seinen Schlußfolgerungen zu identifizieren. Vor etwa dreißig Jahren, befand sich der spanische Publizist und Senator, Don Angel Pulido, auf einem Donauschiffe, das von Wien bis zur Mündung den Passagierdienst versah. Er war starr vor Verwunderung, als er auf dem Dampfer eine Gruppe Mitreisender, Männer, Frauen und Kinder, in seiner Sprache miteinander reden hörte, die trotz mancher Absonderlichkeiten in Intonation und Rhythmus unverkennbar, wie ein eigenartiger archaistischer Dialekt' des Kastilischen ans Ohr klang. Und die Leute beherrschten den Dialekt so geläufig und fließend, wie man eben nur die eigene Muttersprache und keine andere zu sprechen vermag. -Es waren sogenannte „Spaniolen"* die Nachkommen •jener gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertriebenen1 Judendie auf der Flucht vor der Inquisition beim türkischen Großsultan Aufnahme und Schutz fanden und sich in vielen Städten des damals weitausgedehnten, mächtigen Osnmnenreichs in größeren Gruppen ansiedelten. Länger als vierhundert Jahre haben diese Juden die kastilischev Sprache als ihre Ver- OTEL CONTINENTAL ■iiiiiiiiiiiH^ WIEN, IS., PRATERSTRASSE 7 (heben Schwedenbrücke! 200 Zimmer, modernst eineerichtet Erstklassige Küche Mäßige Preise kehrs- und Muttersprache wie ein religiösnationales, teueres Vermächtnis gehütet und bewahrt, trotzdem sie seit dem Exodus im Jahre 1492; mit der ehemaligen spanischen Heimat keinerlei Beziehungen mehr unterhielten. Sie haben den anderen Juden, die noch vor ihrer Ankunft im türkischen Reiche lebten, das Kastilische als die „jüdische" Sprache de,s Orients ohne äußeren Zwang aufgenötigt, sie gewissermaßen spaniolisiert^Ünd noch heute gilt am Balkan, in Konstantinopel, Saloniki, Smyrna, auf den Inseln des Archipels und in Rhodes, in Aegypten, Palästina und Syrien, in Tunis, Algier und Marokko das „Spaniolische" als eine spezifisch „jüdische" Mundart, die von Hunderttausenden als ihre eigene Sprache geübt wird. Wahrlich, ein Wunderbeispiel von Treue und sittlicher Anschauung, zugleich auch ein sprachliches Phänomen, das in der Geschichte aller Völker und Zeiten einzig dasteht. Don Pulido, der später ein persönlicher Freund und . Verehrer Max Nordaus wurde, bereiste dann wiederholt das weite Gebiet der kastilischen Sprachinsel am Balkan und in der Levante; er studierte mit Eifer und Interesse das Leben der spaniolischen Juden, ihre geschichtliche und kulturelle Entwicklung seit dem Exodus, schrieb mehrere Bücher darüber und entwickelte in Spanien eine großzügige Propaganda, um die öffentliche Meinung für die spaniolischen Juden zu interessieren, diese in politiscbnatiönaler, kultureller und sprachlicher Beziehung dem Spaniertum näherzubringen, sie mit Spanien und seiner Kultur gewissermaßen neu zu verkitten. Soweit es sich von der Fe,rnc erkennen läßt, hatte die ganze Aktion bisher nur geringen Erfolg. Spanien hat andere Sorgen, als sich um die Urenkel jener Ungläubigen und Ketzer zu bekümmern, gegen die seine Fürsten, seine Geistlichkeit und das Volk selbst jahrzehntelang mit Schwert und Feuer gewütet haben. Spanien liegt zu fern der östlichen Peripherie, es ist mit den Zentralpunkten des europäischen Welthandels nur locker verknüpft und hat nur wenig Interesse an der Levante und am Balkan, als daß es sich für einige Hunderttausend Pioniere der spanischen Sprache besonders erwärmen könnte. Außerdem hat Pulidos Aktion um fünf Jahrzehnte zu spät eingesetzt. Was bei der lernbegierigen spaniolisckjüdischen Jugend durch Proselytenmacherei zu erreichen war, hat die profranzösische Propaganda der verschiedenen Schulkongregationen so gründlich ausgeschöpft, daß sogar die amerikanischen, italienischen und deutschen Missionen, die später nacheinander auf den Plan traten, trotz überreicher Geldmittel und wirksamster Unterstützung seitens ihrer Regierungen wenig ausrichten konnten. Die Franzosen waren eben die ersten auf dem Plan gewesen; die Attraktionskraft der französischen Sprache, der verfeinerten französischen Kultur und des französischen Handelsemporiums waren zu mächtig, um wirksam bekämpft werden zu können. Die Aktion des Herrn Pulido erscheint daher ganz aussichtslos. Unter der Türkenherrschaft war die spaniolische Judenheit ein innig verwachsenes, fest zusammenhaltendes Gefüge. Weit mehr als eine große religiöse Gemeinde, bildete sie gewissermaßen eine völkische Ganzheit, so etwas wie eine weitverzweigte Familie mit gleichen Traditionen, Sitten und Gebräuchen, und die spaniolische Sprache war nebst der Religion ein überaus mächtiges Bindeglied zwischen den verstreuten Mitgliedern der Familie. Mit der Zersplitterung des osmanischen Reichs wurde auch die spaniolische Gemeinschaft in Stücke gerissen und atomisiert. Jetzt gibt es nebst türkischen auch serbische, bulgarische, griechische, rumänische etc. Spaniolen und die jüngeren Generationen in den verschiedenen türkischen Nachfolgestaaten fühlen sich nicht mehr wie ihre Väter und Großväter als Glieder einer organisch miteinder verwachsenen großen Familie, sie sind einander entfremdet. Mit dem Abrücken von der religiösen Praxis, den Traditionen und Gebräuchen,^ rückt die Jugend auch von der spaniolischen Sprache ab, die ihr wie ein wertloser Ballast, wie ein Archaismus vorkommt, der an die rückständigen, separatistischen Tendenzen von einst erinnert. Der spanische Knabe, das spauiolische Mädchen, welche in Belgrad die serbische, in Sofia die bulgarische, in Saloniki die griechische Elementarschule besuchen, erachten es für nützlich und patriotisch, spaniolisch lieber nicht zu sprechen, und sie bedienen sich dieser Mundart nur notgedrungen im Gespräch mit den alten Großeltern, die die Landessprache-nicht beherrschen. Dieser Auflösungsprozeß ist heute schon so weit gediehen, daß sehr viele jüngere Leute in Bukarest, Belgrad, Sofia etc., das kastilische Idiom überhaupt nicht mehr kennen, und in absehbarer Zeit wird dieses Idiom gänzlich verschwinden. Rudolf Prok, Kürschner Lager samtlicher Pelzwaren für Damen und Herren Sämtliche Reparaturen und Aendeiungen werden zu den billigsten Preisen promptes* ausgeführt. Wien, VIII., Lerchenfelderstrane 16 Telephon B-40-7-85_,