Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 65 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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th. m m NEUE WELT Seite 3 LLOYD ISTINO DIREKTE LINIE TRIEST-JAFFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag mit den vorzüglichen Salonschiffen „Adria" und „Carnaro* Fahrtdauer mit Berührung von Brindisi 5'/» Tage Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-.-, II. Kl. Lst 15.-.-, III Kl. Lst. 5.—.— inklusive Vetpflegung und Kabine Chaluz&m besondere Ermässigung Elfte Fahrt Triest-Jaffa-Haifa und zurück kostet In der III. Klasse Inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 345.- Familien erhalten überdies noch eine 10-, beziehungsweise 15%ige Ermäßigung! Auskünfte: LloydTriestino,Wien, j.,Kärntnerring6 Telephon: U-48-Q-S3 bis U-4G-O-05 Sozialismus und Zionismus. Eine Kundgebung des Palästina-Komitees der Zweiten Internationale. Aus Paris, 5. d., meldet J. T. A.: Das sozialistische Pro-Palästina-Komitee, das im August d. J. im Zusammenhang mit dem Kongreß der Zweiten Internationale in Brüssel gebildet wurde, sandte eine Kundgebung an die amerikanischen Pro-Palästina-Arbeitersyndikate aus Anlaß ihres fünfjährigen Bestehens, die mit den Worten schließt: Die Förderung der Bestrebungen der palästinensischen Arbeiterschaft i an Aufbau des jüdisch e n N a t i onalheims ist die Pflicht jedes Sozialisten. Unterzeichnet ist die Kundgebung von Emile Vandervelde ('Belgien), Camillo Huys m ans ('Belgien), Leon B1 u m (Frankreich), R e n, a u d e 1 (Frankreich) und T u r a t i (Italien). Das Komitee ist, wie noch erinnerlich, infolge des Widerstandes, den die österreichischen Assimiianten Otto Bauer und Fritz Adler leisteten, nicht von dem Kongreß selbst, sondern auf einer ad-hoc-Versammlung außerhalb des Kongresses gebildet worden. Der Antisemitismus in der französischen Kolonialarmee. Im Verlaufe der Heeresdebatte in der französischen. Kammer interpellierte der Deputierte Guernut, Sekretär der Liga für Menschenrechte, den kriegsminister wegen der Nachrichten über die Aechtung der Jmden in Teilen der französischen Kolonialanmee, namentlich in den Korps der Spahis und Tirailleurs. Kriegsminister Paileve erwiderte: Die Israeliten sind den Zuaveregimentern zugeteilt; es gibt in diesen Regimentern, keine Aechtung der Juden. Protest gegen Präsidenten Weizmann. Ein Beschluß der demokratischen Zionisten. Die Rede, welche der Präsident der zionistischen Weltorganisation Prof. Weizmann auf der Konferenz der amerikanischen N-ichtzioniste.il in New York .hielt, hat in jüdischen national gesinnten Kreisen lebhaftes Befremden und Protest ausgelöst. In dieser Rede gab Präsident Weizmann in seiner offiziellen Eigenschaft, d a s heißt im Namen der zionistischen Organisation, folgende Erklärung ab: „ W irwo'llcnuns weder direkt noch indirekt im politische n S i n n e in das Lebender Juden a u ß c r <h a 1 b P a J ä s t in a s einmischen!" Diese Erklärung, mit welcher Präsident Weizmann die Gunst und das Geld der Nichtzionisten leichter zu erlangen glaubt, ist eine T ä uschung sowohl der Zionisten als auch der Nichtzionisten. Auf dem Zionistenkongreß wurde wiederholt festgelegt, daß die p o 1 i t i s c Ii e Arbeit für die Erlangung bürgerlicher nationaler und kultureller Rechte ein integrierender Bestandteil der ganzen z i o n i s t i s c b e n A -rbeit ist. Zuletzt hat der XM. Zionistenkongreß in Karlsbad diese Erklärung f c :i c r 1 i c \\ wiederholt und neuerlich in einem Beschlüsse festgelegt. In einer der letzten Versammlungen des „Verhandcs der demokratischen Zionisten Oesterreichs" bildete diese Rede Weizmaniis den Gegenstand einer lebhaften Diskussion. Es wurde einmütig festgestellt, daß sich der Präsident der zionistischen Weltorganisation der Vcr- 1 c t z u u g des z i o u i s t i s c h c n P r o g r a m in e s schuldig gemacht und der nationalen Arbeit der Zionisten in der Diaspora schweren Schaden zugefügt hat. Ohne von irgend einem zionistischen Forum hieztt berechtigt worden zu sein, hat er einen lebenswichtigen Teil des i n n bindenden z i o n i s t isehen Programmcs preisgegeben, Kongrcßbcschliissc einfach verleugnet. Wohl steht fest, daß kein gewissenhafter Zionist dem Wege einer solchen Politik folgen und die nationale Arbeit in der Diaspora, die Arbeit für das lebende jüdische Volk im Stiche lassen und damit die politische Leitung der Juden der Assimilation preisgeben wird. Aber es kann und darf nicht ohne energischen Protest 'hingenommen werden, daß der Präsident der zionistischen Organisation, um scheinbare oder wirkliche Tagcscrfolge bei nichtzionist'ischen Konferenzen zu erzielen, das •zionistische Programm verkleinert und entwertet. Die Verbandsleihing faßte den einstimmigen Beschluß, bei allen Veranstaltungen in nächster Zci't öffentlich Verwahrung gegen die Rede des Präsidenten Weizmann einzulegen. Gang zum Grabe Stands. Alle Gesinnungsgenossen, Freunde und Verehrer unseres unvergeßlichen Adolf Stand treffen sich Sonntag, den 16. d. Mj. um hafb 11 Uhr vormittags anläßlich der Wiederkehr seines Todestages am Zentralfriedhof, erstes Tor (Zeremonienhalle). äftifiiifiiiiftiiniiiiiiiifitirtiiffrrimmitiitiHifHifiiiiiiiiiiiiiit« | Neu eröffnet! Neu eröffnet! 1! Englische- I iResfenhaflleli | Wien, I. Franz-Josefs-Kai 49 | 5 Stoffreste engl. 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In diesem Sinne hat auch das ProfessoreiTkollegiu'in der B'iikarester Rechtsfakultät und der Fundatio Carol I am Schwarzen Brette eine Kundmachung afficliieren lassen. Die Regierungspresse fordert den Premier Julius Maniu auf, ohne jede Nachsicht gegen jene vorzugehen, die die 'Ruhe im Lande stören wollen.- Eine Warnung der Regierung. Unterrichtsminister Prof. N. C o s t a c h e s c u sandte an alle Universitäten des Landes ein Rundschreiben folgenden Inhalts: „Zwecks Aufrechterhalfciing der Ordnung.in den Universitäten ersuche ich Sie, außer den schon ibisher getroffenen Maßnahmen noch folgende Verfügung durchzuführen: Während der Vorlesungen mögen drei bis vier Studenten bestimmt werden, damit sie aufpasse n, welche Studenten Unruhen hervor-' rufen wollen. Im Einvernehmen mit dem Kriegsministerium verfüge ich, daß denjenigen Studenten, welche bei der Ruhestörung betreten werden, sofort der Studienaufschu'b entzogen werde und daß sie als Strafe sofort zum Militär eingezogen werden." Mach den Kultuswahlen alle Parteien einig, daß man hochfeine Herren- und Damenstoffe, Seidenwaren und moderne Samte infolge kleiner Regien konkurrenzlos billig kauft nur bei Kann & Fried VI., linke Wienzeile 40 (im Hoffe Leon Kellner, der Ostjude. Von Heinrich York-Steiner. Die meisten Tageszeitungen verschweigen seine Abstammung. Er war aus Tarnow^ der Sohn, einfacher, traditioneller, wenn, auch gar nicht fanatischer Juden. Ef verehrte den Vater wie ein richtiges Judenkind. Von seiner tiefinnigen Liebe zur Mutter erfahren wir aus der Skizze: „Wann wird der Meschiach kommen,?", die ich oft und oft in den, jungen Jahren der zionistischen Bewegung vorgelesen habe. In der Toynbeehalle, die Kellners?älier Arbeit das Leben dankte, überraschte ich ihn mit dieser Rezitation die seine Augen feuchtete. In ihm leuchtete jener Arbeits- und Lerneifer dest Ostjuden, gemengt mit fast legendarischer Begabung, entstanden durch Jahrhunderte andauerndes Eindämmen und Niederhalten der Geisteskräfte, deren Wirkling wir bei östlichen Wunderkindern erleben. Mit achtzehn Jahren wanderte der hübsche blonde rotbackige Jüngling nach Breslau ins Rabbinatsseminar„ für das er sich heimlich selbst vorbereitet harte. Er ging aber bald ab, weil ihm Skrupel über seine innere Berufung zum Seelsorger aufgetaucht waren. Er wollte in Bielitz am Gymnasium maturieren, um die Reife füräf Universitätsstudium zu gewinnen. Dort lernte er ein geistig hochstehendes, überaus energisches Mädchen kennen, Anna .Weiß, die Tochter einer sehr kinderreichen Familie, die sein Interesse für die englische Sprache erweckte. ' In einem Jahre etwa hatte er maturiert und fuhr nach Wien, verlobt mit seiner Lehrerin des Englischen, der1 als Uebersetzerin nunmehr weit bekannten Anna Kellner, seiner trauernden Lebensgefährtin und Arbeitsgenossin. Mit 24 Jahren hatte er Doktorat und Lehramtsprüfung erarbeitet, lehrte au der Währinger Realschule Englisch und Deutsch, korrigierte fleißig Schulhefte, ließ zurückbleibende Knaben zu sich kommen, ermunterte, drohte, gab Anregungen, für Maturaarbeiten und begann durch seine eigenen Publikationen die Aufmerksamkeit der Fachkreise zu erregen. Seine englische „Syntax- und Formenlehre" war nach dem Bericht englischer Kritiker jedem englischen Schriftsteller ein unentbehrliches Hiffsbuch, das auch in den Schulen von England und Kanada eingeführt wurde. Es folgten ein englisch-deutsches, deutsch-englisches Schulwörterbuch, eine Essaysammlung: „Ein Jahr in England"» ferner die „Geschichte der englischen Literatur in der Viktorianischen Zeit" und „Die Geschichte der amerikanischen Literatur". Zahlreiche Publikationen über englische Dichter erschienen so nebstbei in den besten Zeitschriften. Im Jahre 1896 hatte er Theodor H e r z I kennen, gelernt und mit seiner Kenntnis des Englischen unterstützt Es erschienen von ihm Studien aus England, das er oft besuchte, Reisebilder, Skizzen über englische und Wiener Figuren und immer wieder Literaturberichte. Er saß monatelang mit Frau Anna am Lesetisch der Nationalbibliothek in London.. Das kostete viel Geld, für das der karge Gehalt des Mittelschullehrcrs nicht genügte. Da hieß es denn mit der Feder den Geist nähren, der clr* Feder führte. Und außerdem hatte er ja Vorurteile zu bekämpfen. Bei den Engländern als Deutscher, bei den Deutschen als IJude und bei den Juden, als Ositjude, das heißt als „Polnischer", wie er es oft sarkastisch akzentuierte. Auch» der Zionismus schadete, erregte unter den Juden sehr viel Vorurteile; das Wort, das ich erfunden hatte und' er traurig nickend bestätigte, hieß: „Wir Zionisten werv den nun in ein Ghetto des Ghettos eingesperrt!" Und so nebstbei erfüllte eine fixe Idee sein Hirn: Shakespeare ist uns nur verstümmelt erhalten. Den Gedanken des großen Weltgenies wird durch Eehldruckei Gewalt angetan. Die Werke dieses größten Dichters englischer Sprache und bedeutendsten Dramatikers der Wert sind nur nach schlechten Vorlagen, nach verstohlen ko-i pierten Soufflierbüchern gedruckt worden. Außerdem verstand der Herausgeber die Handschrift aus. der elisabethi<v< nischen Epoche falsch. Und ihm, dem Jungen aus Tarnowi in Galizien, der mit 18 Jahren, die ersten englischem Vokabeln von seiner Verlobten erlernt hatte, sei es vor-j behalten, der Welt einen, gereinigten, fehlerfrein Shakspai' fcu erarbeiten. Zu erarbeiten von halb sechs Uhr früh, etwa bis in die späte Nacht hinein.. Dazwischen lehrte er in der Realschule, atei Privatdozent in Wien, dann als Professor in Czernowitz, wo seine Familie das Klima nicht ertragen konnte, so daß er von einer Vorleseepoche zur andern die 36stündige Fahr! machen mußte. Als ich das bedauerte, antwortete er lakonisch ^Meinen Sie, man wird einem Juden hier in Wien eind Lehrkanzel anvertrauen?" Die Zeit, wo ein Jude auf einer österreichischen Universität oder Technik ein Ordinariat erhalten konnte, ist, wie es scheint, dauernd vorüber. Er saß nun in Wien auf dem Trockenen, aber sein ruhe-; loser Geist arbeitete unausgesetzt. Schlag auf Schlag kamen dann die Früchte der Shakesspeare-Stuclien, die rascher vorwärts schritten, als der Krieg beendet war. Zuerst vor sieben Jahren das1 „Shakespeare-Wörterbuch", das jedes Wort des großen Briten in all seinen fast unübersehbaren Werken registriert und kommentiert, dann die fast romantisch anmutende Studie „Restoring Shakespeare", übersetzt etwa die Wiederherstellung Shakespeares, was ihn in die erste Reihe der Shakespeare-Forscher emporhob. Dem Versprechen folgte die Tat. Zehn Dramen des großen Dichters liegen, -gereinigt von allen Schlacken* befreit von allen Fehlern, druckbereit auf seinem Schreibtisch, von zweien das Material, ferner die Vorarbeite« zu einem zweiten Band der amerikanischen Literatur-* geschichte und zu einer Gesichichte der englischen Lite-1 ratur in der nachviktorian.ischen Zeit. * Kehren wir zurück zum Krieg. Setue Familie kommt aus Tarnow flüchtend nach Wien. Zahlreiche Czerno* wita rufen sejine. Hilfe an,. Wenn ich sie äufrujea wörde*