Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 65 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 65 Sprechapparafel joder Art, ferner s Jüdische and hebrBiscne SclwllpMen | sowie alle modernsten Tanz-und Gesangsschlager j| In reichster Auswahl auf Lager! i Auch Teilzahlungen! Provinzversand 1 § offiziell — keine Revolution des Judentums, er verträgt sich mit allen Gruppen und Parteien, anerkennt seine Gegner, die Assimilauten von rechts und links, als gleichwertig, ist selbst bald rechts, bald links; er will nur ein Kolonisation sverein sein, schränkt das Tätigkeitsgebiet von Tag zu Tag mehr ein und will nicht Herr sein in d e r j ü d ischen Gasse. Eine kalte, mattherzige Vereinigung, die mit jedem gut sein will und auf den Kampf verzichtet. Die Zionisten gehen —das hat ja der Sieg bei den Wiener Kultuswahlen gezeigt — nur sehr schweren Herzens bei dieser Entwicklung mit, wenn man sie im Namen der jüdischen Idee ruft, dann kommen sie schon. Aber der Ruf ist sehr selten geworden und die Lethargie, die sich der Massen bemächtig hat, wirkt sich vor allem darin aus, daß die geistigen Menschen, die das Judentum heute wie gestern in so reicher Zahl hervorbringt, politisch und sozial ändere Wege gehen, wenn sie nicht überhaupt sich in ihre stille Stube sperren. Der Zionismus hat nichts mehr, was ihre Phantasie beschwingt. Leon Kellner war schon seit Jahren still, er war noch einer der wenigen, an die hie und da erinnert wurde. Der Zionismus ist schwach am Herzen und darum auch arm am Beutel geworden. Der Zionismus in Italien. Ein angeblicher Artikel Mussolinis. Die Zeitung „Porpolo di Roma", ein führendes faschistisches Organ, befaßt sich in einem längeren Aufsatz mit dem vor kurzem in Mailand stattgefundenen Kongreß der italienischen Zionisten und entwickelt in diesem Zusammenhange ihre Ansichten über Judentum und Zionismus. Der römische Korrespondent des Londoner „Daily Telegraph" referiert ausführlich über diesen Aufsatz und behauptet, daß er vom italienischen Regierungschef Mussolini stammt. „In diesem Aufsatz", schreibt der „Daily- Telegraph"-Korrespondent,; „tadelt der Duce die na-* tiotialjüdische Einstellung der; italienischen Zionisten undf richtet an sie dier Frage,' ob : sie sich »a I s e i n e Religion oder eine Nation betrachten. Die Juden Italiens seien zum größten' Teil glücklicher* weisemit der allgemeinen Bevölkerung verschmolzen, in Italien bestehe kein Antisemitismus, wie dies in vielen anderen Ländern der Fall ist; in der letzten Epoche Italiens haben drei Premiers jüdischer Rasse das Land regiert, ohne daß von irgend einer Seite dagegen etwas eingewendet worden sei. Nun aber ist man überrascht, zu hören, daß die Zionisten die Juden nicht als Italiener betrachten. Das italienische Vollk lebte bisher in der Einbildung, daß die italienischen Juden der Nationalität nach Italiener, der Religion nach jüdisch sind. Hat sich dies geändert? Wir sind überrascht, zu hören, daß die italienischen Zionisten von einer jüdischen Rasse und einer jüdigen. Die italienischen Zionisten mögen sich nun deut-. gen. Die itaienischen Zionisten mögen sich nun deutlich ausdrücken: sind sie eine Religion oder eine Nation? Diese Frage bezweckt nicht etwa, Antisemitismus zu wecken, sondern nur zu klären, wie die Dinge liegen, damit die entsprechende Schlußfolgerung hieraus gezogen werden könnte." _ Streicher muß vors Gericht. Der nationalsozialistische Ritualmordhetzer ausgeliefert Aus M'ünchen meldet die J. T. A.: Der bayerische Landtag beschloß, den nationalsozialistischen Abgeordneten Streicher zur Strafverfolgung freizugeben. Streicher hatte in seinem Nürnberger Blättchen „Der Stürmer" behauptet, der G1 a d b e c k c r Primanermord sei ein Ritualmord, der von einem unbekannten Täter begangen worden sei. Es schwebt daher gegen ihn ein Verfahren wegen Beleidigung einer Religionsgesellsebaft. (Die Behauptung Streichers ist dann von den Wiener nationalsozialistischen Studenten übernommen und gelegentlich der Republikfeier bei den Unruhen an der Universität in einem Flugblatt verbreitet worden.). ' Brief aus Palästina. Von Dr. Fritz L o c w e n s t e i n, Jerusalem. Ueberaus erfreulich ist die Tatsache, daß der Kcren Kajetneth einen großen Teil des Komplexes der Haifa B a y in sein Eigentum überführen konnte. Seit langem ist bekannt, daß die ständig zurückgehenden Einnahmen der nationalen Fonds in Amerika weit weniger mit den inneren Schwierigkeiten des amerikanischen Zionismus und mit der nachlassenden Gebefreudigkeit der Spender als vielmehr mit dem Problem der American Zi o n Commonwealth (Kehillath Zion) zusammenhängt. Immer und immer wieder stand diese Gesellschaft vor dem Zusammenbruch, und dieser Zusammenbruch bedeutete zu gleicher Zeit die Gefahr, daß von ihr gekauftes Land an die arabischen Verkäufer zurückfallen würde. Immer wieder sahen sich die amerikanischen Zionisten gezwungen, von den durch den Drive aufgebrachten Geldern große Beträge zu verwenden, um den Bankerott der Kehillath Zion abzuwenden. Der wesentlichste Bodenkomplex, um den es sich dabei handelt, ist der sogenannte Djidroboden, das heißt der Komplex zwischen Haifa und Akko, dessen Besitz insbesondere für eine gesunde Entwicklung der Hafenstadt Haifa von entscheidender Bedeutung ist. Das Terrain gehörte der Haifa Bay Company, deren Aktien zum weitaus größten Teil in den Händen der Kehillath Zion war. Wieder einmal stand die Frage auf des Messers Schneide und bis zum 30. November war eine größere Zahlung zu leisten, wenn nicht der Boden den Juden verlören gehen sollte. Jetzt ist eine Kombination zustande gekommen, die nicht nur diesen Boden dauernd für uns rettet, sondern ihn überdies zum weitaus größten Teil in nationalen Besitz überführt und damit der Spekulation entzieht. Ein Viertel des Bodens gehörte schon stets dem Keren Kajetneth, der •nunmehr zwei weitere Viertel in sein Eigentum überführt hat, während das letzte Viertel dem Palestine Economic Council, d. h. der Brandeisgruppo zufällt. Der Keren Kajetneth hat damit sich erneut als das wahre Instrument unserer nationalen und sozialen Bodenpolitik erwiesen und wird mit mehr Recht als je von seinen Freunden in aller Welt erwarten dürfen, daß sie es ihm ermöglichen, die neuen großen Lasten zu tragen. Noch bleiben die Probleme der anderen Böden der American Zion Commonwealth zu lösen (Afuleh, Batfottriah, Schultern, Herzliah); doch ist anzunehmen, daß auch dieses Problem in kurzer Zeit befriedigend gelöst Werden wird. Für das Problem „nationales und privates. Kapital" ist diese Angelegenheit ein nicht uninteressanter Beitrag: wieder einmal müssen di e n a ti o n al e n Institutionen eingreifen, um pr i vatikapitailistischc U n t c r n e h in u n g en zu r e 11 e n. ■ . ■; '. ..„,/■ ..-,*-..\- .-, Am 1. Dezember ging in Palästina ein journalistisches Ereignis vor sich: Jabotinsky übennahm die Ghefredakticn des „Doar< Hajoin" und besetzt die ganze Redaktion mit Männern seiner Wahl. Palästina besitzt wie bekannt dj-ei hebräische Tageszeitungen. Der „Dawar" ist das Blatt der Arbeiterschait und damit sind Richtung -und Art des Blattes genügend gekennzeichnet. Der „H a aretz ist äinksbürgerlich, liberal/ wohlmeinend, vielleicht ein wenig zu wohlmeinend, wenn es hart auf hart geht. Demgegenüber ist es weit schwerer, den „Doar Hajom", wie er sich bisher darstellte, zu charakterisieren; Das Blatt wurde von Elieser Ben Je hü da gegründet, dem Mann, dessen historische Verdienste um ein lebendes Hebräisch bekannt sind. Seiner Familie gehört das Blatt auch weiterhin, sein Sohn Itamar Ben Awi ■ war bisher Chefredakteur. Der „Doar Hajom" hat nicht immer dasselbe Gesicht gehabt. Aber in einem Punkt ist er sich gleich geblieben: In der Niveaulosigkeit. Was auch immer der „Doar Hajom" vertrat, er vertrat es in einer persönlich verunglimpfenden, gehässigen und unsachlichen Art, und mancher gute Vorschlag, manche Reform sind in Palästina daran. gescheitert, daß man sich scheute, in einer Front mit diesem Blatte zu kämpfen. In der letzten Zeit hielt es der „Doar Hajom" für seine besondere Aufgabe,, die Interessen der mit arabischen Arbeitern arbeitenden Pflanzer von P e t a c h T i kwah zu verteidigen. Auch sonst übertrieb er seine : Hämorrhoiden sind heilbar 11 i| wenn Sie K330131SFl~T31 ßG Gill! ZäpfCftEH verwenden | Keine Schmerzen 1 Keine Blutungen! | Rathaus-Apotheke, Wien, f., Rathausstraße 3 | in allen Apotheken erhältlichl | reaktionäre Gesinnung, indem er etwa bei den inneren Kämpfen in Tel Awiw nicht etwa die bürgerlichen Interessen gegen die der Arbeiter vertrat, sondern die Interessen der kleinen Hausbcsitzervereinig n n g verteidigte, die das Verdienst für sich in Anspruch nehmen darf, die Hilfe der Regierung herbeigerufen und damit die Autonomie von Tel Awiw zerstört zu haben. Das eine wird man voraussagen dürfen, daß Jabotinsky dc£ Zeitung ein besseres Niveau geben wird, und daß sein nationales Empfinden es ihm nicht gestatten wird, eine Lanze für die arabische Arbeit beim jüdischen Bauern zu brechen. Von diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus wird jeder die Veränderung in der Redaktion des „Doar Hajom" begrüßen. Was im übrigen Jabotinsky aus der Zeitung machen wird, muß die Zukunft Ichren. Die finanzielle Situation im Umkreise der Zionistischen Organisation in Palästina ist wiederum eine überaus traurige. Die geringen Einnahmen des Keren Hajessod in den letzten Monaten sind bekannt. Weniger bekannt ist es vielleicht, daß selbst diese geringen Einnahmen, soweit sie aus Amerika kamen, keine regulären Einnahmen waren, sondern Vorschüsse, die die Banken auf den zukünftigen Drive hin gegeben hatten. Da auch das Keren Hajcssod-Direktorium in den vergangenen Monaten gezwungen war, Kredite aufzunehmen, um der Exekutive halbwegs ausreichende Beträge zur Verfügung zu stellen, muß der Keren Hajessod von den knappen Eingängen der letzten Monate noch Kredite zurückzahlen, so daß selbst diese kleinen Beträge nicht voll an die Exekutive ausgezahlt werden können. Die guten Resultate mancher Ich halb' mich der Magic ergeben, Ob mir durch Geistes Kraft und Mund Nicht manch' Geheimnis würde kund. Huber-Likör fördert mein Streben.' europäischen Länder sind leider nicht imstande, die großen Ausfälle auszugleichen. So ist es begreiflich, mit welcher Anteilnahme man in Palästina alle Nachrichten über die Keren Hajessod-Arbeit in Europa und Amerika verfolgt und mit welchem Interesse man sich fragt, ob die bisherigen Ergebnisse der Agency- Verlhandlungen sich bereits bei dem diesjährigen Drive bemerkbar machen werden. Es soll übrigens hinzugef ügt weiden, daß diesmal-auch die H a d a s s a h keine Ausnahme macht und ebenfalls gezwungen ist, von dem sonst geübten Branche der pünktlichen Gehaltzahlung abzuweichen. Es zeigt sich eben wieder, daß ordentliche Finanzwirtschaft geregelte Einnahmen zur Voraussetzung hat und daß die schönsten Konsolidierungsbeschlüsse nichts helfen, wenn die Kassen leer sind. Daß übrigens die Hadass-ah im Zu-, sammenhang mit ihren finanziellen Schwierigkeiten begonnen hat, Budgetkürzungen vorzunehmen, wird wohl allgemein begrüßt werden, . Interessante, . Schlaglichter auf die politische Situation wirft der Vorfall mit dem Führer der .mohammedanischen Inder Modi ä med Ali. Dieser Mann; einer der Führer im indischen Freiheitskampf und ein großer Feind Englands, bat von Damaskus aus, wo er sich aufhielt, um die Erlaubnis zur Einreise nach Palästina. Die E r 1 a u bnis wurde nicht erteilt, und niemand konnte es eigentlich den Engländern verdenken, daß sie einem erbitterten Feinde nicht die Erlaubnis geben wollten, nach Palästina zu kommen, zumal der Besuch ganz offen politischen Charakter tragen sollte. Aber die palästinensischen Mohammedaner gaben sich keineswegs zufrieden und ihr energischer Einspruch bewirkte, daß Mohamed Ali schließlich doch einreisen durfte. Es scheint also, daß das Departement des Herrn Hyamson einem energischen Auftreten durchaus entgegenzukommen weiß! Aber auch was Mohamed Ali bei seinem Besuch sagte, war interessant, wenn auch die Darstellungen der palästinensischen Presse über den für ihn veranstalteten Empfang und seine dabei gehaltene Rede nicht ganz übereinstimmen. Es ist schon ganz interessant, daß Mohamed Ali die Araber aufforderte, ihre Kinder in England lernen zu lassen, damit sie im Vollbesitz der europäischen Kultur seien, daß er sie aber zugleich ermahnte, ihren Söhnen das ganze arabische und mohammedanische Kulturgut zu übermitteln. Wesentlicher aber ist für uns, wie Mohamed Ali über die politischen Verhältnisse in Palästina sprach. Die Mohammedaner seien keine Feinde der Juden, sondern nur Feinde der Engländer, die in Palästina wie überall nur ihre Interessen verfolgten und so wenig den Juden wie den Arabern zu hülfen beabsichtigen. Sie wollten die ganze mohammedanische Welt unter ihre Herrschaft beugen und diese müsse in einmütiger Abwehr dagegen stehen. Vielleicht haben diese Gedankengänge auch manchen Araber zum Nachdenken darüber gebracht, ob sie in Sachen der Klagemauer und anderen Fällen so sehr zum Nutzen ihrer eigenen Sache gehandelt haben. Jedenfalls aber; Derartige englandfeindliche Reden darf man heute in Jerusalem halten!