Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 63 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 m NEUE WELT ffr. M OTEL CONTINENTA1 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii WIEN, II., PRATERSTRASSE 7 (neben Schwedenbrücke1 '_>00 Zimmer, modernst eingerichtet Erstklassige Küche Mäßige Preise Chajes. Ein Jahr ist um seit dem Tode Dr. Chajes' Der Lehrer, Führer, Berater ist nicht ersetzt worden. Sein Wort und seine Tat sind von niemandem übernommen worden und es ist auch gar nicht versucht worden, die Lücke auszufüllen. Das wäre im vollen Umfang nicht' geglückt, denn eine Persönlichkeit wie Chajes ersteht nicHt alle Tage, Abef alle Stätten, an denen er gewirkt hat, sind so verwaist wie hui Tage nach seinem Abscheiden. Sein Geist ist von uns gegangen ... Dieses Wort ist buchstäblich wahr. Der Geist des aufrechten, stolzen Judentums, dem Geschichte und Zukunft sich zu einer harmonischen Einheit verbinden, ist aus Wien geschwunden, die große jüdische Metropole hat seither keinen Führer. Die Institutionen, die Chajes betreute, sind schwach und hilflos oder sie sind gar nicht mehr. Woran liegt dies wohl? Hat die reiche Persönlichkeiten Chajes', dieser Mensch voll Eifer, ' Energie ,und Güte, so wenig Nachhall finden können, daß sie heute nach einem Jahr fast nur mehr Legende ist? Nicht erst seit einem Jahre sind die Zeichen des Rückganges jüdischer Art und jüdischen Wissens, jüdischen Lebens und jüdischen politischen Willens zu merken. Sie waren schon vorher recht deutlich sichtbar. Aber Chajes hatte den Mut, sie aufzuzeigen und zu bekämpfen; er trat gegen das Halbe und Kompromißlüsterne auf; 6. Dezember NUMMER er kannte nicht die Reverenz vor dem Ungeist des Abdizierens. Ihm war das Judentum Wiens ein Teil des großen, jüdischen Volkes, untrennbar ver<- founden mit.den großen Linien .der, nationalen und kültiirelleri Entwicklung, die der Zionismus gezogen hatte: das Judentum Wiens wollte er einfügen in die bewußte Schicksalsgemeinschaft, die sich eine neue Zukunft bauen will und von dem Willen zur Erneuerung beherrscht ist. Wien, die Stadt, in der Herzl das erste Wort des politischen Zionismus gesprochen hatj sollte die Pflichten dieser Tradition erkennen und ihnen dienen. Es sollte ein jüdisches Zentrum sein, voll des Eifers zur Renaissance, die kein Gebiet volklichen Lebens vernachlässigt, die da weiß, daß Zionismus von einem zum Kampf entschlossenen, innerlich freien Volk gebaut werden kann, daß Galuth und Palästina eins sind und eins sein müssen. Verdorrt das Judentum in den Diaspora-Ländern, dann wird es auch nichts Nachhaltiges leisten können für den Aufbau der Zukunft, an deren Beginn das Ziel der voljen politischen und nationalen Freiheit stehen muß. Diesem Beginn hat Chajes zugestrebt, in der Arbeit an diesem Werk hat er sein reiches Leben hingegeben. Aber sein Mühen ist fast spurlos dahin . . , Das Judentum Wiens ist führerlos. Die Schwäche, an der diese Gemeinschaft von fast 200.000 Menschen krankt, kommt aus dem zerbrochenen Willen; sie zeigt sich sicherlich nicht allein in Wien. Es ist so, als ob das ganze Judentum wieder die Straße zum Ghetto beschreiten wollte und daß 30 Jahre nationaler Erziehungsarbeit fast spurlos vertan wären. Aber gerade in Wien, dem Schnittpunkt östlichen und westlichen Wesens, zeigt sich dieser Rückgang , am erschreckendsten; in dieser Stadt, von der einstmals dem Judentum so viel Befruchtung kam, ist der Ungeist der Resignation, die Lähmung der Galuth in unheimlicher Weise wieder am Werk und er bedroht alles, was in langer Mühe und in schweren Kämpfen errungen werden konnte. Das Gefühl für Würde und Ehre schwindet, die Solidarität, das Rückgrat der jüdischen Geschichte, ist nicht einmal in der Phrase mehr vorhanden. Es wäre eine ungeheuerliche Aufga.be gewesen, aber eine Aufgabe voll Schönheit und Freude, diesem Prozeß entgegenzuwirken und das fortzuführen, waS Chajeg aus der Hund hat legen müssen. Aber was ei* lehrte, wofür er wirkte,'ist unverstanden geblieben. Als er starb, trat tiefe Trauer ein. Sie ist nicht gewichen, vielmehr in Mutlosigkeit und 1/cthargie übergegangen. Und so ißt nun auch Chajes* Tun und Wollen zur Geschichte geworden. Herr Jakob Wassermann s_ Vor einigen Wochen hielt der bekannte Romanschriftsteller Jakob Wassermann in der „Vereinigung deutscher Staatswissenschaftler" einen Vortrag „Uebcr das Judentum". Ich habe den Vortrog in einem Artikel in der „Neuen Welt" kritisiert. Nun kommt Herr Jakob Wassermann auf meinen Artikel zurück, und zwar in einem Briefe, welchen er an den Redakteur der zionistischen Prager „Selbstwehr" Dr. Felix Weltsch richtet und gleichzeitig in der jüdischen Berliner „C. V. Zeitung" veröffentlicht. Der ßrief enthält außer der Wiederholung gewisser Thesen des Vortrages folgendes: „Ten habe die Portiön S e h m u t z, die mir Herr Stricker ins Gesicht warf, nicht näher untersucht, weil ich midi mit solchen Bassessen ans Grundsatz nicht befasse und aus der Uebersehrift und den Anfangs/eilen dos Artikels sdton sehen konnte, auf Avekheui Niveau der Mann kämpfte: soweit konnte ich mich nicht hinunter b e g e b e n. So erfuhr ich erst aus Ihrem Brief zu meinem großen Staunen, in welchen giftigen Niedeningen sich der Herr bewegt und daß er vielleicht gar erwartet, ich solle mich mit ihm in Auseinandersetzungen über mein Privatleben einlassen, was mir nicht im Traum einfällt, Das gehört an eine andere Stelle. Tdi habe mich Zeit meines Lebens zu meiner Abkunft bekannt. Am Anfang meiner literarischen Laufbahn steht ein Buch „Die Juden von Zirndorf", und ich zweifle^ ob ein dichterisches Denkmal dieser Art vorher im Judentum zu finden ist, als Manifest sowohl wie auch als Gestaltung. Es gibt hervorragende Köpfe im Judentum wie auch außerhalb desselben, die der Meinung sind, daß das Vorspiel, die Geschidite des Subotai Zewi, einer der wichtigsten Anlässe zur zionistischen Bewegung w a r. Ich habe midi, niemals auf eine Gesinnung ' einschwören lassen. Es ist nicht meines Amtes. In Chikago sagte mir Chaim Wei/mann lächelnd: ich billige Ihnen zu,1 was ich keinem anderen zubilligen würde, denn Sie folgen Ihrem Gesetz und es obliegt mir nicht, mich Ihnen in den. Weg zu . stellen, sondern dieses .Gesetz .zu ergründen. Damit drückten wir uns die Hand ..." Herr Jakob Wassermann ist nicht dumm. Er. tut gut daran, wenn er den Schmutz, den ich ihm — wie er es sagt — ins Gesicht: geworfen, habe, nicht näher untersucht haben will; Denn bei. einer solchen Untersuchung, käme heraus, daß ich nur das geworfen habe,.- was * er mir in die Hand ger drückt hat, daß besagter Schmutz \ von Herrn Wassermann-selbst-gcii^f|rt^vürde, sein Produkt, sein Schmutz ist. Er Hat vor deutschen Nichtjuden seihe StammesgenoWsen,' die verfolgten und geflüchteten russischen, und polnischen Juden,: als Ghettogesiudel, wörtwörtlich" als „Unrat und U ji f l a t" bezeichnet; r " welcher „u n g 1 ü c kliehe r w eise au f D eut s c h1 an cl 1 osge- 1 a s s e n. w u r d e!" So hat er dem Ohre deutscher Nichtjuden/ unter denen nicht wenig Antisemiten, geschmeichelt und rasch hihziigefiigt. 4 daß er, Wassermann, ein ganz, ganz anderer Jude sei, ein ganz änderer Mensdi als diese „halbbarbarischcn, beutegierigen" (wörtlich, alles wörtlich!) Ostjuden. Nachdem er zum Gaudium der f remden Herren den Bruder angespien hatte; rückte er mit süßlichschmierigem Lakaienstolz--an sie heran und erzählte, daß seine, des Herrn Wassermann, Ahnen bereits „vor fünfhundert Jahren am Rhein gesessen sind". Freilich, als „Ghettogesjndel". Aber das sagte Herr Wassermann, nicht und tat so, als wären sie reisige Ritter und Edelleutc gewesen. Das von den Ostjuden haben ihm die . detitschen .Staatswissenschaftler gewiß und .gerne geglaubt, das von den „Ahnen am Rhein" hat sie. sicherlich , iii heitere JNachdenklidike.it versetzt. Diesen Akt der Bosheit wird man leicht von Erkältung befallen. Man muß daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie. fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige mit Menthol welcher für Massage, Einreibung, Umsch'äge und als Gwrgelwasser gleich unentbehrlich ist. Nehmen Sie nur Diana! Wertlos« Nachahmungen weisen Sie s entschieden zurück I Ueberau erhältlich. Nicht notierte Wertpapiere: Bankgeschäft Dr. Thauslng A Schlesinger Wien, Ir, Tegetthof fatraBe 4 Telephon R-23-2-88 Dianabad Odol Brauerei Di eher -\nglo Elementar Caro & Jellinek Tiansalplna i-ortuna Vers. Steler. Sensen Vers. Wir kaufen: Leoben-Vordernberger Bleiberger Union Oest. Ulanzstoff Estcrmann Wr.. Bmstoff Imperial Hotel Doemol Prag-Neusiedler Poifrum Spinnerei Lüftschitz Anz.-igen-Ges. Krieglaclier Eisen Wir verkaufen t Dtitag Ziegelei Wr. Eisenbau Oest. Stölzle Union Schuhfabrik und Selbsterniedrigung eines Juden habe ich in. meiner Kritik festgehalten, diesen „Unrat und Unflat", diesen „Schmutz" habe ich gepackt und der Öffentlichkeit gezeigt. Herr Wassermann klagt, daß ihm dabei ein paar Brotken ins Gesicht ge-: flogen sind. Da?, war nicht mein Zweck, mir ging es um die Öffentlichkeit, nicht um die Visage des Herrn Wassermann. Wenn es aber schon geschehen ist, dann tat es , mir nicht gar zu leid. Wenn ihn jetzt vor diesem Schmutze der Ekel betitelt, dann soll er fein dran denken, daß es sein Schmutz ist. Schmutz vom Fleische und Schmutz vom Blüte des Herrn Jakob Wassermann. Und dann, nachdem er seine rhein-ritterliche * Peitsche um» meine Plebejerohren hat .sausen lassen, klagt Herr Jakob Wassermann vornehmrtraiiris »über meinen rohen Eingriff in sein „Privatleben"..! Bleibt aber in seiner vornehmen Traurigkeit wic-!der so klug, über den .Charakter dieser roh angegriffenen,; von ihm als privat bezeichneten Angelegenheiten nicht ein Wörtehen zu sagen. Ueber das Privatleben des Herrn Wassermann hatte ich in meinem Aufsatze nicht eine Zeile geschrieben, denn dieses Privatleben ist mir mehr als heilig, es ist mir unbekannt und gleichgültig. Ein anderer war es, der in Herrn Wassermanns Häuslichkeit hineinleuchtete. Nachdem mein Artikel erschienen war, langte bei der von mir geleiteten Revue „Die Neue Welt**, das .Schreiben eines Lesers und Bekannten des Herrn Jakob Wassermann ein, in welchem* gegen die u n geh euerliche D r e i s t i gk'e'i t- Wassermanns protestiert wird. Der Schreiber teilt mit, daß Herr Wassermann, welcher Vortrage über die hohe Mission des'"' Judentums hält und sich' zu*; Behauptung'--'- -versteigt,-' es wäre besser, die' Juden zü erschlagen als sie Zionisten werden zn lassen; weil' der Zionismus diese ganz hohe Mission' stört,•"■ daß' d ieser Prediger" von der höchste vi Be-V Stimmung des Judentums * sein k 1 e i n e s-K i ri d Ira t c h r i s t I i c h taufen lasse n. Der Schreiber ersuchte, seinen Brief zu veröffentlichen und solcherart der jüdischen „Mission" Wassermanns ein Ende zu bereiten. Ich trug diesem 'Wunsche Rechnung Und fügte dem Briefe zustimmende Bemerkungen an. Ist das' ein roher Eingriff ins Privatleben? Wenn ein Franzose oder Deutscher sein Kind syster matisch seiner Volksgemeinschaft entfremdet, haben nicht die Franzosen oder Deutscheu das Recht, diese Handlung zu brandmarken? Und wenn sich gar ein solcher Mann erkühnte, als Apostel eines, höheren Franzosentums oder Deutschtums öffentlich aufzutreten, wird ihnen jemand das Recht bestreiten, darob entrüstet zu sein und den kecken, heuchlerischen Charlatan von sich abzuschütteln? Ist die Erziehung des Nachwuchses zum Renegaten-- tum eine Privatangelegenheit? Hat die jüdische Gemeinschaft, welche sich unter schier wahnsinnigen Blutopfern erhalten hat, weniger Recht an ihre Kinder als die französische oder deutsche, als irgend eine andere nationale oder religiöse Gemeinschaft? Muß sich die jüdische Gesellschaft die Komödie des mit Kindertaufe gepaarten Wassermannschen Missiönsjudentüms bieten lassen," nur darum, weil die Wassermannschen Romane größere Auflagen erreicht haben? Vielleicht ist es Privatsache, wenn irgend ein jüdischer armer Teufel aus Not zur. Lüge der Taufe greift und dann aus der jüdischen Gesellschaft verduftet. Sich aber einerseits groß und breit in die jüdische Oeffentlichkeit stellen, wie es Herr Jakob Wassermann tut, und andererseits vor sein Tauf Judentum eine Tafel zu hängen: „Privatsache! Eingriff streng verboten!", ist ein plumper Trick. Mag Herr Wassermann noch so viel vornehme Traurigkeit um diese Sache wickeln, wer scharf hinsieht, erkennt den billigen, nichts weniger als vornehmen Inhalt. ' Herr Jakob Wassermann arbeitet bei seiner Verteidigung auch mit einem Händedruck, den ihm vor anderthalb Jahren der Präsident der Zionistischen Organisation Chaim Weizmann in Chikago nach einer längeren Aussprache hat zukommen lassen. Auch in diesem Punkte erweist er sich als klug und vorsichtig und gibt keine Einzeln beiten wieder. Hat er,etwa diesem russischen, einst