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Die neue Welt · 1928-11-30 · Heft 63 (30.11.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 63 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 6S DIE NEUE WELT Echte Schlange, Python, Boa, Karunx, Sse- Leopard, Eidechse und Krokodil in allen Farben sind die Materialien der neuen handgearbeiteten Modelle. Echte Schlangeschuhe von S 42.50 Seite 3 If ZD direkt In der Fabrik VII., Kaiserstraße im Stock samrbeit des bewußten Judentums hinter ihr steht. (Stürmischer Beifall.) Oberbaurat Stricker: Der erste Zweck dieser Versammlung ist, der Judenschaft zu sagen, daß sie beleidigt worden ist. Die Juden haben sich daran gewöhnt, nicht zu wissen, daß sie beleidigt worden sind. Diese Gewöhnung muß gestört werden. Welche Entrüstung haben diese Vorfälle bei allen jenen Kapazitäten erregt, die das Judentum sonst besitzt? Keiner der jüdischen Professoren hat es für notwendig gefunden, den skandalösen Vorgängen auch nur ein Wort zu widmen. (Zustimmung.) Die klugen Menschen sagen, man solle nicht zu viel Lärm machen. Diese Klugheit führt zur moralischen Verkommenheit. Wenn sich ein Volk daran gewöhnt, beleidigt zu werde n, dann ist es verloren. (Zustimmung.) Wir sind auf dem Wege dazu. Es bedarf einer gewaltigen Kraftanstrengung, diesen Verfall aufzuhalten. Wir müssen eine jüdische öffentliche Meinung schaffen, die diejenigen, die nicht beleidigt sein sollen, unter Druck stellt. Der zweite Zweck der Versammlung ist klarzumachen, in welcher Welt wir leben. Wir sind gehaßt und die Feinde sitzen oben. Dagegen müssen Mittel ergriffen werden und das einzige Mittel ist die Volksorganisation. (Lebhafter Beifall.) Was riskiert denn dieser akademische Antisemitismus an der Wiener Universität? Die Polizei darf nicht in das Gebäude. Das einzige, was da riskiert wird, ist — die U n t e r s u c h u n g. Was riskiert so ein Professor, der einen jüdischen Studenten nicht inskribiert oder ungerecht behandelt? In diesem intellektuellen Antisemitismus steckt eine bodenlose Feigheit und die Antwort kann nicht der Student geben, sondern nur das organisierte jüdische Volk. Bei den 'letzten Exzessen an der Universität sind die Juden benutzt worden, um an ihnen gegen die Republik zu demonstrieren und das kennzeichnet die ganze Sache. Vom Bundespräsidenten bis zum letzten Pedell hat jeder gewußt, was draußen vorgeht. Die jüdischen Studenten waren geladene Gäste und wurden mißhamdelt. Kein russischer oder rumänischer Bauer läßt seinen Gast mißhandeln und wenn man schon zu schwach war, die Ordnung zu wahren, so hätte man die ganze Feier a'bsagen müssen. Was sind das für Ehrbegriffe, die solche Vorfälle dulden? Die Ereignisse an der Universität sind von der Presse vertuscht worden. Sie haben nicht die Wirkung ausgeübt, die sie hätten haben müssen. Es fehlen auch in dieser Versammlung ganze Gruppen sogar bewußt jüdischer Kreise, die sich hätten einfinden müssen. Trotzdem dürfen die jüdischen Studenten nicht das Gefühl haben, daß sie vereinsamt sind. Sie müssen mit aller Kraft und Stärke an dem jüdischen Gedanken festhalten, sie müssen aushalten! (Stürmischer Beifall.) Ueber Antrag des Vorsitzenden nahm sodann die Versammlung die folgende Resolution einstimmig unter lebhaftem Beifall an: „Die Versammlung, beschickt von jüdischen Studenten und Bürgern, erhebt Protest gegen die fortgesetzten schändlichen Skandale an der Wiener Universität. Die akademischen Behörden haben schon seit dem Umsturz unter dem Drucke des beispiellosen Terrors antisemitischer Gruppen an den Hochschulen den jüdischen Studenten die ihnen verbrieften Rechte aaif akademischem Boden genommen und es stillschweigend geduldet, daß der Judenhaß solche Formen angenommen hat, daß er selbst bei einem so feierlichen Aulaß, wie es die Republikfeier an der Universität hätte sein sollen, angesichts der höchsten Würdenträger des Staates in Terrorakten gegenüber der jüdischen Studentenschaft ausartete. Die akademischen Behörden haben diese Zustände allzulange geduldet.. Es wird festgestellt, daß bei diesem Anlaß die Macht des Rektors und sein gewiß nicht zu verkennender guter Wille, die Würde der Universität aufrechtzuerhalten, gegenüber den anti- / 'man SCHENKT THM ALENDER ZUGABEARTIKEL in Leder, Zelluloid, Metall Feine Damengeschenkartikel. Puderdosen, Notizbücher, Brieftaschen. Telephonvetzeichnisse, Kinderspielreklame etc. REKLAMEARTIKEI.FABR1K VII., KARL »SCHWEiGHOFER-GASSE 6 (neben Esders) Tel. B-35-2-54 semitischen Tendenzen der dctttschnationalen Studenten und ihrer Hintermänner im Senat und Profcssorenkollegium sich als unzulänglich erwies. Die jüdische Studentenschaft, unterstützt von ihren jüdischen Mitbürgern und eines Sinnes mit allen rechtlich Denkenden, ist keineswegs mehr gewillt, die bisher geübte Geduld und Zurückhaltung weiter aufzubringen. Sic erklärt vielmehr, daß sie unter allen Umständen entschlossen ist, ihre Ehre sowie die ihr als Akademikern und Bürgern eines Staates zustehenden »♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦< Friedl Tlsser Wien II. Oswald Reicher Wien I. Verlobte im November 1928 >♦♦♦♦»»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦»»»+»»♦<♦♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦» Rechte in Hinkunft mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen und nicht zu dulden, daß sie als Bürger minderer Ordnung angeschen und behandelt werden. Fü r di c sich aus dieser Haltung ergebenden Folgen lehnt sie schon heute jede Verantwortung auf das entschiedenste ab. Die jüdische Studentenschaft fordert, daß die maßgebenden Stellen des Staates und der Hochschulen endlich der seit dem Kriegsende in verschärftem Maße in Erscheinung tretenden Parteilichkeit ein Ende bereiten und an ihre Stelle wirklich demokratische Freiheit und volle Gleichberechtigung für alle alkademischen Bürger setzen." Herr Dr. Georg Wein er überbrachte die Grüße des zionistischen Landeskomitees, das immer an der Seite der Studenten bleibt. Unter Absingung der Hatikwafo wurde sodann die Versammlung geschlossen. Juden im litauischen „Regierungsrat". Das litauische Regierungsorgan teilt mit, daß in den neugeschaffenen „Regierungsrat", der die Gesetze des Landes zu entwerfen haben wird, auch jüdische berufen werden würden. Nächste Nummer 6. Dezember CHANUKAH-NUMMEER Reise mit Wedgwood. Von Otto Abeles. Unser Mitarbeiter, Herr Dr. Otto Abeles, hat mit dem englischen Arbeiterführer und Minister des Kabinetts Macdonald Rumänien bereist, wo dieser dem Zionismus ergebene 'hervorragende Nichtjude^, die Judenschaft zum Zionismus aufgerufen hat. Im Ghetto waren wir Schutz] uden. und hatten Schutzherren. Die EmanzipatioriSiperiode bescherte uns in Kommers, Politik und Literatur die Spezies des Hausjuden und wir hatten größere und kleinere, gutherzige und perfide Gönner. Im Zeitalter der jüdischen Renaissance haben wir wieder Freunde. Einer der edelsten, aufrichtigsten, verantwortungsvollsten, treuesten ist Colone! Wedgwood. Es reiste jetzt im Dienste des Zonismus durch Rumänien, ich durfte ihn begleiten, und werde die Tage von Bukarest, Temesvar, Großwardein und Klausenburg nie vergessen. Freunde, wirkliche Freunde sind einander zugetan, aber der verlogenen Lobhudelei nicht fähig; lieben einander, aber übersehen die gegenseitigen Fehler und Gharaktermängel nicht; sind einander nötig, ergänzen einander, aber sagen in voller Freiheit und Aufrichtigkeit, was ihnen am Freunde mißfällt, worin er fehlgeht, womit er sich schädigt oder erniedrigt. So steht Freund Colonel Wedgwood zum jüdischen Volke. „Befreit euch endlich von dem unseligen Minderwertigkeitskomplex, den ihr aus den Ghettogassen mitschleppt! Denkt doch nicht bei jedem Wort, Schritt, Blick immer nur daran, ob's auch den anderen wohlgefällt, was ihr tut oder unterlasset!" — Kein „Gönner" spräche so, d ü r f t e so zu seinen Israeliten sprechen. Der Freund darf, muß es. Er will uns nicht schöntun, kann uns nichts verschweigen, müht sich, uns aus dem Dreck zu helfen. Von Temesvar, wo ihn tatsächlich das jüdische Volk umjubelte, fuhren wir im Auto fünf Stunden lang über Land. Gesegnetes Land. Die reichen schwäbischen Dörfer des Banats, volkreiche Wochenmärkte, prachtvolles Vieh. Dann ein Stück der fetten ungarischen Tiefebene. Vor den gepflegten Bauernhäusern — Spätsommertemperatur im November, gleißender Sonnenschein, herrliche Herbstfarben — saßen in dichter Zeile die Bäuerinnen und spannen. Mit solchen Eindrücken fruchtbarer, selbstsicherer Arbeit auf der Scholle, kamen wir zu den verprügelten gesohreckten Juden von Großwardein. Dort erzählte Wedgwood eine Geschichte: Zwei Herren reisten von Berlin nach Hamburg und sprachen über Getreidepreise, Politik und Theater. Dann gegenseitige Vorstellung? „Baron Hülsen" — „Hans Löwy". — „Löwy??? Ich muß sagen, habe mich gut amüsiert. Aber alle Schlechtigkeit dieser Welt kommt von den Juden." — „Von den Juden und von den Radfahrern". „Warum von den Radfahrern?" — „Warum von den Juden?' — Das Großwardeiner Publikum lachte und klatschte Beifall. Aber* Wedgwood winkte ab: „Ich bin noch nicht fertig! Was hätte ein Engländer, Franzose, Deutscher getan, wenn ihm ein Gentleman eröffnet hätte, daß alle Gemeinheit der bewohnten Erde von seinem Volke stamme? Die Antwort wäre nicht mit verbindlichem Witz, sondern mit unverbindlicher Handbewegung erfolgt." Freund Wedgwood hat dort, in Großwardein, eine erziehliche Episode zum besten gegeben. Ihr Sinn' faßt das Uebe'l an der Wurzel. So lange sich Juden darüber freuen, daß man schmachvolle Verleumdungen mit ulkigen Spaßen pariert, ist man vom Anbruch der Erneuerung und Befreiung noch einige Kilometer entfernt. In Bukarest veranstaltete der Zionist Margulies in seinem * Hause einen Tee, zu welchem er die reichsten Juden der Stadt geladen hatte, um sie für den Palästinaaufbau zu gewinnen. Wedgwood begann: „Ich spreche zu den reichen Juden dieser Stadt. Bei uns bekennen sich Rothschild und Montefiore noch nicht zum Zionismus, weil sie, glaube ich, besorgen, man würde sie in der nichtjüdischen Gesellschaft Londons weniger achten, wenn sie Zionisten wären. Ich versichere Ihnen: das Gegenteil. ist der Fall." — Interessant, bemerkenswert: Dieser Nicht* jude, der alle unsere Probleme genau kennt und ihre Entwicklung mitlebt, unterscheidet bloß zwei Sorten von Juden: Zionisten — Nichtzionisten. Die Spielart „Palästinafreunde" hat er noch immer nicht entdeckt und der moralische Druck der Zionisten auf die andern, das Drängen zur Entscheidung scheint ihm die zweckdienlichste Maßnahme zur Erweiterung des Werkes zu sein. Bei anderer Gelegenheit sagte er in seinem schwer der Zunge abgerungenen, aber sehr eindringlichen Deutsch: „Das Streben nach Assimilation ist gewöhnlich nichts als snobistische Angst." Und Hillels Geduld scheint unserem englischen Kampfbruder beim schweren Ringen um die nationale Befreiung keine taugliche Waffe zu sein „Die Juden sind die letzten, die ich auffordern würde, geduldig zu sein, denn beim jüdischen Volke ist die Geduld eine Rassenkrankheit." Ich verwendete soeben das verdächtige Wort „nationale Befreiung", von gewissen jüdischen Sozialdemokraten österreichischer Fasson längst als bürgerlichreaktionäre Phrase gebrandmarkt. Nun, der englische Arbeiterführer Wedgwood gebraucht noch immer die Formel: „Wirtschaftliche Freiheit für die Arbeiter, nationale Freiheit für die kleinen Nationen," und fordert zum Verdruß der Wiener roten Assimilantcn für das jüdische Volk die „nationale Befreiung," die natürlich — er unterläßt nicht, diese Einschränkung zu betonen — mit Hurrahnationalismus, Machthunger und Chauvinismus nichts gemein haben darf. Unermüdlich, mit vorbildlicher Aufopferung zog er jetzt durch drei Länder. Die Erkenntnis von dem überragenden Werte des Palästinawerkes, der jüdischen souveränen Heimstätte, nicht nur für die Juden, die Ueberzeugung, „daß das Unrecht, worunter die Juden leiden, nicht nur sie schädigt, sondern auch die, die ihnen das Unrecht zufügen", gibt ihm wahrhaft übermenschliche Kräfte. Sollen wir ihm danken? Wir grüßen den Freund ohne Dankesbezeugung, denn wir wissen: Indem er sich müht, das jüdische Volk zu erhöhen, erhöht er sich selbst, sein englisches Volk und die Menschenwürde. Als Jehuda Wilmsky in Klausenburg Wedgwood verabschiedet hatte, sagte er mir: „Ich bin reiner geworden, seitdem ich diesen Mann kennengelernt habe." « Ich drückte ihm die Hand.

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