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Die neue Welt · 1928-11-23 · Heft 62 (23.11.1928) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 62 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Wahlblatt der religiösen Liste „Misrachi". Mehr Judentum! Die Budgetrede des Kultusvorsteherg Viktor Bauminger in der Plenarsitzung des Kultus- Vorstandes vom 6, Februar 1928 anläßlich der Beratung des Voranschlages für das Jahr 1928. Meine sehr Verehrten! Wenn ich heute entgegen meiner GepfJoge.tt.heit meine Ausführungen ziwn Budget nicht mehr in hebräischer Sprache cinieite, so geschieht es nicht deshalb, weil ich auf das Recht der hebräischen Sprache etwa verzichtet hätte, sondern lediglich deshalb, well diese Sprache von den Verhandlungen unserer Gemeinde gr u rtd s ä t zil.ch ausgeschlossen wurde. Mir sind mir zwei Stellen bekannt, wo das hebräische Wort grundsätzlich verboten ist: die Wiener Kehilla und j ricHcr Natur schreckt mich daher keinesfalls ab. das bolsche Wikisehe Rußland. loh gefunden werden wird and ««fanden werden muß. Solange es noch unter uns Juden gibt, die diese Gemeinde mit alten ihren Fasern bejahen, denen unsere Gemeinde weder einen Luxus noch eine Last bedeutet, solange es noch unter uns Juden grbt, für die unsere Gemeinde eine seelische Notwendigkeit ist, die in dieser Gemeinde ihren kleinen Staat erblicken, wird diese Gemeinde trotz aller Defizite durchhalten und immer besteben bleiben. Dieses Defizit mateprotestiere einlegend gegen die Vergewaltigung des teuersten Gutes unseres Volkes und Überlasse es im übrigen dem zukünftigen Geschichtschreiber unserer Gemeinde, darüber ein historisches Werturteil zu fällen. Ich bin überzeugt, daß der Historiker seinen eigenen Augen nicht trauen wird, wenn er in den Annalen unserer Gemeinde einst finden wird, daß in der Zeit des Wiederaufbaues des jüdischen Landes und der Wlederaulcrstehung der Jüdischen Muttersprache, daß in der Zeit der Baifour- Deklaration und der nlchtjüdischen Pro-Palästina- Bewegung eine jüdische Gemeinde bei jüdischen Verhandlungen die eigene Volkssprache so arg verletz* hat. Und er wird feststellen müssen, daß sich diese Gemeinde dadurch in Gegensatz gebracht bat zu den heiligsten Gefühlen der überwiegenden Mehrheit des lebendigen Jüdischen Volkes. . Meine.sehr Verehrten! Wenn wrr die Geschichte berühmter Judengemeinden verfolgen, wenn wir den Aufstieg jüdischer Gemeinden beobachten, so ersehen wir, daß diese Gemeinden nicht deshalb zur Berühmtheit gelangten, weM ihre Bücher in Ordnung geführt wurden, nicht deshalb, weil in ihren Kassen keine Veruntreuungen au verzeichnen waren, auch nicht deshalb, weM ihre leitenden Beamten und verantwortlichen Sachwalter tüchtige üftd anständige . Menschen waren, sondern ausschließlich deshalb berühmt wurden, weil in diesen Gemeinden geistige Arbeit verrächtet wurde und . well diese Gemeinden Knftorxentren bildeten, ans welchen Ideen ausstrahlten, Ideen, die nicht nur das eigene Gemeinwesen, sondern das gesamte jüdische Volk in Irgend einer Richtung beeinflußt »ad befrachtet haben. Diese Gemeinden wurden deshalb berühmt, weil sie j Stätten jüdischer Lehre waren, weil sie Schauplätze reli* j giösen und .geistigen Ringens bildeten, weil m ihnen gel* I stige AuseinandersetZiuingen stattgefunden und geistige 1 Kämpfe ausgetragen wurden. j Meine sehr Verehrten 1 So bedauerlich es ist, muß es i dennoch konstatiert werden. Unsere Gemeinde ist ge-! schichtficih zurückgeblieben. Wir "haben während der; ganzen Zeit unseres Bestandes auf keine historisch nehj nenswerte Tat hinzu weisen. Als wir vor zwei Jahren die! Jährhundertfeier, des, Stadttempeis zu, begehen hatten, ver- ' suchte man daraus jüdische Geschichte zu machen. Es war! Chronik, keine Geschichte. Es war ein gutes Stück \ jüdischer Verwaltungstiüchtigkeit, ein gutes Stück jüdischer; örganisaüönsfähiglkeit, ein gutes Stück jüdischer Ordnung \ und Disziplin. Es war noch mehr. Es war auch ein gutes; Stück,jüdischen. Gemeinsinnes und jüdischer Brüderlichkeit.; Aber aus aileh diesen Komponenten setzt sich noch lange keine Geschichte zusammen, keine Geschichte im hehren Sinne.dieses y/orteq....... Geschichte heißt: Geistigkeit, Idee, Kampf, Ringen, Revolution des Geistes. Der jüdische Historiker wird sich einst mit dieser merkwürdigen Erscheinung befassen und sich fragen müssen, wie es möglich geworden ist, daß die zweitgrößte Judengemeinde in Europa während eines ganzen Jahrhunderts keine einzige historische Tat, keine einzige große Idee hervorgebracht hat. Die einzig große Idee, mit der das jüdische Wien für alle Ewigkeit verbunden sein wird, ist nicht aus der Gemeinde, nicht durch die Gemeinde, nicht mit der Gemeinde, nicht einmal neben der Gemeinde, sondern gegen die Gemeinde entstanden. Das war die große Idee der jüdischen Renaissance. Meine sehr Verehrten! Wenn ich nun von diesem Gesichtspunkt aus den vorliegenden Voranschlag zu beurteilen habe, so muß ich in objektiver Weise folgendes sagen: Er ist buchhalterisch genommen in bester Ordnung, die Gebarung ist sicherlich einwandfrei, finanaptechnisch eine anerkennenswerte Leistung unserer Amtsdirektion, aber g e i s t i g vollkommen passiv. Mich schreckt nicht ab das Defizit, das mit Geld w bedecken möglich ist, mtt Geld, das schließlich und endikh gefunden werden kann, Mich schreckt vielmehr ab das geistige Defizit, jenes Defizit der jüdischen Seele und des jüdischen Bewußtseins, das wir mit uns jahrein jahraus fortschleppen, das jahrein, jahraus im Steigen begriffen ist, derart im Steigen begriffen ist, bis es fast aufhört, ein normales Defiait zu sein. Es ist beinahe ein völliger Zusammenbruch. Gestatten Sie, meine, sehr Verehrten, daß ioli thtten in kurzen Strichen ein geistiges Bild de9 jüdischen Wien entwerfe. Von der einen Seite haben wir unschuildige, bemitleidenswerte Krampusjuden, Weihnachtsjuden, Silvesterjuden, Maskier Juden, Auch- und Bauchjuden, Halib- und bald Getaufte. Diese Juden stehen in der Regöl mit einem Fuß in der Gemeinde, und mit dem anderen Fuß draußen. Für diese Juden ist unsere Gemeinde entweder ein Luxus, den sie sieh noch leisten, oder eine Last, von der sie sich nocJi nicht befreien konnten. Das ist eine bereitstehende Austrlttsannee, die mif a4iif günstige Gelegenheiten wartet. Diese Gruppe bildet den passiven Abfall vom Judentum.. Von der anderen Seite haben wir eine irregeführte und verirrte, dem Judentum wesensfremde Jugend, eine gott- und Volks vergessene junge Generation, die mit frecher Ueberhebung den Abfall in der jüdischen Gasse proklamiert und nach antisemitischem Rezept gegen Kol-Midre protestiert. Durch eht feierliches Festessen mit Tafelmusik wird gegen Jom-Kippur"demöristriert. Das Bekenntnis, das religiöse oder nationale, ist nicht mehr Sache des einzelnen 'Individuums, wird nicht mehr von seinem privaten Gewissen diikticrt, wird nicht durch seine eigene Ueberzeugung entechieden, sondern ist za einer Angelegenheit weiser Parteibeschlüsse geworden. Am roten Tisch wird die Parole ausgegeben und eine unverantwortliche, wüste Austrittspsychose In der jüdischen Masse erzeugt. Diese Gruppe bildet den viel gefährlicheren aktiven Abfall vom Judentum. Diese passive und aktive AbfaMsbewegUng bildet das; eigentliche Defizit unserer Gemeinde und dieses geistige 1 Pass&vüm ist es, das mich in Unruhe versetzt und in weit | höherem Maße abschreckt als das materielle. Angesichts! dieses Defizits, das nicht Sie allein, meine sehr Verehrten, | sondern eine ganze 'Generation uneinsichtiger Gemeindc- : ftihrcr verursacht hat, steht vor ihnen eine dritte * Gruppe, die teilweise durch Tradition und strenge Ob- ■ servanz im Judentum fest verankert ist, teilweise durch; nationales Erwachen den Weg zum Judentum wiederl gefunden hat, iwid die Menschen dieser Gruppe sagen j Ih-nen: Wir wollen unsere Kinder jüdisch | leben lassen. Diese Menschen sagen Ihnen: Wir j wo 11 en Juden sein n n d J n d e n b 1 e i b e n und wir j wollen eine Gewähr dafür haben, daß auch unsere j Kinder Jude« bleiben. Diese Menschen saßen ' Ihnen: Wir sind in Gefahr, unseren Kindern droht der passive Abfall von rechts und der aktive Abfall von links; gebet uns mehr Judentum! Diese Menschen sagen Minen: Wir wollen treue Diener und sichere Helfer dieser Gemeinde sein, weil dieselbe für uns weder ein Luxus, noch eine Last ist, sondern eine seelische Notwendigkeit; diese Gemeinde ist unsere Mütter, an der wir mit allen Fasern unseres Herzens hängen, die wir mit unserer ganzen Seele lieben, und von unserer Mutter verlangen wir, sind wir berechtigt zu verlangen, daß sie ihre Mu f terpf Ii ch ten erfülle, daß sie uns erhalte, ernähre und erziehe. Diese Menschen sagen Ihne«: Wir wollen nicht, daß unsere Kinder W e ih n a c h t s a r b ei t e n verrichten, den Sabbat entweihen; wir woilen nicht, daß unsere Ktnder Rdigionswrterrlcht genießen in mit christlichen Heil i g e n b i I d e r n geschmückten Räumen, wir wollen nicht, daß unsere »Kinder Sau luden genannt werden. Diese Menschen sagen Minen.: Wir wollen als Vollwertige Menschen und vollwertige Juden die Kulturgüter der Menschheit mit de« Ewigkeit»werten des Judentums in uns harmonisch aufnehmen und harmonisch vereinigt wissen; wir wollen die jüdische Schule! Meine sehr Verehrten! Kommen Sie nicht mit der längst überlebten und heute nicht mehr zeitgemäßen Phrase der konfessionellen Schule. Es handelt sich nicht am eine jüdische Zwangsschule, sondern um eine fakultative jüdische Schule. Es muß als böswillige Verdrehung der Tatsache bezeichnet werden, wenn uns eine konfessionelle Zwangsschule zugemutet wird, ais ob die Gleichberechtigung der Juden uns nicht zumindest ebenso Herzenssache wäre wie allen anderen Parteien. Wir lehnen die konfessionelle Zwangsschule ab. Aber selbst wenn eine solche in Frage käme, — es ist nicht der Fall — müßte heute die Frage so gestellt werden: Konfessionelle Schule oder K onf e s s iö n s 1 o s 3 g k e i t? Wir Kultusvorstand, wir Sachwalter der jüdischen Interessen, sind verpflichtet, der Oeffentlichkett auf diese Frage eine klare Antwort zu gerben. Wir stehen heute vor einem Wendepunkt in der Entwicklung unserer Gemeinde. Es ist eine Stunde der Gefahr, eine Stunde der Entscheidung. Entscheiden Sie sich für das eine oder für das andere! Meine sehr Verehrten! Wenn ich nach einer Formel suche, um in kurzen Worten auszudrücken, worin eigentlich die Aufgabe einer Kultusgemeinde besteht, so gelange ich zu folgender Definition: Die Aufgäbe einer Kultusgemelnde besteht darin, den jüdischen Menschen zu erfassen, ihn so zu erfassen, daß er in keiner Situation des Lebens sich von seinem Judentum befreien möchte. In dieser Beziehung hat unsere Gemeinde vollkommen versagt Die geistige Bilanz ist vollkommen' passäv« Der jüdische Mensch in Wien hat einen sehr losen Zusammenhang mit unserer Gemeinde und' ihren« Institutionen, 'Er wurde nicht danach erzogen und es wurde ihm auf den schweren Lebensweg des heutigen Wirtschaftskampfes herzlich wenig Judentum mitgegeben. Daraus ergibt sjch dieses' G e leg e nh eits j u d e n tu m, oder richtiger gesagt V e r lege n h e i't S j u d e n t u m, ein Judentum, wel- ' ches das heilige Erbgut der Väter als Last empfindet, es nur gelegentlich, notgedrungen und gleichgültig verwalte! und dem es schließlich bei jeder Gelegenheit zur Verlegenheit wird. Für uns ist das Judentum weder Gelegenheit noch Verlegenheit, sondern die t i e f s t e A n g e 1 e g e n h e i t, eine Frage ^unseres ganzen menschlichen Seins oder Nichtseins. Das Judentum fordert den ganzen Menschen, seih Herz und .sein Gehirn, sein Blut und sein Fleisch. Und einen ganzen Men-. sehen kann nür eine ganze Schule hervorbringen. Meine sehr Verehrten! Kultus und Unterricht hängen nicht nur miteinander zusammen, sondern auch voneinander ab. Der Weg in die Synagoge f ührtdu rch die jüdische Schule, durch die Talmud-Thora. Unser Gottesdienst, wenn er nicht nur — wie man üblich sagt — „andächtig" «nd „würdig" sein soll, sondern auch ehrlich gemeint und ernst ige wollt ist, ist doch innerster Reihe von der Kenntnis der hebräischen Sprache abhängig. Die Tempel st eben leer und sind hoch passiv, der Gottesdienst ist verdorrt, steif und mechanisiert, uninteressant und langweilig, weil man doch das Gebet und alles, was sich während des Gottesdienstes abspielt, meistens gar nicht mehr versteht. Die Tempel haben den Zusammenhang ' mit der jüdischen Lehre verloren, sie sind nicht mehr, wie es in früheren Jahren zu sein pflegte, zugleich auch ein, ßcth-<Hamidrasch, eine L eh r s t ä 11 e, sondern eine leere Stätte, ohne jüdische Gelehrsamkeit und ohne jüdische Innerlichkeit. Da nützt Ihnen keine Orgel, nicht einmal eine Jazzband. (Große Heiterkeit.) Der gleichgültige Jude, der unjüdisch erzogene Mensch, wird auch, an einem Freitagabend, selbst wenn Sie die Orgel einführen, sich nicht für den Matyas, sondern für die Jerltza entschließen. (Heiterkeit.) Unsere Religion muß von ganz anderen Gesichtspunkten beurteilt und gefördert werden. Diese Religion, hat auch ihre eigene Sprache, sie ist eine nationale Religion und das Bekenntnis zn dieser Religion beinhaltet zugleich, bewußt oder unbewußt, das Bekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke. Haben wir doch den Mut, es einmal offen auszusprechen. Die kleine konservative Klaus, die primitive Talmud-Thora und der hebräische Sprachverein sind nicht ein erhaltende« Element, sondern das erhaltende Element unseres jud>

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