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Die neue Welt · 1928-11-23 · Heft 62 (23.11.1928) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 62 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Dm NEUE WELT Nr. 62 IOTEL CONTINENTAL WIEN, II., PRATERS1 RASSE 7 (neben Schwedenbrücke » 200 7lmme'. modernst eingerichtet Erstklassige Küche Maßige Preise Hämorrhoiden sind heilbar* wenn Sie Haillial^-'alllß UOÖ ZSPlttl20 verwende Keine Schmerten 1 Kein« Blutungen I ftathaus-Apotheke, Wien-1., fta«hausstr«S? 3 In allen Apefthekeri erhSitllch ■ * A A A A AA A. A A. A A A A A Aa^AAAAAAAAAAAAAnAAA *i > Ft^f/Vf/Ff/f/f?f>f/#.f> Juden, Antisemiten, Assimilanten. Von Ludwig Lewitsch (New York). Der jüdisch-amerikanische Schriftsteller und Publizist Ludwig L e w I s o b n, dessen.. Chronik „Gegen den Strom" in literarischen und politischen Kreisen Europas und Amerikas Aufsehen erregt hat, .veröffentlicht derzeit im New Yorker „T he M e n o r ah J ou rn a 1" eine: Fortsetzung dieser Chronik, die wir in den charakteristischesten Partien wieikrgebe'n. L. Lewlsohn besuchte vor mehreren Jahren auf seiner Europareise Wien, wo er sich, näch seiner Erklärung hauptsächlich der Musik wegen, viele Monate lang aufhielt.' Für ihn sollte Wien im Gegensatz zu Intellektualismus und- Rationalismus «'die -,,S-t atit der Konversation" bedeuten. Der amerikanische Geist habe komplett fertige Ideen, die zur Ausführung bereit stehen, in Wien hingegen konnte er die Beobachtung machen, daß es sich mit der bloßen Idee begnüge und die Flucht vor der Verwirklichung antrete. Er erzählt vom Verkehr mit Freunden und Beikannten, die ihm . während seines Wiener . Aufenthaltes begegnet seien: „S c h u i t z I e r, die Beer-Hofmanns, die Wassermanns, die Hofmamistals; .Adler und Bernfeld, die. Psychoanalytiker; Freud war zu unwohl, als daß er jemand hätte empfangen können, aber er habe ihm die freundlichsten Nachrichten gesandt, Max Reinhardt, Dr. Ernst Benedikt, den Eigentümer der „Neuen Freien Presse" und seine liebenswürdige Frau, die Mitarbeiter der „Freien Press e" Dr. Auernheimer und Dr. Wertheimer, unseren lieben Freund Josef Bard, der im Begriffe ist, sich als englischer Autor einen Namen zu machen, Franz Werfe! und Egon Wellesz, den Komponisten, Karl Kraus und Karl Kautsky, Herzka, wahrscheinlich den ersten Musikverleger der Welt (Direktor der;,Un'iversäI-Edftion". Anm. d. Red.) und Dozent Dr. Aschncr,, und. die Kellners, den hervorragenden Shakespeareforscher und seine begabte Frau. / Und ich könnte, fährt Le'wisohn fort, die Anzahl der .Namen charmanter- und kultivierter Menschen vervielfachen,- vielleicht der charmantesten und kultiviertesten, die ich jemals kennengelernt habe, doch wieviele würden der großen/Welt etwas sagen? Mein, Gesichtspunkt ist, daß alle diese M e n seh e.n. J udeji, .sind —. alle. Die Menschen,- die diese liebenswerte: Stadt" errichtetem haben einen Schlag : in bezug auf ihren spirituellen und schöpferischen Drang erlitten,' und die Füihrerschaft in Literatur, Kunst, Wissenschaft* Musik ist zu"m großen Teil in jüdische Hände übergegangen. Die nichtjüdischen Künstler leben offensichtlich in abweisender Zurückgezogenheit. Denn ich begegnete niemals z. B. einem Aijton Wildgans oder einem Richard von Schaukal, deren Dichtungen ich immer bewundert habe. Einmal begegnete ich im Hause von Frau Gustav Manier dem Novellisten Trentini, einein Menschen, der auf mich kraft seiner menschlichen und intellektuellen Integrität Eindruck machte, und in Wien wie in Marienbad sah ich einen guten Teil der Leistungen des Schauspielers Alexander Moissi. Und diese, unberücksichtigt einige Staatsminister bei einem großen Empfang, Kellner, Hotelbesitzer und Diener, komplettieren den Kreis der Nlehtjuden. Es ist unnötig zu sagen,- daß jene ganze jüdische Gesellschaft - und ihre Atmosphäre bis ins Letzte hinein meinem Wesen, verwandt War. Und doch — ich konnte mir nicht helfen — fühlte ich8,-daßich nicht mit einer solchen Situation vertraut war, daß diese Gesellschaft sich im Gegensatz zu ihren außerordentlichen Erfolgen unter einem schweren Druck befindet. Man konnte nicht blind sein über den fundamentalen Widerstand ihr gegenüber seitens den Bevölkerung des Landes. Die einsichtigen Elemente unter der Bevölkerung sind sich natürlich zur Gänze der Tatsache bewußt daß die Eliminierung der Juden einem außerordentlich schweren wirtschaftlichen und intellektuellen Schlag für die Stadt gleichkäme. Die Kenntnis hievon tut der instinktiven Abwehr seitens der Masse keinen Abbruch. Nun sind die Juden sich dieses Widerstandes bewußt. In ihrem; Unterbewußtsein, wenn nicht in ihrem Bewußtsein, können sie nur selten von der verwirrenden Wirkung, des .psychologischen Drucks frei sein, unter dem sie leben und schaffen. Ihre instinktive Antwort lautet genau so. wie die,, welche mir von meinen Berliner Freunden und von •einsichtigen Assimilanten in Amerika gegeben wird: Der Unterschied in Charakter und Art zwischen ihnen und ihren öst6rreichisehen- Mitbürgern sei eine b ö s e E r d i c.-b tu n g. d er A n t i s e m i t e n; ihr Leben und: ihr 'Werk,-, ihr Geist und ihn Einfluß sei gänzlich identisch mit" der" germanischen Zivilisaton, in deren Mitte . sie leben. Sie ^yersuche'n ihre Antwort -zu rechtfertigen, und^ wahr -zü; machen,, sie bemühen sich, germanisch zu fühlen, zu denken und zu. sein ~- bis in. die letzte Faser ihres Herzens. Ihre Triumphe und Erfolge zeigen, daß das Oester- Lasseq Sie siöh iurch <i^o Tt^ütame nicht vprwirren und verwenden Sie nur allein die ärztlich empfohlene, erfrischend wirkende Zahnpasta; - Mundwässer, Zahnbürste Nur echt In gelb-roter Or'ginalpackung mit der Garantiemarke Doktorhut. In allen besseren Apotheken, Drogerien; - . und;Parfümerien erhältlich. waren, heraustreten und das kleine jüdische Geschöpf darstellen. Er zeigte seine akrobatischen Kunststücke solange, bis der Schweiß von ihm rann. Am Rücken wurde das Hemdchen naß, er sah mit totem Lächeln in die Gesichter der Kinder, und es war peinlich, seine matten Augen zu sehen, die sich wie vor schwerem Schmerz weit öffneten; Sie zwinkerten sonderbar und'in ihrem Blick lag eine durchaus nicht kindliche Mühe. Die Kinder feierten ihn mit Ihren lärmenden Ausrufen an, einige versuchten an Ort und Stelle seine Kunststücke nachzumachen, kollerten, wälzten sich im Sand, fielen um, schmerzvoll schreiend ob - ihrer mißglückten Versuche oder aus'Neid gegen das jüdische Kind. Diese lustigen Minuten hörten auf einmal auf, als der jüdische Junge nach seinen Kunststücken mit dem Blick eines wahrhaft erfahrenen Artisten auf die Kinder sah und, seine mageren dünnen Arme ausstreckend, sich an sie wandte: „Jetzt — gebt mir was!"' Alle blieben still, gleichsam wie Stumme, und nur einer fragte: 5iWas «eben? Geld?" „Ja", antwortete das Kind. „Was sagst du zu dem da?" rief einer aus. „Für Geld würden wir selbst solche Kunststücke machen", fügte ein anderer hinzu. Diese Bitte rief unter den kleinen Zuschauern Feindschaft, und Erbitterung gegenüber dem .kleinen jüdischen Artisten hervor. Die Kinder machten sich auf den Weg ins Feld, lachten, spotteten, beschimpften den Juden. Es ist selbstverständlich, daß keiner von ihnen Geld hatte, und mein ganzes Vermögen betrug sieben Kopeken. Ich legte zwei von meinen sieben Kopeken, auf das verstaubte Händchen des jüdischen Kindes. Es nahm sie, dankte mit breitem Lächeln aus seinem armen, blassen,, mageren Gesicht und ging. Da sah ich, daß das Hemdchen im Rücken am Leih klebte und voll dunkler Flecke war. , „Wart", rief jeh ihm nach. Er blieb stehen, wandte sich zu mir, und als .-ich ihn nach den Flecken auf seinem rjetrid fragte, antwortete er mit lieblichem Lächeln: •„Wir sind von einem Brett heruntergefallen, auf welchem ich und Vater Pazoho vor dem Publikum Kunststücke zeigten. Mein Vater Hegt noch krank und ich bjn schon gesund." Ich hob sein Hemdchen^auf u.nd — schauerlich, auf seinem. Rücken der ganzen" Länge nach war eine, große und breite Wunde, die schon - eingetrocknet war, aber wä-hrencj er hier seine akrobatischen Kunststücke zeigte, war die Wunde an vielen Stellen wieder aufgegangen und jetzt rann aus dieser Wunde helles warmes Blut/ \ „Jetzt schmerzt es nicht mehr," sagte er lächelnd, ,Js juckt nur",' und' mutig, wde es einem H.elden''zierrit, sah. er mjr in die Augen und fügte Im Ton eines erwachsenen Menschen hinzu:' V ' „Sie glauben, daß, ich .für mich/gearbeitet habe?, Mein : Ehrenwort. Nein.- Mein -Vater ': . : wir sfnd ohne Stückchen Brot und mein Vater, bat solche Wunden, verstehen Sie? Man muß, arbeiten, und zu all'dem Unglück noch sind wir Juden und, al'le spotten über uns.. Auf Wiedersehen!" . '., ' Er sprach's mit einem Lächeln, fröhlich und muti^ ..... Diese Geschichte ^'t so unbedeutend und •'efofaciv ni'cjjt wahr? '. ')<'? "'■ ..." •' Aber1 mehr als Einmal erinnere ich mich an den Mut d<is: armen jüdischen Kindes; - '■' '' f ": Das Kind stellte in sich ren Mut eines Mannes dar. und keinesfalls die weiche Geduld eines Sklaven, der von nebelhaften Hoffnungen lebt. 1 ,' Der jüdische arme ausgemergelte Knabe stellte dbn MntJeines' starken1 und mächtigem Mannes 'dar, der seines Sieges sicher ist.; ' KQhle*Hflttenkoks OBERS HLESlSCM. ANTHR ACIT ^estISäuscm Quaiitätssorten - Billigst BÄSCH, IV. Ü-46-403 Arsentin erste 32 TWep». u.4i.a87 Ra»a<ti«klton de» KBEEN.Ka JEMETH reicherturn, wenn man die Dekadenz dieses vom Schicksal betroffenen Volkes von heute sieht, nicht imstande, wäre, diese Art jüdischer Kräfte und Energien niederzuringen. Auch ist es ein besonderes Charakteristikum, daß Wien, wo die jüdischen Assimilanten ihre reichsten Früchte hervorgebracht haben, auch die Stadt ist, in der durch TheodorHerzl die Bewegung des politischen Zionismus entstand, und die Stadt eines. Siegmund. Freud, deäsen Wissenschaft und analytische Psychologie, obwohl für alle Menschen gültig, in erster Linie den Keim der Bemühungen seitens des jüdischen Volkes dn sich birgt, sich selbst von den während des Assimilationsprozesses erworbenen Krankheiten zu heilen. Ich bin öfters beschuldigt worden, 'dem ■ Antisemitismus in die Hände zu a r b e i. t e n, und werde neuerdings beschuldigt werden, diesmal das gleiche zu tun. Nun, die Antisemiten starten mit einer un7.weifelhaften Wahrheit* einer Wahrheit, die wir Juden immer geleugnet haben. Wir haben sie geleugnet zu unserem eigenen Schaden und zu unserer eigenen Gefahr -rdie Wahrheit vom Unterschied zwischen Juden und Nicht Juden. Aber der Antisemitismus, wirrköpfig wie er ist. und ausgestattet mit einem starken Minderwertigkeitskomplex,- überträgt diese Erkenntnis vom Unterschied in die Terminologie eines Wertungsbegriffes, die Angst, die Juden könnten sich hierbei als überlegen erweisen, kompensiert er, indem er sie als rassisch inferior hinstellt, und überkompensiert sie Z'ii bitterem Haß, zu Insulten, zu Raub und Mord. Die Richtigkeit dieser Analyse liegt auf der Hand. Der Antisemitismus ist. äußerst gewalttätig, entweder in haibburbarischen Ländern, wie Polen und Rumänien, wo es in der Tat klug und vorteilhaft wäre, die Juden auf wirtschaftlichem und intellektuellem Gebiete als Lehrer wirken zu lassen, oder in der Mitte so großer und reichbeigabter Völker wie der Deutschen, deren tragische Geschichte (ich haibe überaus großes Verständnis für die. ihnen widerfahrene Unbill) zu einer nervösen Ueberbetöntmg sowohl der Vorzüge wie der Defekte geführt hat. Die Franzosen und die Engländer, würdig in dem ungebrochenen Bewußtsein ihrer U eberlege n hei t und Macht, können es vertragen, die Juden in Ihrer Mitte'schaffen zu lassen; ohne sie mit Erbitterung" oder mit'Neid zu verfolgen. : Von der Tölpelhaftigkeit des- Wiener Antisemitismus kann ein Beispiel geliefert werden. Während die Spitzen des österreichischen Staates (die sozialistisch verwaltete Stadt Wien war nicht vertreten. Anm. d. Red.) den Zionlstenkongreß im Kon'zertbaus 1925 willkommen hießen, veranstaltete der antisemitische Mob, nicht ohne von mächtigen Einflüssen inspiriert gewesen zu sein, eine P r o t e s t r e v o 11 e.; Nun, wären die Antisemiten der Welt ernst zu nehmende Menschen, fest in ihrer Ueberzeugung, daß die Juden die .vorhandene Zivilisation in eine fremde Form pressen, würden sie alle leidenschaftlich radikale Zionisten sein und mit dem Judentum, und mit der Maudatarmachtzusammenarbeiten, die Emigration der Juden nach Palästina erleichtern. Aber es Ist der dem Liberalismus und der Humanität zuneigende Nichtjude, der ein Freund des Zionismus ist. Der Antisemit ist eine arme, blinde, gechlagene Kreatur, die anheimgegeben ist dem mythischen Wahn, daß der Stock, mit dem er geschlagen, nicht in seinen Sünden und in seiner Seele' oder selbst in seinem Mißgeschick, sondern in den Händen der Juden liegt. Die Frage der geistigen und der gesellschaftlichen Haltung meiner Wiener' Freunde machte mir nicht viel aktives Bemühen. Aber immer bestand im Hintergrund eine leichte psychologische Schwierigkeit. Diese Situation richtig zu beurteilen, müßte man, glaube ich. in ihr geboren sein. Ich war gezwungen, zu fühlen, daß z, B. Schnitzlers Schöpfung seines: speziellen Wien, ohne Zweifel in der Wirklichkeit'fest begründet, ein defensiver, jüdischer Traum und eine Wunscherfüllung sei . . . Ich wilj nicht die Terminologie der Psychoanalyse zu sehr verwenden, aber in Fällen gleich diesen, stellt sie präzise, und geschlossen die Operationen des Geiste^, hauptsächlich, des schöpferischen Geistes, dar. Nicht anders konnte ich in allen FäfJen diesen soiignierten, ein bißchen humoTfreien älteren Herrn mit seiner eher harten und unbiegsamen, NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE MODERNE . LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE. M, RATH W II N, II., TABORSTRA SSI Nr. 30a TEL.: R-43-1-53. ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAI HA UND JUDAIKAI MONATSGEBUHR NUR S 3 - KEINE BANDOEBÜHRl TÄGLICHER UMTAUSCH!

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