Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 62 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711677--0819-2713990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 62 Dlfi NEUE WELT Seilea Brief aus Polen. ÜBER DIE „HOHE BRÜCKE* FÜHRT DER WEG ZUM GLÜCKE KAUFT KLASSENLOSE BEI DER GLÜCKSTE LLE STEIN \WEN-I-WIPPLINGERSTRASSE 21 AN DER »HOHEN BROCKE« Von unserem Warschauer N.-R.-Berichterstatter. In den letzten Tagen fand hier die Jahresversammlung des Vereines j ü d i s c <h e r K a u fleute in Warschau statt. Es ist dies die älteste und bedeutendste wirtschaftliche Organisation der Juden des Landes. In dieser Versammlung führte der Direktor Ing. M. Seidenmann unter anderem aus, daß die Organisation an den ganz traurigen Verhältnissen nichts ändern kann, da sie abhängig sind von einem Prozeß, der seit Jahren vor sich geht. Die jüdische Kaufmannschaft ist nicht imstande, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Es ist dies der Prozeß der Schaffung eines politisch-christlichen dritten Standes, der von allen Kreisen der polnischen Gesellschaft begünstigt und unterstützt wird. Auch die polnische Regierung will und kann, sich ahm nicht entgegenstellen. Vor vier Jahren haben die Juden noch etwa 70 Prozent im Handel und in der Industrie ausgemacht; seither hat sich dieser Prozentsatz drohend verkleinert. Dieser ökonomische Prozeß hat zur Folge das permanente Wachsen der jüdischen Arbeitslosen; Erscheinungen dieses Prozesses sind die Entwicklung der polnischen Kooperativen und die Gesetze zur Stärkung des polnischen Mittelstandes. Auch die letzte Sitzung des jüdischen Parlamentsklubs stand dm Zeichen der sich immer mehr zur Katastrophe entwickelnden wirtschaftlichen Lage der Juden Polens. Einen um so traurigeren Eindruck mußte der Fortbetstand der Uneinigkeit der jüdisch-parlamentarischen Vertreter erwecken. Es bedurfte einer einstündigen Ausoinanersetzung er ostgalizischen Abgeordneten mit dem Abgeordneten Farbstein, bis es zur formellen Eröffnung der Beratung ikommen konnte. In der Sitzung berichtete zunächst Abgeordneter Grünbaum über die Tätigkeit d>es Präsidiums während der Parlamentsferien. Gelegentlich der Aufstellung des neuen Budgets war er bestrebt, eine zumindest teilweise Berücksichtigung der jüdischen Forderungen zu erlangen, jedoch ohne Erfolg. Bei einem Budget von zwei Milliarden Zioty machen die Ausgaben für jüdische Zwecke 500.000 Zloty aus. Die bekannten Verhandlungen des Dichters Schalom Asch mit der Regierung sind ohne Zutun des Jüdischen Klubs vor sich gegangen. Asch hat den Präsidenten von dem Verlauf in Kenntnis gesetzt. Das Präsidium hat in Zuschriften an die Ressortminister und an den Ministerpräsidenten die jüdischen Forderungen und die jüdische Lage dargelegt. Das Verhältnis des Jüdischen Klubs zur Regierung ist bisher noch kein ablehnendes, — dies ging auch aus dem Verhalten bei der letzten Budgetdebatte hervor, obzwar der Klub wegen der Mißachtung der jüdischen Forderungen gegen das Budget gestimmt hat. In der Debatte versuchten die ostgalizischen Abgeordneten, vor allem Dr. Reich, den Klub zu überzeugen, daß Abgeordneter Grünbaum als Präsident des Klubs, der Schöpfer und Führer des Minoritätenblocks ein Hindernis für eine Aenderung der Beziehungen der jüdischparlamentarischen Vertretung zur Regierung sei. Ein jüdischer Knabe. Erzählung von Maxim G o r k i. Die 'kleine Geschichte, die ich euch hier erzählen werde, ist so einfach, daß es schwer ist, sie wiederzugeben. Als ich noch ein junger Mann war, pflegte ich jeden Sonntag im Frühjahr und im Sommer die Kinder unserer Gasse zusammenzubringen und sie frühmorgens noch ins Feld, in den Wald zu 'führen. Die Kinder waren froh, die staubigen und engen Gassen der Stadt zu verlassen. Ihre Mütter gaben ihnen Brot mit, ich kaufte eine schmackhafte Speise, nahm eine Flasche Apfellmost .und ging wie ein Hirt neben den jungen sorglosen Schäfchen durch die Stadt über die Felder bis zum Wald, der schön und lockend ist in seinem Frühlingskleid. Wir pflegten fast immer frühmorgens die Stadt zu Verlassen, wenn die Kirchenglocken das Voflk zum Gottesdienst riefen. Wir wurden von Glockenklängen begleitet, wie wir durch die Staubwolken gingen, die mit ihren flinken Beinen die Kinder aufwirbelten. Im heißen Mittag, wenn sie vom Spielen müde geworden waren, versammelten sich meine jungen Meinen Freunde mitten im Wald auf einem grünen Hügel, und sobald sie etwas zu sich genommen hatten, schliefen die Kleineren im Grase unter dem Schatten von Nuß- und Eichenbäumchen ein, und die zehnjährigen Rangen setzten sich eng um mich herum und baten, ihnen etwas zu erzählen. Und ich erzählte und plauderte mit ihnen so gern, wie sie mit mir plauderten. Und sehr oft, trotz meines jugendlichen Selbstvertrauens und des lächerlichen Stolzes über die nichtige Bekanntschaft mit dem Leben, wie das jedes jungen Mannes * Die ostgalizischen Abgeordneten wären mit Rücksicht auf i die fast tragische Lage des polnischen Judentums für den Versuch einer Annäherung zur Regierung im Wege von Verhandlungen und Entgegenkommen. Alle anderen Abgeordneten und Senatoren, auch der ostgaldzische Abgeordnete Heller (Hitachdut), somit die überwiegende Majorität, traten für den von Abgeordneten Grünbaum vertretenen Staandpunkt ein. Der Beschluß des Klubs, Grün bäum zum Redner in der Budgetdebatte zu bestimmen, weist bereits darauf hin, daß die Majorität hinter dem Präsidenten, seinem Programm, seinen Methoden u n d seiner Taktik steht. Herr Grünbaum hat inzwischen in die Budgetdebatte mit einer viel beachteten Rede eingegriffen. Leib jaffe in Polen. Der Direktor des Keren Hajessod, Herr Leib Jaffe, weilt seit einiger Zeit in Polen, um die Sammlungen zu organisieren. Er bemüht sich'auch, die führenden Persönlichkeiten über den Aufbau Palästinas zu unterrichten. So wurde er vom Präsidenten der Republik, Professor Moscicki, Innenminister Skladkowski, Sejmmarschall D a s z y n s k i, Senatsmarschall S z y m anowski empfangen. Schließlich wurde Herr Jaffe am 15. d. M. vom Ministerpräsidenten Professor B a r t e I empfangen, der ihm erklärte: „W i r haben ein tiefes Verständnis für Ih>re Sache, wir wünschen ihr Erfolg. Ich versichere Sie unserer Sympathie und unserer Bereitwilligkeit zu einer aktiven H i I f e f ü r die W i e d e .r a u fbauarbeit in Palästina." Herr Jaffe besuchte ferner den Präsidenten der Stadt Warschau, Ingenieur Sl'onimski, der im Laufe der Unterredung folgendes erklärte „Wir haben Warschau erhalten als Erbschaft von den Feinden, wir müssen alles Art ist, trotz alldem fühlte ich mich wie ein zwanzigjähriges Kind unter alten und erfahrenen Weisen. Ueber uns die klare Decke des reinen und frisphen Himmels, vor uns die verschiedenartigen Bäume, die wie Wissende schweigen, und wenn dann und wann ein leiser Wind geht, hört man stilles Rüstern, es zittern die duftigen Schatten des grünen Waldes und liebkosen die Seele mit mütterlicher Zärtlichkeit. Weiße Wolken schwimmen langsam unter blauem Himmel; von der Erde her, die von der Sonne angewärmt ist, glaubt man, der Himmel sei kalt und versteht nicht, wieso die Wolken dort oben zerrinnen. Und um mich herum kleine Menschlein, gute Menschlein, die in die Welt gesetzt wurden, damit sie von allen Freuden und Leiden des Lebens genießen. Jene Tage waren meine guten Tage, wahre Feiertage, und meine Seele, die vom Wissen um das Böse in der Wirklichkeit schon genug geschlagen war, wurde aufgefrischt und gestärkt von der hellen Klugheit der kindlichen Gedanken und Gefühle. Einmal, afls ich von der Stadt mit der ganzen Kinderschar hinaus ins Feld ging, wuchs uns gegenüber wie aus der Erde ein unbekannter jüdischer Knabe hervor, barfuß, mit zerrissenem Hemdchen, mit schwarzen Augenbrauen, mager, und mit Kraushaar wie ein junges Schäfchen. Der Junge war sonderbar aufgeregt und es war zu merken, daß er nicht lange vorher geweint habe. Die mattschwarzen Augenbrauen waren geschwollen und rot, so daß sie in seinem hungrigen Gesicht, das so blaß und grünlich war, scharf hervorstachen, Auf eine ganze Kinderschar gestoßen, pflanzte er sich mitten im Wege auf, grub seine Füße tief in den Staub ein, der noch vom frühen Morgen kalt war, die finsteren Lippen seines roten Mundes waren vor Schreck halb offen und in einem Nu war er mit leichtem Sprung auf dem Gehsteig. umbauen. Dasselbe müssen Sie auch in Palästina tun, da es auf Sie fällt', das Vaterland von neuem aufzubauen." Antijüdische Exzesse in Posen. Schaufenster zerstört, ein Laden ausgeraubt Aus Posen, 11. November, meldet die J. T. A.: Am vergangenen Freitag kam es in Verbindung mit Demonstrationen von Studenten gegen die Einfuhr von Auslandswaren zu sehr, schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Kaufmannschaft und die jüdischen Geschäftsläden. In der Woszna-Gasse wandte sich ein Teil der Demonstranten, hauptsächlich Studenten, gegen die jüdischen Geschäftsläden. Die Demonstranten zerstörten zahlreiche Schaufenster und demolierten einige Geschäftsläden, auch die gesamte Inneneinrichtung. Ein Lade« wurde. ausgeraubt. Der Polizei gelang es nur in einem einzigen Falle, die Täter festzustellen. Die Friedhofsschändungen in Deutschland. Aus Berlin wird gemeldet: Friedhofsschänder haben auf dem israelitischen Friedhof in Harburg große Verwüstungen angerichtet. Sie haben eine große Anzahl Grabsteine umgeworfen und zum Teil zertrümmert. Es handelt sich anscheinend um halbwüchsige Burschen, die bisher nicht ermittelt werden konnten. Auf die Ergreifung der Täter hat die israelitische Gemeinde eine größere Belohnung ausgesetzt. Dies ist der 64. israelitische Friedhof, den die Antisemiten in Deutschland seit November 1923 geschändet haben! Denket an den Winter! "und decket euren Kohlenbedarf schon jetzt bei der "Bestrenommierten Firma Julius Haber. Wien, II., Taborstraße 9. (Siehe auch Inserat, Seite 12.) ' E „Packt ihn", riefen die Kinder im Ohor. „Judenbengel! Packt den Judenbengel!" Ich fühlte, daß er davonlaufen werde. Sein mageres, ausgezehrtes, großäugiges Gesicht sah sehr erschrocken aus, seine Lippen bebten, er stand im Lärm des Spottens und Lachens und spannte sich sonderbar auf, als würde er pötzlich wachsen, und lehnte gleichzeitig den Rücken an den Zaun, die Hände hinten gefaltet. Plötzlich rief er ganz ruhig, deutlich und in richtigem Russisch: „Wenn ihr wollt, werde ich euch Kunststücke zeigen!' , Ich verstand seinen Vorschlag als ein Mittel der Selbstverteidigung und die Kinder waren von diesem Vorschlag so betroffen, daß sie auf einmal von ihm ließen, nur die Aelteren und Frecheren blickten voll Mißgunst auf den jüdischen Knaben. Unsere Gasse war stets unfreundlich zu den Kindern der arideren Gassen. Unsere Kinder waren von ihrem höheren Rang über die Kinder der anderen Gassen fest überzeugt und duldeten ungern die Rechte der anderen Kinder, Die ganz Kleinen aber verhielten sich zu dem Vorschlag ganz anders. „Zeig deine Kunststücke", riefen sie. * Das schöne magere jüdische 'Kind ging vom Zaun weg, krümmte seinen Körper wieder ein, berührte mit den auf dem Rücken gefalteten Händen die Erde, riß die^ Füße nach oben, stellte sich alsogleich auf die Hände und begann sich leicht und rasch auf seinen Händen zu drehen. Durch die Risse seines Hemdes und seiner Hose blickte die blaue Haut seines zarten und mageren Körpers durch und die dünnen Knochen seiner Hände traten hervor. Er bog sich so sohneil und so stark nach verschiedenen Richtungen, daß man glaubt«, seine Knochen müßten unter der dünnen Haut, in die sie eingehüRt WIMPASSING Schneeschuh bietet Schutz Vor Regen, Schnee und Straijenschmutz \