Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 61 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 6! OTEL CONTINENTAL Hill WIEN, II., PRATERST RASSE 7 (neben Schwedenbrücke 200 Zimmer, modernst eingerichtet Erstklassige Küche Maßige Preise Zwei Typen. Friedrich Ausferlitz kämpft mit Gott. — Ernst Lissauer nnd Josef Speckbacher. Ein Zionismus, welcher den Juden nur Land, Sprache und politische Organisation zu geben trachtet, wäre Stückwerk. Der Zionismus muß den Juden mehr geben. Vor allem ruhige Würde und stolze Bescheidenheit, jene Eigenschaften, welche die jüdischen Menschen unter dem Drucke jahrtausendelanger Verfolger und erniedrigender, schmachvoller Behandlung vielfach verloren haben. Das Leben im Ghetto und auf der Flucht vor der blutgierigen Meute hat den Juden genötigt, sich einmal klein zu machen, zu verstecken, in der Menge unterzutauchen, ihr gleich zu scheinen, sich hinten zu halten, dann wieder rücksichtslos vorwärts zu drängen, rücksichtslos der Gunst des Augenblickes entgegen zu stürmen, vorne zu sein vor allen anderen und tun jeden Preis. Unter solchen Bedingungen mußten ruhige Würde und stolze Bescheidenheit verkümmern, selten werden. Das ist der Nährboden, auf welchem kriecherische Selbstverleugnung wuchern, iincl zynische Vordringlichkeit in die Höhe schießen kann, Durch Blut und Schmutz hat das Schicksal das jüdische Volk geschleift und hat dem Judenantlitz den Stempel der Sklaverei aufgeprägt. Wer die Wirksamkeit gewisser jüdischer Führer und Fahnenträger im politischen, geistigen und gesellschaftlichen Leben verfolgt, dem leuchtet dieses Zeichen oft und grell entgegen, das Zeichen zynischer Aeußerlichkeit und sklavischer Innerlichkeit. * Im österreichischen Parlamente wurde in der vergangenen Woche eine Debatte abgeführt, die einiges Aufsehen erregte. Hauptredner war .ein jüdischer Führer der österreichischen Sozialdemokratie und Chefredakteur ihres Hauptblattes, Friedrich .A u s t e r 1 i t z. Es ging darum, ob die wegen G o,t t e s 1 ä s t e r u n g verurteilten Personen in die Begnadigung politischer Sträflinge, welche anläßlich der Zehnjahrfeier der Republik verfügt wurde, einbezogen werden sollen oder nicht. Die österreichischen Freidenker forderten — und von ihrem Standpunkte aus mit vollem Rechte — die Einbeziehung. Aüsterlitz .verfocht die Forderung der Freidenker. Zum besseren Verständnis sei bemerkt, * daß dazu wohl eine gewisse Ueberzeugung gehört, aber bestimmt kein außerordentlicher Mut. In Wien werden Ketzer nicht verbrannt. Die Freidenkergruppe: ist in Oesterreich eine mächtige, von Erfolg zu Erfolg schreitende Organisation, sie ist heute ein bestimmender Faktor im Staate. Wer ihr dient, dient einem großen Herrn, wer mit ihr is,t, sdiwfmmt nicht gegen den Strom, er schwimmt mit dem Strome. Aüsterlitz Hätte sich darauf beschränken; können, die Argumente dieser großen Gruppe fest" und eindeutig zum Ausdruck zu bringen. Aber damit begnügt sich eine losgelassene Sklavenseele nichtl Aüsterlitz begann mit dem Gotte der anderen anzubinden, er begann diesen Gott zu hänseln. Was ist das für ein Gott, der den Schutz des Strafgesetzes braucht? Als der Präsident des Parlamentes, ein katholischer Lehrer.. ihn zur Mäßigung ermahnte, antwortete der Spaßmacher: „Was wollen Sie? Ich habe den lieben Gott aus dem Strafgesetz in den Himmel versetzt!" So gaukelte und witzelte der grauhaarige Politiker, der Jude, der den anderen immer voraus sein will, sei es auch nur um drei billige, schlechte Jahrmarktsscherze. Eisig schwiegen seine Genossen, und von den Bänken der anderen, der Bauern, Lehrer, Priester und Beamten; stieg feindselige Verachtung auf. Sie hatten vom heutigen Judentum wieder einmal das Häßliche gesehen. * Sanson, der Henker der französischen Revolution, erzählt in seinen Tagebüchern von einem seiner Gehilfen, einem g^nz Übeln Gesellen. Er behing sich mit bunten Fetzen und tänzelte vor und auf dem Karren, welcher die Verurteilten zur Hinrichtung brachte. Er sang Spottlieder, schnitt Grimassen, warf die abgeschlagenen, Köpfe in die Höhe und tat alles, was die Opfer beleidigen und der Laune der Schaulustigen dienen konnte. Als die Stimmung umschlug und die Zeiten milder wurden, verschwand der Geselle. Er hatte Namen und Kleid gewechselt und lebte irgendwo, als ruhiger, ehrsamer, für milde Ordnung begeisterter Spießer, wie es die Zeit nun yerlangte. — Aüsterlitz tänzelt vor dem Karren, auf welchem die Freidenker Gott zur Richtstnit führen. Man trifft diese jüdischen Vortänzer überall. Jetzt ist wieder einer in Berlin aufgetaucht, Ernst Lissauer, der Sänger des einst viel gekannten und viel veraditeten „Haßgesang gegen England!" Als zu Kriegsbeginn die von den Drahtziehern angefachte Kampfwut de.« deutschen Volkes aufloderte, da machte sich dieser Berliner jüdische Feuilletonschreiber ein literarisches Geschäft daraus. Er unternahm es, teutonischer zu wüten, als der teutonischeste aller Teutonen. Er schrieb ein Gedicht, das die Ausrottung des letzten Engländers als heilige Pflicht anpreist und im Refrain erbarmnislose Vernichtung ausschreit. Ein Machwerk, zu schlecht, um von schmierigen Soldatenstiefeln zertreten zu werden. Aber es. fand Gnade vor den Augen der damals allmächtigen Kriegshetzer, welche um des Haßgesanges willen dem Lissauer sein Judentum verziehen. Dann kam der Zusammenbruch, das englische Pfund stieg und man begann wieder'mit seinen „englischen Freunden" zu prahlen. Da wurde dem Lissauer, dem arbeitslos gewordenen 'Vortänzer der deutschen Kriegsfurie, übel zu. Mute. Er begann in den Zeitungen zu winseln und seinen berühmten „Haßgesang" als Verirrung reuevoll zu verfluchen, aber seine Gönner von früher wiesen ihm die Tür. Für sie ist er wieder der jüdische Sdiädliug der deutschen Literatur, der fremde Eindringling. Dodi Lissauer will wieder deutscher Diditer sein, von seinen teutonischen Freunden anerkannt werden und ruft gerade jetzt aus, daß er das Lassen Sie sich durch die Reklame nicht verwirren und verwenden Sie nur allein die ärztlich empfohlene, erfrischend wirkende Zahnpasta, Mundwasser, Zahnbürste Nur echt in gelb-roter Originalpackung mit der Gar an tiemarke Doktorhut. In allen besseren Apotheken, Drogerien und Parfümcrien erhältlich. Mittel hiezu erwisdif liat. In seinem soeben erschienenen „Reisetagebuch" jubelt1 er über einem von ihm-gemachten', wichtigen Bilderfund. Er hat in Tirol ein zeitgenössisches Bildnis 'des Generalstabschefs des Bauern hei den Andreas Höf er, ein Bild des Josef Spe'ekbacher entdeckt; 'lind dieses Bild zeigt nidit etwa/ künstlerische Qualitäten, sondern etwas, was für Lissauer viel mehr. Wert ist, es zeigt „eine scharfe Nase, rabenschwarzes Haar und sdima] geschnittene semitische Gesichtszüge!" Freudig schreibt Lissauer: „Er sieht aus, wie ein j ü d i s c h e r M a j o r." Wenn also1 Speckbacher, der ein Deutscher ist, ähnlich aussieht wie Lissauer, nämlich jüdisch, so ist doch sonnenklar, daß auch Lissauer ein echter Deutscher' ist. Stolz und tiefsinnig erklärt er in seinem Buche: „Mehr als je erkennt man die Unbestimmtheit unserer Einsicht in die Probleme von Rasse und Stamm; immer mehr erkennt man die Volkheit begründende Kraft, die Sprache,' immer mehr wird man also in dem Vorsatz bestärkt, als Sdiriftsteller deutscher Sprache , und jüdischer Herkunft sich durch „Völkische" — germanische oder zionistische — im eigenen Gefühl der Volkheit nicht beirren zu lassen." Er läßt sich nicht mehr hinauswerfen aus dem teutschon Dichterwakl Er hat die Nase cleg Speckr bachers erwischt und hält sich daran fest. Der Mann hat Charakter, Die Nase des Speckbacher hat ihm seine deutsche „Volkheit" wiedergegeben. * ■ : Spicher Vor- und Nachläufer, wie Aüsterlitz und Lissauer, gibt es leider viele. Man findet sie da und dort, Produkte eines kranken Volks* körpers. Man soll an ihnen nicht vorbeischauen. Man kann an ihnen lernen. Ihr Anblick lehrt, wie wichtig es ist, de» Juden wieder ruhige Würde und stolze Bescheidenheit beizubringen. r. st. pilllllllllllilllllllllllllll^ I Verband radikaler Ziohhlcn | H Mittwoch, den 21. November 1928 um V»9 Uhr [ gs abends im ü 1 Catä Produktenbörse (Klubsaal) § Ü . .Ii.. Taborsüaße 10 |f | Vers ammlun g | =2 Gegenstand:'; g § Die wichtigsten Vorgange im Judentum i § und Zionismus §§ H Referent: Oberbaurat Robert Sirfctor || §§ Freie Aussprache Üästc willkommen! §§ I hämorrhoiden sind heilbar! wenn Sie H3 i 111313H ~ Salt39 UOÖ ZäpftflEIl verwenden^ Keine Schmerzen I Kein« Blutungen I aathaus-Apotheke, Wien, l.f ftatnautstrafte 3 <> in allen Apotheken erhältlich) ^»•»»»♦»♦»♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦»»»»♦»♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦»»♦»»♦»»»»»»f Das Moskauer jüdisch^ akademische Theater in Noten. Es Ist nicht »revolutionär" genug. — Der verhängnisvolle Versöhnungstag. (J. T. A.) Die jiddisch-kommunistische Zeitung „E m e ß" teilt mit, daß es dem von Granowsky geleiteten Moskauer Jüdischen Akademischen Theater verboten worden ist, sich auf eine Tournee nach den Vereinigten Staäten zu begeben. Dieses Theater, fügt die Zeitung hinzu, sei für das Ausland nicht revolutionär genug, das Ensemble muß :nach Moskau zurückkehren, um sich richtig zu proletarisieren, bevor es wieder nach dem Ausland gehen könne. „Emeß" weiß ferner mitzuteilen, daß das Granowsky-Theatcr dem' Kunsfrkommissariat mitgeteilt hat, es sei bereit, nach Rußland zurückzukehren, wenn ihm die Reisespesen vorher gesandt werden. Das mit viel und geschickter Reklame von den Moskauer Machthaibern in die Welt gesendete jüdische Oratio w s k y - T h e a t er hat in Wien kein Glück gehabt. Wien wurde gewissermaßen sein Verhängnis. In '.Berlin und anderen deutschen Städten, wo es Mbde ist, alles Rtissisehe als höchste Kunst zu werten, gelang der Schwindel -und das Publikum nahm etwas als jüdische Kunst, was in Wirklichkeit grobe Agitation gegen alles Jüdische und für den Bolschewismus ist. Durch akrobatische Tänze und Dressurstückchen ließ sich das deutsche Publi'kum täuschen. In Wien, wo der bessere Geschmack des Publikums hoch nicht ganz zertört ist, fiel Granowsky trotz ungeheurer Reklame ab. Aber auch in anderer Hinsicht hatte 'er Pech. Er wagte es nicht, am j ü d i sehen Versöhn u n g stage zu spielen, obzwar er und seine Leute doch kontraktlich verpflichtet, sind,, jüdische Sitten und Gebräuche zu verhöhnen und herabzusetzen. Wird doch in Rußland seitens der "jüdischen Bolschewiken speziell der Versöhnungstag'dazu' benützt, um gegen das; Judentum zu demonstrieren. Man veranstaltet Protestmeetings und Festessen; In Wien hatte Granowsky getreu dieser Ueber^ Iicferimg für den Vorabend des VerscWinungstages eine seiner Possen auf den Spielplan gesetzt; Im letzten Augenf Micke aber verlor er den Mtit zu dieser Herausforderung -r um so mehr, als er in der jüdischen Leopoldstadt spielte — und die Vqr$teHnrigiWii(;rd nacjöjHittags verschoben nnd endete "Vor ^giriri ^dies Feie?täges. Aber dieses .'.reaktionäre■'• Verbrechen" .wurde Von jüdisch-kom* rnunist-ischer Seite lind, wie das-Gerücht geht-; von Seiten; der Sowj'e t V e r t f ö t ü n g in Wien" sofortnach Moskau berichtet. Von-diesem'Augenblick an brach die Ungnade Moskaus über Granowsky herein. ' : Die gnädige Moskauer Regierung. Moskau, 9. November. (J. T. A.) Ein in Moskau wohnhafter Chäluz hat soeben von der Sowjetbehörde einen auf P a I ä s t i n a als Reiseziel lautenden Paß err. halten. Die Regierung hat bereits dem Ansuchen von, 10 verbannten Poale-Zionisten üm Ausfolgung von Pässen nach Palästina stattgegeben. Wie der J.-T.-A.-Vertreter erfährt, werden etwa 50 bis 60 Chaluzim in ganz kurzer Zeit die Reise nach Palästina antreten. In Regierungskreisen besteht die Absicht, allen solchen Oesuchen stattzugeben Von der Jerusalemer;. Regierung sollen 150 Ein reis evisa für die verbannten Chaluzim bereits auf dem Wege nach Moskau sein. * . Zionismus gilt in Rußland als Konterrevolution und Hochverrat. Junge Leute zionistischer Gesinnung wurden bisher in den Kerker geworfen, oder , nach Sibirien .verschleppt. Das System scheint sich nicht bewährt zuhaben und des unliebsamen Aufsehens, das dieses barbarische Vorgehen in der Kültürwelt hervorgerufen hat, nicht wert zu sein. So hat man. sich jetzt entschlossen, die ,,Hoch> Verräter" außer Land zu schaffen, nach Palästina ziehen zu lassen. Diese Lösung ist freudig zu begrüßen. Aber bei den' Moskauer Herren muß man immer rechnen, (laß eis zum Schluß ganz anders kömmt. Moskau und Milde reimen sich nicht Juden als protestantische Pastoren. In Deutschland ist ein Streit entbrannt, der tragikomisch wirkt. Die Hakenkreuzler, welche mit der Haltung der protestantischen Geistlichen nicht canz zufrieden «nd, brachten in ihren B'attern statistische Da en, aus welchen hervorgeht, daß die protestantische Kirche in Deutischland verjudet ist. In Deutschland allein gibt es 600 evangelische Pfarrer jüdischer A b k u n f t. Man kann sich das Entsetzen der gut antisemitischen evangelischen Kirchenbehörde vorstellen.. Sofort wurden Richtigstellungen von „autoritativer" Seite herausgegeben, welche dahin gehen, daß nach genauen Schätzungen auf der ganzen Erde h u r fünfhundert evangelische Pfarrer jüdischer . Abkunft wirken. In ganz1 Deutschland gäbe es nur 18 solcher jüdisch bemakelter Pfarrer, Woher die evangelische Kirchen«