Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 60 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 60 TEL CONTINENTAL WIEN, II., PRATERST RASSE 7 (neben Schwedenbrücke '200 Zimmer, modernst eingerichtet Erstklassige Küche Maßige Preise der Gründung der Agency zu tun? Können diese Ratschläge nicht durch die zionistische Exekutive durchgeführt werden? Muß man eine neue Asency haben, um diese Ratschläge zu verwirklichen? Es ist sehr begreiflich, daß dieses Interview, das außerdem durch Erklärungen von Lord Melchett in Montreal ergänzt und bestätigt wurde, hi Amerika die größte Sensation verursacht hat. Einen Tag nach der Publizierung dieses Interviews brachte d«r „Tog" ein Interview mit Felix Warburg, Jwige Maok und Morrice Rothenberg. Alle erklärten sich außerordentlich überrascht über die Ansichten von Lord Melchett, die sie als unbegreiflich bezeichneten. Ein Dementi dieser Erklärungen Lord Mdchetts ist nicht erfolgt, und es kann kein Zweifel daran bestehen, daß er seinen wirklichen Standpunkt niedergelegt hat. Diese Erklärungen dürfen als der erste Schritt im Prozeß der Zerstörung des Bluffs, der um die erweiterte Agency in den letzten Jahren bewußt oder unbewußt geschaffen wurde, betrachtet werden. Lord Melchett galt immer als einer der wichtigsten Faktoren der kommenden. Agency. Durch sein vernichtendes Urteil über die Erweiterungspolitik hat er, der gewiß nicht aus Gründen der zionistischen Oppositionsparteien dieses Urteil gefällt hat, gezeigt, was von dieser Politik zu erwarten ist. Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß auch die letzte Konferenz der Marshall-Gruppe in New York, über die die offizielle Presse in solch hymnischen Tönen berichtet hat, mitkeinem Wort irgend welche finanzielle Verpflichtungen erwähnt, geschweige denn übernommen hat. Ebenso ist es eine Irreführung der zionistischen Öffentlichkeit, wenn man die Dinge so darstellt, als ob diese Konferenz die Resolutionen der letzten Sitzung des Aktionskomitees angenommen hätte. Das einzige, was sie getan hat, war, daß sie eine Siebenerkommission bevollmächtigt hat, die Differenzen und Gegensätze zwischen dem Bericht der Expertenkommission und der Resolution des Aktionskomitees zu prüfen und — wennn möglich — zu überbrücken. Wie diese Ueberbriickuhg aussehen soll, ist konkret in keinem Punkt mitgeteilt worden, und man darf schon heute mit Sicherheit voraussagen, daß die kommende Sitzung des Aktionskomitees im Dezember vor einer ähnlichen Situation wie die Julisitzung des Aktionskomitees ' stehen wird. In einem Leitartikel „W u n d e r ü ber Wunder" betitelt, drückt der „tog", der die offizielle zionistische Politik verteidigt, seine maßlose Ueberraschung über die Erklärungen von Lord Melchett aus. Diese Ueberraschung wird wahrscheinlich von der Majorität der Zionisten, die die offizielle Politik der Erweiterung der Jewish Agency unterstützt haben, geteilt werden. Leider wird dieses „Wunder über Wunder" nicht die letzte Ueberraschung auf dem Wege dieser illusionistischen Politik sein. Du hast Diamanten und Perlen, Hast alles, was Menschenbegehr, Du hast Ja die schönsten Augen, Dir fehlt nur noch Haher-LikÖr. Aber diese Trauung in der Dorotheergasse bedeutet nur ein unbedeutendes Intermezzo. Die schönen, prunkvollen Bhescbließuriigen finden ja doch nur im Schöße der katholischen Kirche statt. Da lese ich vor einigen Taigen in einer Wiener Tageszeitung: „In Boidapesd; fand gestern die Trauung des Honvedliusarenabenlefutnants Andreas von Tovärdi-Asiboth mit Baronesse Marietta Madarassy- Beck, Tochter des Präsidenten der öng. Escompte- und Wechsflerbank, Baron Marzoll Madarassy-Beck, statt. Den TraunigsaJct vollzog päpstlicher Kämmerer Desider Demeny. Als Trauzeugen fungierten Honve^dminister Karl Graf Csäky und Dr. Aurel v. Dobay." Das muß aber eine pickfeine Hochzeit gewesen sein! Päpstlicher Kämmerer, ungarischer Hochadel . . . Wer ist denn djeser feudale Brautvater? Da mt!ß ich rasch nachsehen. Wo könnte ich das nur erheben? Päpstlicher Kämmerer, ungarischer Hochadel ... Jetot weiß ich schon: ich schlage einfach in der Jewish Encyclapaedia nach. Also B, Ba . . . Baröhes . , . Banich . . . Beaconsfield . . . Bechukkotaj . . . ah, da ist ja dje jüdische Bankienfamilie Beck. Hoffentlich erfährt's nicht Seine Hochwürden der Herr päpstliche Kämmerer!! Sie werden, Gnädigste, richtig vermuten, daß diese Trauung vor allem den gelben Neid der übrigen Zweige der FatniMe Beck erregen muß. W3e kommen sie denn dazu, da zurückzustehen? Sie stehen ja auch in der Jewish Encyolopaedia! Nun höre ich aiber, daß der andere Zweig dem Baron Marzeil zuvorgekommen ist. Baron Juliu« Madarassy-Beck ist vor kurzem auch In der Kirche erschienen, ja sogar in der H e r z J e sti-K i r cjh e zu Budapest, wo er seine brave Tochter unter die Chol . . nein zum Altar geführt hat. Und sein Schwiegersohn ist auch noch ein Baron dazu, ei« echter arischer Baron: Leopold Freiherr von Haoupt-Stummer. Soll ich's fortsetzen, Hebe *»ädi#e Frau? Ich lasse es lieber, sonst wird mir übel angesicht« so vieler Wiirdelosigkeit . . , Ihr ergebener loratow Leu tu 4, Julius Rosenwald tritt nicht In die Jewish Agency ein. New York. Im Zusammenhange mit der Anwesenheil Weidmanns in Amerika und der Agency-Konfereruz der Nichtzn'onisten wurden verschiedene der reichsten Juden befragt, o<b sie nun bereit seien, am palästinensischen Aufbauwerke aktiven Anteil zu nehmen, das heißt Geld herzugeben. Zuerst wandte man sich an den bekannten Chikagoer Millionär und Philanthropen Julius Rosenwald, welcher bis jetzt über 20 Millionen Dollar für die Neger, viele Millionen für lokale jüdische Zwecke und erst kürzlich 5 Millionen Dollar für die verunglückte Judenkolonisation der Bolschewiken in der Krim hergegeben hat. Er erklärte Vertretern der Presse, er werde nicht in die Jewish Agency eintreten, er stimme mit Bezug auf Palästina mit den Herren Louis Marshall und Felix M. Warburg nicht überein. Er könne sich nicht zu dem Glauiben bekehren, daß man mit Hilfsgeldern eine Immigration machen könne. Mit dem Gelde, mit Welchem man in Palästina eine einzige Fami 11e ansiedelt, köftnlö man in Rußland fünf Familien helfen. Diö Pressevertreter stallten an Herrn Rösenwald die Frage, was "«■-»»«»r—«t* •*Tff'TifrtttTitrffiTfrtitimitiimmmt» Zahnpasta Mundwasser. Zahnbürste alfei l trägt die Garantietnaike .Doktorhut* u. Ist ärztlich empiohlen illIHMIBIWmnimwwUMIlMIMIWMMIIMMMIWWI z. B. mit den Juden in Polen und in anderen Ländern, in denen die jüdische Bevölkerung wirtschaftlich entwurzelt wird, .geschehen solle. Herr Julius Rosenwald erwiderte: Wenn die polnische Regierung Sledlungsland aar"-Verfügung stellen und eine jüdische Kolonisation auch sonstwie unterstützen würde, dann würde man für die polnischen Juden eine Atifbauaktiort ähnlich v/ie *n Rußland durchführen. * Aus diesen AeußeriMigenist zii ersehen, daß es Weidmann und den amerikairischen Ziouisteti nicht gelungen ist, in der amerikanischen Judenschaft das Gefühl zu erwecken, daß die Mitarbeit am Aufbau des jüdischen National hefme-s jüdische Pflicht ist. Der Palästina- Aufbau wird weiterhin als eine der vielen Wohltätigkeitsangelegenheiten angesehen, die man nach Belieben annehmen oder verwerfen'kann. Ein Bebakender Judenassimilauten. Zum Zusammenbruch des, Sozialdemokratischen ■> KunststelleiTheatersi Wien ist 'm sehr.1 v^rwdh'irt' mit 'tflieaWzusammeaibrii'cheflr,'' ä'|s' daß ein rieuer Fall ihm Sensations- ' lieugierde a'bgewinneTi könnte. Auch die Plötzlichkeit des Debakels im Wiener Carl-Theater wäre kein Motiv für das 'besondere Interesse, das man in allen Intellektiualkreisen dem jüngsten Theaterkraeh entgegenbringt. Die Gründe liegen tiefer: Sie liegen in-den politi sc Ii e n Zw s a m in e n \ ä n % e n. Nach den Eminziationen der sozialdemokratischen und der mit ihr liebäugelnden Presse sollte unter der Führung der sözialdemokratisclien Kunststelle eine Bühne fürs Volk, fürs Proletariat geschaffen werden. Was soviel »bedeutet wie die Rationierung von Kulturgenüssen durch die Kunststelle, die allein berufen ist, das Proletariat Wiens durch „Kunst" zu erziehen. Zwar besaß diese Künststelle Abschlüsse mit anderen Theatern, mit Bourgeoistheatern reinsten Wassers, in denen an-austrobourgeoisen Genüssen, vom „Auto Wildling" bis zum „Garten Eden" alles zu haben war, aber — .wir brauchen eine Volksbühne eine Stätte, von der der Geist der neuen Zeit hera'bweht; mit-einer fertigen Weltanschauung, die gegen die bürgerliche, gegen den Naturalismus gerichtet ist! Nieder mit der Weltanschauung der Bourgeoisie, hoch die Fahne der — Kunststelle. Zunächst geschah ein geographischer Mißgriff. Qr.. David Bach, der portefeuillose Minister für Kultus, Unterricht, Musikfeste und Tlieaternlederlagen für Wien, pflanzte ein zartes Bäumlein mitten hinein in einen Bezirk, von dem;er erwartete, daß er sturmreif sei und ließ dort Lenins röte Fahnen flattern und den sozialdemokratischen Sprechchor fuchteln, wie wenn er zu Hause wäre. Die jüdischen Kleinbürger wären dazu aiisersehen, die Spannung, die sich aus dem normalen und dem Kunststelle-Billettpreis ergab, auszugleichen und siehe — sie taten nicht mit. Sie ließen sich zu Versammlungen treiben, sie ließen sich in den schönen Autos der Stadträte zur Wahlurne bringen, aber die. Freuden fürs Höfcz. *^ beim fflllMIIIII III I WilliI.....IfljMjaWM^M^MPH^ NEUERÖFFNE I E REICHHALTIGE MOÜFRNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN, II., TA BOR $ VR AS* B Nr. 20 a TE.U.: R-13-1-58. ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HSBRAIHA UNO JUOAIKAI MONATSGEBUHR NUR S 3 - KEINE. BANDQEBÜHR! TÄGLICHER. UMTAUSCH 1 Hämorrhoiden sindheil&ari i: t wenn Sie 111131311-* OIül l^ltM verwenden * keine Schmerzen I Keine Blutungen! Rathaus*Apotheke, Wien, I., Rat ausstraBe3 in allen Apo haken erhältlich i eisernen Rathausmann — wählten sie sich selber. Das Kunststeile-Theater in den 10. Bezirk, das Amalienbad in die Leopoldstadt — wäre vielleicht eine bessere Chance gewesen. Der Gedanke, eine Volksbühne für die — L e o p o 1 d s tä d t e r Juden zu errichten, war ein Inflationsgedanke, eine Idee aus jenen Tagen, da der kleine Mann von Wien, rat-, existenz- und führerlos sich von den Schlagwörtern treiben ließ, die der Wiener Machtfaktor, das Rathaus, von sich gab, zu dem sich aHes, was wirtschaftlich und intellektuell schwach war, wie zu einem Magnet angezogen fühlte. Diese Inflationspsychose ist vorbei. Zwar schreibt post festum die „Arbeiter-Zeitung", man müsse dem Proletariat etwas Geistiges bieten und selbst die schmierigste Operette, der blödeste Possenkitsch sei besser als das Wirtshaus, aber das Proletariat sagte sich, das schlechteste Wirtshaus sei besser als das Bach-Theater; denn Proletarier hat man im Carl-Theater nicht gesehen. Diese waren klug genug, sich an ihren Vorortebühnen an bourgeoiser Kost zu delektieren. Ein „Direktor" wurde gebraucht und mau fand ihn in der Person des Bürgers Emil Berisch aus Brünn. Er hatte keinen Namen als Bühnenleiter, er hatte kein Geld, er hatte kein Recht, das Repertoire zu bestimmen, er hatte keine Regiefunktionen. Er hatte nur die Pflicht, da zu sein, und dem Dr. Bach zu dienen, der heute nicht genug Kübel Unflat hat. um den armen Verkrachten zu besudeln. Berisch rechnete mit der Macht der Künststelle, Bach rechnete mit dem Geld des Berisch, beide rechneten so lange, bis das zu keinem Experiment zu verleitende Wiener Publikum einen Strich durch die Rechnungen (hauptsächlich die unbeglichenen) machte. Und jetzt soll der Erzbourgeois, das rote Tuch, Hubert Marischka. kommen, um den Wienern den Glauben an Backhendel und Gurkensalat wiederzubringen. Und noch ein dritter Mann ist da, der in dieser unangenehmen politisch-ästhetischen Sphäre zum Objekt von Angriffen gemacht wird: Ludwig Stärk, der Präsident des Deutschösterreichi'Schen Bühneuvereines. Er muß sich sagen lassen, daß er bei der KoTizessionserteilung an Berisch sehr large vorgegangen, sei, ja sogar . den Vorwurf.einstecken,^ seine Frau hätte nur 'unter dem Glanz seiher Präsidentschaftssonne' einen Jahresvertrags mit dem Carl-Theater erhalten. So regnet es Vorwürfe von und nach allen Seiten und immer ist der — Jud schuld. Diesmal wieder einmal 'besteht dies geflügelte Wort zu Recht. Drei jüdische Assimilanten, Bach, Berisch, Stärk, taten sich zusammen, um eine „Weltanschauung" aufzupflanzen, dem Wiener Publikum ein Theater zu geben, das es wie einen Bissen Brot brauche, die große, echte, proletarische Volksbühne, ah der es gesunden soll. Die starke Wiener Tradition, das feine Kulturgefühl besonders in Dingen des Theaters aber lehnte die Vergewaltigungsversuche der drei jüdischen Assimilanten ab, die sich angemaßt haben, einer Stadt die Richtung vorzuschreiben. Das Assimilationsjudentum, 'das wieder einmal den -Versuch gemacht hat, dem Volk, unter dem es.lebt, seinen korrumpierten Geschmack zu oktroyieren, hat die typische Niederlage' erlitten. Die Eroberung der Leopöldstadt durch die Heerscharen der sozialdemokratischen Künststelle wurde unter falschen Voraussetzungen unternommen. Sie Ist mißglückt. Das Unternehmen war ebenso verwegen, wie es der Versuch ist, die Judengemeinde auf dem Wege über die „werktätigen Juden" zu erobern. Was suchen die Sozialdemokraten, die Freidenker, die Internationalisten in der Wiener Israelitischen Kültusgemeinde? Wollen . sie Herrn Otto Bauer einen guten. Tempelsitz sichern? Oder Herrn Allina billige Mazzoth? Öder Herrn Eisler koscheres Fleisch? Oder Herrn Ellenbogen ein tägliches Minjan? Oder vielleicht Herrn Dr. David Bach einen Nachruf für seine Carl-Theater-Opfer in der neuen Zeremonienhalle? Zwischen der Lüge vom „Proletariertheater" und der Besinnung der „Austrobourgeoisie" war diesmal ein rascher Weg. Auf ihm sind ein paar Judenassimilanten liegen geblieben. So zieht manchmal sogar" eine böse Sache, wie das bedauernswerte Brotloswerden einer braven Schauspielerschar etwas Befreiendes nach sich. o. r. Die aus der Erstlingserzeugung des Österreichischen Tabakregiebetriebes . in München (Gauting) stammenden Virginier-Zigarren, die während der Anlernung der Arbeiterschaft aus billigerem Tabak hergestellt wurden, gelangen ab 5. November I. J. in Oesterreich zum Preise von 14 Groschen per 1 Stück zum Ausverkaufe. Diese Virginier sind zum Unterschiede von den in Oesterreich erzeugteil Zigarren um 20 mm gekürzt worden« E