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Die neue Welt · 1928-11-09 · Heft 60 (9.11.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 60 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Är. 6l tHE NEÜE WELT Sefte*} Die erste Enttäuschung. Der Präs Wem der englischen Zionisten Lord Melchett (Sir Alfred Mond) gegen die Erweiterung der Jewish Agency. —- Weizmann gegen Lord Melchetf. — Die Enttäuschung in Amerika. — Wie Lord Melchett Palästina aufhatten will. — Was in New York beschlossen wurde. ilteber die in Gegenwart Dr. Weizmauns in New York abgehaltene Konferenz der Marshall-Gruppe, das heißt der reichen amerikanischen Nichtzionisten, in 'Angelegenheit der Erweitern»?? der Jewish Agency bat die offizielle zionistische Presse in den überschwenglichsten Ausdrücken berichtet. Die Sache wird als gewaltiger Sieg -der Weizmann- PoHtik dargestellt, so als ob nun der Palästinaaufbau durch Garantien der amerikanischen .'Millionäre gesichert wäre. Wie es hinter den Kulissen der Angelegenheit aussieht, ergibt sich am besten ans der Affäre Lord Melchett, <fie in der arrwrikanisclHrcklischen Presse des Ic-tzten Monats größtes Aufsehen erregt hat. Zunächst hat Lord Melchett •bei seiner Ankunft in Amerika ein Interview gegeben, in dem er erklärt, daß er selbst «och nicht sagen kann, ob er in die Jewish A'gcncy eintreten werde. Er bezweifle überhaupt den Wert dieser A g e n c y und .glaube, daß, wenn sie überhaupt zustande käme, ihre Aufgabe eine rein politische sein könne,, nämlich die Unterstützung der Zionistischen Organisation in ihrer diplomatischen Arbeit. D i e finanzielle Leistung der Kol on i s a tiou jedoch müsse Angelegenheit der Zionistischen Organisation bleibe^ und die erweiterte Agency könne keinesfalls die finanziellen Verpflichtungen der Zionistischen Organisation übernehmen. Die Aufgaben der Expertenkommission, deren Vorsitzender er war, war eine ökonomische und bedingt noch nicht die Notwendigkeit der Schaffung der erweiterten Agency. Das Programm der Expertenkommission müsse voll realisiert werden, doch müsse dies nicht notwendigerweise durch die erweiterte Agency erfolgen, deren Struktur und Funktionen i h-.m voll kommen unklar seien. Entscheidend für die •Entwicklung Palästinas sei im übrigen lediglich che P r i va ri n i ti-at i v e. Schon dieses Interview mutet seltsam an, nach all den großen finanziellen Erwartungen, die man seit Jahren mit der Erweiterung, der Jewish Agency verknüpfte. Kein Wunder, daß die Redaktion des „Tog", in der. das Interview von Mond erschienen ist, in einem Leitartikel mit der Ucberschritt „Was 'bedeutet das?" ihre lebhafte Verwunderung über die Erklärungen von Lord Melchett zum Ausdruck bringt und der .Ansteht ist, daß diese. Erklärungen alle bisherigen Auffassungen Ton der Bedeutung der erweiterten Jewish Agency L üg en s t r af em. Die Zeitung fragt mit Recht: „Was soll es'bedeuten, wie muß man es verstehen?'* Dr. Weizmann, der kurz nach Lord Melchett nach Amerika kam, erklärte auf eine Anfrage, daß ihn diese Erklärungen nicht überraschen. Er sagte: „loh las den Inhalt des Interviews, das Lord Melchett gegeben hat,- und bin nicht erstaunt. Es ist wahr, daß LordMclche'ttfois jetzt gar n i cht z u m E i n t r i t1 - i n die J«wis h Agency eingeladen wurde." Auf die Frage, ob Dr. Weizmann mit der Begrenzimg der Funktionen der erweiterten Agency auf die rein politische Arbeit einverstanden sei, erklärte Dr. Weizmann: ^Ausgeschlossen. Die diplomatische Arbeit für Palästina kann von einer Person geführt werden. Wenn man in die Agency eintritt, muß man die ganze zionistische Arbeit auf sich nehmen. Die Jewish Agency muß der Apparat für alle Seiten der Arbeit werden, die zum Aufbau Palästinas führen soll." Dieser die zionistische Oeffentlichkeit überraschende Standpunkt des Lord Melchett, der bisher als einer der Hanptcxponenten der künftigen Agency angesehen und von offizieller zionistischer Seite als solcher bezeichnet wurde, wurde noch in einer geradezu sensationellen Form durch ein zweites ausführliches Interview bestärkt, das er dem Vertreter des „Tog" in Kanada gab und das am 3. Oktober 192B im „Tog" publiziert wurde. Dieses Interview ist so interessant, daß wir den größten Teil vollinhaltlich wiedergeben. Der (Korrespondent bepichtet: „Es war für mich eine Ueberraschung, von Lord Melchett zu hören, daß er von der zionistischen Arbeit in Palästina nicht sehr begeistert sei. Er halte, sagte er, sehr viel von Weizmann als Person, aber noch mehr halte er von dem Gedanken, daß das Privatkapital in Palästina bisher mehr geleistet hat als die ganze zionistische Arbeit. Nun, bemerkte ich, wenn jetzt die Jewish Agency kommen wird? „Die Jewish Agency?" lächelte Lord Melchett, „wer -braucht sie, wer weiß, ob sie überhaupt entstehen wird?" Es lag etwas ironisches in dieser Bemerkung, und ich gestehe, daß dieser ironische Ton mich sehr überraschte. „Was heißt das?" fragte ich erstaunt, „Sie sprechen so über die Jewish Agency? Sic, eine der Säulen, auf welche die Agency gebaut werden soll, der Vorsitzende der Expertenkommission, der zusammen mit (MarshaU und Warburg den Bericht unterschrieben hat, der die Grundlage der weiteren Arbeit der Agency sein soll? Sie erklären ijctzt, daß Sic wicht wissen, ob die Agency existieren wird?" Lord Melchett erwiderte: „Wer .hat Ihnen ■gesagt, daß .ich eine der Säulen der Jewish Agency bin? Wohsr wissen Sic, daß ich überhaupt in die Agency eintreten werde? Wem liabe ich je erklärt, daS ich von der ■Notwendigkeit der Jewish Agency überzeugt bin? Sie wundern sich, warum ich es übernommen habe, der Vorsitzende der Expertenkommission zu sein. Sie begehen denselben Irrtum wie viele andere. Sie stehen unter einem ganz falschen Eindruck bezüglich meiner Stellung zur Zukunft Palästinas, die eine sehr .positive ist, und meiner Stellung zu der Jewish Agency, die keinesfalls sehr positiv ist. Vorsitzender ekier jüdischen Expertenkommission zu sein, die nach Palästina geschickt wird, ist eine Sache, und. Mitglied einer Institution, wie die erweiterte Agency, zu sein, ist ciite'ganz andere Sache. Man soll eitK für allemal wissen, daß -.ich dadurch, daß ich,den Bericht der PaläsHnaexpertenkomrmssion unterschrieben habe, noch nicht verpflichtet bin, i rt di<e A g e n c y e i n z u t r e t e n. Die Expertenkommission habe ich »als ein Unternehmen von größter Wichtigkeit betrachtet, während ich wegen. der Agency sehr skeptischer Meinung hin. Es ist wichtig, zu wissen, was gut und was schlecht in Palästina ist, und daher war 2): m )) SITMAR (( Socletft Itallana dl Servlxl Marilllml:: Mi wöchentlich mit den Luxusdampfcrn " rititraiiiiti und ffl Regelmäßige Eillinien nach Palästina,Griechenland, Konstantinopel Rundfahrten Jm Mittelmeer BilHge S o nvm e r f ah rten Auskünfte: „SHmar" (Ecke Schwarzenbergplatz) I. Ka'mtnerring 18 Telephon 55009?n= 1 1 , =======51 die Arbeit der Expertenkommission wichtig, aber die Jewish Agency? Was ist sie, was will sie sein? WH1 sie die täglichen Sorgen der zionistischen Exekutive .übernehmen oder will sie sich bloß mit hoher Diplomatie beschäftigen? Wenn das erstere der Fall sein soll, wozu braucht man dann eine zionistische Exekutive n n d eine Jewish Agency? Im zweiten Fall sehe .ich nicht ein, wie Juden von Amerika und Deutschland, die in New York und Berlin leben, diplomatische Arbeit in Palästina führen sollen, und was werden dazu die Juden in Palästina selbst sagen? Meinen Sie, daß es den Juden hi Palästina so angenehm sein wird, amerikanische Juden als diplomatische Voi>. m-ürtde r zu habc n?" Lord Melchett sprach noch sehr lange, und die Quintessenz seiner Ausführungen war, daß die Jewish Agency k eine e i n h e i 111 c he Pro n t des gesamt e n Judentums für Palästina schaffen würde, sondern ganz im 'Gegenteil zu s t äud i g e u Reib un g en führen müßte. Es wird immerzu die Frage der Konkurrenz da sein. Solange sowohl eine zionistische Exekutive wie die Jewish Agency existieren, wird jede Institutionihre Politik machen 'und Konflikte werden unvermeidlich s c i n. Wenn aber doch unbedingt eine Jewish Agency geschaffen werden soll, so glaubt Lord Melchett, daß sie sich bloß und ausschließlieh mit diplomatischen Rragen (beschäftigen solle. Geldfragen und die Leitung der Arbeit solf sie der zionistischen Exekutive überlassen. Verpflichtungen der zionistischen' Exekutive soll sie nicht übernehmen-; ihre Funktionen sollen bloß beratende sein. Lord Melchett fügte noch hinzu, daß serner Ansicht nach die Zukunft Palästinas nicht von den allgemein zionistischen Unternehmungen abhängt, die dort geschaffen werden, sondern von dem Pirivatkapital, das hmfHcßen wird. Er betonte nochmals die Not wemdi-g4ce i t der Expertenkommission und die U eh erflü ssi gkei.t der Agency. Was Jliahen die: Empfehlungen der Kommission?m'vt und bevorzugt durch hervorragende Qualitäten und Auswahl sind und bleiben die hochfeinen Heroen- und Damenstofffe, modernen Santte^und Seidenstoffe bei Vi., Linke Wienzeite 40 (im Hofe) Mansche! als Brautvater. Liehe gnädige Frau! Sie können es mir aufs Wort, glauben: die Antisemiten haben recht, wenn sie ihre warnende Stimme gegen die Verladung der Wn'enerstadt erheben. Ich spreche gar nicht von der LeopoMstadt. Seihst die radikalsten Judenfresser würden sich letzten Endes damit abfinden, daß dieser Stadtteü jüdischer ßesit'Z werde. Hol's der Teuifel! Alber daß die vornehmsten Wiener Heiligtümer der Christenheit, wie der Prällatensaai des Schotten- Stiftes, die Miinoritenkirchc und: die Hoißburgkapelle, allmählich den Juden ihre Tore öffnen, das (kann wirklich und wahrhaftig «ur in einer Judenrep«b4i'k geschehen. Bähen Sie schon gehört? Herr ßergrat Max Ritter von Gut mann hat für seine Tochter eine pfiwiikvolie Trauung veranstaltet. Da wird es in der, Seitenstettengasse hoch hergegangen sein, werden Sie meinen. Weit gefehlt! .Höher; viel höher: i:m P r ä la t e n-s a al des Schotte ns-t Sites hat die Trauung stattgefunden. Der alte David Gutmanu hat wohl noch das Bet-hamädrasch gefördert und mit den Patres Schotten wenig zu tun gebäht, aber-der Bergrat bat schon ein gewisses Anrecht — Ghasaka hätte ich beinahe gesagt — auf diese fümehme Ka/peiMe. Vor einigen Jahren hat nämlich seine erste Tochter, die dem Sohn des verstorbenen T r i e s t e r Kultus'Präsidenten' Salean die Hand »um ewigen Bunde reichte, im seiibigen Sanktuaiwm den Segen der Kirche erhalten. Allerdings aus dem Mtinde eines unserer BJu tsver wandten, des guten alten ungarischen 'Bischofs Fratonoi, geb. F r >a u k 4 . . . Indem ich diese Zeilen nieder sehr eihe, erinnere ich mich, den Namen des Bergrates vor kurzem im Zusammenhange mit dem Judentum nennen gehört zu haben. Aus weichem Airdaß war da« nur? Hehräisches Gyhiiiasaum . , . nein, Palästina-Aufbau... aber gar keine Idee! Jetzt fättt's mir ein: im Frühjahr fand im jüdischen Waisenhaus eine Fvfat zur Erinnerung an <die- Grfmder David nud WHhehn;.v. Gutniann siatt und da gedachten die Herren, jüdischen Festredner in bewegten Worten der treuen' Amhänig'licWkeft der Barnli'lie Gutsnanu an das-Judentum! Ich sehe, (liehe gnädige . Fran, a«<f Ihren schönen (Lippen die Frage schiweben:; Ja, werden denn da die übrigen ■vornehmen Juden nicht vor Neid zengehen? 'Gewiß, das tun sie reichlich mnd so mancher unter ihnen bemüht «ich denn auch mit allen Krä/ftcn, das Wort des ihnen pföteücii so Jielb gewordenen Evangeil'iu-ms zu erfüllten: „•Gehet hin und tuet desgileichen!" Um gleich hei der Branche, ich meine die Kohlenhranche, zu bäeitoen: Kennen Sie Herrn OsfcaT B e r 1? Nein? Schade. Er war einst der Stete der deutschen Demokraten, deutsch und freiheitlich, ein Kämpfer für Fortschritt und Aufklärung, wie es einem braven Wiener Israeliten gciziemet. Also Fortschritt ist schön, Freihert äst gewiß schön, aber-das mit dem Prälatensuail bat ihm ikeinc Ruhe gegeben.' Wias der Gutmaun kann, treffe ich auch, meinte er, und flugs ibesteMte er eine feine Trauung i« der Minors t c n k i r c h e. Diese ist zwar die italienische Nationalkirche, gilt aber ebenfalls als sehr vornehm, und was die Hauptsache ist, dort ka/m ihm noch niemand:iu der Branche zuvor. Wer der Bräutigam ist, fragen Sie? Nun, kein richtiggehender Arier, wie der jüngste Gutmannsche Schwiegersohn, dafür aber steht er einer guten, alten jüdischen Getreidie#irma vor. Die Produktenbörse, nein die gareze Talborstraße wird steh geehrt fühlen, Hans Straßer heißt der Herr Schwiegersohn, von der Firma Straßer & König, die wahrscheinlich den Trauungsakt als eine Art Ndbilifierung betrachtet und von nun an auf die übrigen Getreidefuden mit Verachtung herahschauen wird. Sie werden begreifen, Gnädigste, . daß hei diesem edlen Wettstreit von Handel und Industrie die Banken oder ^mindest die ihnen nahestehenden Kreise nicht zurückstehen dürfen. Die dürfen sie schon aus Prestigegründen nicht. Da ist betesrfeteweise der aus der mährischen Kehttl« LutKlenhurg stammende Herr Artatr K«^fhe.r, ein Textiilhäuiptiling, vor allem aher ein GüinstÜng Seiner ExizeMemz des Herrn 'Kautorensohnes Sieghart. 'Mau erÄähflt sich ziwar, daß Herr Kuffier als Einkäufer von Baaimwoilc geradezu ein Deba'kel 'heraufibeschworen hahen soll, aher dies hat ihm bei seinem Chef nicht geschadet. Haiiipt'saohe ist, daß er Juden und Judentum ablehne aind an soinem neugewomnenen Glauben feisthalte, was er übrigens auch dadurch zu beweisen sucht, daß er seine Tochter wohl einem ganz bürgerlichen einfachen Manne, aber einem Arier und überdies in der Hoif bürg kö>p e 4d c a.ntrauen iläßt. Herr Kniffiler hat dort wohl durch sein betont jüdisches Aussehen etwas fremdartig gewankt, aber bitte, gnädige Frau, Sie wissen ja, welche lieberraschumgen die ehemaligen kaiserlichen Gebäude seit dem Unistwzc auch sonst erfahren mußten. Bs gilbt aber noch naakens-teiiife Juden, die die katholische Mode nicht mi-tiinadhen wollen. Sie siud,: konservativ und stehen feilsenfest zur Tradition. Tradition heißt in .diesem Fallle: T e im p e 4 s d t >z i u d1 er Seite ns t e 11 e ugia s s e. Traditu'on heißt ferner: e.v a u-^g c 4!ischc Kirciie in der Dorotheergasise. Sie laclten, Gnädigste. Es ist aber so. Ste meinen, das ließe sich wöiil nicht vereinbaren. Doch, die Sache ist sehr einfach. Der Vater, Herr Generaldirektor Siegmund Löwenthai, behält seinen Sitz hn Stadttennpel und verheiratet seinen fewi säuberlich m$ Ludwig Maria getauften Sohn mit einer ungarfechen Adeligen in der evangelischen Stadökkchc. Daß der Herr Generaldirektor sich nicht entbilödet, seine jüdischen Bekannten zw kirchlliicheii Trauung eiftzuladen, beweist zwar, daß er — im BiJde'bleibend — kein Kirchenlicht ist, hingegen aber seine iüdischen Pappenheimer sehr gut kennt. Sie iiaben wohl bis auf geringe Ausnahmen der Trauung des Ludwig Maria (er dürfte sicherlich bald Presbyter werden) beigewohnt und waren am Ende noch sehr stolz mi die Beladung. Bei den unsere jüdische Ge-' uieindc belierrsohenden Assimilanten wird ihm die Sache auch nicht schaden, denn die Geschichte <m?t dem Sohne ist eben seine „Privatsache"!

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