Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 59 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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tfr. 59 Ml NEUE WELT Settel Die Schlemihle von Massen a. Wenn mutige Männer überfallen werden, schließen sie sich aneinder •und bieten den Angreifern die Stinie. Diebshanden und Sklavenhorden renneu auseinander. Das Schicksal des einen gilt dem andern nichts. Itn Gegenteil. Mögen doch die Verfolger den Genossen fassen. Das .hält sie auf und man kann selbst leichter entwischen. Man begegnet dieser Denkart aber nicht nur bei Dieben und Sklaven, sondern auch bei einer leider sehr zahlreichen Sorte von Juden. Das sind diejenigen, welche sich rasch in die Büsche schlagen, wenn ein antisemitisches Unwetter herniedergehr, deren einziges Bestreben es ist, nicht dabei gewesen m sein. Im jüdischen Witz ist die Figur des nicht dabei sein wollenden Juden festgehalten. In der Person des Dorfjuden, welcher auf den Vorwurf der Bauern, die Juden hätten Christus gekreuzigt, entgegnet: „Die Juden aus unserem Dorfe waren es bestimmt nicht... vielleicht die Juden aus dem Nachbarstädtchen.'4 Solche jüdische Schlemihle — Lumpen 'kann ma>n sie wirklich nicht nennen — solche von Ghettoangst zerfressene Seelen, weiche in täppischer Furcht »und blödem Uebereifer nur Unheil stiften, trifft man überall. Einen typischen Streich leisteten sie sich vor kurzem im nordamerikanischen Städtchen Massen a. In Massena hat es, wie bereits gemeldet, eine Ritual mordaffäre gegeben. Am jüdischen Versöhnungstag verschwand ein vierjähriges Christenkind. Irgend einer sprach von Ritualmord, und die Bevölkerung lief vor dem Ratha-use zusammen. Der Bürgermeister und der Polizeihauptmann, welche sonst gewiß vor Langeweile vergehen, begannen wichtig zu amtshandeln. Aber auch ein jüdischer Sohlemihl griff ein. Ein jüdischer Bürger des Städtchens begann seine christlichen Landsleute zu „beruhigen". Er redete auf sie ein und erklärte schließlich feierlich, daß d i e a m e r i k a n i s c h e n J ai d e n am Vers ö h n :u n g s t a g kein Christen-b 1 u t brauche n, d i e a im e r i k a n i s c h e n J <u d e 11 gewiß 'nicht, ob die anderen Juden, welches verwenden, das freilich wisse er nicht! Da war der Teufel los! Der Rabbiner wurde ins Rathaus befohlen und vom Bürgermeister und Pol'izeihauptmann regelrecht inquiriert. Er möge es eingestehen, wenn die Juden Blut brauchen! Und wo ist das Kind?! Der Rabbi tobte «und wurde grob. Aber immer und imuner wieder wurde ihm das teilweise Zugeständnis des jüdischen Schlemihls vom Marktplatze vorgehalten. Wie die Sache gediehen wäre, ist . nicht abzusehen. Vielleicht .wäre Massena ein zweites Trient, ein zweites Damasikus geworden. Da brachte man das Kind! Man hatte es im Walde gefunden. Die New Yorker Juden gerieten in, begreifliche Aufregung und. verlangten Genugtuung und Maßregelung der schuldigen Beamten. Sie erhielten auch Genugtuung. Da traten aber die anderen jüdischen ScMemihle von Massena in Aktion. Die jüdischen Bürger von Massena protestierten gegen die Eijrmischung fremder Juden in eine Sache, die nur Massena etwas angeht! „Wir müssen doch weiter in Massena leiben und wollen Ruhe haben!" Früher waren nur die europäischen Juden „fremde Juden". Jetzt sind es schon die New Yorker. Sie wollen ihre Ruhe haben, möge auch auf allen Juden der Fluch der Ritualmordlüge lasten! Nur weg von der jüdischen Gemeinschaft. Sie ist gefährlich, ob mit oder ohne Christenblut. . Wer sfch über die Schlemihle von, Massena, über diese phimpen Getreide- und Viehhändler und Hausierer aus dem amerikanischen Grenznest lustig macht, geht fehl.. Er findet genug solcher Schlemihle in seiner nächsten Umgebung, in London, Paris, Wien und Berlin, als Professoren, Journalisten, Schriftsteller, berühmte Aerzte und Advokaten. Juden, welche jederzeit am Sprunge sind, von der jüdischen Gemeinschaft abzurücken, wenn es heiß wird. Leute, welche glücklich sind, wenn der Christ ihnen sagt: ..Ja, wären doch alle Juden wie Sie!" Und die nicht daran denken, daß die Hand, welche sich ihnen honte freundlich entgegenstreckt, gerne bereit ist, ihnen morgen die Judenschädel einzuschlagen. Lacht nicht! Der jüdische S c h 1 e m i h 1 ist überall! r. st. Der Kongreß der italienischen Zionisten. Der Kongreß der zionistischen Föderation Italiens ist für den 1. bis 3. November nach Mailand einberufen' worden, Dr. Victor Jacobson wird als Vertreter der. Zionistischen Executive an den Beratungen teilnehmen^ Konferenz der radikalen Zionisten in Rumänien. Dieser Ta«e wurde in Jassy die vierte Konferenz der radikalen Zfoniisten Rumäniens (Renester'ca) abgehalten. Im Mittelpunkt der Koniferen« stand die Rede des Herrn Dr. Nafau-m Goldniann, Berlin, der soeben eine große zionistische Werbekonfcremz in Rumänien 'beendet hat. An der Konferenz nahmen 45 Delegierte teil, den Vorsitz führte Advokat Sehe cht er. Dr. Goldmann sprach üiber „Die Lage Jim Zionismus", Dr. Markus Krämer über „Prinizipien einer jüdischen Politik und nationale Orsanisicruu'g aller Juden Großr.umäniens", Dr. Singer erstattete den Rechenschaftsbericht, Advokat Schechter referierte über den Punkt „Eroberung der Gemeinden", Advokat M arcus über Kultlirtätigkeit, Advokat S z egal '1 ü'bcr Organisation. Die Konferenz nahm eine Protestresolution in der Angelegenheit der Klagemauer an. Lord Balfours Gesundheitszustand. Lord Balfour, der eine Zeitlang an LuftröhrenemV zündung litt, geht langsam seiner Genesung entgegen:,' m Die Aerzte haben ihm strengste Ruhe verordnet, er nmfi darum jeder öffentlichen Tätigkeit entsagen. Er-hält steh auf seiner Besitzung in Whittingehamc auf. DIE GROSSE CIN VOM ETROPHON IN JEDER PREISLAGE ALLE PLATTEN: KtteiSTLER, ORCHESTER, T7WZ KRNTORÄLE GESÄNGE ZRHLUNGSERLEICHTERUNGEN 1 POSTVERSRND KÄTHLOGE GRTTriS | MUSIKHAUS METROPHON I I WIEN, I, GRABEN 20 ECKE NAGLERGASSE 1 TELEPHON Nr. U-29-4-22 llllllllllltllllllllllllllillllllllllM Judenstaart und Parlamentarismus. Von Dr. Nahum Sa itio n sk y. Die Idee der „Jcwish Agency", der Vcrncinuiiig der Zionistischen Organisation, macht weitere Fortschritte. Nach der bedingu nisslosen Preisgabe der Hegemonie im Judentum gehen nun Zionismen daran, auf die Forderung nach einer jüdischen Mehrheit in Palästina zu verzichten. Der Kampf gegen die Bestrebung, in Palästina eine jüdische Mehrheit m bilden, ist nicht neu. Schon sei mehr als drei Jahren bemühen sich führende zionistische Persönlichkeiten eine Ideologie zu konstruieren, derer wesentlicher Inhalt die N e g,i c runig d c s Judenstaat es ist. Dies veraniaßte auch vor zwei Jahren die österreichische Organisation, offen Stellung zu nehmen, und sie tat es m einer Waren nwid unzweideutigen Weise. Sie erklärte, daß das Ziel der zionistischen Bewegung nach wie vor der Jndens'taat sein muß. Diese Resolution rief eine lebhafte Diskussion hervor. Man konnte fast glauben, diie Gegner des Judenistaatisgcdanikens hätten das Schwert in die Scheide gesteckt. Nun hat der Kampf wieder begonnen. Seit einigen Monaten rü'hren sich die Gegner des Jindenstaatsgedanikens wieder, jetzt nirrtcr einer anderen Maske, unter der Maske der Freunde des Parlament t a r i s m u s in Palästina. Vor einigen Monaten wurde in Palästina unter dem Namen „Brith Schalom" ein jüdischer Bund geschaffen. Aus einer Broschüre des Bundes iassen sich seine Ziele erkennen. Zweck dieser Vereinigung ist, um mit ihren eigenen Worten zu sprechen, „Die Gestaltung Palästinas zu einem hinia ti omal e n Staate, in dem die beiden iNationen frei und ungehemmt ihr Schicksal bestimmen, unabhängig daivon, welche der beiden Nationen in diesem oder jenem Augenlblick die.Mehrheit;im Lande bildet". Als auf dem letzten arabischen iKonigreß die Führer der arabischen Extremisten die Forderung nach einem Parlament in Palästina erhöben, da stellten sich einige Mitglieder des „Brith Schalom" den Arabern zur /Verfügung und wunden geradezu die Apostel des Parlamentarismus, in der Hdfifniung, auf diese Weise mit den Arabern zum Frieden zu Kommen. In vollständiger Verlkennunig der Lage 'der Juden im Palästina bedienen sich diese Zionisten einer Sprache, die man an der zionistischen Bewegung "kaum jemals gehört hat. So zum Beispiel veröffentlichte einer der Führer, R. Bin jamdn, einen Artikel, in welchem er die Frage des Parlaments vom Jüdischen Standpunkte aus beleuchtet und meint: „Die Juden müssen einwilligen, sonst sind sie verloren! Werden sie aber 'zugestehen, dann sind die Tage des Messlas gekommen und Herzils Traum ist erfüllt." Ein Parlament mit einer 70prazentiigen arasbischen, also •antitzionisitischen Majorität wird als Traum iH-er zls gefeiert! Noch weiter ging Herr Dr. Hugo Bergmann, der Direktor der Natianalbi'b'liöthek. In einer Versammlung in Jerusalem sagte er: „Der Tag, an welchem die englische Arbeiterpartei (iLabour Party) gegen idias Parlament in Palästina auftrat, ist ein schwarzer Tag in der Geschichte dieser Partei." Und als ihm ein Zuhörer zurief: „So spricht man nicht als Jude," erwiderte Dr. Bergmann: „Nehmen wir die Bibel in die Hand und lesen wir nach, ob nicht ein Abraham Goldfaden. Zum zwanzigsten Todestag des Begründers des jüdischen Theaters. Ein jinruhiger Geist, eine Schöpfernatur, Dichter, Komponist, Journalist, Regisseur, Schauspieler — durch alle diese Berufe ist Abraham Goldfaden, der Begründer des jüdischen Theaters, gegangen. Geboren in S t a r o Konstantinow, einem Städtchen in Wolhynien, als Sohn eines Maskil, eines Aufgeiklärten, schrieb er noch als Schüler der Rabbinerschule in Schitomir bei Abraham Bär Gottlober einen Band hebräischer Gedichte und nach dem Abgang zwei Sammlungen jiddischer Gedichte, „Dos Jidele" und „Di Jidene", deren größeren Teil er selbst vertonte. Schon nach kurzer Zeit wurden diese Lieder derart populär, daß man sie in allen Schichten des jüdischen Volkes hören konnte. Der junge Dichterkomponist wird ein bekannter Name unter den Juden Rußlands, Polens, Rumäniens, Galiziens. Nun hebt der Kampf ums Brot an. Goldfaden wird Lehrer an einer Volksschule in Simferopol, Rabbinatskandidat in Odessa, Kompagnon eines Modewaren- Igeschäfts —• ein Auskommen fand er dabei nicht. Plötzlich taucht er in München auf, wo .er Medizin studiert, um bald wieder in Rumänien als Journalist zu erscheinen. Er gibt zusammen mit Linetzky ein humoristisches Journal heraus, „Jisrolik" und später in der Bukowina das „Bukowinaer Israelitische Volksblatt". Wieder geht er nach Rumänien zurück. Dort begegnet er Purimspiejern, Bänkelsängern, wandernden Musikanten, Lustigmachern bei Hochzeiten, die in Wirtschaften und Kaffeeschenken jüdische Volkslieder zum besten geben. Natürlich werden auch Lieder Goldfadens aus seinen Sammlungen gesungen und diese Produktionen sind es, die ihm die Idee eingeben, selbst aufzutretein., Er tritt in Jassy. auf (und — fällt durch. Seine Lieder aber haben dennoch großen Erfolg. Es war in der Zeit des Russisch-Türkischen. Krieges. Rumänien wurde von reichen Juden überflutet, Kaufleuten, Händlern und Maklern, denen die jüdischen) Darbietungen sehr gut gefielen. Um diese Zeit faßte Goldfaden den Gedanken, die mehr improvisierten Vorstellungen zu stabilisieren und an den Plan eines,j ü d is c he n Theaters heranzutreten. Goldfaden schreibt selbst die lersten zwei Stücke, die Operetten „Rekruten" und „Pojmanik", stellt eine Truppe zusammen, leitet die Regiq, spielt selber mit, schreibt die Musik, führt die Kassa — ein Theater! Es hat Erfolg. Das Publikum ist begeistert. Das erste jüdische Theater in Rumänien lebt, wächst, bekommt Zuwachs. Vorläufig treten nur Männer auf. Kein jüdisches M ä d ch e n br in gt es über sich, zur iBühne zu gehen und jüdisches Theater zu spielen, so daß, Männer auch Frauenrollen spielen, auch Goldfaden ist unter ihnen. Später,hat sich eine einzige Frau, eine Waise' (gefunden, die „nichts zu verlieren" hatte. Sie war bereit aufzutreten, aber sprechen? Zum Sprechen wollte sie sich nicht hergeben. Gut, sagt sich Goldfaden, und schreibt für sie ein Stück „Die stumme Kalle". Im Jahre 1879 spielt Goldfaden mit seiner Truppe in Odessa die Komödie „Brandete Kosak". Das Theateri hat gewaltigen Zulauf, ein Stück nach dem andern entsteht, und zwar: „Schmendrik", „Die Zauberin" (das ist „Die Hexe" bei Granowsky), „Die beiden Kunni Lemmels", „Sulamith", „Bar Kochba", in denen Volkswitz, Volksspaß, Volksgesänge, historische Volksmotive verwoben sind. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land wandern Goldfadens Melodien und Lieder: „Steh oif, mejn Volk", „Jisrolik", „Farjommert-Farklögt" und andere ohne Zahl, Der Volksdichter und Dramatiker kommt mit seinem Theater bis. nach Petersburg und hat auch da Erfolg. Wenige* l gut ging es ihm in Moskau, Christen füllten das Theaj ter, nahmen jüdische Worte, wie beispielsweise „Sehnten | ,drik" mjit auf die Gasse und brachten dadurch die int I Moskau lebenden Assimilanten in die peinliche Situation j des Schämens, wodurch natürlich der Besuch des Thea- I ters leiden mußte. Für Goldfaden kommen im allgemeinen schwere Zeiten. Das jüdische Theater wird in Rußland verboten. Dadurch ist er gezwungen, allerlei Experimente zu machen und spielt in Polen jüdisch-d eti t s c h! Schließlich wandert er nach Amerika aus, wo er bereits) einige" von seinen Schülern und Freunden gegründete Theater vorfindet. Und er geht daran, selbst ein Theater besseren! Stils zu gründen und seine eigenen Stücke in qjulalitaitivi besserer Aufmachung herauszubringen. Es gelingt ihm nicht. Wieder sehen wir ihn in Europa. Er spielt in Paris, er spielt in Polen. Er bleibt arm, finanziell hilflos. Aus allen jüdischen Häusern hört man seine Melodien, aber niemand weiß, daß ihr Schöpfer Goldfaden heimatlos', hungernd wandern muß. Wieder einmal geht er nach Amerika. Für das jüdische Theater war eine neu« Epoche herangebrochen: Schalom Alechem, David Pinski, Schalom Asch und vor allem Jakob Gordin. Der Beginn des neuen literarischen Theaters war da. Goldfaden machte den Versuch, sich dieser neuen dramatischen Richtung) zu nähern, aber es gelang ihm nicht. v Er ist alt, verlassen, fast schon vergessen. Es folgen einige Jahre des Kampfes, des Ringens und schließlich — der Tod. Der Schöpfer des jüdischen Theaters stirbt in New York im Jahre 1908, wo das! jüdische Theater bereits ein wichtiger Faktor des jüdischen Lebens ge- IWorden war. Von den „Rekruten" Goldfadens bis zum „Dybuk" der Habima und der. „Nacht auf dem Alten Markt" des Moskauer Theaters — ein mnheViOiler^ langer, reicher Weg!