Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 59 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 die mm WELT Nt. 59 PELZWAREN GEBRÜDER BRAININ Finn I- Bauernmarkt 2a, TeL U-22-3 59 'feil II., Glockengasse 8, Tel. R-45-4-33 Zum zweiten November. —y. Vor elf Jahren ist die B a 1 f o u r - Deklaration herausgekommen. Am 2. November 1917 erließ Artur Jämes Balfour, Minister des Aeußern im Krdegskabinett Lloyd Georges, an Lord Rothschild das Schreiben, das er selbst als Sympathie-Erklärung für die jüdisch-zionistischen Bestrebungen bezeichnete. Die britische Regierung, die die Erklärung geprüft und gebilligt habe, betrachte die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jödische Volk mit Wohlwollen und werde die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern. Das Schreiben erhielt dann seine internationale Bekräftigung durch den R a t d e s Völkerbundes, der am 24. Juli 1922 das Mandat an England übertrug und so den seit Kriegsende eingetretenen Zustand sanktionierte. Es wurde ausgesprochen, daß der Mandatar für die Verwirklichung der Deklaration, die im Wortlaut wiederholt wurde, verantwortlich sein solle. In der Balfour-Deklaration ist die Schaffung der nationalen Heimstätte nicht näher definiert. Die Erklärung geschah zur Zeit des Weltkrieges und England, das für den Schutz der kleinen Nationen und für ihr Selbstbestimmungsrecht kämpfte, konnte unter nationaler Heimstätte nichts anderes verstehen, als das freie jüdische Land für das freie jüdische Volk. Es hatte die zionistischen Bestrebungen geprüft und gebilligt und ihnen tatkräftige Sympathie ausgesprochen. Das Ziel dieser Bestrebungen ist die jüdische Staatlichkeit; nie hatte die zionistische Organisation eine Einschränkung des Baseler Programmes vorgenommen, Freunde und Feinde dachten nur an die territoriale und politische Unabhängigkeit des jüdischen Volkes. Dies erschien .aiich 1917 so selbstverständlich, daß der Akt der britischen Regierung, der im Hinblick auf den noch währenden Krieg die präzise juristische Formulierung unterließ, keinen anderen Sinn haben konnte. . Die zionistische Organisation stand auf der Höhe des' Willens. Die furchtbaren Opfer an Blut und Besitz, die das Judentum in West und Ost hatte bringen müssen, forderten gebieterisch ihre politische Krönung. Im Osten zeigte sich die krasse Machtlosigkeit des Judentums, in Palästina standen jüdische^ Legionäre im Kampf. Die Entwicklung wies also zwingend auf den Weg, den der politische Zionismus ging, der sich mit H e r z 1 s Judenstaat Sinn und Herz der jüdischen Jugend erobert hatte.. Minister Balfour hätte ungefähr zur gleichen Zeit in einer Deklaration die Anerkennung der Tschechen als kriegführende Nation ausgesprochen und auch hier hatte er das Wort „Staat" vermieden. Jeder Tscheche aber erkannte die Tragweite der Erklärung. Die 'Reden der tschechischen Delegation im österreichischen Reichsrat beweisen dies. Der politische Zionismus hatte solcherart die völkerrechtliche Heimatsurkunde erhalten. Balfour hatte eine Tatsache geschaffen, die sich politisch auswirken mußte. Es war klar, daß die Gegner der zionistischen Sache Widerstand leisten und die jüdische Front nun auch an der palästinensischen Flanke angreifen würden. Es kam alles darauf an, daß die Front hält. Aber das Judentum, die schwächste, zerfahrenste, politisch verwirrteste und unerzogenste Nation, war durch die Kriegsnot in ihrer Widerstands-: kraft erschüttert. Das Unglück, das das Volk betroffen hatte, potenzierte sich durch die Vorgänge im Osten. Das russische Judentum, dessen Lebenswille dem Zarismus standgehalten hatte, wurde gerade in den Jahren nach der Balfour-Deklaration vön allen zehn Plagen der sozialistischen Revolution, von Blut bis zum Sterben der Erstgeborenen, heimgesucht und vom Körper des Volkes abgeschnürt. In einer Zeit, in der das Volk alle Kräfte notwendig gehabt hätte, die Staatsbildung einzuleiten, zuckte es in wirtschaftlichen und sozialen Krisen, wand es sich unter furchtbaren Pogromen, die vom Osten bis nach Mitteleuropa griffen. In dieser Zeit schloß Amerika die Einwanderung. Diese Situation, so grausam, wie sie kein Volk je erlebt hat, wurde von der Führung nicht gemeistert. Sie mußte in diesen Jahren alle Kräfte aufrufen, den ■ jüdischen Trotz anfeuern, ihm Mut geben gegen die entfesselte Hölle. Sit mußte an der Spitze des jüdischen Volkes kämpfen, die große Errungenschaft, die in dreißig Jahren erstritten war, das Dokument der Freiheit festhalten. Aber die Führung wurde von Mutlosigkeit bis zur Panik getrieben. Sie verför das Vertrauen zur Organisation und rm sich. Sie gab allen Attacken der antijüdischen Internationale nach. Und so ist der politische Zionismus seines Elans entkleidet worden. So ist er von dem Königsgedanken der Hegemonie im Judentum zur Fifthy-Fifthy-Politik gegangen, von der Balfour-Deklaration zum Binatüonalismus, von der Parole „Palestine so jew as England is english" bis zum Verzicht, vom Mandat bis zum Wandschirm an der'Klagematter. Es sind elf Jahre seit der Balfour-Deklaration vergangen. Elf Jafore sind federleicht im Leben einer Nation, noch leichter hn Leben der jüdischen Nation, die nach Jahrtausenden rechnet. Dem zionistischen Gedanke*), der Idee der Freiheit kann kein Abbruch geschehen. Wir sind vor Hanmn gewesen und haben ihn überlebt. Es werden andere Zeiten kommen, und solange der zionistische Kongreß besteht, wird die Möglichkeit 'bestehen, Fehler zu verbessern,' die nur verzögern, aber nicht verhindern können. Die Balfour-Deklaration ist öffentliches Recht geworden und mit ihr die Feststellung, daß das jüdische Volk kraft des Rechts in Palästina ist. Das kann durch keine Wandlung beeinflußt oder entkräftet werden. Das ist die große, in die Zukunft reichende Bedeutung des Balfaur-Briefes, den die Regierung Englands geprüft und gebilligt hatte. Es ist England, das diesen Brief geschrieben hat, England, das schon, früher den Uganda- Brief geschrieben hat. Wir haben große und berech- _ tigte Klage gegen England und die Art, AVie seine Beamten das» Mandat ausüben. Wenn aber aus diesen Beschwerden allerlei politische Hoffnungen abpfflfflmiwM^ ( TUCHHAUS I IMONZI 1 WIEN, I. | Ertlgasse 4 und § | Kramergasse 11 | | Telephon U 25-2-57 | =§ s ■ jjS | Import Original englischer und j | schottischer Herrenu. 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So. wird gesagt und geschrieben, daß das Bekenntnis zum jüdischen- .Volke, -L.an dJS^,s v*er-ra?t ist. Die „Union" verschmäht es ,'nf c ht> {?in^ 'elh'&rn;i Manifest, ' welches den Tageszeitungen zugestellt wurde, zu behaupten,"" daß die Zio nisten auf d i e'G Te i c h b er e ch tigu n g, auf die Sta atsb ürgerr ech te verzichten wollen.. In einer solchen Aussendung — sie erschien im „Neuen Wieneij Journal" — heißt es wörtlich: „Die Zionjsten wollen die Kultusgejiicinde aus einer Religionsgenössenschaft in eine Volksgemeinde umwandeln und wollen damit statt der Staaisbürgerrechte nur Minderheitsrechte für die Juden Oesterreichs." Unter Spekulation - auf die Ignoranz des Lesers wurde mit dem Wörtchen „m i n d e r" Schindluder getrieben. Als ob in diesem Falle „minder" gleichbedeutend war mit „weniger Rechte!" Dabei sind doch die Minderheitsrechte im Staätsgrundgesetz, also im Stäatsbürgerrecht enthalten und bedeuten erhöhtenSchutzfür die jüdische Minderheit, also eine Erhöhung der Rechtssicher h e i t! Wenn man bedenkt, daß in der Leitung der „Union" gebildete J u r-i s te n, rechtskundige Männer sitzen, so muß man sich wundern, daß Menschen, die in ihrem bürgerlichen Leben , gewiß auf Ehre halten, sich einem ordinären Wahlschlager zuliehe in die Gefahr begeben, der bewußten Lüge geziehen zu werden. Nicht besser benehmen sich die „werktätigen Juden", | welche sich stolz als Angehörige einer Freiheitspartei,i j der Sozialdemokratie, bekennen. Auch sie sprechen j mjt widerwärtigem Schielen nach oben davon, daß die Zionisten nicht zum Staate, nicht zu seinen Gewalten und nicht zur Majorität der Bevölkerung halten. Wie früher vor den monarchistischen, antisemitischen Machthaber« gekrochen wurde, kriecht man jetzt vor den republikanischen, auch wenn es Taufjuden sind. Die beste Antwort erteilt dieser Gesellschaft ein Mann, der allerdings nicht int Getriebe der Wiener Kultuswahl steht, aber den Unwert der assimilatorischen Gegner des Zionismus richtig einzuschätzen weiß: Albert Einstein. Vor kurzem hat der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", also die' reichsdeütsche „Union", an Albert Einstein die Einladung gerichtet; am einer von ihr veranstalteten Kundgebung teilzunehmen. Einstein hat mit folgendem Briefe geantwortet: „ich erhalte heute Ihre Einladung zu einer Sitzung, welche der Bekämpfung des Antisemitismus* in akademischen Kreisen gewidmet sein soll. Ich würde gerne kommen, wenn ich an einen möglichen Erfolg; eines derartigen Unternehmens glaubte. Zuerst aber müßte der Antisemitismus und die knechtische Gesinnung unte r uns Juden selbstdurch Aufklärung bekämpft werden. Mehr Würde und Selbständigkeit in unseren Reihen! Erst wenn wir es wagen, uns selbst als Nation anzusehen, erst wenn wir uns selbst achten, können wir die Achtung anderer erwerben, bezw. sie kommen dann von selbst. Antisemitismus im Sinne eines psychologischen Phänomens wird es geben, solange Juden mit Nichtjuden in Berührung kommen — was schadet es? Vielleicht verdanken wires ihm, daß wir uns als Rass«) erhalten können; ich wenigstens glaube es." „Wenn ich zu lesen kriege: „D eu ts c h eSt aa tsbiirger jüdischen Glaubens", so kann ich mich eines schmerzlichen Lächeln s nicht erwehren. Was steckt in dieser schönen Bezeichnung, was ist denn jüdischer Glaube? Gibt es eine Art Unglauben, kraft dessen man aufhört, Jude zu sein? Nein! In jener Bezeichnung stecken aber zwei Geständnisse schöner Seelen, nämlich: 1. ich will nichts zu tun haben mit meinen armen jüdischen (ostjüdischen) Brüdern; 2. ich will nicht als Kind meines! Volkes angesehen werden, sondern nur als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft." „Ist das aufrichtig? Kann der Arier' vor solchen Leisetretern Respekt haben? Ich bin Jude und freue mich, dem jüdischen Volke anzugehören, wenn ich dasselbe auch nicht irgendwie für ein auserwähltes halte. Lassen wir doch ruhig dem Arier seinen Antisemitismus und bewahren wir uns die Liebe zu unseresgleichen. — Macht nicht böse Gesichter wegen dieses Bekenntnisses! Es ist nicht böse oder unfreundlich gemeint! Mit vorzüglicher Hochachtung! gez. A. Einstein." 1 Diese herrlichen Worte des großen Gelehrten enthalten das jüdischnationale Bekenntnis. Neben sie gestellt, erscheinen die Wahlschlager und Verleumdungen der „Union" und der „Werktätigen" doppelt klein, doppelt verächtlich. Sie enthalten erschöpfend alles, was von zionistischer Seite gesagt werden soll. An ihnen wird klar, daß zionistisch wählen nicht nur heißt, Rechte der Juden zu sichern. Zionistisch wählen heißt die jüdische Würde wahren}