Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-10-26 · Heft 58 (26.10.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 58 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711673--0769-2713936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 58 DIE NEUE WELT Seite 5 CENTRAL-KINO II.Taborstrafte 8 Tel.42-3-41 WC) ab heute In den Hauptrollen: Jenny Jugo, Willi Fritsch u. Fritz Raft Beginn 6, V28 und 9 Uhr, Samstag und Sonntag fcgj Vi5, 6, »/88 und 9 Uhr Normale Preise *»♦♦»»♦♦♦»»♦»♦»»♦♦»»»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦»»»»»♦♦♦»♦♦#♦•♦« W Der Terror. - —y. Das. ist jetzt das Lieblingsthema in der österreichischen Politik geworden. Es wird über den Terror gesprochen, der von den Linken gegen die Rechten und von den Rechten gegen die Linken betrieben wird und alle Welt ist einig in dem Abscheu vor solchem Tun. Versammlungsfreiheit! Recht auf Arbeit! Freiheit des Wortes, der politischen Meinung! In den Zeitungen füllen sich ganze Spalten mit den Erklärungen und Beschuldigungen und aus der Ferne muß es so aussehen, als befände sich Oesterreich wirklich auf dem Wege zur unbedingten, uneingeschränkten und voraussetzungslosen Freiheit, zur Republik und als sollte dies zum zehnten Gebert s tag dieses.Staats wesens. besonders solenn . proklamiert. werden. Hier drinnen schaut's freilich anders aus und das viele Geschrei vom Terror leitet wieder zum Terror, von dem der Phrase zu dem der Tat. Wir haben mehr minder bewaffnete und gut eingedrillte Parteigarden, rote und weiße. Ihr idealer Lebenszweck ist, so versichern sie, der Schutz der Freiheit. Die Aufmärsche, die sie veranstalten, können nur durch die Anwesenheit von Polizei, Militär und Gendarmerie daran gehindert werden, zum Volksfest für Recht und Freiheit auszuwachsen und so wächst einem jeden schließlich dieses ganze Heuchlers-esc h r e i zum Hals hinaus. Natürlich sind beide Parteien auch um die Juden sehr 'besorgt. Die Sozialdemokraten machen alle Tage auf die Schandreden und -Schriften der Hakenikreuzler aufmerksam, wobei sie nur an jene Pamphlete vergessen, die a n den A f f i c h e t a f e 1 n d e r .Stadt Wien angebracht sind und so. arg waren, daß sich sogar der Pressestaatsanwalt in Bewegung gesetzt hat. Die Freiheitsschützer von rechts versichern, daß sie keine Antisemiten sind, wobei man in ihrer Presse allerlei liebliche Wendun-. gen wie J _<u d e n s o z i, J u d e n j ü n g e l täglich aufgetischt bekommt Im Herzen denken alle an.die k o m in ende n W a h 1 e n, d i e in an fürs nächste Jähr erwartet, und will sich schon jetzt um den jüdischen Wähler bewerben. Und da scheint es . sehr wohl an der Zeit, daran zu erinnern, daß in-, Oesterreich kein Gesellschaftsteil unter ärgerem, Druck .steht als der jüdische. Weder auf der rechten noch. auf der linken Seite hat irgend jemand daran. Anstoß. genommen, daß es in Oesterreich j u d e nr e i n e S o m m e r f r i s c h -e n gibt, daß durch Gemeinderatsib'eschlüsse für Juden die F r e i- : z.iigigkeit aufgehoben ist. Daß der Jude, der i n s t ä d tischen Dienst treten will, erstens sozialdemokratisch organisiert sein und aus der jüdi-, sehen „Kirche" austreten muß, daß die Judewkinder '■ in den Schulen Nikolo und Weihnachtsmann verehren . lernen müssen, daß wieder jüdische Dozenten an den Hochschulen abgelehnt werden, das und noch viel mehr geschieht gegen die Juden als einzelne- und als Gesamtheit und dieser Terror fällt keinem' weiter auf. Insoweit dies« Dinge von der rechten Seite verübt werden, sind sie nicht weiter auffallend. Diese Parteien sind antisemitisch und handeln darnach. Sie sind so k o r r u p t, reichen Juden gegenüber rmt sich handeln zu lassen. Anders1 ist es bei den Sozialdemokraten, die für die Freiheit zu glühen vorgeben, in praxi aber die Korruption der Macht• den Juden gegenüber mit schärfster Rücksichtslosigkeit üben. Und weil dies von einer Partei der Freiheit, der Verständigung und des Friedens ^^hiehtj-hat es auf die Juden den stärksten vergütenden Einfluß geübt. Sie sind diesem geistigen Terror so sehr erlegen, daß sie ihn gar nicht mehr fühlenund .auch das Empfinden. ihrer eigenen Würde einbüßen, Wie wäre es anders denkbar, daß sich d i e ziQnis.tisch-sozi.alistische.n Poale Zion Tnjt:den:werktätigen Assimilanten zu einer Einigungs- Kopteren^über die Beteiligung an den Kul'tuswahlen 'i zusammensetzen und dies unter dem Präsidium des ■! Herrn Sev.er, jenes Landeshauptmannes, der in | ojner öffentlichen Affiche die ostjüdisohen Flüchtlinge) alst 'volkswirtschaftliche Schädiger beschimpft und aus \ Wien aufgewiesen hat! Wie wäre esanders denkbar, / daß' sich jiid 1 sche sozialistische Stüden- t eri dazu hergeben, das Cafe Prückl zu besetzen \ uml dort i m S p r e c h c h o r e i n e n Angestellten t$it „M-eck-meck — Zi ege n b ock-Sch n eide r!" zu verhöhnen! Studenten, die jüdisch und : sogiaKstisch sein wollen, machen sich über da« Aeußere eines armen Menschen lustig. Diese Leute — die „Reichspost" nennt sie unzweifelhafte Konfession — haben mehr Schaden angerichtet als sie je begreifen können. Das ist der seelische Pogrom, den die Wiener Sozialdemokratie anstiftet, weil sie unter der Führung von jüdischen Assimilanten steht, denen die Treue zu ihrer Abkunft nur eine lästige Erinnerung ist, die sie durch hysterischen Radikalismus gutzumachen bestrebt sind. Sie sind ja an sich nicht anders als die reichen Taufjuden — aus deren Schicht sie kommen — die sich dem Herrn Seipel anbiedern. Beide sind eine fast unerträgliche Belastung für die jüdische Gemeinsohaft, die für ihr Getue verantwortlich gemacht wird. Viele tausende ehrlich und schwer arbeitender, fleißiger jüdischer Menschen aller Kategorien, für die ihr Judentum eine Selbstverständlichkeit ist, müssen es über sich ergehen lassen, daß ihnen das Treiben wurzellos gewordener Streber angetkreidet wird. Niemand im Wiener Judentum wehrt sich gegen diesen Zustand und so kommt es, daß die geistige Verödung immer weiter greift, die Jugend seelisch verkrüppelt und zum Abfall reif macht; und so kommt es, daß das Judentum wehrlos zwischen dem Terror von rechts und links steht, widerstandslos, weil es seine eigene Kraft nicht kennt. Bilder vom Kriegsschauplatz Budapest in den Händen des Gömbös. (Von unserem 1. ^-Berichterstatter.) In der Stadt herrscht — mögen auch die Regierungsbehörden noch so sehr beschwichtigen — komplette Revolutionsstimmiing. Trotz der Drohung der Polizei mit den schärfsten Maßnahmen werden die Juden in den Hochschulen, aber auch auf der Straße verprügelt. Ungeachtet der angeblichen Entschlossenheit der Polizei fordern die rassenschützlerischen Blätter, die sich wird man leicht von Erkältung befallen. Man muß daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige DIANA- Franzbranntwein mit Menthol weleher für Massage, Einreibung, Umschläge und als Gurgelwasser gleich unentbehrlich ist |Nehmen Sie nur Dianall Wertlos« Nachahmunsen weisen Sie entschieden surUckl Ueberau erhältlich. OHMISCHE ETTFEDERN Zu sielchen Preisen w<e in Tschechien Nur Qualitätsware Eigene Einkaufsstelle Brünn, Zamecnlcka 5 ROBERT SALTER, WIEN, II. TABORSfSASSE 48 Telepnon R-47-7-61; " Auch Proyinzversand nmmmmmtmmmamammm^mmmt^amemmm^Mmmmmmmmmwmmmmmmm^^m^^mmmmmmmmmmmmmnKm im Schutze des Gömböä fühlen, die christlichen Studenten täglich auf, geschlossen mit ihren Abzeichen und ihren Uniformeu durch die Straßen zu marschieren, welcher Aufforderung auch in vollem Maße Folge geleistet wurde, damit, wie es iii einem dieser Blätter hieß, „das Judentum sehe, daßwir di e H erren im Lande sind und uns vor niemandem fürchten...". Die Polizei kommt bei eventuellen Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und dem nervös gewordenen Publikum in der Regel zu spät. Dort aber, wo die Polizei wirklich eingreift, hat es in der Regel der Jude zu büßen, deit sich der attackierenden Menge gegenüber zur Wehr zu setzen versucht. Typisch hiefür ist die Szene, die sich an einem der letzten Tage in einer der Hauptstraßen ereignete. Rassenschützlerische Studenten verfolgten einen jüdischen Kollegen vom Museumsring bis zur Ecke der Königsgasse, auf einer Strecke, die in Wien etwa der Entfernung vom Parlament bis zum Anatomischen Institut in der Währingerstraße entspricht. Die Verfolgung. wurde von der Polizei nicht gestört. In der Nähe der Königsgasse kam ein junger Mann namens Ladislaus Horowitz den Verfolgern entgegen, sah die kritische Situation, in welcher sich der jüdische Student befand, hielt die ersten des Verfolgerklubs auf und stellte sie zur Rede. Horowitz! würde bald von den Tellerkappenbuben umringt, erhielt und gab Faustschläge; da, endlich mengte sich die Polizei in die Affäre und verhaftete Ladislaus Horowitz. Auf der Polizei machte man ihm einen kurzen Prozeß;^ er wurde binnen weniger Minuten zu acht Tagen Arrest verurteilt. Er hatte noch Glück, daß er, davyer j Berufung anmeldete, sich entfernen durfte und die Strafe \ nicht gleich absitzen mußte. < wtotah&n HßlSÜHä den gummilosen Krampfader-Strumpf? 1« Wizard besteht aus einem dehnbaren Schllngengitter« gewebe und übt einen gleichmäßig sanften Druck aus. %* Wizard ist luftdurchlässig, ersetzt den lästigen rutschenden Wickel und den heißen, schnürenden Gummi-Strumpf. 3« Wizard ist unter dem feinsten Seidenstrumpf unsichtbar. Geschwollene Knöehel, dicke Waden rersehwinden und das Bein erhalt seine ursprünglich schöne Form. In Sanitätsgeschäften und orthopädischen Abteilungen erhältlich, — Bezugsquellen-Nachweis durch Siegfr. Graubart WIENI. Petersplatz 4 Verlangen Sic ausdrücklich UltilStittik Zwei Frauen werden von dem rassenschützlerischen Gesindel auf der Straße attackiert und mit den! unflätigsten Beschimpfungen überhäuft. Sie retten sich in die Mitte der Straße zu dem diensthabenden Wachtposten und bitten ihn um Schutz. Dieser weist sie zurück* trägt ihnen auf, den Fußsteig nicht zu verlassen, er werde ihnen gleich einen verstärkten Schutz naclr schicken. Das klang offenkundig wie ein Hohn und die zwei jüdischen Frauen wurden in der Tat unter dem Hohngelächter der rassenreinen Lausbuben beschimpft und gestoßen, bis sie in einer der nächsten Quergassen entkommen konnten. '• Zwei; jüdische Hörer des vierten Jahrganges an der Technischen Hochschule, die absolvierten Maschineningenieure Eugen Domany und Wilhelm F e k e t e, wollten in der Aula des Polytechnikums erfahren; wann sie sich zum mündlichen Rigorosum zu melden haben. In der Aula wurden sie von etwa dreißig Studenten umringt und ange« griffen. Die jüdischen Ingenieure versuchten, ins Freie ztf gelangen. Beide kamen zu Fall und nun schlugen diei heldenmütigen Patrioten mit ihren Knütteln auf die auf dem Boden Liegenden ein. Der christlichsoziale. Abgeordnete und Universitätsprofessor Johann Kossalka, vor dessen Türe sich diese turbulente Szene abspielte, rührte sich, obgleich die Hilferufe der Mißhandelten in seinem Zimmer hörbar waren, nicht .vom Platze. Es wurde f estgestellt, daß die Behauptung der Pro* fessoren, daß sich auch fremde, nicht studentische Elemente in die Hochschulgebäude eingeschmuggelt haben, zum Teile auch richtig ist, aber mit Wissen der Behörden geschehen mußte. Die rassenr schützlerischen Studenten weisen beim Eintritt in das Gebäude ihre Indexe vor, gehen dann in einen rückwärtigen. Trakt, wo bereits . „die Unverantwortlichen" , warten, hH ihnen (nach Wiener Muster) durch ein Fenster ein Index oder sonstige Legitimation gereicht wird. Mehrere Personen wurden bei diesem Schmuggel betreten, ohne daß ihnen irgend etwas geschehen wäre. Der jüdische Eideshelfer. In der Finanzkommission des Budapester Gemeinderates kamen dieser Tage auch die Straßendembnstationeai und Ausschreitungen der christlichen Studenten an der, Universität zur Sprache. Der Bürgermeister wurde wegen der Haltung der Polizei und des Mangels an Energie in der Verteidigung der Budapester Bevölkerung gegen die Unruhestifter stark angegriffen. Die Verantwortung des Bürgermeisters war so sonderbar, daß sie eher als eine Aufmunterung, denn als eine. Verurteilung der antisemitischem Demonstrationen ausgelegt werden konnte. Die Empörung! hierüber drückte sich zunächst in dem Antrag des GeV meinderatsmitgliedes KarlPeiyer, zum Schutze der Zivilbevölkerung eine städtische Bürgerwache zu errichten, aus. Dr. Moritz B e d ö beantragte, zürn Zeichen der Mißbilligung der Haltung der Behörden vom Budget der Stadtgemeinde für die Polizei demonstrativ einen Hellen zu streichen. Dr. Bedö machte aber bei diesem Anlaß: auch die interessante Enthüllung, daß die Anleihekommis^ sion der Hauptstadt seinerzeit bei ihren Verhandlungen; in Ostende hauptsächlich deshalb auf so große Schwierige, keiten gestoßen sei, weil die holländischen Finanzmänner; ununterbrochen die antisemitischen Ausschreittingen in Ungarn zur Sprache brachten und sieht schwer entschließen konnten, ihr Mißtrauen abzulegen. Ic.h.war gezwungen - sagte Dr. Bedö — d e n P r är sidenten. der holländischen Nationalbank darüber aufzuklären, daß die Verhältnisse sich inzwischen geändert haben, und führte als Beweis hiefür, die Tatsache an, daß ich, obwohl ich Jude bin> an den Beratungen und Verhandlungen in Ostende teilnehmen kann. (Zwischenruf: „Sie haben immer einen Parade-- juden!") Der Oberrabbiner von Pisa verstorben. Aus Livorno wird gemeldet, daß dort der Oberrabbiner von Pisa, Abraham Victor Benedetti, verstorben ist. Oberrabbiner Benedetti hat etwa 40 Jahne; das Oberr,abbinat in Pisa bekleidet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.