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Die neue Welt · 1928-10-26 · Heft 58 (26.10.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 58 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ffr. 58 M£ NEUE WELT Seite-3 Neueste und aparteste 4HiitiiintiiiiiiiiiiiHiiiitiiiiifiViiimiiiitiiftnitfMiniHiiifiiittTiffititiitititiiiiiHmiu Herbstmodelle Große Auswahl in Reptillederschuhen in allen Farbe DetailriM zu Enupton direkt in der Fabrik VII.,Kaiserstraße im Stock Antisemitismus im jüdischen Nationalheim Die britischen Beamten in Palästina. Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Was sich am diesjährigen Versöhnungstage an der Klagemauer Jerusalems abgespielt hat, dürfte endlich auch denen die Augen öffnen, die noch immer glauben, daß die loyale Durdifölirung des Mandates durch die Engländer außerhalb la'Sles Zweifels steht. Die S ü nden der britischen Verwaltung gegenüber der Balfour-ErkJarawig »und gegenüber dem Zionismus sind fast unübersehbar. Von den Maipogromen und der Mitschuld hoher britischer Beamter anfangend, über die Nichtzuerteihmg von Staatsländereien bis zur Ausschließung der Juden aus dem Grenzschutzkorps, von der Prügelstrafe im Gefängnis und der Ausweisung von Jaden aus ihrem Nationalheim bis zur Verhinderung jeder Einwanderung durch das Einwanderungsdepartement führt eine endlose Kette von Vorgängen bis zum Ueberfall auf betende alte Juden an der Klagemauer am Versöhnungstage, zur Rettung des heiligen Status quo, der die Aufstellung einer Scheidewand nicht vorsah. Die palästinensischen Juden, die ja großenteils aus Osteuropa stammen, und die Segnungen des zaristischen Regimes am eigenen Leibe unterfahren 'haben, erklären, auch an der Geschichte der Pogrome in Rußland keine Parallele zu diesen Vorgängen zu 'kennen. Und es 'handelte sich nicht etwa um den Uebergrifif eines Polizei! cufrnants: der Befehl kam von Keitih Roach, dem Gouverneur von Jerusalem, und der höchste Beamte des Landes, der Zivilseikretär und stellvertretende Oberikommissär Luke, hat den Gouverneur in einem Communique gedeckt, das die vernichtendste Anklage gegen die Vongänge - am Jörn Ktppur dastellt, 'die überhaupt geschrieben werden (konnte. Aber auch einer anderen Kategorie von Zionisten werden sich hoffentlich die Augen nunmehr öffnen: dem Brith Haschalom und seinen Freunden, deren ganze Argumentation davon ausging, daß das arabische Brudervolk uns die 'Hand zur Versöhnung hinstreckt, und nur unser Chauvinismus uns daran hindere, sie freudig zu ergreifen. Wo war die (arabische Bruderhand am Versöhnungsta<ge? Jene Notafoelnclktne, denen der Brith Haschalom das palästinensische Parlament und die Zukunft des Zionismus in die Hand; geben möchte? Sie waren es, die die Beschwerde an den Gouverneur richteten und Drohungen ausstießen, wenn die Verletzung des Status quo gestattet würde, sie waren es, die die arabischen Massen auf den Tempelplatz beriefen, ihnen vorlogen, die Juden verlangten die Rückgabe des Tempelplatzes, und unter den Augen der Regierung .pogromartige Reden hielten. Von einer abschwächenden Aeußerung des Haifaer Bürgermeisters abgesehen, ist in diesen Wochen von arabischer Seite kein' Wort gesprochen und keine Zeile gedruckt worden, die auch nur das leiseste Verständnis der Araber für die jüdische Auffassung ib e 'k u n d e t e n. Die gesamte arabische Presse, ohne Unterschied, ob Husseinis oder Naschaschibis, druckt Tag für Tag wüste Hetzartikei gegen die Juden, die Überfallenen am Versöhinmgstage, die man den arabischen Massen als drohende Angreifer schildert. Mögen die Herren vom Brith Haschalom damit einmal die Stellungnahme der jüdischen Presse vergleichen! Mögen sie sehen, wie hier, obwohl die Empörung auch das schärfste Wort rechtfertigen würde, nicht einen Augenblick Haß gegen die Araber gepredigt wurde, mögen sie sehen, wie hier in jedem Artikel immer wieder betont wird, daß man nicht das gesamte arabische Volk beschuldigen dürfe, daß die Wege <zur Versöhnung nach wie vor gesucht werden müßten. Wir h of f en, daß niemand es mehr wagen wird, von jüdischem C h a u v inis m us und arabischer V e r s ö h ri u n g s b e r e i tschaft zu sprechen! Ma'g sich der arabische Brith Haschalom gründen und mag er versuchen, dem Araber etwas Verständnis für den Standpunkt der Gegenpartei beizubringen! Jeder Versöhnungsversuch wird von den Juden Palästinas mit Freude begrüßt werden, nach Canossa freilich wird der Jischuw nicht gehen. Denn das ist das Erhebende dieser Tage: Mit der Goluspsychologic und der Golusangst, mit dem feigen Versteckjudentum und der unwürdigen Notabelnpolitik, ist es vorbei. Die Juden Palästinas haben reagiert, wie ein normales Volk reagiert, wenn man an sein Heiligstes gerührt hat: Ohne Chauvinismus und Uelberschwang, In vorbildlicher Disziplin, aber mit Stoliz und nationaler 94. K unsf aukti on vonAlbertKende Wien, I., KfifntnerstraBo 4, Toi. R-26-8-78 i maiiine tu Nachlaß Direktor F. Sp., Wien Alt-Wiener Patrizierbesitz Gemälde alter und moderner Meister Aquarelle und Miniaturen O. Achenbach, J. d'Arthols, "j. Ch. Brand, A. Dallinger. C. Ebert, A. Eversen, F. de Paula Ferg, O. u. R. van Hannen, H. ten Kate, J. A. Klomp, Ch, H. Lelckert, L. Löffler-Radymno, E. Peter, G. Raab, J. M. Ranftl F. Rurapler, F. L. Rüben, D. Teniers d. J. (Werkstätte), O. Verheyden, K. F. Venneman, W. Verschunr usw. Antiquitäten Antikes Kunstmobiliar, Luster, Uhren, Silber, Bronzen, Porzellan, Blas, Perserteppiche, Fächer usw., ein Klavier, modernes Kunstgewerbe im Auktionssaal: Wien, 1., Kärntnerstrafie 4, II. Stock (Lift), Heute Donnerstag, den 25. bis inkl. Sonntag, den 28. Oktober 1928, von 10 bis 6 Uhr. Vontoinornnn daselbst: Montag, den 29. u. Dienstag, den IKlSIKiyBlUliy 30> 0ktober 1g28| aö 3 Uhr nachm|ttags. Würde, die ihren Eindruck nicht verfehlt haben. AMen Parteiungen zum Trotz, gab es in diesen Tagen nur einen Jischuw, von der Agudas Jisroel bis zur äußersten Latiken, alle fest entschlossen, UebergrHfe nicht mehr zu dulden. Das Problem, das uns diese Tage hinterlassen haben, hat ein doppeltes Gesicht: Wenn wir die Wiederkehr solcher Vorgänge verhindern wollen, so müssen zwei Maßnahmen durchgeführt werden, die Entfernung antizionistischer Beamter aus Palästina und die Enteignung der Klagemauer aus den Händen der marokkanischen Araber, und ihre Uebergabe an den Keren Kajemeth, zum mindesten aber an die Regierung. Wie 1920, so heute: die Durchführung der Politik des nationalen Heims ist von der britischen Regierung zu einem erheblichen Teil in die Hände von Männern gelegt worden, die Feinde dieser Politik und zum Teil einfach Judenfeinde sind. Der Skandal, daß der stellvertretende Zivilsekretär der Palästinaregierung, Mills, in seinen Händen alle antizionistischen Bestrebungen der Araber konzentriert, der Skandal, daß Richmond, der Mitschuldige der Maipogrome von 1921, wieder nach Palästina geschickt worden ist, und in seiner Eigenschaft als Leiter der archäologischen Abteilung der Regierung ganz offenkundig in der Klagemauerangelegenheit seine Hand im Spiele hatte, die offene Judenfeindschaft der Leiter der Eisenbahn und der Sanitätsabteilung, das Verhalten des gegenwärtigen Gouverneurs Keith Roach: das alles kann nicht länger so weitergehen, wenn England will, daß man an die Ehrlichkeit seiner Absichten in Palästina glaubt. Sie zu beweisen, hat die Regierung noch ein anderes Mittel in der Hand. Die im Mandat vorgesehene Kommission zur Regelung der Fragen der Heiligen Staaten ist bisher nicht zustandegeikommen und wird voraussichtlich so bald nicht Zustandelkommen, da der Hader der christlichen " ^nfessionen es verhindert. Das Problem der Klagemai... aber muß unabhängig davon gelöst werden. Das Gesetz gestattet der Regierung, Privateigentum zugunsten öffentlicher Institutionen zu enteignen. Die Kilagemauer muß enteignet und uns 'übergeben werden, um den unwürdigen Zuständen ein Ende zu machen, die iin den diesmaligen Vorkommnissen ihren brutalsten, aber bekanntlich nicht ihren einzigen Ausdruck gefunden haben. Betrügen wir uns nicht! Wir werden im Augenblick mit unseren Forderungen nicht durchdringen. Wie eine Krähe der anderen (kein Auge aushackt, so tut ein Beamter dem anderen nichts; und Lulke hat nicht verfehlt, Keith Roach au decken. Mehr als das: man hat es gewagt, d e n P oliz ei oi i izi er Duf if, der si-ch seiner Auf gabe so ruhmreich entledigt hat, zu def ordern! Mit Recht schreibt Behawi im JDoar Hajorn", daß die hebräische Sprache keinen Ausdruck biete, um dieses Verhalten gebührend zu kennzeichnen. Alle unserer sreunde also, die zum Teil schon die Mai-, pogrome im wahren Sinne des Wortes „mic&emacht'4 haben, werden ani ihrem Posten bleib;n. Und' oh mau im Punkte der Klagemauer sich bemühen wird r-? Luke hat es versprochen—, das bleibt sehr dahingestellt. Aber Jüdische Prozessionen auf dem Pariser Zentralfriedhof. Seit dem Jahre 1810 gibt es in Paris keine konfessdonelllen Friedhöfe mehr. Damals wurden sämtliche konfessionellen Friedhöfe geschlossen, und die Leichen weiden seitdem in der allgemeinen Friedhofsanlage bestattet. Die in Frankreich und besonders dm Paris lebenden jüdischen Einwanderer aus Osteuropa, deren Zahl in den letzten Jahren besonders angewachsen ist, empfanden die Bestattung 'ihrer Toten zerstreut Hinter den Nichfcjuden in der Totenstadt als eine Art ewiger Assimilation, gegen die sich die Verstorbenen bei Lebzeiten, so sehr gewehrt hatten. Besonders aber in jenen Abschnitten des Jahres, in denen sie in der alten Heimat seit undenklichen Zeiten gewöhnt waren, 'den jüdischen Friedhof aufzusuchen und an den Gräbern ihrer Bitern und Verwandten im Gebete zu verweilen, am 9. Ab, dem Tage der Zerstörung Jerusalems und zu Bieginn des Herbstes in den Wochen der Buße, empfanden säe diesen Zustand doppelt so schwer. Diesen Gefühlen der Pietät und des unbewußten nationalen Erhaltungstriebes entsprang vor etwa 30 Jahren, schon als die ersten jüdischen Euügrantengru'ppen aus dem Osten nach Frankreich kamen, der Gedanke der Gründung jüdischer Landsmannschaften, wie man sie auch in anderen großen jüdischen Einwanderungszentren, »in den amerikanisenen Städten, in Südamerika, in England und den Dominions, antrifft. Diese „SoctöteY' genannten Landsmannschaften versehen die gleichen Funktionen für einen bestimmten Teil der jüdischen Eingewanderten, die die Chewra Kadischa seit Jahrhunderten überall dort, wo eine jüdische Siedlung entstanden ist, zu versehen pflegt. Zunächst wird ein Friedhof angelegt und die Fürsorge für die Armen und Kranken festgesetzt. Dasselbe tun auch die jüdischen Landsmannschaften in Paris, deren.es heute an die 80 gibt, von denen die Landsmannschaften der Warschauer und Lodzer jede bereits auf einen 40jährigen Bestand, zurückblicken. Jede Landsmannschaft und jeder Verein beginnt mit der Fahne, bei den Juden sowohl wie bei den Christen. In Polen und Rußland nicht minder wie in Paris oder London. Die Fahne hat etwas' Anziehenides für den Menschen, der sich außerhalb des Kreises von Personen gleichen Schicksals oder gleicher Ziele nicht recht wohl und heimisch fühlt. In der Fremde in jedem Sinne dieses Wortes ist eine solche Fahne das Symbol des eigenen wenn auch nur ideellen Bodens. Ist die Fahne herbeigeschafft und um sie eine entsprechende Zahl von Landisleuten zusammengeschart, dann tritt die „Societe" an die Durchführung ihrer eigentlichen Aufgabe, die Schaffung eines j ü d i sehe « Friedhofes. Jede Landsmannschaft erwirbt auf einem bestehenden allgemeinen Friedhof ein größeres Stück Feld für ein ^gemeinsames Grab". Hhjjt werden nun an die Mitglieder der Landsmannschaft einzelne Grabstellen für »sich und ihre Familien verkauft. So entstand eine ganze Anzahl solcher jüdisoher Totensiedlungen, großer „Landsmannschaftsgrälber", die den eigenen abgezäunten jüdischen Friedhof ersetzen. Auf solche Weise gilbt es in Paris eigentlich eine Anzahl Meinerer und größerer jüdischer Friedhöfe. Kommt dann der Tag desallgemeinen jüdischen Gräberbesuches, dann sieht man lange Prozessionen von 80 jüdischen Landsmannschaftevereinen mit ihren Mitgliedern, Frauen und Kindern dem Friedhof zustreben, um dort ihren Tribut der Pietät zu zollen. An der Spitze jedes solchen Zuges schreitet der Zräsident der „SoctetS" mit der Landsmannscihaftsfahne, die in Farbe und Aufschriften durchaus französisch ist. Bin Zeichen dafür, daß die ersten Gründer solcher Landsmannschaften noch Angst hatten, ihre Fahnen mit hebräischen Aufschriften zu schmücken und sich mit „jüdischen Fahnen" in der Oetfentliohkeit m zeigen. Beim Eingang zum Friedhof wird die Fahne aufgepflanzt, als Ort der Vergatterung der Vereinsmitgiieder weithin sichtbar gemacht. Jede Societe hat eigene Vereinsabzeichen und ibaW hat sich alles, was zu einer bestimmten Laindsmannsohaft .gehört, unter der eigenen Fahne versammelt. Dann schreitet die Prozession zwischen den vielen langen Reihen christlicher Gräber und herrlicher Grabmäler hindurch, bis sie ziemlich weit draußen zu einer kleinen jüdischen Toteninse'l, zu dem Landsmannschaftsgra'Jsi gelangt. In der Mitte dieser Insel wird nun die Fahne aufgepflanzt und ein Vereinsmiitglied hält den verstorbenen Landsileuten tiefbewegt den Nachruf (die Haskarah), singt zum Schluß das „El male rachamhn" und die trauernde Landsmannschaft 6öhluohzt und seufzt. Lebensschicksale, die »bereits abgeschlossen sind und Schicksale, die sich erst erfüllen, verweben sich 'hier zw einer Gemeinsamkeit,, die nur an solcher Stätte ganz empfunden werden kann. Zum Abschättß der Prozession hält dann der Vereinspräsident eine Rede, die ja dem Sinne nach wohl auf allen den 80 jüdischen Toteninsejm dieselbe sein mag. Eine solche am Sonntag vor dem letzten Rosch-Hasohanah gehaltene Rede hat der Berichterstatter des Pariser „Haint" notiert, und in seinem Blatt abgedruckt. Sie ist so rührend schlicht, daß sie auch hier Platz finden soll: ^Kameraden! Diesen heiligen Ort hier wird keiner von uns umgehen können. Betrachten wir doch einmal an uns selbst, was der Mensch, solange er lebt, bedeutet. Wir alle sind Fremde, aus der alten Heimat hierher Verschlagene. Hier an den uns so teuren Gräbern sehen wir uns erst von Jahr zu Jahr wieder. Kameraden! bedenken wir doch unsere Lage und werden wir auch außerhalb dieses Ortes mit einander ihehnisoh und freundschaftddeh. Wollen wir doch nicht Haß oder Neid gegeneinander im Herzen tragen. Was ist der Mensch? Blicken wir alle auf unsere Fahne und laßt uns schwören, daß wir während des ganzen Jahres einander mit Freuden, hilfreich zur Seite stehen wollen. Ich selbst erinnere mich, als mein Bruder starb und wir noch nicht unsere „Sociefce" haten, woWte ich mich vor Verzweiftun« in die Seme werfen. Rosch-

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