Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 57 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711672--0759-2713925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Sdte 8 DIE NEUE WELT Nr. 57 Der Retter Nobiles. Ein Gespräch mit Professor Samoilowitsch. Professor Samoilowi t s c h, der die Rettungsexpedition des Eisbrechers „Krassin" geleitet hat, und bei seiner jetzigen Rückkehr nach Rußland sehr gefeiert wird, empfing den Vertreter der Judischen Telegraphen-Agentur und sprach sich ihm gegenüber über seine Zugehörigkeit zum Judentum in der folgenden Weise aus : Ich bin mit Stolz Jude. Ich habe meine Zugehörigkeit zum Judentum niemals verleugnet, sondern es mir zur Ehre angerechnet, einem so ausgezeichneten Volke anzugehören. Meines Erachtens sind die Juden das menschenfreundlichste Volkj sie schreiten im Kampf um neues Menschentum voran. Während des Judenpogroms in Odessa im Jahre 1905, erzählte Sanioikm Usch welter, war Ich der Anführer einer Gruppe des Jüdischen Selbstschutzes, die aus 38 Personen bestand. Wie erinnerlich, hat das zaristische Militär die Partei der Pogrom-Leute genommen und den jüdischen Selbstschutz augegriiien. Von meiner Gruppe blieben nur 7 Personen am Leben, 31 junge Leute wurden von den Kugeln des zaristischen Militärs getötet. Im Jahre 1909 lud mich die Regierung ein, mich der damals in die Polargebiete sich begebenden Forschungskommission anzuschließen. Ich. erwiderte, daß ich nach Petersburg nicht kommen könne, weil es Juden verboten sei, sich in der Hauptstadt aufzuhalten. Ich wurde darauf hin durch einen besonderen Akt eingeladen, nach Petersburg zu kommen. Ich erklärte aber gleich bei der ersten Sitzung, daß ich als Jude Beschränkungen unterworfen bin, die. meiner wissenschaftlichen Betätigung im Wege stehen könnten. Auf das Drängen der russischen Gelehrten hin entschloß ich mich, an der Expedition teilzunehmen. Professor Samoilowitsch schloß seine Unterredung mit der Bemerkung, daß er den Zusammenhang mit seinen jüdischen Stammesgenossen stets aufrecht erhalten werde und-daß-er ein starkes Interesse für das jüdische Schicksal hege. i Eine Trauerieler für Pontremoli. im Verlauf der Tagung der Völkerbundkominission für kulturelle Zusammenarbeit in Prag wurde für den in der Ark'ts umgekommenen hervorragenden italienisch-jüdischen Gelehrten Professor Aldo Pontremoli, der bekanntlich ein Enkel Luigi Luzattis gewesen ist, eine Trauerfeier abgehalten. Die Gedenkrede hielt Prinz Ronan, der die große Forschcrpcrsönlichkeit des umgekommenen jungen Gelehrten zeichnete und darlegte, welch schweren Verlust für die Wissenschaft der vorzeitige Tod Pontremolis bedeutet. . 1 ■mag Dr. Emannel Lasker über Schach und über Zionismus, Der Kampf izi Havanna. — Palästina, das Zauberwort für alle Juden. — Katastrophe für das russische Judentum. — Masseneinwanderung nach Palästina. — Die Vorherrschaft der Juden im Schach. Dr. Einanai-el Lasker, der berühmte Schachspieler und philosophische Schriftsteller, der eine Reihe bedeutender Werke auf schäohliohetn, philosophischem und mathematisch-theoretischem Gebiete verfaßt hat, gilt noch heute, im Alter von 60 Jahren, als gefährlichster Rivale um die Weltmeisterschaft dm Schach, die zurzeit Doktor Ai'jeahin innehat. Auf einer großen. Schachtou-rnee durch die Vereinigten Staaten hält sich Dr. Lasker gegenwärtig irr New York auf .und äußert sich seinem Freund Ch. Joffe gegenüber, dem bekannten jüdisch-ameri'karrisohen Schachschriftsteiler für das New Yorker „The Morning Journal" über die Aassichten und Möglichkeiten eines neuen;Wettkampfes und vor.allein über die Aufgalben des Zionismus. „Jetzt ein Wettspiel .- mit; Dr. A1 j e^c-hi n um die Weltmeisterschaft? Nein, das fällt mir nicht ein." So antwortete Dr. Lasker, als ich der Meinung Ausdruck gab, daß er der; natürliche Kandidat für den Kampf. um die Weltmeisterschaft: sei und Chancen habe, wieder Weltmeister zu ..werden, . : „Was. wäre, schon dabei," fuhr Lasker philosophisch . lächelnd fort,- „wenn . ich jetzt das Championat erringen würde. Lange könnte ich es ja nicht halten. Nach ein bis zwei Jaihren müßte ich den Titel wieder abgeben. Ich bin alt und stie* die andern, sind jung und den Jungen gehört dje Welt. '.Anders stünde es, hätte -Ca.pab4 a n c a das Match in Bitenos Aires gegen uAiljecbin gewonnen. In diesem" Fair hätte ich meine Lenden gegürtet und den Kaimpf um die Weltmeisterschaft angetreten, um der Welt zu 'zeigen, daß. das Match in Havanna nicht der richtige Maßstab war, meine Stärke und die Capablajicas einzuschätzen. ' Unter anderen Verhältnissen, in normalem Klima, unter für beide gleichen Bedingungen hätte ich anders gespielt." Interessant und charakteristisch ist Laskers Ansicht über den Zionismus. „Die Juden müssen ein eigenes Land haben. Der Weltkrieg hat die kleinen Nationen z-nr Krlstajlisät-ion gebracht und sie zu selbständigen Körpern gemacht. Die Juden haben auf allen Fronten gekämpft und ihr Blut vergossen. Sie haben einer gegen den andern . gekämpft, ohne Zweck und ohne Ziel und sind zum logischen Schluß gelangt, daß . sie ein eigenes Land, eine eigene Statte friedlichen Lebens, einen eigenen Platz, um ihre . Kultur zu entwickeln und ihre Geniali- . tät In allen Zweigen der Technik und Wissenschaft zu zeigen, haben müssen. Palästina ist ein Zauberwort für alle Juden trotz der begrenzten Qualität und Quantität des Bodens. Die Ju<Jeh fast aller Schattierungen hegen Liebe und traditionelles Gefühl iür Palästina, und das allein genügt, um alle Schwierigkeiten des Aufbaues zubeseitigen." Auf die Frage, was die Juden von Bir-Bidschan upd der anderen russischen Kolonisation zu erwarten haben, antwortete Dr. Lasker mit trauriger Stimme: „Religiöse Verfolgungen, Selbstvernichtung, Assimilation mit den Bolschewiken, solange sie an der Macht bleiben 1 Pogrome und Auswanderung von Massen, wenn das Sowjetregime fallen sollte! In Palästina haben die Juden schon jetzt gesundes Material. Die Cbaluzim repräsentieren das beste Menschenmaterial, das man sich denken kann, alle opferwillig, *W4üt für ihr ideal zu leiden und zu sterben, Wir stehen vor der Frage, .inwiefern die Juden der ganzen Welt bereit sind, die Chaluzim mit Rat und Tat zu unterstützen. Die gegenwärtige politische Lage in Zion ist sehr günstig. England wird schließlich und endlich die Notwendigkeit einer großen jüdischen Einwanderung nach Palästina einsehen müssen, und wenn die Juden das ausnützen, die landwirtschaftliche Kultur steigern und obendrein ihre Genialität zur Ausbeutung der Mineralien und anderen Bodenschätze im Meer und auf dem Festland zur Anwendung bringen, wird das Land aufblühen und die Zukunft im Lande' der Väter wird gesichert sein." »Meine Hauptgedarikeri'V setzte Dr. Lasker enthusia* stisch fort, „betreffs der\,Mittel und der Ideen, deren Palästina am meisten bedarfr kann ich in einem Gespräch Eines merke Dir nur wohl Zum Rasieren Barbasol. ÜBERALL ERHÄLTLICH. nicht "wiedergeben. Ich bin bereit, über dieses Thema, vor den hiesigen Zionisten einen Vortrag zu halten. Jedenfalls ist darüber Viel zu sagen." , . . Lieber" die Zukunft der . jüdischen Schachspieler äußerte sich der Exweltmeister dahin, daß zunächst' die j n ie h t j ü d i s che n Meister, die beiden Russen,- A'l i ec Ii f n : und■ B o ig o 1 j u b o w obenan bleiben. Die iHauptj Ursache mag darin liegen, daß man die j üdl s eh-a m e r.l- 1 k'änisehen" Meister zu den internationalen. Turnieren | nicht einlädt. Das dürfte nach Laskers Ansicht nicht lange [ abhalten, da die meisten Schachspieler der Weif. Juden ( sind und sehr bald die Schachkrone an sich reißen "werden, die-ihnen auch gebührt. jTmHiwmmtMmnmnHttMmfflMtmtmtwHinmm^ | jrmmrnimMimmtmmnmmiimiw | jjSIEGM. KORNMEHL || I GROSSFLEISCKHAUCREI ff Zentrale IX., Berjrga«ae 19, Telephon 17-3-99 a. 16-9 34 j| Lieferant für Heilanstalten || Abteilungen ffttr ■^-Fleisch II 12 WBBBMBMMBBBMIMHBBWi i| gl unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kai- |§ lg tusgemeinde Wien Ii lf IX. Bergg. 15 / XVIII«, Währingerstr. *7 jf II_____________? i Daö Jiicl^ntum Charlie Chaplins. Seine Mutter als. Jüdin gestorben. - Die Frage, ob der Fijlmik'ünstler Charlie Q h a ip tl'd« jüdischer Abstammung ist oder nicht, ist nunmehr eindeutig beantwortet, freilich ohne Zutun Chaplins; Chapilin haltte, sein Judentum verleugnet und verschwiegen. Als der große englisch-jüdische Romancier Zangwill :; ihn als jüdischen Künstler pries und den aus dem Londoner Ghetto empprgestiegenen Jüngling in meisterhalten Auf* Sätzen atfs aufgehenden Stern schilderte, beeilte s4ch Chaplin in den amerikanischen Zeitungen sein Judentum undY:,seine Abstammung -abzuleugnen. Er kam allerdings bei Zangwill an den Unrechten. In köstlichem Zorne brandmarkte ihn Zangwill als charakterlosen F e i g J i n « umd Lügner. Darauf fand Chaplin keine Erwiderung. Nun hat ein trauriger Vorfall Klarheit geschaffen. Vor kurzem ist die Mutter des Künstlers, Hawiiaih Chaplin gestorben, als Jüdin. Es wurde festgestellt, daß sie einer ostjifolischen, in London eingewanderten Familie entstammte und in Wirklichkeit T h o n s t e i n hieß- Ein großer Held ist also Charlie nicht. Was aber nicht daran hindert, seine M-e-isterleistungen vpW und ganz zu genießen. Denket an den Winter* und decket euren Kohlenbedarf schon jetzt bei der bestrenommierten Firma Julius Haber. Wien. II., Tabörstra^e 9. (Siehe auch {nserat, Seite 1?.) E Theater und Kunst« Eröffnungsvorstellung der „Jüdischen Künstlerspiele". „Der Dukus" (Ger Zedek) von A. Kazlsne. Nach einer Periode tiefsten Niederganges, der sich in den Aufführungen elendsten amerikanischen Operettenschmarrens mit und ohne Gäste dokumentierte, haben sich die „Jüdischen Künstlerspiele" ihrer Aufgabe besonnen, die nach der künstlerischen und geschäftlichen Seite hin Erfolg verspricht: neben den zweien das leichte Unterhaltungsgenre pflegenden jüdischen Bühnen Theater, richtig gehendes Theater, das literarische Stück mit echt jüdischem Geist auf die Beine zu stellen. Dazu bedurfte es allerdings einer starken Persönlichkeit, die noch nicht im Kitschmist erstickt ist. Diese Persönlichkeit hat das Theater in S. Iris gefunden, einem Regisseur mit starker Phantasie und hartem Willen, einem Schauspieler, der bei allem Temperament die Linie des Werkes, dem er dient, einzuhalten versteht. „Der Dukus" (Ger Zedek), eine dramatische Legende älteren Stils, mit viel Pathos, szenischem Geschehen, Schwulst und Verlegenheit angefüllt, bot den „Künstlerspiclen" unter der Führung Iris' Gelegenheit, wieder einmal Theater zu produzieren, und wenn auch einzelnes verschleppt und verwischt war, Ucbergänge in Ton und Tempo nicht herausgebracht waren.— immerhin war eine respektable Leistung zu sehen, die an die Zukunft des Theaters zu glauben berechtigt. Die Arbeit allein, die in der Aufführung steckt, verdient Lob, Auszeichnu.ng, Vertrauen und Sympathie. Schon lange war das Ensemble nicht mit derartigem Feuereifer bei der Sache. Frau Lea W ei n t r aub-Gr a.f ließ ihr Temperament Funken schlagen, Dr. B r i n d als alter, Herr Eisen als junger. Dukus zeigten .Maß, Würde, Haltung und Gefühl iür Detail-; malerei. Jona Reis mann erwies sich auch in seiner" kleinen Partie als großer Könner. B. Sigal überraschte: durch seine Vielseitigkeit und durch den Ernst, mit welcher er der Sache diente. S. Iris war vor die Au'fgabe gestellt, einem historii-: sehen Stoff, einer Legende, die an eine bestimmte Zeit gebunden ist, Zeit'losigkeit zu geben. Er löste, als Schauspieler, dieses Problem, indem er bei aller Naturalistik sich nur an die großen Konturen der Figur hielt, die Skala der Gefühle von der Unterwürfigkeit bis ziir'satanischen Schadenfreude ai fresco hinmalte, sq; daß-man sich ihn unwillkürlich einmal in der 'Rolle des: Shakespearischen Shylock wünschte. Als Regisseur stilisierte' er die vier Bilder mit den sparsamen Mitteln allerdings'eines Theaters, in welchem dem B ü h n e n m e i s t e r ■ nichtv alltägliche Leistungen zufallen. Wie dieser aus der Not .'eine Tugend macht, die Vorhangdraperlen zu szenischen Wirkungen verwendet, ist ein Meisterstück iür sich. Sieht man von den Manieren des'an Schmiere gewöhnten Publikums ab, bei offener Szene' zu klatschen^ und von der Geschmacklosigkeit der " Leitung, am literarischen Eröffnungsabend vom Vorhang herab' ein' kommendes Soubrettengastspiel mit amerikanischem Reklameworttext zu verkünden, so war es ein erfreulicher Abend, ein Auftakt für weitere Taten. Will das jüdische - Wien ein gutes jüdisches Theater, dann muß es die ' literarischen Bestrebungen der „J ü d i s c h e h K ü n s 11 e'r spiel e" unter der ausgezeichneten Leitung des S, Iris durch Propaganda in Wort und Tat unterstützen. o. r; :'<: ■: ■ Sanistag, den 20. Oktober beginnt das Gastspiel <|er ibei ühinten russisch-jüdischen Soubrette Vera Kail* j e w s k a zusammen mit dem Heldentenor. Paul B r e.i tm a n n. An diesem Gastspie! 'nehmen, ferner der Oharakterkomiker Seh. Bryn, die Sängerin B. Kalmus unddie beiden jugendlichen Soubretten Jenny Setzer und Gisela Negrana teil. Zur Aufführung gelangt die große. Spieloperette ,,P a 1 a s ch k a" unter der Regie Paul-Breitmanns und der musikalischen ' Leitung von F. Timary und B. Lefbowiitsch. . Lia Rosen wird Palästinenserin, Aus Czemowitz meldet die J. T. A.i: Die Schauspielerin Lia Rosen, die unerreichte Schöpferin von Rollen wie „Hannele", „Pipa" und andere, die am Wiener Burgtheater, dann bei Reinhardt in Berlin und zuletet Jti Amerika gewirkt hat, gibt gegenwärtig ein Gastspiel In CzernowiUz. Sic erzählte den Pressevertretern, daß sie sich in New York, wo sie zuletzt im „Dybuk" von Anski aufgetreten war, mit dem bekannten Zionisten Ing.'Mahk Schwarz verheiratet hat, der Jetzt in Palästina weMt. Von Czemowitz begibt sich die Künstlerin eh dauerndem Aufenthalt nach Palästina. Wochcnsplelplan des Jüdischen Künstlerkaöaretls (Praterstr. 6f): Freitas, dun 19. Oktober: Erstaufführung „Aug' u ip A u g'", Lebensbild in drei Akten. 20, 31., 32. Oktober wird „Aug' g m 4 u!!'" wic/JcrhoU. Dienstag. 4cn 23. Oktpber: „Masel Tow", Gesansskomödle. Mittwöcty. den 34. Oktober; „Der Straßensänse r", Lebensbild in drei Akten, Donnerstag, den 25. Oktober: „Reisele von Chi u a", Gesangs» Uomödie in drei Akten. Beginn der Vorstellungen 8.30 Ubr.