Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 57 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 57 Die jüdischen Abgeordneten in Lettland. Die Aguda verliert ein Mandat an die Misrachisten. Bei den am 7. Oktober in Lettland durchge* fährten Wahlen zum Parlament konnten die Juden 5 Man" date erringen. Auch das vorige leltländische Parlament hatte 5 jüdische Abgeordnete, davon 2 Agudisten, 1 Misk rachisten, einen Vertreter der Zeirer Zion-Hitachduth und einen Vertreter der jüdischen Arbeiterpartei „Bund". In dem neuen Parlament hat unter der jüdischen Vertreter* schaft eine Verschiebung in der Weise stattgefunden, daß die Misrachisten nunmehr über 2 Sitze (die Brüder Rabbiner Nurok und Dr. Nurok) verfügen, die Agudisten statt der bisherigen zwei nur einen Sitz (Rabbiner D u b i n) wieder erringen, die Zeire Zlon ihren Sitz (Professor Lasersohn) und die Bundisten den ihren (Dr. M e i s e I) behaupten konnten. Der Wahlkampf verlief sehr lebhaft, die Wahlbeteiligung betrug fast 90 Prozent. i Im Anschluß an eine Wahlversammlung der Zeire Zion-Hitachduth in der Stadt Reschitza kam es zu einem schweren Zusammenstoß zwischen der Polizei und Kommunisten, als die Polizei den jüdischen Kommunisten Kukla verhaften wollte. Die Anhänger Kuklas durchbrachen den Polizeikordon und befreiten Kukla. Bei dem Zusammenstoß wurden mehrere Personen verwundet, mehrere andere verhaftet. Dr. Hell mann für einen Bundisten. Aus Riga wird der J. T. A. gemeldet: Das Landeskomitee der Zelre Zlon in Lettland hat Dr. Jaikob Hellmann, einen der Führer der zionistischen Arbeiterpartei Hltachduth und Redakteur der Tageszeitung „Frimorgen" aus der Partei ausgeschlossen. Grund zu dieser Maßnahme gab ein aus Anlaß der Parlamentswahlen von Dr. Heitmann veröffentlichter Artikel, in welchem er im Interesse der Demokratie die jüdischen Wähler aufforderte, der Parlaments-Kandidatenliste auf dem Wahlzettel den Namen des Bundisten J. Rabfoinowitsch hinzuzufügen. Das Zentrallkomitee der Zeire Zion sieht in der Empfehlung des Angehörigen einer Partei, die den Zionismus und die hebräische Sprache rücksichtslos bekämpft, eine gegen die eigene Partei gerichtete Handlung, die einen Ausschluß rechtfertigt. Das jüdische Taubstummeninstitut unter dem Hammer. Ein jüdisches Bethaus gefährdet : Wie bereits gemeldet, soll das Gebäude des jüdischen Taubstummeninstitutes Ende Oktoler zur'Versteigerung gelangen. Die Wiener Judengemeinde, welche zwanzig und mehr Milliarden für eine protzige Totenhalle ausgegeben hat, weigerte sich, einen geringen Teil dieser Summe für die Erhaltung lebenden jüdischen Besitzes anzulegen. Nun wird uns gemeldet, daß es doch nicht zur Versteigerung kommen soll, sondern daß die österreichische Regierung gegen Uebernahme der Lasten, vornehmlich der Auszahlung der Pensionen an die Lehrer, das Gebäude in ihren Besitz nehmen wird. Fttr die Juden ist das Haus verloren. Dazu kommt noch, daß in dem Gebäude seit Jahrzehnten ein jüdisches B e t h a u s untergebracht ist. Die Besucher dieses. Bethauses haben sich, wie wir erfahren, an das Bundeskanzleramt mit der Bitte gewendet, den Betrieb des Be thäu ses nicht zu stören. Es ist zu hoffen, daß der Bundeskanzler Dr. SeJpel diesem Verlangen Rechnung tragen wird. Rabbiner Dr. Nissim Owadja in Bulgarien. Aus Sofia wird uns geschrieben: Vor kurzem weilte hier der Rabbiner der sephardischen Gemeinde in Wien Dr. Nissim Owadja, der in Adrianopel geboren wurde» und in Jerusalem das Lehrerseminar absolvierte, von wo er dann nach Wien zog, das Doktorat der Philosophie erlangte, und nach dem Tode des Chacam Papo zum Oberrabbiner der Sephardim von Wien erwählt wurde. In Sofia hielt Dr. Owadja zwei Vorträge, und zwar einen in der großen Zentralsynagoge über das Thema „Die Moderne und die Religion" und einen zweiten Vortrag In der Bnei Brith Loge über das Thema „Der Weltverband der Sephardim und der Zionismus in Bulgarien". Dieser Vortrag erweckte schon aus dem Grunc'e außerordentliches Interesse, weil die führenden zionistischen Persönlichkeiten in Bulgarien noch eine ablehnende Haltung gegen die Schaffung eines Weitverbandes der sephardischen Juden einnehmen. Dr. Owadja schildert zunächst d'e Periode des kulturellen Aufschwungs der Juden aus Spanien von der Zeit ihrer Ansiedlung im Orient, kam dann auf den kulturellen Niedergang zu sprechen, der die gegenwärtige Zeit kennzeichnet und kommt zu dem Schluß, daß eine Wiederbewegung der alten und neuen jüdischen Kultur unter den spaniolischen Juden nur durch den Zusam> menschluß aller in der Welt zerstreuten sephardischen Krafte zur Erzielung eines gemeinsamen erhabenen Zweckes im Dienste einer gemein- Mlllll»IIIMIIIIMIIIIIIIII»IIIIIMIIIIIIMIHMIMI IlflUIUJUEUlir. liü. Ridiard lertoo WIEN aWSSfiSSA... Telephon 73-4-90 Sprechapnarate ieder Art, «owte sämtl'che Jüdischen und he-br&lschan Sctiatlplattan in reichster Aus- \ wähl stets auf Lager PROVIN2VEP6AND PftÖVIN2VBA9AND > samen Idee, und zwar der Wiederaufrichtung Erez Israel herbeigeführt werden könne. Dieses große Organisationswerk könne jedoch seiner Meinung nach, nur von Männern geschaffen werden, welche die Sprache der spaniolischen Juden sprechen, ihr We- Der Hafenbau in Haifa. Die Forderungen der jüdischen Arbeiterschaft abgelehnt. Aus Jerusalem wird der JTA. gemeldet: Eine Abordnung der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas sprach dieser Tage bei dem stellvertretenden Oberkommissär für Palästina, H. C. Luke, und dem Direktor für öffentliche Arbei'.en vor und erhob dabei die Forderung nach Festsetzung eines Minimallohnes und nach Beschäftigung von mindestens 50 Prozent jüdischen Arbeitern beim Hafenbau in Haifa. Herr Luke erwiderte, daß bei den Hafenarbeiten ein Minimallohn nicht festgesetzt werden könne, die Regierung werde aber nicht dulden, daß die Arbeiter Opfer eines Ausbeu'ungssystems werden. Bei den Hafenarbeiter werden nur palästinensische Arbeiter beschäftigt werden, fren:de Arbeiter würden nur in ganz unumgänglichen Fällen herangezogen werden. Selbstverständlich werden die jüdischen ArLe'ter in einem angemessenen Verhältnis an dem Hafenbau teilnehmen, jedoch könne er eine Basis von 50 Prozent nicht akzeptieren. Der Umfang der Beschäftigung jüdischer Arbeiter wird sich nach den bestehenden Verhältnissen richten müssen. Der Direktor für öffentliche Arbeiten erwiderte, der Bau des Haifa-Hafens sei kein philanthropisches Untern eh tri en. Sollten die Löhne der Hafen- SCHNEESCHUHE WELTBERÜHMT arbeiter eine Erhöhung erfahren, so müßte dies ja eine Erhöhung der Löhne bei al!e;i anderen öffentlichen Arbeiten der Regierung zur Folge haben. * Wie die Londoner Zionistische Exekutive mitteilt, bereitet sie gegenwärtig ein Memorandum über diese Frage an die Mandatsregierung vor. Sir Robert John Chancellor verschiebt seine Ankunft. Der neu ernannte britische Oberkommissär f'iir Palästina, Sir Robert John Chancellor, der im Verlauf des Monats Okiober sein Amt in Palästina hätte antreten sollen, hat seine Ankunft um einen Monat verschoben. Die Eintragungen für die jüdische Gemeinschaft . Bis jetzt nahen sich für die palästinensische Einheitsgemeinde Knessetih Israel round 80.000 Jmden als Mitglieder eintragen lassen. Ausweisungen. Sonja Reginska aus Tel-Awiw ist wegen kommunistischer Betätigung in Haft genommen worden: sie soll, ohne daß ein Prozeß gegen sie stattfindet, des Landes verwiesen werden. Ihr achtjähriger Sohn wiird mit ihr das Land verlassen müssen. Eine kommunistische Geheimdruckerei ausgehoben. In der jüdischen Kolonie „Ness Zip na", In der Nähe von Jaffafr Ist von der Polizei ein jüdisches Bureau mit Geheimdruckerei ausgehoben worden. Acht Juden und zwei Araber wurden verhaftet. „Das Jubiläum des Pasteurlnstltuts in Palästina Ist ein französisch-jüdisches Fest." Bei dem Bankett aus Anlaß des 15jährigen Bestandes des Pasteurinstitutes in Palästina und de» fünfzigsten Geburtstages des Begründers dieses Institutes, Dr. Arie Böhm, über welches wir bereits kurz berichteten, hielt auch der französische Konsul in Jaffa eine sehr interessante Rede. Er sagt unter anderem: „Die heutige Feier ist ein jüdisch -französisches Fe st, Pasteur war ein französisches Genie, ein geistiger Riese Frankreichs. Dr. Böhm, der Begründer des Pasteurinstitutes in Palästina, dieser jüdische Gelehrte und Arzt, hat die Segnungen der unschätzbaren Erfindung Pasteurs nach Paläatiua verpflanzt und hier schon so viel Segen, sen, ihren Charakter, ihre Sitten und Gebräuche kennen. Zu diesem Zwetke sei der Weltverband der sephardischen Juden gegründet worden. Und — fügte Dr. Owadja hinzu — Ihr handelt nicht gut, Ihr Juden von Bulgarien, wenn Ihr Euch diesem Weltverbande entgegenstellt, denn durch Eure Mitwirkung könnte die Organisation erst die auch von mir gewünschte Richtung und Inhalt erhalten- An den Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, in welcher die Anwesenden den zionistischen Persönlichkeiten ihren ablehnenden Standpunkt begründeten, andere wieder für den Anschluß der bulgarischen Juden an den Verband eintraten. Zu einer Abstimmung oder einer Beschlußfassung ist es naturgemäß nicht gekommen. Sowohl der Präsident der Bnei Brith, Lode, als auch die Redner des Abends, sprachen Dr. Owadja für seinen Von« trag den Dank aus. gestiftet. Die Juden schreiten an der Spatz* des Kultur*-' fortschrittes in diesem Lande und führen hier die europäischen Methoden auf allen Gebieten des Lebens ein." Zum Schlüsse gab der Konsul im eigenen Namen und im Namen Frankre'chs dem Dank für d.e guten Beziehungen Ausdruck, deren Herstellung von seiten der Juden ihm so erleichtert worden sei, und er sprach die Hoffnung autei, daß diese einverständliche Arbeit auch in Zukunft fort« bestehen werde. 43.581 Juden in Jaffa und Tel-Awiw. Laut der im vergangenen Monat durchgeführten Volkszählung beherbergen die Städte Jaffa und Tel- Awiw, die territorial aneinander grenzen, zusammen 43.581 jüdische Seelen, von denen fast genau die Hälfte, 21.607, männlich sind. Allein in Tel-Awiw wohnen 36.574 Juden, unter Hinen zwei Hundertlä'hrrge. In den beiden Städten wohnen 33.920 Aschkenasim, 6256 Sephardim und 3134 Yemeniten. Die Krawalle in Tel-Awiw. Ueber die bereits mitgeteilten Schlägereien In Tel- Awiw meldet die J. X. A.: Am 5^ Oktober veranstaltete der Poale Zion-Klub in Tel-Awiw eine Feier des 20. Jahrestages der ersten Konferenz der Jiddischisten in Czernowi z. Während der Fe'er blockierten Mitglieder des Vereines zum Schutze der hebräischen Sprache (Chewrath magine hasafah) das Klubhaus und griffen die Bucher an. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß, wobei es auf beiden Seiten mehrere Verwundete gab. Unter den Verletzten befindet sich der Führer der Poale Zion, Stadtratsmitglied W es eher. Drei Poale- Zionisten wurden verhaftet. Unter der Arbeiterschaft herrscht wegen des Angriffes auf den Poale Zion-Klub starke Erregung. Der Stadtrat von Tel-Awiw sandte an den Poale Zion-Klub ein Schreiben, in welchem ihm aus Anlaß der Ueberfälle das Mitgefühl ausgesprochen wird. Der Vorstand des Vereines Birth Trumpeldor veröffentlicht eine Erklärung, in welcher er dem Gerücht, daß sich Mitglieder des Vereines an dem Ueberfall beteiligt haben, entgegentritt Polen gegen Hebräisch. Zu dem in Rom stattfindenden internationalen Antituberkulosekongreß haben der jüdische Verein „B r 1 j u s" und die jüdische Antihiberkulosenliga „A t i 1" photographische Aufnahmen der Sanatorien und der Ambulatoi'ien geschickt. Der Delegierte dieser Vereine Dr. Nathan Kon hatte den Auftrag, die Ausstellungsobjekte mit polnischen, französischen, italienischen und hebräischen Aufschriften zu versehen. Der Repräsentant Polens hat die Anbringung der hebräischen Aufschriften n i c h t g e s t a 11 c t. Zufolge telegraphischer Verständigung wandte sich der Präsident des Vereines „Brijus" und „Atil" Senator Dr. Josef David söhn an den Präsidenten der polnischen Liga Dr.'Dluski und Dr. Wroezynski; beide bestätigten den Standpunkt ihrer Delegierte« in Rom. Dr. Davidsohn sah sich hierauf genötigt, da die polnischen Vertreter bei dem Verbote der Anbringung der hebräischen Anschriften beharrten, die jüdischen Aufnahmen zurückzuziehen und im Plenum des Kon-, gresses einen Protest einzubringen. Auf diese Weise wurden die jüdischen Vereine verhindert, auf dem internationalen Kongreß zu beweisen, daß die jüdische Gesellschaft ohne Subventionen der staatlichen und kommunalen Behörden Ihren Platz Im Kample gegen die Tuberkulose ausfüllen und Sanatorien sowie unentgeltliche Ambulatorien unterhält. Die auf dem Kongreß anwesenden jüdischen Aerzte bflHgten den Standpunkt der Leitung der jüdischen Vereine. Sechs jüdische Mandate Im Gemeinderat von Eperies. Wie uns aus Presov (Eperjes) berichtet wird, wurden bei den letzten Gemeinderatswahlen sechs Juden gewählt, und zwar erhielten die Liste der jüdischen Partei unter Führung Dr. Ferbsteins fünf und die jüdischnationale Partei unter Führung Hermann Lichtigs ein Mandat. Gewählt wurden die Herren Dr. Friedrich Ferbstein, Neu* wirth, Preuß, Schnitzer, Tydor und Lichtig. Somit haben die Juden in Presov ihren alten Besitzstand im Gemeinderat behalten. Merk dir'«, Hausfrau, es ist wichtig, Graf würzt alle Speisen richtig. AUS PALÄSTINA.