Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 57 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 57 DIE NEUE WELT Seite 3 Wedgwood für den jüdischen Staat. Die Erreichung der Eine Rede in Berlin. - Kein Parlament in Palästina. jüdischen Mehrheit* Iii einer Maiiifestationsversammluttg der Poale Zion in Berlin, die am 14. d. stattfand, hielt Col. Wedgwood, das bekannte Mitglied des englischen Unterhauses, eine große Rede über das jüdische Palästina, Er sagte unter anderem: Wenn auch Ereignisse, wie die an der Klagemauer, es nicht gestatten, viel Erfreuliches über die gegenwärtige Lage Palästinas zu berichten, so stelle ich doch unter dem Eindruck meines letzten Besuchs in Palästina, wo nicht alle Juden an der Mauer klagen, wo viele Juden des zweitausendjährigen K'Iagens gemtg haben und ■ produktiv an dem Werden ihres nationalen Heinis arbeiten, \ das Ziel der Befreiung vor Äugen haben. Es ist dabei selbstverständlich, daß die Labour-Party das Unrecht an der Klagemauer mißbilligt. Wir Engländer 'haben die Aufgabe übernommen, an der Verwirklichung der zionistischen Idee mitzuarbeiten. Es wird vielleicht 'lange dauern, bis eine jüdische Mehrheit in Palästina zustande 'kommt, und bis der jüdische Staat geschaffen wird. Solange aber die Juden in der Minderheit sind, müssen wir dafür sorgen, daß in Palästina feein Parlament entsteht. Ich glaube, daß keine englische Regierung zu einem Parlament ihre Zustimmung geben wird, daß die Errichtung des National Home gefährden könnte. Ich ifoalbc den Eindruck, daß die Juden und die Araber freundschaftlich .zusammen 'leben können. Die arabische Bevölkerung ist aber augenblicklich auf einer niedrigeren Zi v i Ii s a t i o n s s tu f c und kann von wenigen intelligeniz'lern zu einem Kampf gegen das jüdische Siedlungswenk mißbraucht werden. /Im Rahmen der großen Aufgabe, die wir übernommen haben — die Verwirklichung des National Home —, wollen wir dem jüdischen Volke helfe«, einen Jüdischen Staat zu bilden. Aber nicht, einen Staat von Maklern und Händlern, sondern einen Staat mit einer produktiven, arbeitenden Bevölkerung. Diese Idee kann verwinkticht werden, wenn der Zionistischen Organisation eine starke Arbeiterschaft angegliedert ist. Ich sehe in dem Keren Kajemeth und seinem Bodenankauf für das arbeitende Volk die Lösung eines Problems, das in der neueren Geschichte bei vielen VöJkern «zu dauernden. Kämpfen und Reibungen geführt hat, näroHch des Problems der Agrarreform. Um so bedeutender ist der Keren Kajemeth, der, wenn ihm genügend Gelder zur Verfügung stehen, die Erscheinung der Arbeitslosigkeit in Palästina aus der Welt zu schaffen vermöge. Boden ist in Palästina genügend vorhanden; es ist die Pflicht der Regierung, die Bodenerwerbungen des Keren Kajemeth zu stützen, weiter ist es i'hre Pflicht, die Möglichkeit zu einer Anleihe zu schaffen, damit dieser Boden bebaut werden tetnn. Ich kann Ihnen die freudige Mitteilung machen, daß der neue High Commissioner, der jetzt nach Palästina kommt, ein Mann von großen kolonisatorischen Ideen Ist. Die Regierung wird in kürzester Zeit einen Kontrakt betreffend den Hafenbau in Haifa in Höhe von einer Million Pfund Sterling schließen und es ist uns gelungen, einen Minimallohn durchzusetzen, so daß für die jüdischen Arbeiter gute A r b e i t s au s s i c b t e n bestehen. (Vgl. die Meldungen an anderer Stelle. Die Red.) Bei der Frage gebt es darum, daß nicht der jüdische Arbeiter auf den Zivilisationsstand des Arabers heruntersinkt, sondern daß umgekehrt der Araber zum Zivilisationsstand des jüdischen Arbeiters emporsteigt. Unterricht bei Wedgwood. —y. Herr Wedgwood, dessen treue Mitarbeit am Aufbau der jüdischen Freiheit nicht wann genug gewürdigt werden kann, hat in Berlin seinen Standpunkt zu der großen politischen Frage Palästinas erörtert. Er ist das führende Mitglied der englischen Arbeiterpartei und da seine Partei bei den im nächsten Jahre bevorstehenden Wahlen die Mehrheit und damit den Anspruch auf die Uebernahme der Regierung zu erlangen hofft, ist seinen Worten besonderes Gewicht beizulegen. Es ist bekannt, daß Herr Wedgwood die Angliederung Palästinas als siebentes Dominium an den britischen Konzern befürwortet. Dieser Plan stimmt nicht mit den zionistischen Anschauungen überein, aber doch wäre eine breite Diskussion zu wünschen gewesen, da sie den Zionisten selbst Klarheit über das politische Ziel gegeben hätte und auch viel zur Ordnung des Verhältnisses zum Völkerbund und zur Mandatsregierung beigetragen hätte. Das scheint heute so notwendig wie DIE GROSSE MODE EIN GRAMMOPHON VOM M1TROJPHON IN JEDER PREISLAGE ALLE PLATTEN: r*#W«TLER, ORCHESTER, TiWZ KANTOR/XLE GESÄNGE 2WHLUNGSCRLEICHTERU NGEN POSTViRSHND KftTÄLOGE GRATIS Ü \ MUSIK HAUS METRO PHON WIEN, I. 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Diese Bestimmung ist für den englischen Sozialisten Voraussetzung. Für den Zionisten kann sie nur Frage der evolutionären, national, kulturell und sozial bedingten Erziehung sein. Da sich große Teile des jüdischen Volkes in ihren heutigen Wohnländern sozial nicht frei entwickeln können, sind sie rückständig. Aber deshalb dürfen sie nicht vom nationalen Heim ausgeschlossen sein, das gerade für sie die höhere Stufe des Daseins bedeutet. Die Hauptsache bleibt, daß ihnen im neuen Land die Freiheit gesichert sein muß und hier begegnet sich der Zionist mit Herrn Wedgwood, der ganz eindeutig sagt, was er unter jüdischem Staat versteht: die jüdisch e M e h r h e i t. Morsche europäische Ghettoromantik hat sich" eine Pseudodemokratie zurechtgeschneidert, die mit1 Demokratie nicht das geringste zu tun hat, die aber für die Gegenwart sehr gefährlich werden kann. Sie hat die These aufgestellt, daß die V e r s t ä n d i g ung mit den Arabern nur in der Form eines Parlamentes geschehen kann und daß dies recht bald erfolgen muß. .Es ist sogar das böse Wort anfjgeflogöiK „Sonst sind wir verloren!". Das ist aus dem enget! Kreis einer in Palästina gebildeten geistigen Insel gesehen.''Statt.- Insel kann man auch Ghetto sagen. Auf dieser Insel setzt man sich gleich der jüdischen Gemeinschaft und will über sehen, daß ^uch das außerhalb Palästinas stehende Judentum Rechte a;nf das Land hat, daß dieses Au$landsjudentutn durch den Zionismus das bißchen politischen Erfolg erkämpft hat. . Das Recht der Araber in Ehren. Niemand will es antasten. Diese angeblich demokratische Ideologie erweckt aber den Anschein, daß der Zionismus auf Unrecht ausgeht und daß er den Arabern ans. Leben gehen will. Diese Ideologie hat sich freilich erst jetzt so zugespitzt. Vorhanden ist sie im Stillen schon lange und sie zeigte sich in. der Zustimmung Wie Jente in der Synagoge Skandal macht. Von B. Kowoer, New York. Wenn mei jie Jente einen Skandal machen wiH, macht sie ihn. Sie fragt niemand um Rat, 'bittet «Jemand um Auskunft. Das bat sie auch am heurigen Rosch Haschano so geübt. Will man der Wahrheit die Ehre geben, war es wicht ein Skandal, sondern mehrere. Den ersten Skandal machte sie, als sie unsern ersten Hausbesitzer erblickte; den zweiten, als sie meinen Chef oben an der Misrach- Wand stehen sah, neben dem Row und Präsidenten, eingehüllt in einen neuen Taliis mit silbernen Borten; urnd den dritten, als man einen, der in Sing-Sing fünf Jahre wegen Diebstahls verbracht hatte, die beste Ehrenfunktion in der Synagoge zuteil werden ließ, und zwar nur deshalb, weil er die größte Börse 'hinlegte. Die Skandale nahmen mehr Zeit weg als das ganze Beten. Man wollte Jente deshalb aus der .Synagoge ausweisen. Männer mit fetten Bäuchen schilugen Lärm, warum man sie denn überhaupt hineingelassen habe — diese Sohnorrerin — aber es half ihnen nichts. Die Majorität der Männer und die de-r Frauen war auf Seiten Jentes. Wenn schon aus der Synagoge hinauswerfen, meinten sie, dann die Hausbesitzer, die Chefs, die Diebe, welche die schönsten und - teuersten Bhrenfunktionen wegkauften! DJe muß man vertreiben, Sie haben in einer heiligen Stätte nicht einmal hineinzurleohen. Sie sind tinrein. Ihre Herzen sind voll von Sünde und Raubgier, So rief Jente laut und d*ie armen Männer und Frauen klatschten ihr Beifall zu. Die Schul, die amerikanische Synagoge, sah eher einer Massenversammlung von Streikenden ähnlich als einer Gemeinde von Juden, dje swm Beten gek<wnmen waren. Als es zum Lesen der Thora kam, wartete man «oetie«n einstigen Hausbesitzer, MrE Schinder, mit dem Oeffnen dos heiligen Thoraschreines auf. Mr. Schinder, «in kräftiger, wohlgenährter Mann, öffnete den Schrein, entnahm ihm die Thora und reichte sie dem Kantor. Und Jente, diesen Augenblick erhaschend, riß ihren Mund auf und legte los. „Eine Schmach und Schande, einem solchen Auswurf wie Mister Schinder, den heiligen Thoraschreki öffnen und ihn dem Ghasen überreichen lassen. Ihr könnt euch schämen, tief hinein in eure Seele. Bin solcher Hautschinder darf keine Thora in der Hand halten... Was hat er mit der Thora zu ton? Wer ist er denn schon? Sein ganzes Vermögen hat er doch vom Schinden armer Leute! Immer wieder hat er den Mietzins erhöht. Hat nicht so viel Haare auf dorn Kopf, als er Leute hat auf die Gasse werfen lassen, mitten im Wtinter, arme Leute mit Kindern. Alle seine Brillanten auf ihm und auf seinem Weib sind unsere Trauen. Treibt ihn hinaus.., sein Kopf in die Erd* hinein. Wer braucht ihn hier, diesen gemeinen Feüabaieber..." Einige Reiche, die oben an der Misrachwand ihre Plätze hatten, begannen schreiend zu fordern, man möge Jente hinauswerfen, das. Maul stopfen. Aber man lachte über ihre Köpfe hinweg. Das war der erste Skandal. Der zweite Skandal ereignete sich, als Jente meinen Chef die Bhrenfunktionen austeilen sah. Er teilt sie nicht aus, sondern schickt den Tempeldiener zu den hohen Steuerträgern, sie mögen sich bereit halten, die Funktionen käuflich zu erwerben, zu verhindern, daß die anderen sie bekommen. Wird ein Preis genannt, sollen sie ihn hinauf lizitieren — der andere wird das Nachsehen haben, Alls Jeptel wahrnahm, wie Mr. Sünder, mein Chef, mit den Bhrenfunktionen berunimanipulierte, geriet sie in Erregung und machte neuerlich einen Skandal. „Mister Sünder, auch in der Schul seid Ihr ein so großer Herr? Ich nah' geglaubt, Ihr seid es nur in Purem Shop unter Euren Sklaven. Zu guter Letzt spielt Ihr Euch auch hier als jemand auf! Was Ihr schon' eng verwandt seid mit Gott, mit der Thora! In der Thora steht geschrieben: „Du sollst nicht stehlen" und Ihr seid ein Dieb und Räuber! Ihr bestiehlt Eure Leute. Ihr gebt ihnen nicht ihren Lohn, seht nicht auf sie wie auf Menschen,., könnt nur mit Hinauswerfen drohen, mit Schlagen, Polizei, Enflassu-ng..; Und das tut Ihr, die Ihr mit der Thora und mit der Frömtnig&ett auf so gutem Fuß lebt Ihr ... Ihr . . <—'* Wiederum Lärm, Getümmel, Ausrufe. Die Misraohimenschen begannen wieder m schreien, verlangten Jentes gewaltsame Entfernung, drohten mit Polizei. „Mit welchem Recht stört sie unseren hej%eit Gottesdienst?" donnerten sie. „Hinaus mit der Gewsahtäterin!" Aber Jente tat das Ihrige, schoß wie aus Kanonen, jedes Wort traf. Ihre Anhänger applaudierten der Heldin. Allmählich legte sich die Unruhe. Als der arme, abgehärmte Tempeldiener, das kleine Käppchen oben am Kopf, die Ehrenfunktionen zu verkaufen begann, einer den anderen zu übersteigern suchte und der Jahrmarkt in vollem Gang war, legte Jente wieder los. „Um Gottes/willen, welche Gemeinheit! Solch eine Sünde!" Aber als das Kaisertum, das Mafttr nämlich, zurr Versteigerung darankam und sie sah, wierein Mensch, der fünf Jahre in Sing-Sing zugebracht hatte, für. ganze einhUiüdertfünfundachtzi« Dollar diese Ehrung erwarb, brar..,te sie neuerlich auf. „Ich will .einfür allemal wissen, was Leute eures Schlages hier in der Schul zu suchen haben. Ich meine, es ist keine Kunst, sich ein Maftir zu kaufen... für einhundertfünfundachtzig Dollar! Warum gebührt ihm Maftir? Weil er ein erstklassiger Jude ist, ein ehrlicher Jude, ein frommer. Jude? Geschäft hat er keines, Hausbesitzer ist er nioht, Erbschaft hat er nicht gemacht, gefunden hat er das Geld auch nicht, in Snrg-§ing ist er gesessen, mit was für Geld also hat er Maftir gekauft? Und ihr, die hohen Kultussteuerträiger, habt das zugelassen, ihr Gesindel!" Weiter hörte man ihre Stimme nicht. Arm und retoh schrien durcheinander. Mitten im Lärm rief Jente mir aw: „Mendil, laß sie alle. Komm' nach Hause." Und wir gingen, die Synagoge, mit ihren Efcjenfunktionen den «zitierenden Großsteuerträgern überisswend.