Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 56 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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■Nr. 56 DIE NEUE WELT Seite 3 Reden und Taten. —y. Ehe der Völkerbund auseinanderging, hat er noch am 25. September eine Rede anhören müssen, die von der Moral im politischen Leben handelte. Dieser Rede war das Schicksal aller rhetorischen Uebungen dieser Art bescfoieden. Sie wurde gehalten. In den Akten wird sie ein von den Motten geschätztes Weiterleben führen. Der Völkerbund nahm sich nicht die Mühe, dem Ideengang des Redners so weit zu folgen, daß daraus Tatsachen entstanden wären. Das erklärt sich aus einem rein äußerlichen Grunde (von dem am Schlüsse noch die Rede sein wird), aber auch aus innerlichen Motiven. Moral ist in der Politik, in dem Europa von heute, das dem Europa von vor vierzehn Jahren so ähnlich sieht wie ein faules Ei dem anderen, ein Feiertagsgeschenk, das man aus der kostbaren Hülle nimmt, besieht, und wieder zurücklegt, um es nicht durch Gebrauch im Alltag zu beschädigen. Die Moral steht hoch und das Moralische versteht sich von selbst. Aber das Leben ist anders... Wie sollte, nicht etwa der Völkerbund als ein Ganzes, sondern die erlauchte Mitgliedschaft dieser Institution, auch reagieren, wenn ihr der Redner zuruft: „Es istunmöglich, daß eine Nation, die diesen Namen verdient, sich jemals mit dem Gedanken abfinden könnte, in eine rechtlich untergeordnete Stellung herabgedrückt m sein, und es ist unmöglich für eine Nation, die diesen Namen verdient, eine Situation anzuerkennen, wo es für sie ein anderes System des Völkerrechtes gibt, als für die anderen, weil sie angeblich moralisch minderwertig sei." Der Völkerbund weiß mit solchen Ausführungen nichts anzufangen. Die Kriteria des Widerspruches, die der Redner ausbreitet, stimmen doch auf keine Nation, die Mitglied des Völkerbundes ist. Sie können nur auf eine Nation angewendet werden, die vermöge ihrer unglücklichen Konstruktion in allen Ländern der Welt nur Minorität ist und dem Völkerbund nicht angehören kann. Es ist die jüdische Nation und in der Tat ist sie in eine rechtlich untergeordnete Stellung heraibged rückt und leidet unter einem anderen System des- Völkerrechtes. Sie ist einmal vom Völkerbund in einer großen Stunde, in der er sich auf die Höhe seiner Mission geschwungen hat, anerkannt worden. Das ist nun auch schon fast zehn Jahre her.- Aber der Verlauf dieser Periode hat gezeigt, daß alle Hoffnungen auf eine wenigstens moralische Wirkung der Vö'ikerbundbescMüsse eitler Dunst werden .mußten. ■•Man-war ja streng logisch vorgegangen: Dem jüdischen-Vol'k als Einheit die Heimstätte in Palästina, den jüdischen Volk-steilen in der Diaspora ihr Recht als Minderheit. Das ist nur scheinbar eine Zweiteilung, in Wirklichkeit greifen die Dinge ineinander. Gilt die Nation als mündig, dann kann auch keiner ihrer Teile unter gemindertem Recht bleiben; gesteht man den Teilen ihre Kulturautonomie zu, dann muß auch ihre höhere Zusammenfassung zur ethnischen" und politischen Individualität die Möglichkeit der freien staatlichen Entwicklung eröffnen. Der Völkerbund hat dies alles eingesehen und ausgesprochen. Und damit endet auch die Geschichte. Als die zitierte Rede gehalten wurde, hat wohl ■ niemand in dem Rund des Genfer Saales sich an die Disharmonie erinnert, die' in bezug auf die jüdische Frage zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen der Theorie und der Praxis vorherrscht. Aber es ist doch so, daß sich der Völkerbund nicht erinnern will, weil ihn niemand erinnert, weil die Juden als Nation oder als Minderheit ihm nicht lästig fallen wollen, weil sie in ihrer politischen Kindlichkeit nicht verstehen, daß man fordern muß und daß man dies jeden Tag tun muß. Daß dies eben nicht geschieht, ist einer der innerlichen Gründe, weshalb Reden solcher Art und •Eindringlichkeit verklingen müssen. Das jüdische Volk ist als solches nicht organisiert und diejenigen seiner Gruppen, die auf dem Boden des nationalen Bekenntnisses stehen, bilden innerhalb ihrer Gemeinschaften wieder nur Minoritäten. Das würde weiter kein Fehler sein. Nur Minoritäten tragen die Entwicklung vorwärts, wenn sie den Willen dazu besitzen und den Kampfgeist. Aber diese Minoritäten sind müde geworden; wenn sie untereinander sind, dann finden sie die" revolutionäre Sprache, dann bestätigt einer dem anderen, daß er ein verfluchter Kerl ist. Der Rest ist Schweigen. Diese jüdischen Minoritäten, aus der ganzen Welt vereinigt m einer gemeinsamen Aussprache, würden eine sehr hohe Summe politischer Kraft ergeben. Aber das würde doch voraussetzen, daß sie in sich die Furcht vor den diversen Patriotismen überwänden und daß sie entschlossen wären, dem Völkerbund zu sagen, was seine Pflicht ist. Das würde voraussetzen, daß sie die Regierung und die Oeffentlichkeit ihrer Wohnländer öffentlich und ungescheut bei jedem Rechtsbruch, bei jedem staatlich geduldeten Hetzversuch zur Rede stellen. Das würde voraussetzen, daß sich die Minorität als Minorität, als politischnationale Einheit bekennt, die da weiß, daß sie aus Personen besteht, um deren Leben und Wirtschaft, um deren staatsbürgerliche und auch physische Existenz es geht. Zu diesem Bekenntnis gehört es weiter, daß man ihm eine gewisse Werbekraft zutraut und sie öffentlich erprobt, daß man das Volk national organisiert, daß man zu ihm spricht, daß man kämpft. Geschieht das? Nein, es geschieht nicht. Nicht in Oesterreich, nicht in Polen, nicht in def Tschechoslowakei, nicht in Amerika. Nirgends. Es ist eine beschauliche Geschäftigkeit eingetreten, die höchst behutsam die Errungenschaften von Minoritätsrecht und Mandat konjugiert; Errungenschaften, die durch zehn Jahre nicht weiter gebracht worden sind. Politischer Besitz ist nicht wie Wein, der besser wird, je älter er ist. Politischer Besitz muß täglich neu festgehalten, verteidigt, umkämpft, erweitert werden. Wenn nicht ich für mich bin, wer denn sollt's sein — heißt es in den weltklugen Sprüchen der Väter. Wir sprechen nicht mehr von unseren Rechten, wer denn soll's tun? Der Völkerbund? Der vergißt sehr gerne. Und hört die klingenden Reden in lächelnder Muße an und kümmert sich nicht weiter um sie. Aus innerlichen Gründen. Was aber die zitierte Rede anbetrifft, so war auoh ein äußerlicher vorhanden. Der Redner war nämlich Graf Apponyi, der Vertreter Horthy-Ungarns. Und jetzt lese man das, was dieser Völkerbunddelegierte zu sagen gewagt hat, nochmals durch . . . Und weiter denke man daran: Die Rede von der rechtlich untergeordneten Stellung wurde ^Jllllllllllllllllllllfllllllf III IIIIIIIIIIII Hilf f Hilf lllllf II lllJb I ALUMINIUM- 1 I WERBETAGE 1 mit Geschenk für jeden Kunden E WIEN ll.f Taborstraße Nr. 1 und | XVIII., Währiitgerstraße 75 | ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ am 25. September gehalten. Zwei Tage später stürmten arabische Polizisten unter Kommando eines britischen Offiziers in dem Völkerbundmandatland Palästina die Klagemauer und jagten betende Juden auseinander. Der Völkerbund hat bis heute noch keine Untersuchung angeordnet, weil niemand ihn an seine Pflicht und Schuldigkeit mahnt, weil das Judentum, das zionistische und das nicht zionistische stumm und schwach bleibt. Die Vorfälle an der Klagemalier. Neue Drohungen der Moslemiten. Jerusalem, 3. Oktober. (J. T. A.) Eine Deputation von Moslemiten überreichte dem stellvertretenden Oberkommissär H. C. Luke ein Memorandum, in welchem die Behauptung aufgestellt wird, daß die westliche Tempelmauer ein Teil der Omar-Moschee ist und daß die Moslemiten daher niemals zugeben werden, daß die Juden die Klagemauer besitzen. Sollten sich die Juden ein höheres Maß von Rechten an der Klagemauer aneignen, als sie schon zur Zeit der türkischen Herrschaft besaßen, so würde dies Anlaß zu ernsten Unruhen im Lande geben. In dem Memorandum wird gefordert, daß die Regierung den Juden verbieten" solle, jede Art von Gegenständen an die Klagemauer heranzubringen. Der Oberste Rat der Moslemiten hat von den moslemitischen Vereinen in Haifa, Jaffa, Hebron und an- ^^♦♦»»»♦^♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»»♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»1 Beim Einkauf von Kd*cHcrvvürfeln achten Sie aut die Insitjnien des Ehrw Rabb. Sigmund Fürst vom Schifft« mpel KOSCHERWÜRFEL" men ■■■ ^^♦♦♦^«❖«♦^^♦♦♦♦❖♦^ •»«♦♦♦♦♦♦♦«♦♦♦♦♦^ deren Orten Telegramme erhalten, in denen er dringend aufgefordert wird, sich den jüdischen Ansprüchen auf die Klagemauer zu widersetzen. Die Moslemiten haben an die Könige von, Irak, Persien, Afghanistan, Hedschas, Yemen und Aegypten sowie an die moslemitischen Körperschaften in Syrien, Indien «usw. Telegramme gesandt, in denen gesagt wird, die Juden hätten das Bestreben, sich der Klage* mauer zu bemächtigen, die einen Teil der Omar-Moschee bildet. Die Moslemiten in allen Ländern werden aufgefordert, den moslemitischen Gläubigen in Jerusalem beizustehen. Entfernung der Thoralade. Auf Befehl der Palästinaregierung. Die Palästinaregierung hat auf Grund eines ihr von dem Mufti von Jerusalem im Namen des moslemitischen obersten Rates überreichten Protestes die Entfernung der Thoralade, die vor,.der westlichen Tempelraauer stand, angeordnet. Es verlautet, daß sich die Regierung vor der Entfernung mit Colonel Kisch, dem Leiter der palästinensischen zionistischen Exekutive, in Verbindung gesetzt hat. Während des Gottesdienstes an der Klagemauer am 30. September haben Araber die jüdischen Andächtigen mit Steinen beworfen. Zwei Araber' wurden von der Polizei verhaftet. Die Moslemiten Jerusalems hielten am 30. September in der Omar-Moschee, die auf dem einstigen Tempelplatz errichtet ist und unmittelbar an die Klagemauer grenzt, eine von etwa 1000 Personen besuchte Massenversammlung ab, die den Beschluß faßte, an Die Klagemauer. Von David Yellin, Vizebürgermeister von Jerusalem. Der zurzeit in Berlin weilende Vizebürgermeister von Jerusalem. Herr Professor David YeHin, Präsident des jüdischen Nafa'onalrates Palästinas, äußerte sich in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur über die Rechtsverhältnisse der Klagemauer: Die westliche Tempetmaucr bildet den Rest der jüdischen Denkmäler in Palästina. Sogar zur Zeit des Königs Hadrian, der den heidnischen Dienst einführte, war es den Juden erlaubt, einmal im Jahre bei der Tempelmauer zu weilen, zu beten und zu klagen. Seit Jahrtausenden also haben die Juden dieses Recht auf das einzige authentische Monument aus der Zeit ihrer nationalen Staatlichkeit. Vor ungefähr vierzig Jahren, ah der Platz vor der Tempelmauer, der auch als Straße dient — verbriefte Grundbesitzrechte auf den Platz haben die Muselmanen nicht —, in einem sehr desolaten Zustande war, haben allein die Juden den Platz neu gepflastert, aus eigenen Mitteln und durch eigene Arbeit. Kein Muselman hatte damals etwas dagegen einzuwenden. Ich als geborener Palästinenser erinnere mich sehr genau an diese Tatsache. Dann kam eine Zeit, wo die in schmutzigen Rainen vor der Klagemauer hausenden Araber geneigt waren, ihren ganzen Grundbesitz zu verkaufen. Da aber der Boden Wakf-Boden (der moslemitischen Kirche gehörig) ist, konnte ein Besitzwechsel nur im Wege eines Bodenaustausches geschehen. Die moslemitischen Anwohner hätten neuen Boden und neue Häuser für ihre alten Ruhten erhalten. Als Baron Edmund de Rothschild zum ersten Male in Jerusalem weilte, nahmen diese Verhandlungen einen günstigen Verlauf; aber unabhängig von den Moslemiten hatten sie sich später zerschlagen. Seit sich nun der übrigens erst seit sechs Jahren existierende Oberste moslemitische Rat in die Sache einmischte, wird die Lage kompliziert. Jeder kleinste Renovierungsversuch seitens der Juden wird gestört. Die Stühle, die sich die alten Leute mitbrachten, um in den Gebetpausen auszuruhen, mußten entfernt werden, obwohl das Benützen der Stühle von altersher Brauch war, wie dies auf alten Bildern und Photographien zu sehen ist. Die Christen haben ihre Grabeskirche, die Mohammedaner ihr religiöses Heiligtum, die Juden haben nur ihre Klage mau er, vor der sie beten. Dieses Heiligtum wird umgrenzt von schmutzigen, alten Häusern. Man kommt daMn durch enge, schmutzige Gassen, durch die die Mohammedaner, um zu schikanieren, gerade in der Gebet- und Besuchszeit Esel ml t s c h m u t z igen Lasten traben lassen. Die Hygieneverhältnisse sind furchtbar. Welchen Eindruck muß der Tourist gewiinnen, der das jüdische Denkmal sehen will! Durch einen Austausch der" umliegenden Ruinen gegen bessere Wohnhäuser würden die Mohammedaner. gewinnen, die baufälligen Häuser der Umgegend der Mauer würden abgetragen werden, so daß der Platz der ganzen Weit offen bleiben würde. Schon König Salomo erwähnte, daß der Tempel allen Völkern der Welt offen stehen soll. Es ist nicht nur Sache der Juden, sondern die der ganzen zivilisierten Welt, die einen Sinn für. Monumente von Religion und Geschichte hat, daß diesen skandalösen' Zuständen ein Ende gemacht wird. Als es hieß, daß der alte jüdische Friedhof in Prag der städtischen Assanierung zürn Opfer fallen soll, da hat der internationale Verein zur Erhaltung historischer Denkmäler protestiert; wäre es nicht am Platze, daß auch Wer diö internationalen Kreise, die ein Interesse an Denkmälern der Geschichte haben, eingreifen?