Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 55 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 5S MDSJKflAIIS „EXCELSIOR" ist. mm mm wien tisvüxsL.., T«l«phon 73-4-80 Sprechapnarate jeder Art, sowie samtliche JQdltchan und hebräischen Sctiatlplattan in reichster Auswahl stets auf Lager PROV1NZVEPSAND! PROVINZVERSAND I don bezüglich der Regelung des Problems der Klagemauer zu intervenieren. Drei in Palästina wohnhafte nichtjüdische Engländer haben durch das von der Jüdischen TelegraphenAAgentur herausgegebene „Palästine Bulletin" ein offenes Schreiben an die jüdische Gemeinschaft Palästinas gerichtet, in welchem sie sich mit der Protestbewegung der Judenschaft solidarisch eräolären und dJe Forderung erheben, daß die schuldigen Personen der Strafe zugeführt werden. Der schuldtragende Beamte wird nicht gemaßregelt. Jerusalem, 30. September. (J. T. A.) Die Meldung, daß PolizeiJnspe'ktor D u f f, der die Aktion vor der Klagemauer geleitet hat, in Untersuchung gezogen und daß er für die Dauer der Untersuchung von seinem Dienste suspendiert worden sei, hat sich n' c h t b e s t ä 11 g t. Der Polfeeidirektor teilt der J.'T. A. mit, daß eine Untersuchung gegen Duff nicht eingeleitet und daß er auch nicht vom Dienst suspendiert worden sei. Die Araber wollen den Gesetzgebenden Rat. i . Eine Abordnung für London. Wie die J. T. A. erfährt, beabsichtigt die arabische Exekutive, eine Abordnung nach London zu entsenden, die sich bei den maßgebenden britischen Kreisen für die Schaffung eines Gesetzgebenden Rates in Palästina einsetzen soll. Die Abordnung soll nach dem Eintreffen des neuen Oberkommissärs abreisen. Die Besitzverhältnisse an der Klagemauer, Zwischenfälle an der Jerusalemer Klagemäuer waren in den letzten Jahren nicht selten. Es ist noch in Erinnerung, wie am Jom KippUr-Tage des Jahres 1925 arabische Pol i z e i b e a m t e vor der Klagemauer die Stühle, die sich die älteren. Andächtigen mitgebracht hatten, um während der Gebetspaiusen, auszubrühen, gewaltsam, entfernten. Diese Maßnahme löste unter der Judenheit Palästiinjas und der ganzen Welt Proteste aus. Sir Ronaldos torrs, der zu jener Zeit Gouverneur von Jerusalem war, erklärte einer jüdischen Abordnung, die sich bei ihm gegen die Brutalität der Polizei beschwerte, daß die Order, die das Mitbringen von Stühlen verbietet, noch vor einigen Jähren vom damaligen Oberkommissar Sir Herbert Samuel erlassen worden war, un<J zwar Infolge eines Protestes der mos* lemltischen Autoritäten, die auf.dem Standpunkt stehen, daß die Umgebung der Klagemäuer . religiöses Eigentum der Moslemiten sei. Im, übrigen verfügte Sir Ronald S t o r r s, daß einige der weggenommenen Stühle zurückgebracht werden, und gestattete. außerdem, daß Kissen und leere Petroleumkannen von müden Andächtigen zum Ausruhen benutzt wurden. Bei dieser Gelegenheit teilte Sir Ronald Storrs mit, daß er im Jahre 1918 auf Ersuchen Dr. W e i z m a n n sf des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, mit den' moslemi tischen Autoritäten in Verhandlungen trat, um von ihnen das Besitzrecht an diesem Platze für die Juden zu erwerben. Er bot eine Summe von 75.000 Pfund. Die Verhandlungen hatten sich aber zerschlagen. Nach dem Zwischenfall des 'Jahres 1925 nahm Dr. W e i z m a n n in einem Mantelsühreiben an Lord Plume'r, das 'dem Memorandum der Zionistischen Organisation an die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes über die Jewish Agency beigegeben war, auf diese Vorfälle Bezug und legte dar, die Zionistische Exekutive fühle sich verpflichtet, darauf hinzuweisen, daß der Zwischenfall in der gesamten jüdischen Welt den-peinlichsten E i n d r u c k hervorgerufen hat. Er sprach die Hoffnung aus, daß die'Mandatar macht und der Völkerbund Mittel und Wege finden werden, um gemeinsam eine Lösung zu Finden. In der Mandatskommission wurde dann die Angelegenheit behandelt. Colonel Symes, der die Mandatarmaebt vertrat, legte dar, daß das Grundstück vor der Klagemauer einem mosle mit Ischen Wakf gehöre; den Juden sei zwar gestattet, auf diesem Platze zu verweilen, sie dürften aber nichts unternehmen, was den Eindruck erwecken könnte, daß das Grundstück Ihnen gehöre, Die Moslemiten befürchten, daß, wenn den Juden erlaubt sein würde, Stühle mitzubringen, sie dann befestigte Bänke aufstellen würden, und nicht lange danach würden sie einen treulichen Anspruch auf das Grundstück auf Grund des „Ersitzens" erheben. So sehr die Administration mit den betenden Juden an der Klagemäuer sympathisiere, so gebietet es ihr doch die Pflicht, den Status quo zu respektieren. Die Besitzverhältnisse an der Klagemauer könnten nur durch.ein Abkommen zwischen den Moslemiten und den Juden geregelt werden, dde Regierung würde ihr Aeußerstes tun, um das Zustandekommen eines solchen Vertrages zu fördern. Die Vorfälle in Oppenheim. Die nationalsozialistischen Exzesse. Wie bereits berichtet, haben sich am 23. September in Oppenheim am Rhein schwere antisemitische Exzesse zugetragen. Aus Frankfurt wird uns hiezu noch gemeldet: Am Sonntag, den 23. September, dem Vorabend des Versöhnungsfestes, durchfuhren abends gegen 8 Uhr, von der Veranstaltung aus Westhofen bei Worms kommend, zwei Lastautos mit einem Anhänger, vollbesetzt mit Nationalsozialisten, die hessische Kreisstadt Oppenheim ä. Rh. Während der ganzen Fahrt schrien die Insassen Int Chor: Deutschland erwache, Juda verrecke! Aus den fahrenden Autos wunde ein Haus mit Steinen bombardiert An einer Straßengabelung überholten die Autos einen Trupp festlich gekleideter friedlicher Männer, Frauen und Kinder, insbesondere auch junge Mädchen, und beschimpften sie im Vorbeifahren in nicht wiederzugebender Weise. :Gleichzeitig warfen sie mit Gläsern auf die friedlich Dastehenden. Plötzlich hielten die Wagen. Die Führer unici eine Rotte Burschen entstiegen ihnen und überfielen die auf der Straße gehenden jungen Leute und schlugen auf sie mit Gummiknüppeln, Schlagringen und anderen Gegenständen ein, während, sich tfje Umstehenden in einem benachbarten Hause in Sicherheit bringen konnten. Der 20jährige Ludwig Goldschmddt aus Mührstein a. Rh. sank plötzlich zusammen. Er hatte einen Stich zwischen die Rippen, dicht an der Lunge vorbei, erhalten, so daß sich Hemd und Weste über und über mit Blut tränkte. Der Kriegsteilnehmer Ludwig Hirsch, ein Mann, der im Felde den halben Arm verloren hat und mit dem Eisernen Kreu>z, der hessischen Taipferkeitsmedaille und dem Verwundetenabzeichen ausgezeichnet wurde, war herbeigeeilt, weil er befürchtete, daß sein 68jähriger Väter sich in Gefahr befände. Er rief nach diesem, wurde jetdöch sofort von einer Rotte uniformierter National- . Zaristische und revolutionäre Betrachtungen. Den uralten Kampf gegen den Antisemitismus nimmt Sowjetrußknd mit gaiikz eigenartigen Methoden auf. Das Buch M. Gorews „Gegen den Antisemitismus", soeben im russischen Staatsverkg erschienen, beleuchtet die geistige Haltung, in welcher sich die heutige russische Welt der antisemitischen Strömung gegenüber befindet. Vor 124 Jahren erschien aus der Feder des Lew Nefchow^cz, der sich später taufen ließ, wie dies bei Anhängern des Zentralvereines und des liberalen Judentums vorkommt, das erste Buch gegen den Antisemitismus. Wie die Sowjetmachthaber auf die Weltrevolution, so rechnete Nefchowicz auf den Duroftbruch der Kultur zur Besiegung des Antisemitismus. Im Jahre 1828 schrieb Jizchak Bär Levinson ein Buch in hebräischer Sprache „Teudah Bejisroel", worin er als Mittel *zur Vertilgung des Antisemitismus die Umwandlung der Juden in Land a r b e i t e r angab, also das, was jetzt Kaiinin und auch Gorki — nämiieb Kolonisation ~-r als Ihre Ansicht aussprechen und was später die jüdisch-russischen Journale „Raswjet", „Den" und „Zion" verlangten. Pogrome kamen. Die Hoffnung auf das Verschwinden des Anüsemiti&mus wurde aufgegeben, bis ein Teil der nationaljüdisöh orientierten Intelligenz den Kampf gegen den Antisemitismus atis unzureichend und unfruchtbar ansah und eine neue Einstellung begann. Nach dem Kriege bildete sich in Moskau eine „Gesellschaft zur; Verbreitung richtiger Ansichten übffr die Juden", was eigentlich gleichbedeutend war mit den Aktionen zur Abwehr des Antisemitismus, aber man m.ißte bekennen, daß trotz des Falles des alten Regimes die Frage des Kampfes hoch immer aktuell war. Der Bolschewismus hatte diese Frage nicht gelöst. Nach der Oktoberrevolution blühte der Antisemitismus auf, allerdings versteckt, da beispielsweise auf die Beschimpfung „Zid" Gefängnis stand. In den Jahren 1918 bis 1920 unter der Herrschaft des weißen Terrors wegen Pogrome an der Tagesordnung, nach dem Sieg 4er roten Revolution war der Antisemitismus welter Vorhand*!!, allerdings von den Bolschewiken verheimlicht. Die Juden als Opferlämmer. Zu Beginn der Nep (Neue Wirtschaftsordmajg) bekamen die Juden die Möglichkeit, Geschäfte für die Regierung abzuschließen und bürgerliche Manieren anzu- IH M ARX ERG AS S E 30-32 Te t pIvo r»,; 9 0-5v,6 /;u Kd, 95-9^ 38 'v ' ' F i. IVä't '.. :: •' VI.MARIAH I LFER STR. 49 1 Telephori : 4 1 2 1 v e r c a n q e n S i e Pros p £ k t e! Sozialisten umringt, die in rohester Weise auf ihn einschlugen und ihm die Kleider buchstäblich vom Leibe rissen. Er rief: „Schämt ihr euch nicht, so gegen einen Kriegsteilnehmer, der einen Arm verloren hat, vorzu» gehen?" Er riß sich los, wurde aber auf einer Strecke von 150 Meter ■. \ von einem Hitler-Gardisten verfolgt, der mit einem feststehenden Messer auf seinen Armstumpf einschlug und erst von ihm abließ, als von den nationalsozialistischen Führern das Kommando ertönte: Jungmannschaft zurück! Die Autos suchten daraufhin mit abgeblende tem Licht das Weite, wurden jedoch von de* Kriminalpolizei in Mainz, die sofort durch die herbeigerufene Oppenheimer Gendarmerie aiamiert wurde, mit Nummern und Insassen festgestellt. Die Bevölkerung aller Stände drückte allgemein ihre Empörung über die rohe und feige Untat der nationalsozialistischen Burschen aus und erkundigte sich stäuldig nach dem Befinden der Verletzten: Hakenkreuzlertuinult In der Hamburger Bürgerschaft Am 26. September abends kam es in der ersten Sitzung der Hamburger Bürgerschaft nach den Ferien zu Tumultszenen, als der Hakenkreuzler Hüttmann bei der Verlesung einer Anfrage sich in wüsten Beschimpfungen gegen die Juden erging. Da Ordnungsrufe nichts fruchteten, wurde die Sitzung unterbrochen. Nach der Wiederaufnahme verfügte der Präsident den Ausschluß des Hüttmann. Dieser leistete der Aufforderung, den Saal zu verlassen, nicht Folge und setzte seine antisemitischen Beschimpfungen fort. Der Präsident verfügte darauf die gewaltsame Entfernung Hüttmanns, der durch Krim inalbeamte aus dem Saal gebracht wurde, Hüttmaun bjeibt für vier Jochen von den Sitzungen der Bürgerschaft ausgeschlossen. nehmen*, je man wies ihnen anfangs die HauptiroMe zu, schob sie in den .Vordergrund. Aber die Sowjets umterstfltzten diese jüdischen Neplcnte nicht, ja legten ihnen öffentlich Hindernisse in den Weg, um damit ihre Feindr Seligkeit gegen die Juden zu dolfiimentiicren und so — den Antisemitismus zu bekämpfen. Als die Regierung 1922 zur Requirierumg der Kirchenschätze griff, nahmen die jüdischen Kommissäre mdöht daran teil. (Gorki drückte damals in einem Interview mit Schalom' A s c Ii die Befürchtung aus, der Antisemitismus könnte liier leicht wachsen.) Obwohl also jüdische Hände an den Requisitionen nicht beteiligt waren, wuchs der Antisemitismus, da damals die Aktion der Requirierungen von den beiden jüdischen Sowjetvorsitzeinden K a m e n e w und S i n o w j e w ausging« Zionismus Ist gleich Antisemitismus. Da die Antisemiten behaupteten, daß nur die orthodoxen,. Geistlichen, uicht| aber die jüdischen verfolgt würden, bemühtem sich die jüdischen Volkskommissäre,. den Rabbinern konterrevolu'tionäre Prozesse anzuhängen, obwohl sich dde Rabbiner politisch nicht betätigten. Nun setzte seitens der Jewsekzia eine unerhörte Verfolgung der Rabbiner ein, damit der Anschein der gleichen Behandlung aller erweckt werde — eine beliebte Methode, den eigenen Antisemitismus zu verkleiden —, und doch mußte man im achten Jahr der glorreichen Revolution sich zum Geständnis bequemen, daß der Antisemitismus ein wichtiges Problem sei. Die Jewsekzia gestand dies später ein. Sie behauptete, daß man, um den Zionismus wirksam zu bekämpfen, auch den Antisemitismus bekämpfen müsse, da der Antisemitismus die Ideologie des Zionismus betreffs der Unmöglichkeit des Gahithlebens bestätigen würde. Die Juden sind keine Protektionskinder, Man kam zum Schluß, daß der Antisemitismus im weiteren Verlauf eine Gefahr für die Sowjet, macht selbst sei, da er eine konterrevolutionäre Stimmung darstelle. Dadurch ist der Kampf gegen den Antisemitismus zu eitler Tagesfrage in der kommunistischen Presse geworden, hauptsächlich Zentralrußlands. Die jüdischen Schriftsteller mit russifizJertem Namen, wie G o r e w, Jaroslavskl u, a., haben keine Wirkung, da .jeder Leser weiß, daß. sich hinter diesen Namen Juden verbergen, Wie der Antisemitismus in Sowjetriißland bekämpft wird.