Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 55 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 55 DIE NEUE WELT Der Sturm auf die Klagemauer. Englisch-arabische Polizei stört den Gottesdienst am Versöhnungstag» - Demonstrationen des jüdischen Palästina. Die Proteste der jüdischen Gemeinden Palästinas. Jerusalem, 25. September. (J. T. A.) Am Vormittag des Jom-Kippur kam es zu einem schweren Angriff der Jcrusale m er Polizei gegen die vor <ler Klagemauer betenden jüdischen Männer und Frauen, ider unier der palästinensischen Judenschaft ungeheure Empörung verursacht hat. Während des Vor.mittagsgottcsdienstcs, der vor •der Klagcmauer unter freiem Himmel stattfand erschien ein Polizeitrupp unter Führung des britischen P o 1 i z e i i n s p c k t o r s D u f f und befahl mit lauter Stimme den in der Andacht verharrenden Juden, die Scheidewand, die zwischen den Männern und den Frauen aufgerichtet worden war. zu entfernen. Als «die Rötenden diesem Befehl nicht nachkamen, befahl Duft den Polizisten, die Wand niederzulegen. Die Polizisten g i u g e n m i t g r o ß er Brutalität v o r, sie zerstörten die Wand und verletzten mehrere der zur Andacht versammelten Männer und Frauen, unter ..ihnen eine Amerikanerin. Unter der Jerusalemer Judenheit hat dieses Vorgehen der Polizei tiefste Empörung hervorgerufen. Der Kanzler der Universität, Dr. J. L. Mag »es und ider Arbeiterführer Ben Zwi besuchten den Distriktskam- »niifsär von Jerusalem, um sich bei ihm im Namen der Judenschaft gegen das Vorgehen seiner Polizisten zu beschweren. Der Distriktskommissär erklärte aber, die Polizei hätte auf seinen ausdrücklichen Beiern gehandelt. Er könne, nicht zulassen, daß ider Platz vor der Klagemaucr i'ii eine Synagoge umgewandelt werde: dies würde den bestehenden Besitzverhältuisseu und Verträgen widersprechen; schon die Errichtung einer Scheidewand verstoße gegen diese Verhältnisse. Auf diese Erklärung hin besuchte der Vorsitzende der Zionistischen Exekutive in Palästina, Colonel Kish den stellvertretenden Oberkonunissar Herrn Lnke unid legte einen formellen Protest gegen die brutale und rechtswidrige Polizeiaktion ein. Herr hake erklärte, er werde sich mit dein Distriktskommissär in Verbindung, setzen und von ihm einen genauen Bericht verlangen. Ein Communique der Palästina-Regierung. Jerusalem, 27. September. (J.T.'A.) In einem offiziellen Communique wird erklärt, daß die ^Entfernung der Schirmwand vor der Klagcmauer auf Grund eines Protestes des M o s 1 e m i ti s c h c n Obersten Rates, der sich darauf berief, 'daßdas Anbringen von Gegenständen vor der Klägemauer iden bestehenden Verträgen und Besitzverhältnissen widerspreche, von der Regierung angeordnet worden ist, daß a'ber die vorgekommenen Zwischenfälle bei der Entfernung der Wand bedauert werden. Die Erregung der jüdischen Bevölkerung. Jerusalem, 28. September. („'Berliner Tageblatt".) Der Tcrapelmauerskandal wächst sich zu solchen Dimensionen aus, daß das ganze 'bisher ungelöste P r o b 1 e m der heiligen Stätten aufgerollt wird. Die. Erregung der jüdischen Massen ist ungeheuer. Auf Anordnung des jüdischen Nationalrats und des Oberräbbinats herrschte gestern von 5 bis 6 Uhr allgemeine Arbeitsruhe. In allen Städten und Dörfern wurden Massenversammlungen abgehalten, in denen Protestresolutionen gegen die Regierung und die Polizei angenommen wurden. An den Völkerbund wurde die Forderung nach Rückgabe der Tempelmauer gestellt. In Jerusalem waren sämtliche jüdischen Läden geschlossen. Der gesamte. Verkehr war stillgelegt. Die beiden Oberra^biner spräche» vor zehntausend Menschen, ebenso. Na^onairatsinitgliedier und der Vorsitzende der Exekutive. Zu Beginn der Versammlung wurde der Masse bekannt, daß derselbe Poli zei of f i zi e r, der die Tempelaklion /durchführte, das die Versammlung überwachenidie Polizcidetachement kommandierte. Die Menge nahm daraufhin eine derartige Haltung gegen die Polizei ein, daß Blutvergießen unvermeidlich schien. Die Polizei wurde mitsamt herbeieilender Verstärkung : in eine:-. naheliegende Polizeistation abgedrängt und dort belagert, bis energische Befehle zweier Nationalratsmitglieder die Masse zur Ruhe brachte. Oberst K i s c h, der als Letzter w der Versammlung sprach, wurde von der Menge auf die Schultern gehoben und unter Absingung der jüdischen Hymne und Schmährufen gegen den Gouverneur, die Polizei und die Regierung nach Hause getragen. Im Laude sind nach den bisher vorlegenden - Berichten die Demonstrationen ohne Zwis-.c'he.nfall, verlaufen. . Die gesamte jüdische Presse Palästinas fordert einmütig die Auslösung der Klagemauer und des Platzes vor derselben seitens der Juden. Die Zeitung „Doar Bayom" erinnert an die Erklärung des ehemaligen Gouverneurs vqii'Jerusalem, Sir Ronald Storrs,. daß vor einigen Jahren die Möglichkeit bestand, Klagemaucr und Plate um einen Preis von 70.000 Pfund loszukaufen. Jerusalem, 27. September. (J. T. A.) Die jüdischen Gemeinden in Jerusalem, Tel-A wi w und Haifa hielten Sondersitzungen ab, in denen wegen der Vorgänge an der Klagemaucr schärfste Protestresolutionen gefaßt worden sind. Die Stadt Tel-Awiw sandte eine Anordnung nach Jerusalem, die von dem Dichter Bialdik geführt wird und die die Aufgabe hat, die Zionistische Exekutive zu veranlassen, von der Regierung Großbritanniens und dorn Völkerbund ein entschiedenes Eingreifen und eine e n d gültige Lösung zu fordern. Die Haifacr jüdische Gemeinde hat aus Protest gegen die Brutalitäten an der Klagemaucr an dem vom Magistrat Haifas zu Ehren der britischen Sc c- Offiziere gegebenen Bankett nicht teilgenommen. Gestern abends fand eine gemeinsame Sitzung von Vertretern des Waad Lctmti, der Zionistischen Exekutive und der großen jüdischen Gemeinden des Landes statt, in der energisch die Forderung nach einer Sühne wegen der Vorgänge an der Klagemaucr gestellt wurde. Die Zionistische Exekutive fordert vom Völkerbund eine radikale Losung des Problems der Klagemauer. Das Hauptbüro der Zionistischen Weltorganisation in London hat von der palästinensischen Zionistischen Exekutive eine Kundgebung betreffend die Vorgänge an der Klageinauer erhalten-, die besagt: Bs muß unser Bestreben sein, zu erreichen, daß der Völkerbund eine radikale Lösung des Problems der Klageiriaiuer in einer Weise vornimmt, daß eine Wiederholung der Zwischenfälle au der Klageinauer in jeder Form unmöglich sein soll. In der Kundgebung der palästinensischen Exekutive wird dringend gefördert, daß die Pro-Palästina k o mi tee s in allen Ländern, sowie die zionistischen Landesverbände nachdrücklichst protestieren: erstens gegen die moslemitische Iutolereiiz, die aus einem läppischen Anlaß eine Störung des heiligsten religiösen Festes an der heiligsten Stätte der Juden'heit verursacht hat; zweitens gegen die ganz und gar ungerechtfertigte Aktion ' der britischen Behörden, die aus purer Nachgiebigkeit gegenüber den nioslemitischeh Wünschen und obrie sich zuvor mit irgend einer verantworte clien jüdischen Behörde in Verbindung gesetzt zu habe n,! in so unangemessener Weise eingegriffen hat, um einen Status quo zu erhalten. Oberst F. H. K ,i s c h, der Leiter der palästinensischen Zionistischen Exekutive, 'heißt es in der Mitteilung weiter, habe mündlich bei dem die Regierung repräsentierenden Beamten protestiert, der in seiner Erwiderung bp.tont hat, daß die Tatsache, daß die Scheidewand eine Neuerung darstellt (obwohl sie bereits zu Rosch Hasc'hona aufgestellt worden war), unter keinen Umständen ein gewaltsames E i n greife n und eine Störung der Jörn." Kippur-Andacht an dieser 'heiligsten Stätte der Juden gerechtfertigt hat. Die Frage, ob es den Juden erlaubt •Werden könne, eine Söhirmwaud aufzustellen, hätte bis nach dem Festtag verschoben werden müssen. Uebrigens haben die betenden Juden keinen physischen Widerstand gegen die Entfernung der Wand geleistet, sondern nur <g c g e n d i e Ma ß n a Ii m e Protest i e> r t. Menschen seien dabei auch nicht zu Schaden gekommen. Ungeachtet Jessen; schließt Kisch die Erklärung der palästinensischen Exekutive, sind wir der Ansicht, daß die Maßnahme der Behörde und der Grund, weswegen sie getroffen wurde, d/en s c »h ä r f s t e n Protest herausfordert. Eine Kundgebung der Zionistischen Weltexekutive. .T, , Die Zionistische Wcltexeikutive erläßt ©ine Er- 'kjärung zu den Vorgängen an der westlichen Tempeltnauer kl Jerusalem, in der es heißt: Die gesamte jüdische Weit beklagt aufs Tiefste die Ereignisse, die sich in Jerusalem VÖr der Klagcmauer am Tage des Versöhnuugsfestes abgespielt haben. Die zionistische Exekutive behält sich eine weitere Stellungnahme nach Eintreffen ausführlicherer Informationen vor. Die Exekutive weist darauf hin, daß sie schon vor zwei Jahren das Problem der Klagemauer aus Anlaß vorangegangener bedauerlicher Zwischenfälle, die die,tiefsten Empfindungen der Juden verletzten, vor der ■Mandatarmacht und dem Völkerbund aufgerollt, und. dabei der Hoffnung Ausdruck gegeben hat, daß Mittel .und Wege gefunden werden, die einem Zustande efo Ende machen, der schwere Besorgnisse' für die Zukunft rechtfertigt. Die Exekutive hegt nun die bestimmteste Hoffnung, daß angesichts der jüngsten Er» eignisse die Frage der Klagemauer nunmehr eineT ernstesten, Betrachtung unterzogen werden wird. Eine Darlegung des Mosleuiitischen Obersien Rates, Der Oberste Rat der Moslemiten teilt der Jüdischen Tejegraphenagentur mit, die Regierung sei vom Obersten Rat: zweimal aufgefordert worden, die bestehenden Besjtzverhältnisse zu schützen und die Scheidewand sowie Qfeder Sireng gläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. DieKunerokErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur* fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUN 100% REINES KOKOSNUSSFETT Tische, Lampen usw. vor der Klagcmauer zu entfernen. Durch diese Aufforderung an die Regierung sei der Mostemi'tisohe Oberste Rat einer beabsichtigten Aktion der m o s J e m i t i s c h c n Menge zuvorgekommen, die Anstalten traf, am Morgen des Jörn Kippur, vor der Ankunft der jüdischen Andächtigen, den Platz vor der Mauer zu besetzen. Noch am Samstag vor Joni Kippur (hat sich ein erregter Zwischenfall vor der Klagemauer abgespielt. Araber überfielen einen Juden, der vor der Klagemaucr betete, und mißhandelten ihn schwer. Sein Zustand 'gibt zuernsten Besorgnissen Anlaß. Die schuldigen Araber wurden verhaftet, Proteststreik in Palästina« Resolutionen an England und den Völkerbund. Jerusalem, 3. O'ktobcr. (J. T. A.) Am 27. September, nachmittags, veranstaltete die Judenheit in allen Städten und Orten Palästinas einen einstündigen Proteststreik, um gegen den Zwischenfall an der Klägemauer am Jom-Kippur-Tage zu demonstrieren. In den Straßen ruhte der Verkehr, die ^Versammlunigssäle waren alle überfüllt. Auf die Versammlungen folgten friedliche Kundgebungen in den Straßen, die programmäßig vor sich gingen und vollkommen ungestört verliefen, In allen Versammlungen wurden Resolutionen angenommen, in denen Großbritannien als Mandatarmächt Pailastinäs und der Völkerbund als der Protektor Palästinas aufgefordert werden, die Klägemauer und den Platz vor ihr den Juden zurückzugeben. Während der Versammlungen wurden Ruife laut: „Nieder m i t d e r P o 1 i z e i! Nieder mit dem Distriktskommissar!" Am Schluß der Versammlungen und während der Kundgebungen draußen wurde die „Hati'kwa'h" gesungen. An den Jerusalemer Kundgebungen nahmen rund 10.000, an den Kundgebungen in Tel-Awiw etwa 1'5.000 Juden teil. Einer der Versammlungen in Jerusalem wohnte der zu Gast hier weilende berühmte Rabbi von Radzim.in bei. Er 'hielt von der Rednertribüne aus eine Ansprache, in der er mit Tränen in den Augen die- Vertreterschaft der Juedn, wie Waad Leumi, Palästinensisch-zionistische Exe-, kutive, Präsidien der jüdischen Gemeinden und die Oberrabbiner beschwor, nicht eher zu ruhen, als bis die Frage der Klagcmauer in der Weise erledigt äst, daß ,sie den Juden zurückgegeben wird. Am 28. September besuchten Albordnungen der jüüi-. sehen Gemeinden in allen Orten Palästinas die Ortsbehörden und überreichten ihnen die in den Versammlungen gefaßten Resolutionen. Abschriften der Resolutionen wurden dem Völkerbund in Gen{ und der Regierung Großbritanniens übermittelt. Am 2. Oktober veranstaltete die Jerusalemer Judenschaft eine feierliche Prozession zur Klägemauer. Das Zentralkomitee der Weltorganisation Mdsraohi hat den Qborrabbiner des britischen Reiches Dr. J. H. 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