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Die neue Welt · 1928-10-05 · Heft 55 (5.10.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 55 (5.10.1928)
Date
1928-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 55 DIE NEUE WELT Seite 3 ■der sich von Zeit 25a Zeit die Siedlungen abheben. Di« Straßen sind sehr gut, denn sie sind aus strategischen Gründen das Wichtigste für die Engländer. Der Redner bespricht 'hierauf die einzelnen Kolonisationssysteme, das privatwirtschaftliche und das gemedndewirtschaft'liche, und erklärt, ein Urteil nicht abgeben zu können. Er rühmt die außerordentliche Sorgfalt, die in den Kwuzoth auf die Pflege der Kinder verwendet wird. Die Anlage der Siedlungen läßt das Bestellen eines festen Planes vermissen. Aber bei der Erschließung eines Landes ist es ja sehr leicht, theoretisch vom Papier aus etwas festzuliegen. Die Praxis ergibt ein anderes Bild und hier treten noch die speziellen Verhältnisse, die Not und die Eile hinzu. Man kann nicht, besonders wenn die Mittel gar nicht oder nicht zur rechten Zeit zur Venfügung stehen, den Boden so oder dort bekommen, wie man es braucht. Im allgemeinen bietet das jüdische Palästina das Bild der unbedingten Wahrheit. Bs. wird nichts vorgetäuscht, es ist keine falsche Fassade da. Das ist insbesondere in dem so viel besprochenen Tel A w i w zu sehen. Noch ist dort keine Linie deT baulichen Entwicklung zu sehen, aber es zeigt sich die Absiebt, etwas Gutes zu schaffen. Wenn man die Bauten mit denen der israelitischen Kultusgemeinde in Wien vergleicht, so muß man Tel Awiw den Vorzug geben. Obzwar in Wien alles zur Verfügung stehen würde, was man braucht, ist hier doch die Reaktion an der Arbelt, die Angst vor dem Neuen, vor dem Jungen, judischen Geist. Diese Reaktion begleitet auch die Arbeit in Palästina und ihre Schwierigkeiten mit einer gewissen hämischen Freude. Jeder Mißerfolg ruft Schadenfreude hervor und ich habe es oft bemerken können, wenn ich auf Fragen nach den Aussichten für die Zukunft optimistisch antworten mußte. daß sich eine gewisse Enttäuschung zeigte. Dieser reaktionäre Geist ist auch im Lande selbst vorhanden. - Er zeigt sich in dem Festhalten an alten Trachten, überlebten Traditionen und derti Widerstand gegen die hebräische Sprache und die nationale Erziehung der Jugend. Das moderne Judentum in Palästina ist national und drückt diesen Stempel dem Charakter des Landes und allen Unternehmungen auf. Dieses nationale Empfinden ist nicht Endziel, sondern ein Uebergangsstadium, durch das ein jedes Volk hindurchgehen muß, um später zu der höheren Gemeinsamkeit zu gelangen. Die Ueber Windung des alten reaktionären Geistes ist von' großer Wichtigkeit, denn dieser Geist ist die Schuld daran; wenn die Juden hin und wieder von den Engländern als „natives", als Eingeborene behandelt werden. \ Die größte Zukunft hat Haifa, dos den großen Hafen erhält. Dort sind auch die Industrie, die Technische' Hochschule, das Fahrikswesen konzentriert. Jerusalem kanin, wie schon Herz! gesehen hat, nur ein Museum inmitten einer Gartenstadt sein. Im Bauwesen ist der Araber (bereits verdrängt. Die Juden sind die Arbeiter, nicht nur die Maurer, sondern auch die Vorarbeiter, Poliere und Meister« Der Bauleiter des Theaters in Tel Awiw ist ein Jude, der aus Europa kam und sich selbst ausgebildet hat Das ist es, was auffällt und hoffnungsvoll stimmt: Der Drang nach Vervollkommnung und Beherrschung der technischen Details. Dieser feste Wille gibt das Vertrauen in die Zukunft. Niemand im Lande zweifeit, jeder fühlt sich als Pionier einer neuen Kultur. Man arbeitet nicht mehr an dem „.Nachtasyl" für die russischen Juden, sondern an der Regeneration des Volkes. Die außerordentlich instruktive Darstellung, die der Vortragende gab, hat leider nicht so wirken können, wie dies zu wünschen gewesen wäre. Der Vortrag war unbegreiflicherweise auf einen Sonntag abend angesetzt und demgemäß sehr sohlecht besucht. Es war auch kaum eine entsprechende Ankündigung erfolgt, so daß nicht einmal die Zionisten erschienen. Das ist sehr bedauerlich, weil sie um die seltene Gelegenheit kamen,, einen durchaus sachlichen und im besten Sinne des Wortes unbefangenen Urteil er zu hören. Sn BLü^^BS^^^^ßH^ TRIESTINO Katholisches. Immer die verfluchten Juden. — Sie treiben Mexiko in die Revolution und preußische Gymnasiasten in den Tod, In Mexiko tobt nun schon seit Jahren ein Kampf zwischen Regierung und katholischem Klerus. Man wechselt nicht nur Worte, sondern reichlich Schüsse. Maschinengewehre und Galgen spielen in diesem Streite der Geister eine ganz bedeutsame Rolle. Es gibt tausende Tote auf beiden Seiten. Nachdem Mexiko fast zu hundert Prozent katholisch ist, ergibt sich der merkwürdige Zustand, daß die katholische Majorität eines katholischen Landes gegen die Vorrechte des katholischen Klerus kämpft. Einige Jahrhunderte früher hätte der Heilige Vater in Rom einfach deklariert, daß Mexiko verhext ist und -die christliche Welt hätte sich mit dieser Feststellung gläubig zufrieden gegeben und einen Kreuzzug gegen das verfluchte Land veranstaltet. Heute aber steht die Hexerei an allen Glaubensbörsen, auch an der katholischen, so tief im Kurse, daß die Kunde von einem besessenen Mexiko wenig Anklang finden würde. Nachdem es also nicht angeht, die Herrschaft böser Geister auszuposaunen, erklärt man Mexiko als verjudet, von Juden verführt. f Beim Einkauf von Ko^cHerwdrfpln achten Sie aut die Insigniert des Ehrw Rabh. Sigmund Fürst vom Srhiifti mnel JEDER ECHTE „GRAF KOSCHER WÜRFEL" | trägt diese Insignien j und retour Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. Fahrtdauer unter Berührung von Bilndisi bloß 5l/2 Tage. — Fahrpruse: I. Kl. Lst. 22.-.-, II. Kl Lst 15.-.-, III Kl. Lst. 5.—.— inklusive Kabine und Verpflegung Clialtizim besondere Ermässigung Eine Fahrt Triest - Jaffa — Haifa und zurück kostet in der III. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 345»- Famiiien erhalten überdies noch eine 10-, beziehungsweise 15%ige Ermäßigung! Auskünfte: Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 6 Telephon U-48-C53 — u-46-0»55 Das Blatt des Papstes, „Ö s s e r v a t o r e R 0m a n 0", bringt die Enthüllung, daß der Politiker und Gouverneur Aron S a e n z der eigentliche Stifter und Leiter des Kampfes gegen die Kirche ist. Ein Jude, der in seiner Eigenschaft als Gouverneur „s einen j ü d i s c ih e n Glaubensgenossen die Grenzen weit geöffnet hat" und mit ihrer Hilfe und im Auftrage des Weltjud enturns ein katholisches Land in den Abgrund der Ketzerei treibt. Herr Saenz hat sich beeilt, zu versichern und zu beweisen, daß er gut indianischer Abkunft ist, und weder er noch seine Ahnen je etwas mit Juden zu tun hatten. Zum Namen Aron sei er gekommen, weil bei vielen amerikanischen Sekten biblische Namen gebräuchlich sind. Schlagfertig antwortete das päpstliche Blatt, daß demnach S a e n z ein „protestantischer Jude" sei. Beim Juden ist es also geblieben. Fortan wird — soweit die Stimme der Kirche reicht — und sie reicht weit — neben der Kreuzigung Jesus, dem Ritualmord, der französischen Revolution und dem Bolschewismus auch das ketzerische Mexiko im Sündenregister der Juden blutig leuchten. Damit ist auch für den Ruhm des Herrn Saenz aus Mexiko und die jüdischen Geschichtsschreiber gesorgt. Sein Name wird nicht verlöschen und die gelehrten Herren werden emsig forschend bis zu seiner Ur- und Ururgroßmutter vordringen, um nachzuweisen, daß er kein Jude ist. Und sie werden es nach weisen und die christliche Welt wird weiter an das Gegenteil glauben, wie im Falle des R'ituahnordes, des Bolschewismus und anderer schöner Sachen. * Vor einiger Zeit 'haben sich zwei Schüler des preußischen Staatsgynmasiums in H i n d e n b n r g 'umgebracht. Zuerst der Schüler Smolorz, ein Katholik. Ungefähr drei Wochen später sein Klassenkollege, der Unterprimaner Baum gart, ein Junge aus guter jüdischer Familie. Die Nachforschung ergab, daß Smolorz das Opfer eines „kameradschaftlichen" Verhältnisses mit einem Mädchen seines Alters geworden ist. Er war Von Chajim Wasserträger, der Kol Nidre verschlafen hat. Von Z. Weinper. Als Ghajiim Wasserträger vorn Schlaf erwachte, fühlte er doppelte Müdigkeit in seinen Gliedern und mit Behagen streckte er sich über das weiche duftende Heu. Er glotzte in die Dunkelheit des Dachbodens und sein Auge traf ein ©roßer funkelnder Stern, der durch eine Lücke tai zerbrochenen Dach hineinschien. Plötzlich riß es ihn auf. Du mein Gott, iah bab' Kol Nidre verpaßt! Eine Sekunde lang war es Ihm, als hätte er sich wie ein Tier in einem Netz verfangen, aber bald faßte er sich ein wenig und begann in der Finsternis umberzutappen, um den Weg zur Leiter zu finden, die ihn zu den kleinen Ställen führte. Der große funkelnde Stern blitzte ihn nicht mehr an, Ghajini kam es vor, er wolle ihn höhnen „Schlemihl von einem Wasserträger, der du bist", aber schon hatte er die Leiter erreicht, begann vorsichtig abwärbs zu klettern, Sprosse um Sprosse nehmend, als wäre unten ein fürchterlicher Abgrund. »Gottes Strafe", durchzuckte es ihn. Als er 'unter sich Boden sptörte, atmete er freier . .. el' rachum wechanun . . .1 Plötzlich bewegte sich etwas im Dunkel der Stall- JcammeT. Ohajim schreckte auf. Eine Kuh muhte. Ohajim versetzte ihr einen Stoß in den Bauch, murmelte etwas von „Der Teufel soll dich holen", aber es reute ihn allsogleich, als er sich besann, daß es Jörn Kippur sei und daß ihm diese rohe Sünde schwer vergolten werden könnte. Er begann die Kuh zärtlich zu streicheln. „Ich nah' es nicht bös gemeint", entschuldigte er sich und betrat die Stube. Da waT niemand. Die gelben Wachskerzen, die auf dem Tisch standen, verbreiteten, unangezündet wie sie waren, Schrecken um sich. Ghijimi griff nach dem Taltlis und dem MacbaLr und lief in die Schul. Die Gäßchen taxt Schul hin waren dunkeL Nur die kleinen Kerzenflämmchen der Seelenlichter schwelten mattfunkelnd durch die Fenster. Ghajim schritt mit seinen schweren Stiefeln aus. Sein Herz drückte vor Besorgnis und Aerger ... Kol Nidre verpaßt! Hart bei der Schul blieb er stehen. Die hohen hellen Fenster brannten ihm ins Gesicht. Er stand da und beriet mit sich selber: Wie stiehlt man sich da hinein? Wie ein Wild, das. sich aus dem Gesichtsfeld des Jägers lösen will, glitt Ghajim Wasserträger die Wände der Schul entlang, bis er in. den Vorraum gelangte. „Gott sei Dank", seufzte er Ire? auf, als er sich schon unter einige Juden mischte, die, iihT'3 Taüesim über den Köpfen, sich im Gebet wiegend dasaßen. Chajim begann dem klagenden Gesang des Ohazen zuzuhören. Er wollte herausfinden, wo man im Gebet gerade hielt, aber mehr als ein Weinen konnte sein Ohr nicht fassen. Der Schreck über den verpaßten) Kol Nidre wuchs in seinem Herzen und er kam sifeh wie ein kleiner unscheinbarer Wurm vor, dessen Platz unter der Erde ist. „Schlemihl, Dummkopf, der du bist", murmelte er vor sich hin. Er besann sich aller Bitten, die er in diesem Jahr vor Gott ausbreiten wollte, der wichtigsten Bitte, die sein Herz - beschwerte: ein Pferdchen zum Wasserführen . . . Aber wie kann er jetzt Gott um ein Pferdchen bitten, wenn er Kol Nidre verpaßt hat? Ghajim wurde es schwer ums Herz. Er sah ein neues Jahr schwerster Arbeit vor sich. Mit dem Holz auf den Schultern wird er Tag um Tag volle Wassereimer für die reichen Häuser schleppen, Chajim der Wasser träger! Er dachte daran, wie schwer er heute arbeiten mußte. Jede Hausfrau hatte für heute zwei Eimer mehr als sonst verlangt, und als der Vorabend gekommen war, zog es ihn hinauf zu dem" Dachboden, wo das Bündel Heu gar so verführerisch duftete... „Wegen der Hausfrauen mußte ich Kol Nidre versäumen", weinte es in ihm. Die Menge begann aus der Schul zu strömen und von dort auf die Gasse, nach Hause. Ohajim sah seine würdige Hausmutter an — was die sich wohl heute ausgebetet haben werde, indes ihm Gott, der Gerechte, nicht einmal ein Pferdchen bewilligen würde. Jetzt ist die Schul leer. Zwischen den Bankreihen gibt es nur noch wenige Zurückgebliebene, darunter den Row. In Ohatfims Hirn blitzte ein Gedanke auf, der ihn mächtig aufrüttelte. „Was will Chajim?" fragte der Row, seinen angegrauten Bart streichelnd. „Rabbi", begann Ohajim und seine Stimme versagte fast. „Erzähl' nur, Gott ist ein El rachum wechanun." Chajim Wasserträger raffte seine Kräfte zusammen', erzählte dem Row, wie schwer er heute arbeiten mußte und. darum den Kol Nidre verpaßt habe . . . Der Row warf einen unruhigen Blick auf ihn. Bald aber trat väterliche Güte auf sein Gesicht und er sagte: „Macht nichts, Chajim. Einen Schlechten, einen mit Gott Hadernden läßt Gott liegen ... um einen solchen kümmert er sich nicht. Aber einen, der verschlafen hat, der verpaßt hat, den merkt Gott sich vor ..." Ohajim geht, erleichterten Herzens. Vor seinem Auge sieht er ein Pferdchen, ein leibhaftiges Pferdchen, das ihm mit Gottes Hilfe das Wasser zu seinen noblen Kunden schleppen wird. (Aus dem Jiddischen,)

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