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Die neue Welt · 1928-10-05 · Heft 55 (5.10.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 55 (5.10.1928)
Date
1928-10-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Satte 2 GEBRUDER BRAININ l., Bauernmarkt 2a. MU-22-3-59 Ii, oiockengasse 8. Tel. R-45-4-33 für staatswissensohaftlich« Forschung" lud Wassermann ein, einen, Vortrag über das Judentum zu halten, obzwar Wassermann als jüdischer Forscher ebenso bekannt ist wie als chinesischer. Und Wassermann, welcher in seinem Vortrage nicht nur glatt zugibt, keine Spur jüdischen Wissens zu besitzen, sondern auch erklärt, weder nationaljüdisch noch jüdischreligiös zu empfinden, hält trotzdem einen Vortrag über das Judentum. Bs wäre vergeudete Mühe, nach tieferen Gründen dieses Widersinns zu forschen. Die Ursache liegt auf der Oberfläche und heißt R ek'Iarcie. Es hat sich in letzter Zeit als zugkräftig erwiesen, im Roman, im Theater und in der Presse in „jüdischen Problemen" zu machen. lieber jüdische Sachen zu reden, ist fast so modern wie Jazzmusik und Rumimyspiel. Also veranstalten beide, die „wissenschaftliche Gesellschaft" und Herr Wassermann, eine „große jüdische Sache" und die Presse tat ihnen den angestrebten Gefallen und schrieb breit und lang über den unsinnigen Schwindel. Damit war der Zweck der Uebung erreicht. Bemerkenswert ist die Sache nur, weil Herr Wassermann die Gelegenheit nicht lediglich zum Reklamemachen benützte, sondern auch dazu, zwei Judentümer zu 'konstruieren. Ein Judentum, das seßhaft, bodenständig, solid und national und kulturell in deutschen Landen eingewurzelt. Dazu gehört natürlich Herr Wassermann. Und ein verwahrlostes, zugewandertes und niedrig stehendes Judentum, welches Herr Wassermann selbst nicht mag und freundlich-gelassen dem antisemitischen Wolf zum Fräße in den Rachen wirft Ganz nach dem Beispiele der historischen Denunzianten, der kriechenden Augendiener von Rom, Bordeaux und Budapest. Um den antisemitischen Angriff von sich und seiner Sippe abzuwenden Hand ihm ein anderes Ziel zu geben, sagt Wassermann: ,*Krieg und Nachkriegsjahre halben vielerlei Unrat und Unflat an die Oberfläche der Gewässer getrieben, unter anderem auch die Scharen liaObbarbarischer, lebensgieriger, beutegieriger, aber von einem ganzbarbarisohen Aoitokratismus generationenlang in Ghettowildiiis gefangen gewesener und infolge des Krieges unglücklicherweise auf Deutschland losgelassener polnischer und russischer Juden," (Lebensgierig! Wie schrecklich! Leben wollen sie, die frechen Barbaren!) Und dann setzt Herr Wassermann sich und seine Leute in gebührenden Gegensatz zu diesem „losgelassenen" jüdischen Gesinde] mit dem Satze: „Meine Vorfahren, sind mindestens fünfhundert Jahre im fränkischen Land gewesen und ich möchte gerne die Probe machen, wie viele sich autochthon nennende Deutsche, Sachsen, Pommern usw. das von sich behaupten können!" AJso bodenständig, bodenständig, bodenständig! , ' Um HimmelswiHen! Was sich ein Mensch denkt, der so spricht! Wassermann redet, als wäre seine Ururgrößmutter als minnigliohes Edelfräulein auf dem Söller der Ritterbürg derer von Wassermann gesessen und hätte dem zur Falkenjagd oder zum Kreuzzug reitenden Herrn Papa mit weißer Hand und weißem Tücblein hold nachgewinkt. Als ob seine Ururonkels in Kreisen der Minne- und Meistersänger so aus- und eingegangen wären wie etwa ihr Sprößling Jakob heute im Romanischen Cafe - am Kurfürstendamm, als ob sie alle Wochen im Turnier drei oder vier Lanzen gebrochen hätten. Pferdehändler, Hausierer, Geldwechsler, Dtebshehler, Salbenschmierer waren Ihre Ahnen, Herr Jakob Wassermann! In spitzen Hüten und mit gelbem Fleck schlichen sie durch dunkle Gassen, vor jedem Gassenjungen zitternd, saßen in stinkenden Ghettolöchern, von ganzbarbarischem Autokratismus zu niedrigem Beruf und niedriger Lebensart gezwungen. Sie hatten Kultur in sich, hohe Kultur, aber nur jüdische, nicht ein Jota deutsche. Sie waren die Jahrhunderte hindurch mit ihrem elenden, zermarterten Körper in Franken, in Sachsen, am Rhein, an der Donau. Aber von deutschem Leben und deutschem Geist waren sie viel weiter entfernt, als heute der Jude am Dniepr und am Dniestr von Kant und Beethoven, Um im Wassermannschen Jargon zu reden: Die Ahnen des Herrn Wassermann waren in Ghettowildnis gefangene, liü'lbparbarische, beutegierige, lebensgierige, durch die Emanzipation vor zwei oder drei Generationen unglücklicherweise auf Deutschland losgelassene fränkische Juden. Die fünf Jahrhunderte Kultur, welche Herr "Wassermann zwischen sich und seine zugewanderten Stammes» genossen schiebt, sind purer Schwindel. Zwei oder drei Generationen äußere Zivilisation sind es besten* falls. Und den Vorsprung holt jeder aufgeweckte _ DIE NEUE WELT_ russische oder polnische Judenjunge in paar Jahren ein. Steigen Sie herunter von Ihrem hohen fränkischen Throne, Herr Wassermann 1 Zur Vollständigkeit des Vergleiches sei erwähnt, daß die römischen Juden nichts Gutes für sich erlangten, als sie den Antisemiten Alexander VI. gegen die „zugereisten" spanischen Juden aufhetzen wollten und sich als „bodenständiges" ruhiges Element anpriesen. Der Gescbichtschreiber Graetz berichtet, daß Papst Alexander VI., sonst kein Gefühlsmensch, Über dieses treulose Vorgehen empört war, die spanischen Juden ins Land ließ und die Ausweisung der Denunzianten, der römischen Juden, verfügte. Diese mußten ihm dann seine gerechte Entrüstung und die Aufhebung ihrer Ausweisung um bare 2000 Goldtaler abkaufen. Auch Herr Jakob Wassermann wird mit seiner Verunglimpfung der russischen und polnischen Juden und der Anpreisung seiner famosen fränkischen Ahnengalerie bei den Antisemiten nichts erreichen. Der deutsche Antisemitismus richtet sch nur so nebenher gegen die ostjüdischen Zuzügler. Die beschimpft und beleidigt man in Wort und Schrift, aber sonst genieren sie wenig. Man macht schließlich noch mit ihnen Geschäfte, wie die Geschichte der neuesten Bankrotte und Kriminalfälle beweist. Der wirkliche, der fanatische Haß ist gerade gegen die jüdischen Schriftsteller, Journalisten, Akademiker, Theaterleute, also gegen die Bodenständigen, gegen die Wassermänner gerichtet. Die sind und bleiben der Dorn im Auge. Jakob Wassermann und seine Freunde werden bezichtigt, das deutsche Geistesleben zu verfälschen und die deutsche Jugend zu versauen und zu verführen. Das hat mit Ostjuden nichts zu tun. Herr Wassermann täuscht sich, wenn er glaubt, auf Kosten der Ostjuden zur Gunst der Deutschen gelangen zu können. Er denunziert und erniedrigt sich vergeblich. Er bleibt für die Deutschen der lästige Jude, mitsamt seinen zwei Dutzend fränkischen Ahnen. ■* Wassermann kommt auch zu einem Urteil über den Zionismus. Es ist natürlich vernichtend. Er sagt: „Gelingt es den Juden heute, einen Staat zu Der Wiener Architekt Dr. Josef Frank, . dessen .. Äußerungen...,., über ^palästinensische Baufragen die „Neue Welt" in Nr. 52 wiedergegeben hat, hielt am. 30. September über •Einladung des österreichischen Pro-tPälästinäkornitees einen Vortrag, in welchem er seine Anschauungen über die .politischen und sozialen Verhältmiisse Palästinas entwickelte. Er führte u. a. ms: Die Urteile über die Art, wie das Völkerbundmandat ausgeübt wird, sind verschieden. Die meisten lauten wicht 'günstig.Nun gilt das Interesse Englands der Sicherung des Landweges nach/ Indien und des Suezkänals gegen zukünftige arabische Angriffe. , . Die jüdische Kolonisation wird also nur in dem Maße gefördert, als dies dem englischen Interesse entspricht Mehr zu verfangen, ginge über das normale Maß hinaus. Deh Engländerin geht eine stärkere Unterstützung der Juden zu Ungunsten der Araber etwas gegen den Strich. Die letzten Vorschläge, Palästina ein Parlament zu geben oder es in ein englisches Dominium zu verwandeln, stad nodh nicht sehr weit gediehen. Bei den bestehenden Etawohnerschaftsverbäitttissen würden die Juden In einem Parlament iu einer sehr geringen Minorität sein und sie würden In allen Prägen der Einwanderung und . der Kolonisation gänzlich ausgeschaltet sein, da die Araber kein Interesse daran haben, irgend eine fremde Einwanderung zu fördern. •' Es ist eine gewisse Spannung zwischen Juden und Arabern vorhanden, die in einiger Zeit verschwin- Nf. 55 I TUCHHAUS I IMONZI WIEN, I. i | Ertlgasse 4 und | 1 Kramergasse 11 i | TelephonU 25-2-57 | | Import Original englischer und | | schottischer Herrenu. Damen- | | Stoffe sowie irischer Donegals | | und Thornproofs j | Detailverkauf zu Engros-Preiserr! | liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiinw gründen, so werden sie vielleicht eine Nation sein, vielleicht als „Volk" gelten und anerkannt sein. Juden im bisherigen Sinne werden sie dann aufgehört haben zu sein! .... Man schlage die Juden tot, man treibe sie aus, man lösche ihre Namen von der Tafel dfr Geschichte, das wäre alles minder verhängnisvoll für das Schicksal der Kulturmenschheit!" Wassermann hat in einer Beziehung recht. Der Zionismus, bezweckt tatsächlich, vieles an den Juden zu ändern. Vor allem will er sie zur Solidarität erziehen. Sie sollen vor allem aufhören, einander verächtlich zu machen und zu denunzieren. Sie sollen wie Freie und nicht wie Knechte denken und leben. Sie sollen als Juden nicht so sein wie Herr Jakob Wassermann. Das wäre kein Verhängnis für die Juden und die Kulturmenschheit, sondern ein Segen. r. st. den wird.'Die Einwanderung der Juden Ist nichts anderes -als . eine Ein wand ermnig., von. Europäern. Der Unterschied •fällt .jedem in jeder Hinsicht auf..Die •■•.Araber 4 eben -noch wie -zu den Zeiten Abrahams in den primitivsten Verhältnissen. Ihr Haus besteht aus einem Raum, in dem sie •mit dem Vieh zusammen hausen. Die Feldarbeit ist ebenso primitiv» Sie dreschen noch, indem sie ein Brett auf das Getreide legen und mit einem Pferd einen Tag lang um das Brett ziehen. Sie haben auch keine Gelegenheit gehabt, sich aus diesem Zustand zu erheben. Früher wardie Herrschaft türkisch, heute ist sie englisch. Aber beute wie früher gehört das ganze Land dem Großgrundbesitz. Die arabischen Eflendis verhindern jedes kulturelle Aufsteigen der Fellachen; und sie kehren auch aus demselben Grund gegen* die Einwanderung, die zum kulturellen Einfluß auf die Araber führen muß, den Nationalismus hervor, wie ja auch in Europa der Nationalismus eingeschaltet wird, wo ein kultureller Aufstieg verhindert werden soll. Aber anif die Dauer wird sich der Einfluß der Juden nicht verhindern lassen. Die saubere, rationelle und g e wi s s enhai t e B e t r i e b s f ührung der jüdischen Siedlung neben dem zurückgebliebenen arabischen Dorf wird auf die Araber wirken und es werden die kulturell Stärkeren den Sieg davontragen. Der Zweck meiner Reise war das Amt eines Jurors für den Neubau des Vetwaltungsebäudes der zionistischen Exekutive. Es ist dies ein Repräsemi.tai ion sge bäu de für das gesamte Judentum. Das Haus, steht in der Georgstraße auf einem Hügel, der ganz Jerusalem überragt, und es hat deshalb sehr große Bedeutung für die ganze bauliche Entwicklung der Stadt und für den Aufbau des ganzen Laiides. Die neue Besiedlung hat vor etwa 60 Jahren, nach . den Judenverfolgungen in Rußland, eingesetzt und wurde in der ersten Zeit vom Baron Edmorod Rothschild geführt. Diese Kolonisation hat sich bereits entwickelt. Sie ist nicht wie in Amerika in ein . Land mit einem schon vorhandenen Kuharransatz gegangen. Palästina ist seit den ältesten Zeiten immer Provinz gewesen, die unter einer despotischen Herrschaft gestanden ist und deren Entwicklung sich gemäß den Interessen der orientalischen Tyrannei vollzog, Erst in der Römerzeit hat eine andere, größeren Bedürfnissen entsprechende Entwicklung eingesetzt. Es wurden Straßen gebaut, deren Reste heute noch erhalten sind. Seither hat das Land das Schicksal der türkischen Provinz gehabt. Heute erst beginnt man wieder aufzubauen und so viel zu schaffen, um den Juden eine Existenzmöglicfokeit aus dem Lande selbst zu geben. Bei dem •heutigen Stand kann das Land beiläufig 3 Millionen Menschen' ernähren. Diese Ziffer kann bei künstlicher Bewässerung und modernen Anlagen noch weiter gestei«ert werden. Das Land macht den Eindruck einer Steppe, aus Palästina im Aufbau. Vortrag des Professors Dr. Josef Frank.;

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