Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 54 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 54 DIE NEUE WELT Seite J! Neue Herbstmodelle eingelangt! Der Kam WiM**^^eh»k, w Deftai verkauf zu Engrospreisen direkt inder Fabrik VII., Kaiserstraße im Stock Judengemeinde Es soll alles beim alten bleiben. — Die Wählerzahl um 8000 gesunken. Am 2. Dezember finden die Wahlen in den Wiener Kultusvorstand statt. Die in der israelitischen „U n i o n" vereinigte Majorität ist bereits auf den Plan getreten und hat ihr Programm in Versammlungen entwickelt und in der Presse veröffentlicht. Es ist sehr einfach. Es heißt: Es soll alles beim alten bleiben. Die Herren drücken das so aus: Die geheiligte Tradition der altehrwürdigen Kultusgemeinde soll gewahrt werden! Damit hat die Majorität eigentlich selbst über sich den Stab gebrochen, denn die Judengemeinde Wien ist unter ihrer Herrschaft keine aufblühende, sondern eine absterbende Gemeinde geworden. Wie diese „altehrwürdige" Tradition aussieht, erkennt man am besten, wenn man die Wände des Sitzungssaales betrachtet. Da hängen die Bilder aller früheren Präsidenten und Vizepräsidenten und darunter stehen die Namen. Heute fast lauter christliche Namen, denn schon die nächste Generation ist ausgetauft. Menschen haben die Gemeinde geführt, welche nicht imstande waren, die eigene Familie jüdisch zu erhalten, geschweige denn die Gemeindeangehörigen. Das ist das gute Alte und die heilige Tradition, welche gemäß dem Programm der „Union" erhalten werden müssen. Der Abfall vom Judentum grassiert, die Tauflisten werden immer größer. Die Judengemeinde kann und will nichts dagegen unternehmen. Das ist heilige Tradition. So soll es bleiben. Keinem Juden fällt es ein, sich in sozialer oder politischer Not an die Judengemeinde zu wenden, weil er weiß, daß dort weder Rat noch Hilfe zu holen ist. Die Judengemeinde tritt an den Juden nur heran, wenn sie Steuern, Hochzeits- und Matrikengebühren von ihm fordert oder ihn begräbt. So soll es bleiben. Die Kinder erhalten einen jüdischen Unterricht, der sie vom Judentum förmlich forttreibt. Man langweilt sie, statt sie zu begeistern. Sie kommen geringschätzig lachend oder klagend nach Hause. Ausnahmen sind äußerst selten. So soll es'bleib e n. Durch ein reaktionäres Wahlrecht wird die große Masse der Wiener Juden von der Gemeinde und ihrer Verwaltung ferngehalten, die bestehende Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Gemeinde gefördert. In Deutschland und in Polen, in ganz Mittel- und Osteuropa gilt das allgemeine Wahlrecht in den Judengemeinden, die Zahl der Wähler wird immer größer. In Wien ist die Zahl der Wähler gesunken. Heuer gibt es um zirka 8000 Wähler weniger als bei der letzten Wahl v o r v i e r Jahren. Von 220.000 Juden sind nur zirka 35.000 wahlberechtigt. In der nächsten Periode wird es keine 30.000 mehr geben. Entfremdung und Verfall. So soll es bleiben. Das ist der positive Teil des Programms der „Union". Der negative, weit größere, besteht in der Bekämpfung des volkstümlichen, jüdisch-bewußten Gemeindeprogramms der Zionisten. Die Zionisten wollen Politik in die Gemeindestube bringen! Diese gefährliche Politik besteht vor allem darin, daß die Gemeinde aufhören soll, den Charakter eines reinen Leichenbestattungs- und Hochzeits Vereines zu tragen. Sie soll die Juden im allgemeinen und die Juden im besonderen vor Verfolgungen schützen, von Staat und Gemeinde das den Juden gebührende Recht fordern. Wo Menschen und Gruppen wegen ihres Judentums verfolgt werden, soll die Gemeinde mit ihrer Autorität eingreifen. Das darf n i c h t -s e i n! Die Kinder sollen zum Verständnis für das jüdische Volkstum erzogen werden. Man soll sie mit der erhabenen Geschichte ihrer Nation vertraut machen, ihnen Liebe und Stolz ihres Judentums einflößen. Der jüdische Unterricht soll lebendig und zu einem Hauptgegenstand ausgestaltet werden. Das Judentum soll den Kindern keine Last sein, es soll ihnen etwas Teures werden. Die Liebe zur Zukunft des Volkes, zur nationalen Heimstätte in Palästina soll ihnen eingeflößt und damit das Judentum in ihrer Seele verwurzelt werden. Das darf nicht sein. Die Gemeinde soll sich mit dem Problem der jüdischen Arbeitslosigkeit und der jüdischen K r e d i.t n o t befassen. Sie soll eine Stellenvermittlung für Juden einrichten und bei der Gründung von Institutionen für Selbst- »♦♦♦»^♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦♦♦»♦»♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦»♦fg I Beim Einkauf von Kocc*erwfufpln achten ^ie au* die fnf s'pnte" des Ehrw Rabh. S»gmund Fürst vom Si hiffti mnel JEDER ECHTE „GRAF KOSCHER WÜRFEL" 1 trägt diese Insisnien f j A44444444AA44AAAA444A4iiA44A A *^^^*AAjAAAii A #fffffvTfffVTffffffffffffffVffTV"fff??T?fT1 hilfe- und Kreditkassen führend und helfend vorangehen. In Berlin und anderen jüdischen Gemeinden tut man das. In Wien werden Unsummen für Prunkbauten auf Friedhöfen verwendet. Mit einem geringen Teil wäre für die Lebenden Segensreiches geschaffen. Aber ins gewerbliche Leben der Juden hilfreich eingreifen? Das widerspricht der alt ehrwürdigen Tradition! Das ist gefährlich. Das darf nich sein! Dem Skandal des Wahlunrechtes ein Ende bereiten, jeden erwachsenen Juden am Schicksal der Gemeinde interessieren, ihm sein natürliches Recht der Mitbestimmung geben? Das ist in den Augen der Herren von der „Union" ein Verbrechen. Man öffnet doch den „Feinden", ja, den Feinden die Tore der Gemeinde. Diese Menschen werden doch alles zerstören, vor allem das „gute Alte". Unruhiges Leben wird dort entstehen, wo dank einer weisen Beschränkung des Wahlrechtes bisher heilige Stille und sanftes Sterben gewaltet hat. Das darf nicht sein! Am 2. Dezember wird der Wiener Jude vor die Wahl gestellt sein, er wird darüber entscheiden müssen, ob es bei der alten, heiligen Ruhe des Sterbens bleiben oder unruhiges Leben dort einziehen soll, wo das Schicksal des Wiener Judentums maßgebend beeinflußt ward. Zu den Kultuswahlen. Der Vorstand der zionistischen Bezirksscktion L c o p o 1*1 s t a d t teilt mit: Am 20. id. M. wurde das B e zi r k s w a h'l k o m i t e<; für die Leopoldistadt gebildet. Das Wahlbureau hat bereits mit seinen Arbeiten begonnen. Es hat seinen Sitz Z i r Icws g a s s c 33, Tel. Nr. R-49-8-98. Die Zionisten der Leopoldstadt werden gebeten, sich daselbst in der Zeit von 6 "bis 10 Uhr abends zur Mitarbeit zu melden. Für Mittwoch, den 3. Oktober ist eine große Wählerversaramhing im Zentralkie'ller geplant. Die Berliner Repräsentanten* Versammlung. Errichtung eines statistischen Büros der Jüdischen Gemeinde. In der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde wurde eine Anzahl bedeutsamer Beschlüsse gefaßt. Zunächst wurden für die Arbeiten des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland, des Verbandes ORT und des Büros für Schächtschutz größere Subventionen bewilligt. Annahme fand ferner ein liberaler Antrag auf Errichtung eines statistischen Büros der Jüdischen Gemeinde, dessen Arbeiten in erster Linie auch dem Kampf gegen Taufe und Mischehe zugute kommen sollen. Für die Erhaltung des historisch und architektonisch bedeutenden Jakob-Tempels an der Jakobsohn-Schule in Seesen wurde eine Beihilfe bewilligt. Ein liberaler Antrag, betreffend die Einrichtung religiöser Feierstunden in den Gemeindesynagogen am Sonntag vormittags wurde nach eingehenden Darlegungen des Führers der Volkspartei, Dr. K1 e e, aus prinzipiellen Gründen abgelehnt. Khille-Geist. Epilog zu einer Burgenlandiahrt. Von Otto Abeles. Anläßlich meines Sommerausfluges nach Kobersdorf, von dem ich in diesen Blättern erzählte, traf ich im Eisenbahnzug einen der gelehrtesten und aktivsten Rabbiner der sieben jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, den gestrengen und zionistenfeindlichen Rabbi von Deutschkreuz, den streitbaren „Zelemer". Vor zwei Jahren war ich in seiner Kehilla und publizierte dann ein Gespräch mit ihm, das einiges Aufsehen machte. Er warnte mich damals väterlich. Es sei einmal ein Herr aus Budapest nach Zelem gekommen, der im Gerüche der zionistischen Gesinnung stand. Fluchtartig habe der Fremde die für ihn sehr gefährliche Gegend verlassen, denn sonst — der bildhaft kräftige Ausdruck war natürlich nicht ernst gemeint, aber der um mich besorgte Herr Rabbiner fand es zweckmäßig, ihn zu gebrauchen — — denn sonst wäre der Budapester um einen Kopf kürzer zu seinen Lieben heimgekommen. Ich dankte für die rechtzeitige wohlwollende Warnung, war eher aufgeräumt als erschüttert und setzte die Unterredung fort, die ich veröffentlichte und in welche ich auch das Rezept aufnahm, welches der Zelemer zwecks endgültiger, vollkommener- Lösung üer Judenfrage empfahl: Alle Juden, welche nicht so streng religiös leben wie die seiner Kehilla, mögen sich schleunigst taufen lassen. Damais beschied mich unser verewigter Chajes zu sich, befragte mich, ob der Herr Rabbiner von Deutschkreuz tatsächlich sich derart geäußert hätte und meinte, man werde von diesem Rezept zur Lösung der Judenfrage, empfoh!en von einem sehr angesehenen orthodoxen Rabbiner und Leiter einer großen Jeschibah, noch in hundert Jahren sprechen. Nun saß ich dem Zelemer im Eisenbahnabteil gegenüber — er fuhr aus Baden, wo er zur Kur w.eilte, für einen Tag nach Hause, um eine Prüfung seiner Schüler vorzunehmen — der frische, stämmige Mann erwiderte freundlich meinen Gruß, erkannte mich sofort und wir knüpften natürlich an unsere seinerzeitige Diskussion an. Ich erzählte ihm, wie Chajes seinen Vorschlag zur Lösung der Judenfrage aufgenommen hat. Der Zelemer, ein wahrheitsliebender, für seine Ueberzeugung glühender Mann, hielt seine Aeußerung aufrecht, aber er stellte ihre Wiedergabe richtig. Er habe nicht just die Juden seiner Gemeinde als Maßstab dafür angegeben, wer Jude bleiben dürfe oder das Judentum durch die Taufnahme zu verlassen habe, sondern er habe .gesagt: Alle Juden, die nicht strenge nach unseren religiösen Geboten leben, sollten Christen werden. Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr, hier die Richtigstellung me'ner sinngemäß zutreffenden Wiedergabe vorzunehmen. Durchaus möglich, daß icji auf „Zelem" exempliziert habe, was sich auf die gesamte strenggläubige Judenschaft bezog. Durchaus möglich — durchaus begreiflich. Denn gibt es außerhalb der Erew-Stangen von Zelem noch irgendwo auf der bewohnten Welt eine Judengemeinde, die von dem Zelemer als richtig strenggläubig anerkannt würde? Schon im benachbarten Kobersdorf meidet er die Synagoge, weil das Gitter der Frauengalerie nicht so engmaschig ist wie das der Deutschkreutzer Schul. Und „Zelem" ist ein Gattungsbegriff. Ich glaube, mächtiger noch als Lehre und FrQmmheit ist in diesen interessanten jüdischen Enklaven des Burgenlandes, von denen sich jede einzelne immer enger einkapselt, eine Kraft, die das größte Hemmnis der Zusammenfassung aller Juden, ihrer Bindung in der großen Zukunftsarbeit geworden, ist, stärker noch als die Assimilation, schwerer zu überwinden als dumpfe Gleichgültigkeit: Seine Majestät, Seine Unfehlbarkeit, Seine Unnahbarkeit, Seine Aufgeblasenheit} der Kehilla-Geist. Von Deutschkreutz, Mattersburg, Frauenkirchen usw., gilt das Wort, das in Shakespeares Drama der verliebte Romeo von Verona gebraucht; „Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern." Es sind chinesische Mauern. Nicht genug daran, daß sie keinen Schimmer von dem großen Geschehen im Judentum, dessen Auswirkung „Erez Israel" ist, in die Gaßl lassen: sie verdunkeln die verehrungswürdige Treue, die wahrhaftige Frömmigkeit der führenden Menschen und sie öffnen sich nur, um dem Froschmäusekrieg zwischen den einzelnen Gemeinden Raum zu geben. Der Kürze halber, aber auch, um nicht als Tratschsüchtiger zu erscheinen, spreche ich nachstehend von den Gemeinden A, B, C (dem Leser bleibt es überlassen» die einzelnen Buchstaben durch den Ortsnamen „Schiida" zu ersetzen). Der Rabbi von A war einsilbig, verschlossen, unhöflich. Plötzlich taute er auf, hörte mir angenehm zu>, war wie ausgewechselt. Ich erzählte, daß ich in der Khille B. einen von der Khille A getroffen habe, deri sich in der dortigen Gastwirtschaft — vom Rabbinat als einwandfrei koscher anerkannt — weigerte, Fleisch zu essen. „Das war recht von ihm!" rief der Rabbi von A. Seine Augen leuchteten, er wurde gesprächiger, ich hatte ihm angenehme, dankenswerte Botschaft überbracht. Unschwer entnahm ich, daß sich aus der Koscherfleischfrage zwischen den Gemeinden A und B eine Differenz von unerhörter Wichtigkeit von unabsehbaren Folgen ergeben hat. Khille- Geist. In B sprach ein anerkannter Gelehrter vor seinen Schülern vom Neuhebräischen als von einem frechen und frevelhaften Sprachenwahn, der dem neuen „Babelturmbau", wie er das zionistische Aufbauwerk in Palästina zu nennen beliebte, ein Ende mit Schrecken bereiten werde. In der Khille B, tief im Burgenland, ist das Neuhebräische verpönt, es existiert für B einfach nicht, es dürfte daher} auch sonst nirgends in der jüdischen Welt aufleben, es kann unmöglich irgendwo in dieser Sprache gesprochen oder gar;