Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 54 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711669--0714-2713877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE NEUE WELT Mr. '54 PELZWAREN k GEBRÜDER BRAININ L, Bauernmarkt 2o, Tel. U 22-3 59 Ii., Glockenguß 8, Tel. R 45-4-33 aus dem Tiheater über den Wall, eine vornehme Verkehrsstraße im Zentrum, in Begleitung eines Freundes au« Ohile. Plötzlich erhielt er von hinten einen kräftigen Schlag, wahrscheinlich mit einem Schlagring, auf den Kopf, so daß er besinnungslos zu Boden fiel und mit dem Kopf so unglücklich auf das Pflaster aufschlug, daß er eine klaffende' Kopfwunde davontrug. Während «ein Begleiter den nächsten Angreifer abwehrte — der Ueberfall wurde von einem Rudel von sechs bis sieben Hakenkreuzstrolohen ausgeführt — trat man dem liegenden Konsul auf den Körper und auf -die Hand. Beim Herannahen von Passanten verdufteten die Angreifer in alle Winde. Der Konsul war so schwer verletzt, daß er drei Tage das Bett hüten mußte. Am gleichen Abend wurde in der Bahnhofstraße ein jüdischer Mitbürger in der gleichen Weise von hinten angegriffen. Beim Fallen verlor er einen neuen Filzhut, den einer der Angreifer raubte. Der Polizei war es nicht gelungen, die Angreifer festzustellen, trotzdem etwaein Dutzend solcher Ueberfälle zu verzeichnen waren. Erst durch die Unvorsichtigkeit einer randalierenden Bakenkreuzlergruppe während einer Tolstoi- Feier im Bremer Schauspielhaus gelang die Feststellung eines der Haupttäter. Bei dieser Tolstoi- Feier war Professor L e s s i ri g, Hannover, als Festredner angekündigt. Der Name Lessing genügte, um die prügellustigen Antisemiten anzulocken, , die die: Feier zu stören beschlossen hatten. Pfeifen beim Erscheinen des Redners, Zwischenrufe antisemitischer Art, usw. Der Zuschauerraum wurde schleunigst erhellt und die Polizei entfernte die Störenfriede. Diese stellten sich nun nach Schluß der Feier, vor dem Theater auf, um dort weiter zu randalisieren., . Teilnehmer an dieser Tolstoi-Feier war u. a. auch der jüdische Herr. Dieser erkannte in der Schar, der johlenden Antisemiten/jenen Burschen wieder, der ihm den Hut gestohlen hatte. Er ließ ihn verhaften. Bei, der Vernehmung gestand der Jüngling, daß er auch aim Ueberfall auf den brasilianischen .Konsul beteiligt war und denunzierte, um niciif die ^Alleinsph'uld" auf sich m nehmen, gleichzeitig einige seiner Kumpane. So wurde nun festgestellt, d'aß die zahlreichen unaufgeklärten und 'unerklärlichen Ueberfälle organisierte Bandenüberfälle des Rollkommandos der Nationalsozialistischen Partei waren, die jeden Mittwoch ihre Partei Versammlung abhielt und hinterher — nachdem. die Mitglieder durcihReden und A1 k o Ii o 1 b e s o f f e n gemacht waren —diesen baridewmäßigen Krieg gegen die schwarzen Haare friedlicher Passanten ausführte. Der Ueberfall auf den brasilianischen Konsul hat Bremen in diplomatische Verwicklungen mit der brasilianischen Regierung' geführt. Bremen, das so stolz auf seinen Handel mit Brasilien ist, mußte sich für die Lausbübereien der Hakenkreuzler feierlich entschuldigen. Selbstverständlich wird die Sache auch noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Dr. Wygodski Präsident der Wilnaer jüdischen , Gemeinde. W i i n a, 19. September. (J. T. A-) Die jüdische Ge* meindeverwaltung von Wilna hat den Zionisten Abgeord- ~ten Dr. Wygodski zum Präsidenten gewählt. Der bedauerliche Mißgriff. ,; — y. Ein bedauerlicher Mißgriff — klagt] die „K r e u z - Z e i t u n g" — ist in Bremen begangen Worden. Die nationalsozialistischen Jungmannen, die auf die Judenjagd gingen, haben den brasilianischen Konsul arg verprügelt, weil sie ihn für einen Juden hielten, und der Senat der freien Hansastadt mußte sich demütig entschuldigen. Die „Kreuz- Zeitung" ist das Organ der echt deutschen Ordnungsmänner und sie ficht täglich „mit Gott, König und Vaterland" für die Erneuerung der deutschen Seele und für seine Befreiung aus dem jüdischen Joch. Und da muß so etwas passieren! Da wird der deutschen Jugend täglich in Wort und Schrift Aufklärung erteilt, wie ein Jude auszusehen hat, den zu erschlagen, nein, zu killen, höhere sittliche Pflicht des Ariers jst und an dem alles verbrochen werden darf, weil es in diesem Falle kein Verbrechen ist. Die Juden halten sich aber nicht an das-von ihnen entworfene Bild oder es gibt Leute, die ihnen im äußeren Habitus gleichen, und da entsteht die Tücke des j ü d isehen Objektes, der so ein armer, irregeführter arischer Jüngling in der Unschuld seines Hezens zum Opfer fällt. Das ist also ein bedauerlicher Mißgriff, bedauerlich vor allem deswegen, weil er einen auswärtigen Diplomaten betroffen hat. Der kann nämlich nunmehr aus eigener Erfahrung erkennen und erzählen, wie und wozu diese deutsche Jugend erzogen wird und was von ihr zu erwarten ist, wenn sie in solcher Schule bleibt. Ehe nämlich der Konsul an die Reihe kam, übte das „Rollkommando" das Gelernte an jüdischen Passanten. (Wir berichten über die Affäre an anderer Stelle.).. . Die wurden niedergeschlagen, von hinten natürlich, Feigheit und Meuchelsinn gehören zu Giimmiknüttel und Schlagring. Eine Tolstoi-Feier wurde verbellt und die Besucher auf der Straße verhauen. So wie. sich das gehört, immer einer.'Von zehn solchen Jünglingen. Und einem, der bewußtlos hinfiel, wurde der Hut gestohlen. Denn der Sieger muß eine Trophäe haben. Das alles war nicht bedauerlich. Der Hutdieb wurde festgenommen, er heißt — der Name paßt ganz gut zu ihm — Eberbein, und er hat dem brasilianischen Konsul den Schlagring zu kosten gegeben. Er hat also , den bedauerlichen Mißgriff begangen, vor dem Konsul die Methoden deutscher nationaler Jugenderziehung zu enthüllen. Der Konsuln sieht jetzt, wie beschaffen, der Geist ist, der Deutschlands künftige Generation beschattet, und-es» kann; da .nichts vertuscht werden. Denn der Herr Konsul hat eine Beule am Schädel. Er versteht jetzt, wie es zurri Mord an Rathenau kommen mußte, wie die lange Reihe der Friedh o f s c h ä n.d u n g e n entstand,.- und er weiß, warum das alles so ist in diesem Deutschland, das über das Mißtrauen der ganzen Welt klagt und dessen friedliche Beteuerungen kein Mensch glauben will. Die „Kreuz-Zeitung"'hat also von ihrem Standpunkt aus alles Recht, den Streich der Bremer Stacltmusikanten als einen bedauerlichen Mißgriff zu empfinden. Für die Eberbein und Genossen bedeutet der Zwischenfall freilich sehr wenig. Sie. sind die gehätschelte Jugend, die den Glanz des deutschen Namens wieder herzustellen berufen ist. Sie haben sich um die Meinung der Welt' nicht zu scheren und können ihre Art und Sitt% an jüdischen oder vermeintlich jüdischen Straßenpassanten, natürlich von hinten, nach Herzenslust üben. Da sie in ein paar Jahren die Leitung und Vertretung der deutschen Nation zu übernehmen haben werden, so ist das wohl Gewähr dafür, daß der Geist, in dem sie sich tum-' mein, nicht ausstirbt und daß es auch in Zukunft an bedauerlichen Mißgriffen nicht fehlen wird. Nun ist die „Kreuz-Zeitung", die. einmal von dem Juden Stahl gegründet worden ist, ein maßgebendes Blatt. Sie ist das Sprachrohr der rechtsbürgerlichen Kreise, deren. Programm ein exzessiver Nationalismus, verbunden mit Revanchekrieg und Weltherrschaftsideen ist.; Es ist interessant, daß diese Kreise in ihrer Einstellung zur Judenfrage von der phantatischen Furcht vor einer jüdischen Weltherrschaft bestimmt werden. Es ist eine außenwie innenpolitisch sehr agile Partei, die zur Beschleunigung ihrer Pläne sehr enge Beziehungen zu allen reaktionären Richtungen auf der g a n z e n Welt unterhält. Eine Legion abgetakelter aktiver Offiziere, brotlos gewordener Hofdiplornaten, Literaten und Schriftsteller arbeitet in ihrem Dienste und trägt ihre Gedanken hinaus. Das Sind ebensoviel Agenten des militanten Antisemitismus, und für sie alle ist der Judenmord eine selbstverständliche Sache, bei der nur das Aufsehen vermieden werden muß. Einerseits deshalb, weil es niemals förderlich ist, wenn Roheitsdelikte die /Aufmerksamkeit erregen, andererseits deshalb, weil doch die Judenpresse da ist, deren althergebrachte Sympathie für die deutschen Belange nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf. Und hier bekommt die Frage wieder genau wie bei Ungarn ihren gesamtjüdischen Charakter. Denn ewig werden sich die Besitzer und Schreiber dieser Presse ihrer Verantwortung nicht entziehen können. Sie decken jede Lumperei, versuchen sie, wenn sie nicht TUCHHAUS WIE Ertlgass.e 4 und Kramergasse 11 Telephon U 25-2-57 Import Original englischer und schottischer Herrenü. Damen- Stoffe sowie irischer Donegals und Thornproofs Detailverkauf zu Engros-Preisen! zu verschweigen ist, zu verwischen und abzuschwächen. Ihr unleugbarer politischer Einfluß wird auf diese Weise zur Fälschung der Tatsachen und sogar zum Hochverrat an jedem jüdischen und auch menschlichen Interesse. Denn es ist eine Sache der Allgemeinheit, ob mitten in Europa Horden halbwüchsiger Buben sich am Menschenleben und an der Ehre vergreifen dürfen und erst dann gerügt werden, wenn sie einen bedauerlichen Mißgriff begehen. Die Notlage der Juden in Bessarabien. Wie aus Kischinew gemeldet wird, ist es am 20. September nachmittags in Ismail (Bessarabien) zu judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Der 19jährige Notargehilfe Solowe.nko hielt vor einer großen Menge von Bauern, die zum Jahrmarkt nach der Stadt gekommen (waren, eine aufreizende Rede, in der er die Juden als Urheber d. e r .w i r t s c h a. f 11 i c h e n' Not Rumäniens bezeichnete. Die Wrkungg der Rede waren w ü s't e antisemitische Demonstrationen, in deren Verlauf eine Synagoge demoliert und zahlreiche Juden mißhandelt wurden. Vom Hunger bedroht. Infolge schlechter Ernteaussichten in .einigen bessarabischen Distrikten, so vor allem in Ackermann, Ismail, Kischinew und Bender herrscht in Bessarabien ernste Besorgnis. Die im Jahre 1926 geschaffenen Hungerkomitees werden mit Gesuchen um Hilfe überflutet. Die Vereinigung der jüdischen Kooperativen und der Joint haben Schritte gegen die Notlage ergriffen. Die flltauischen Faschisten. Die Ostagentur meldet aus Kowno, daß es in L y n gw i a n y zu ernsten antisemitischen Ausschreitungen gekommen ist. Litauische Faschistengruppen, begleitet von Schuljugend, veranstalteten einen Umzug, während dessen alle Juden, denen man begegnete, mißhandelt wurden- Auf diese Weise wurden etwa 20 Personen mißhandelt. Dft> Polizei zerstreute« die Demonstranten. Ausnahmezustand in Petrovoselo. Die jugoslawischen Behörden gegen die Ritualmordlüge. Die Staatsanwaltschaft in Neusatz hat gegen eine Reihe von Einwohnern des Dorfes Petrovoselo wegen Aufreizung und beabsichtigter Gewalttaten gegen die Juden Anklage erhoben. Die Oberhäupter der christlichen Konfessionen beabsichtigen eine scharfe Erklärung g e g e n das Blutmärchen zu veröffentlichen. Während der Ritualmordhetze hat die gesamte jugoslawische Presse eine korrekte Haltung eingenommen. Auf Intervention des Großrabbiriers von Jugoslawien, Dr. Isak AI k a 1 a y, verfügte der Ministerpräsident Doktor Anton Koroschec, der zugleich Innenminister ist, strenges Vorgehen gegen Anstifter und Teilnehmer der judenfeindlichen Unruhen. Er machte den zuständigen Bezirksvorstand persönlich verantwortlich, falls den Juden in Petrovoselo das Geringste zugefügt würde. Am 13. September delegierte der Ministerpräsident eine spezielle Kommission unter Führung eines hohen Beamten nach Petrovoselo. Diese Kommission konstatierte die vollkommene Grundlosigkeit sämtlicher judenfeindlicher Gerüchte. Nachdem aber die Juden neuerlich bedroht, und ihre Häuser beschmutzt wurden, ist im Dorfe der Ausnahmezustand proklamiert worden. Ohne besondere Legitimation darf kein Dorfbewohner nach 8 Uhr abends das Haus verlassen. Der Sicherheitsdienst der Gendarmerie wurde verstärkt. Zwecks Beruhigung der fanatisierten Bauernbevölkerung sind achtzehn verhaftete Baupriiburschen vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Die gerichtliche Untersuchung geht weiter. Zwei Hochschüler werden verdächtigt, das Ritualmordmärchen verbreitet zu haben.