Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 53 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 DIE NEUE WELT Serte 9 1000 Dollar sind oft nicht so viel wert, als das Urteil zufriedener Gäste. Ein zufriedener Gast ist die beste Empfehlung! 1DM11EH OTTO KASCRBR in den Besitz seines eigenen jenseitigen Seelenheils gc« langt und der Sünden des Schnorrers, die er sich so leichtfertig eingewirtschaftet hätte, entledigt war. Da er dieses Ziel beim Rabbiner nicht erreichen konnte, lief Großmann zur Polizei und erzählte weinend, was ihm widerfahren sei, schilderte den Schnorrer als einen Bauernfänger, einen . Preistreiber, der für lumpige hundert Lei ihm seine Sünden aufgeschwatzt, dafür aber für 20 Lei ein so seltenes, unbezahlbares seelisches Gut wie das Seelen heil im Jenseits herausgelockt habe. Er flehte nun den Polizeikommissär an? ihm unter allen Umständen dazu zu verhelfen, daß der Handel rückgängig gemacht werde Der Schnorrer blieb auch hier unerbittlich. Er betrachte das Ganze als ein reelles glattes' Geschäft, das er nicht stornieren will, und sei nur bereit, der Gewalt zu weichen. „Betrachten Sic es als Gewalt!" begütigte ihn der Polizeikommissär. „Ich erkläre hiemit vor Gott und der Welt, daß ich nur der Gewalt weiche und hur der Gewalt folgend das Gcschäftafornierc." Und der Polizeikommissär setzte das eigenartige Protokoll auf, kund dessen der Schneidermeister Ludwig Großmann gegen Rückstellung von 120 Lei und die eingehandelten Sünden des Schnorrers an diesen wieder in den Besitz des eigenen Seelenheils im jenseitigen Leben gelangt ist. Großmann tanzte vor Freude, Was sich der Schnorrer bei diesem Storno gedacht hat, gab er nicht zu. Protokoll. g der Juden in Polen.; Im „N o w y D z i e n n i ik" behandelt - ■ Dr.. S c h e.nk-e r auf Grund der Ergebnisse der ersten allgemeinen Volkszählung in Polen im Jahre 1921 die Berufstätigkeit der Juden .In diesem Staate. Diesen Ausführungen entnehmen wir folgende, für 'die Berufsgliederung des polnischen Judentums wesentliche Ziffern: Die Volkszählung .umfaßte; nicht Oberschlesien und. einen Teil der Wi I n o e r Woiwodschaft einschließlich Wilna. Die G e s a in t b e v ö 1 k e r u n g Polens belauft sich auf 27,201.738 Köpfe, wogegen die Ergebnisse nur 25,694.700 behandeln, also um 1,507.038 weniger, darutiter 2,771.949 Juden, somit 10,8 Prozent.' In den durch die Volkszählung nicht erfaßten Gebieten wohnen ungefähr 100.000 Juiden. Von den 2,771.949 Juden sind 939.485,'.. b c r .u H ich., a.k t i.vv ,1,832.646 b e r U f \ \ c h passiv, d. h. sie' werden von den anderen Familienmitgliedern erhalten. ■ Von der'L a n d- und Forstwirtschaft leben in Polen 159.147 jüdische Seelen, wovon 89.987 aktiv, der Rest, d.'s. 69.160 beruflich passiv sind. Den Bergbau und das Gewerbe haben 3,530.382 als Beruf angegeben; hievon 937.073 Juden, somit 26,54 Prozent. Im Berg- und Hütten w e s e n Sind die Juden in einer verschwindenden Zahl beschäftigt, desgleichen in den Gas- und Elektrizitätswerken, sowie in den Wasserlcitungsanstalten. Groß ist ld'er Anteil der Juden am Gewerbe, insbesondere am Edelmetall-, Leder-, Bekleidung«-, Ernährungs- und Papiergewerbc. Im Handel li nd 'im Versicherungswesen sind 1.611.5S2 Menschen tätig, hievon 1,136.921 Juden. Diese Zahl enthält 324.615 berufsaktive, 812.316 berufpassive jüdische Personen; somit entfallen auf hundert berufstätige' 275,1 zu erhaltende Menschen. Im Handel, in der eigentilichen Bedeutung dieses Wortes sind 309..206, somit 62,2 Prozent Juden beschäftigt. Der Geldhandel weist 13,8 Prozent Juiden auf. Am stärksten sind die Juden in „Vermittlung der verschiedenen Artikel" , vertreten. Diese Post weist 81,4 Prozent Juden auf. Der Streit um das Geld der Leiche. Ein Vorfall an der polnisch-russischen Grenze. Ein Leser schreibt uns: In der letzten Nummer der „Neuen Welt" erzählt Jakob Kra us z die Geschichte von dem Rendezvous polnisch-litauischer Juden auf dem Grenzfriedhof zwischen Polen und Litauen. Als Gegenstück zu diesem Bild aus der tragischen Geschichte des jüdischen Volkes sei hier die folgende Begebenheit erzählt: ' In dem kleinen Städtchen No w r ob a,'das an der Grenze zwischen Polen und Sowjetrußland liegt, lebte Caim Pinkus Gewel vom Handel zwischen Polen und Sowjetrußland. Sein Geschäft war, wie sein jähes Lebensende bewies, ein durchaus nicht leichtes, dafür aber sehr-gefährliches. Er pflegte einen Sack mit alten Kleidern über die Schultern zu nehmen, über die russische Grenze zu schreiten, wo schon der Abnehmer wartete und die von Herrschaften abgelegten Kleider mit guten Dollars, bezahlte. Jahre hindurch ging das Geschäft ungestört fort, es brachte, keine Reichtümer, aber man konnte davon leben.. . Vor einiger, Zeit nun macilte, Gewel wieder seinen Geschäftsgang. Die Monatsre.chnung seines Abnehmers machte 1000 Dollar aus, die er auch in barem erhielt, WQr.auf er sich auf den Rückweg machte. Um dieselbe Zeit hatte ein neuer russischer Greuzkommissär den Posten tatftgen. und, wie aUe neuen Be&en, sein Amt mit besonderer Strenge verwaltet. -' Chaim Pinkus Gewel mußte an diese Strenge glauben und dafür sein Leben lassen. Gerade in dem Augenblick, als er seinen Fuß über den Grenzstfeifen setzte, traf ihn die tödliche Kugel des russischen Grenzsoldaten Und leblos stürzte Chaim Pinkus Gewel-der ganzen Länge nach über derOrcnz- I i n i e zusammen, und zwar so, . daß sein Kopf bereits auf polnischem Boden war, während seine Beine mit den Stiefeln an den Füßen auf russischem Boden lagen. Da begann der Streit um die Leiche des Erschossenen- Die russischen Grenzsoldaten entschieden sofort, daß die Stiefel und die Beinkleider des Erschossenen ihnen gehören, da die Beine auf russischem Boden liegen, und. sie schritten auch sofort an die Ausführung der Entscheidung. Sie zogen dein armen Chaim Pinkus Stiefel u n d B c i n k 1 c i d c r a u s. Während die polnischen Grenzsoldeten dieser Exekution zusahen, bemerkten sie, däßt aus den Stiefel/i des Toten 1600 gute Dollars herausfielen, jener Betrag, um desscntwillcn Gewel die Grenze überschritten und sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Da begannen die diplomatischen Verwicklungen. Die polnische Grenzwache behauptete, der ganze Tote gehöre ihr und man könne nicht gut eine Teilung der Leiche auf die von den Russen beliebte Weise vornehmen. Die Russen hingegen blieben bei ihrer Auslegung und dachten nicht daran, die Stiefel und die 16Ö0 Dollar wieder aus der Hand zu geben. Da die polnische Grenzwache den Fall an ihre Behörde weitermeldete, mußten die russischen Grenzsoldaten zu ihrem Leidwesen gleichfalls an ihre vorgesetzte Behörde Bericht erstatten und die 1600 Dollar abliefern. Wie die Geschichte schließlich ausgehen wird, ist nicht bekannt, aber merkwürdig ist doch, daß, so oftj sich an den Grenzen zweier Staaten in Osteuropa c i n e Tragödie ereignet, das Objekt in neun von zehn Fällen ein Jude ist. Gästspiel 4es Moskauer jüdischakademischen Theaters. Goldfadens „Die Hexe" inÄinisjk vrfn jo&f AchVon. •" Zum dritten Maler gab: G <r a n o w s k i Gelegenheit, die Wunder seines' Rezepts zu bestaunen, das er als das aileinseJigmachendiß ,vinK W-p^t jtthd Bild" propagiert, ^um drittehÄl^.aber-; aiich ijp^ s'ichShitfterv; die Kulissen schauen und sich, entlarven, das Iieißt sö; ' viel 'wie -'die üeberzeügung neu' gewinnehr'daß es ohne Dichtung kein Theater gibt und daß ein j i ddi s c h e s Theater ohne Verbundenheit mit dem seelischen Sein des Judentums im Galuth jede Berechtigung verliert, da min einmal die jiddische Sprache mehr Ist als ein landläufiges Verständigungsmittel, da nun einmal das Jiddisch in sich schon den geistigen und — metaphysischen Habitus des Ostjuden trägt, der eingetaucht ist in die religiöse Sphäre unverwischbarer Tradition. . ... ' So sind nun Schalom Alechem, Mendele Mocher Sforim und schließlich auch der gute alte Abraham G O l df a d e n entnikotinisiert worden, derart, daß von diesem, der ein schlichter, primitiver- „Schreiber", Komponist, Theaterdirektor, Manager, Regisseur und ein großer Theatermann war, nur die Erinnerung an ein Märchen geblieben ist; denn das Märchen Granowskis spottete seiner selbst und. wußte nicht Wiie. Immer wieder wagten sich jüdische Impulsa an die Oberfläche, in der Idee, in der Geste, im Text, wurden aber denaturiert, bis schließlich nur ein Rest wohliger Langeweile übrig blieb, zumal der Hörer und Schauer von den pikanten Anspielungen nichts verstand'. Das karikaturistische Couplet vom ' Chossidel, von Micho.els und seinem Bewegttngschor'übrigens in drastischer Manier-Vollendung gebracht, wurde mißverstanden, ebenso wie die szenisch dargestellte Behauptung, daß das alte jiddische Theater.— baruch dajin haemeth — gestorben sei, ins Leere fiel,' wobei wohl die theatralischwürdevoll hohe Kothurn-Habima auch eins abbekommen sollte. Wemn aber Herr' Granowski weiß, daß das „alte jiddische Theater" nur gleichzeitig mit dem alten jiddischen Wesen sterben kann, also vorläufig noch lebt, so, wird er auch wissen, daß es keinesfalls in der Form seines Moskauer Theaters auferstehen wird; das bedeutet so viel wie: die Regenerierung, beziehungsweise die Renaissance des jüdischen Theaters wird nicht vom Galuthmenschen, sondern vom freien Juden kommen, also vom Hebräischen her. Prinzipielles ist genug gesagt. Wer Josef Achrons umfangreiches musikalisches Werk kennt, wird erstaunt sein über die Handgclenkigkeit, die ihn zu so leichtbeschwingter, koloristisch so einia-Hsreicher Musik verführt hat. Das dunikelgefärbte Vorspiel; die Stknmenf iihrung im „Macht das Chossidel bim-bom" das parodist'isch-senWmentale Liebeslied und schließlich die . StanTbul-Numtner mit ihrem echt orientalischen Kolorit, bekleidet zärtlich und mit Wärme, die man im Stück selbst vermißte, die Missetaten, einer im übrigen höohsf harmlosen Hexe, die wahrscheinlich de>ni ^Deutschen Märchenschate für Knaben und Mädchen bis z>ur 1*1. Bürger« schwikiasse" eotspreaeen ist ' ö. * t)as jüdische Künstlerkabaret. Das ehemalige Jüdische Künstler-Kabarett (Praterstraße 60) wurde von einer neuen .Arbeitsgemeinschaft übernommen, deren künstlerische Leitung in Händen des bekannten Schauspielers, Herrn Leopold Jungivirth, liegt. Das Jüdische Künstler-Kabarett wird neben der Operette und den lustigen Genres auch das ernste Schauspie] pflegen. Ins Repertoire wurden Nombergs „Mischpoche", Dymows „Der Sänger seiner Trauer", ferner Stücke von David Pins ki, Schalom Asc h, Köbrin, Li bin usw. übernommen. Außer Leopold J u u gw i r t h wurden verpflichtet: Berta Rosenberg, Cilli Ur.ich, Anna Glatstein, Sami Urich, Arnold Grimminger, Emil Frieder, Hermann Tunis, Dolly Nachbar u. a. Zwei Feiertagsvorstellungen in den „Jüdischen Künstlerspielen". Ais Abschluß der Spieteeit 1927-28 finden den ,Jüdi seihen K ü n s 11 c r sipi'e le n" im Theater Reklame, Iii., Pratcrstraßc 34, zwei Feiertagsvorstellungen statt. Samstag den 22. und Montag den' 24. September werden zwei g r o ß e. V a r i 6 16 o pie r e 11 e n mit den 'bewährten Kräften der „Künstlerspfele", verstärkt durch einige ausländische Gäste, aufgeführt. Derzeit sind die Vorbereitungen für die' neue Spielzeit im Gange. ' Borochows literarischer Nachlaß. . Entsprechend dem Wunsche der Witwe nach B. Borochow hat der Weltverband Poale-Zion durch Herrn Ä. Czcrykower in Berlin den ganzen literarisch-philologischen Nachlaß . B. Borochows dem jüdisch-wissenschaftlichen Institute in Wilna übergeben. Der Nachlaß enthält Manuskripte, mehrere Artikel philologischen Inhalts, philologische Notizen, Bemerkungen zu einigen fremdsprachigen philologischen Werken, Photographien verschiedener alter jüdischer Editionen. Diese Dokumente stellen einen großen Wert für die jüdisch* Philologie dar. _ ... Ossip Dymow bei Reinhardt. Montag den 17- September fand! im Theater in der Josefstadt die Erstaufführung von Ossip Dymows Komödie „Die letzte Geliebte" statt. Bekanntlich gelangt das amerikanische .Sensationsschauspiel „A r t i s t e n" in der deutschen ßühnenbearbeitilng von Ossip Dymow bei Reinhardt zur. Aufführung. Das Moskauer Jüdische Akademische Theater, da« gegenwärtig am Wiener Garltheatef gastiert, begibt sich am 24. September auf ein seohstäigiges Gastspiel nach P r a g' und wird die Monate Oktober und November wieder am Berliner Theater des Westens spielen. ' Neues von Habinta. DieHaibima, die ihren ständigen Wohnsitz in Palästina aufgeschlagen hat, wird nach Fertigstellung ihres neuen Repertoires, wora,n sie unter der Leibung des Regisseurs DNcy -arbeitet, ei/rte europäische Tournee antreten. Sie hat sich' mit Gnessims hebräischem Theater Theatron L'umi vereinigt, so daß gegenwärtig außer der hebräischen Oper:'in Palästina nur das Theater Ohe! unter der Führung von M. Halevy existiert. Die Habima heißt von nun ab Palästinenser H e b r ä i s c h.e s K.üm stierth c a te r H abim a. ' , Der palästinensische Komponist Jose! Achrom hat die Musik zii Schalom A sc h s „Kiddusch Haschern" (Glauhensmartyriuni) für das New Yonker jiddische Theater des Morris S c h w a r z geschriebh. Jüdische Künstaustellungen in München. Abei P a^n n hat fori Münchener Kunstverein seine „Bibel in Bildern" (auch die iithographische Mappe, die du. Palästina verfertigt wurde) und den Pogromzyklus „Tramenk'ru g" ausgestellt. — Daneben ist Marc Cha'ga'M mtt seinen 96 Radierungen zu Gogols „Tote Seelen" vertreten. Jüdisches Künstler-Kabarett (II., Praterstraße 60). Montag den 24. September,'8.3Q Uhr, Eröffnungsvorstellung. Zur Aufführung gelangt: „R a i s e 1 e i n J a p a n", Operette in drei Akten von Olschanetzki. Musik von Sekunde. üdisdie Sport- und iTurnbewegung Der F, C. Hakoah Herbstmeister. Wie wir vorausgesagt haben, konnte der F. C. Hakoah taile seine bisherigen Gegner mühelos abfertigen und i-st bereits, als-, sicherer Meister anzusehen. Die jüdisühe Professionalmaunschaft hat in drei Matches sechs Punkte und ein Torverhältnis von 31 : 1 erzielt. Die Terminjiste der Hakoah lautet: 33. September: Neubau; 30. September: Lib er tas; 14, Oktober: S i mm e r i,n'g{: 2\,^.Oktober : -. Vor w ä r ,t s;.Q6, -4.. Noyemher: F r e m. liT Noverii'ber': G ö r s t h of; 1«. November: A 11 m öi.n \\ s d o. r,f; 25. Npve-m'ber: Viktoria 2>1. Die jüdischen Amateurvereine. Die jüdischen Amateurvereine haben bisher, mit Ausnahme von K a d i m ah' und M e n o r a h, nicibt sehr günstig abgeschnitten. « Der exerstklassifee S. G. H'asmonea editt nach dem unentschiedenen Treüen gegen Atlserigrsund eine 2 : 3- NiederJage gegen D. A. C. •: .Hagibor wurde vom früheren drrttklassigen Pro* fessionalvereiir J : 3 geschlagen und trat zwn Match gegen Streberedorf überhaupt nicht, ein. Der S. C. K^diW'ab, der nach zwcd^tfiriger Pawse wieder an der McotaMfacft kOnitmnt/ UM sich met-