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Die neue Welt · 1928-09-21 · Heft 53 (21.9.1928) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 53 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ffe. $3 OTE NEUE WED* Seite 5 Theodor Herz! und die russische Geheimpolizei. Der Aufenthalt in Wilna. Die von P. Koüo im «New Yorker „The Morning Journal" aus dem Wilnaer Archiv mitgeteilten Protokolle der russischen Ge heimpolrzei werden von uns in deutscher Sprache zum erstenmal veröffentlicht. . 1. Gründe der »Zweckmäßigkeit". Ais Theodor Her zl im August 1903 Petersburg besuchte, war Wilna die einzige Stadt des russischen An- . siedlungsrayöns, in der er sich auf der Rückreise atrf- ■hielt. Herz!, der ' von Kindheit; an bekanntlich in nichtjüdischer Umgebung zu leben gezwungen war, wollte seinen Aufenthalt in Rußland dazu benützen, das Leben des" jüdischen Menschen kennen zu lernen. Wo gab es eine bessere Gelegenheit da.au, als in Wilna, wo das ostjüdtsche Leben in stärkster Intensität anzutreffen war! Die Zeit war wicht günstig. PJehwe stand damals am Gipfelpunkt sejncr Macht und die düstere Stimmung, die : nach den blutigen Tagen der Pogrome von Ki Schill e:w im April desselben Jahres- 1903 entstanden war, konnte gewiß nicht die Aufmerksamkeit der zaristischen Regierung und ihrer Vorrrauensorgäne in den verschiedenen Städten der .jüdischen Siedlungen von der wachsenden zionistischen Bewegung des Landes ablenken. Am 24. Juni -(alten Stils) 1903 schickte Plehwe sein berüchtigtes geheimes Zirkular an die ihm unterstellten administrativen' Organe zur Unterdrückung der z To n i s t i sc h en B c w e g u in.g. Diese sollte auch bald die Wirkung dcs-Plehwerscben Gcheänizirkuilars zu spüren bekommen. Die Wilnaer Ortsgruppe, an deren Spitze damals beikannte'Männer, wie• .dieBrüder G.o Idb e r g,der vor kurzem verstorbene Bibliograph Jiaköb ben Jakob u. a. standen, beschloß alle Vorsichtsmaßnahmen »u treffen, um Herzls Ankunft-in Wilna ohne besonderes Aufsehen vorsichgehen zulassen. Man wallte Herzls Besuch-den Augen der russischen Behörden verschleiern. Das gelang nicht. Der ursprüngliche Plan mußte fallen gelassen werden. Man konnte den feierlichen Empfang, wie er geplant war, ebensowenig, wie Herzls intimen Spaziergang durch die jüdischen Gassen, den Besuch des Tempels, die Besichtigung der S'fcraschun-BibMothek u. a. nicht durchführen. In,den Berichten, welche sich mit Herzls Besuch in Wilna beschäftigten, hieß es, daß die öffentlichen Besuche und Empfänge aus Gründen der ».Zweckmäßigkeit" unterlassen worden seien, was für jeden soviel'wie •„verboten" •verständlich war. . Dennoch, trotz aller Verfolgungen,. obwoM die Polizei und die. Kosaken von ihren Nagajkas ausgiebig Gebrauch-machten; viele Juden mörderisch peitschten, an die zur .Begrüßung Herzls erschienene Menge hineinritten, kam •ein' Empfang; zustande. Der Empfang1-mußte aus Gründen der „Zweckmäßigkeit" im Lokal der Zedaka Gedola abgehalten werden. Diese .philanthropische Gesellschaft war •bekanntlich zur Zeit des Zoris, die. f ak ti s ch e Repräsentantin' der Wilnaer Judengemeinde, da jüdische Gemeinden (Kenilloth) in Litauen und Zentralrußland t erboten waren. Statt eines Empfangs im Städtischen Saal fand ein solcher in der 8 Kilometer von Wilna entfernten Sommerwohnung Jak ob ben Jakobs statt. Im ganzen - verbrachte Herzl in Wälwa 13 Stenden. Er verließ Petersburg Samstag nachts am 15. August 1903 .und kam Iii Wilna am 16. August, Sonntag mittags, an. Am. gleichen Tage, gegen; Mitternacht, fuhr er nach Werschbolowa an die Grenze. Ueber den Besuch Herzls in Walna ist damals.;und'später sehr viel geschrieben worden, ebenso über den Eindruck, den Wilna auf Herzl machte, auch von Her?3 selbst, in seinen Tagebüchern. Jetzt endlich haben wir 'auch die Möglichkeit, das m erfahren,. wajs die russische Polizei in ihren Geheimberichten über; Herzls Wilnaer , Besuch geschrieben hat. Währendder : deutschen Okkupation im Weltkrieg hatte der Wilnaer Ingenieur I d e 1 s oftnzufälligerweise . Gelegenheit, •' einen ganzen Ballen Archivipapiere als Maüculahir zu kaufen, die aus der WMnaer städtischen PofözeiadinSnistratioh stammten. Darin befand sich auch der „Ak t :übe r d'en j üdischeair Publi zisten und Pr äs 1 dente«'der Zionismen :HeTzl, angelegt a m 3. -ÄHig u s t 1903". Diese Dokumente schenkte Idelsdhii der .Wilnaer Historisdh-etibnograpisöhen GesellsohJaft. Aus ihnen erfahren wir, wie die Bewachung -Herzte in Wilna dwahgef%rt' wurde. V ' 1 ' h. : Prei Pottjelkomtaissäre und ein Inspektor. ■Die B&wächung Herzls wair dem Gehäffen des \ Wilnaer Poliaeipräsiiden'tien anvertraut. Nach Herzls Abreise gingen die diesbezüglichen Akten am 30. August an den-Präsidenten' zur Einsicht. Der Gehilfe fügte foigetfKien Berfctö fön?i^ ,es den Bürgern Segal, Goldberg; Soltz u-nd/ben J»akob nicht erlaubt ist, zu Ehren des Dt/'Herzl ini Städtischen Saal ein Diner , zu arrangieren od^i' ihn auf andere Weise zu ehren, habe ich für die j ' Stunde, da der Zug au« Petersburg eintriffft, den Pristav des l. Bezirkes Snidko und dem Inspektor des 2. Bezirkes Korolew (diesen in Zivilkleidung) zum Bahnhof beordert, damit sie beobachten, was in dieser Hinsicht geschieht, und feststellen, welche Personen der .hfesagen •jüdischen Gesellschaft mit Dr. Herzl M Berührung treten. Vom Pristav Snidko habe ich Berichte erhalten, wonach Herzl beabsichtige, um 2 Ohr mittags die jüdische Hauptsynagoge zu besuchen, die sich am Schulihof bei der Deutschen Gasse befindet, wo die Synagogenverwaltuug, der Synagogenchor und die Vertreter der hiesigen jüdischen Intelligenzkreise ihn ehren, Reden halten usw. werden. Herzl wurde die ganze Zeit hindurch, solange er in Wilna weilte, von Goldberg begleitet, der ihn für keinen Augenblick verließ. Von Goldberg erfuhr ich, daß Herzl von der Synagoge aus durch das jüdische Viertel fahren wolle, um das Leben der armen Bevölkerung kennen zu lernen. Da ich beobachten konnte, daß sich mit der Ankunft Herzls das Leben» und Treiben in der jüdischen Bevölkerung in den Gassen der Stadt verstärkte, obwohl Werkstätten und Läden ihren normalen Geschäftstag hatten, daß ferner sich au verschiedenen Punkten der Stadt Juden in Gruppen ansammelten, habe ich, um eventuellen Massendemonstrationen vorzubeugen, Herrn Goldberg den Vorschlag gemacht, er möge die Absicht, Herzl in der Synagoge einen Empfang zu bereiten und ihn durch die Straßen der Stadt •zu führen, fallen lassen. Goldberg war zuerst nicht einverstanden, gab dann aber meiner kategorischen Forderung nach. Die Berichte der Polizeikommissärc des 1., 2. und 3. Bezirkes und des Inspektors Korolew betreffs der Durchführung meiner Anordnungen und ein Verzeichnis aller Teilnehmer des Empfangs Hegen anbei. Gehilfe des Polizeipräsidenten." Unterschrift unleserlich. Unter den anliegenden Dokumenten 'befindet sich vor allem das Gesuch, das die Wilnaer zionistischen Führer dem Polizeichef übergaben, worin sie kurz und bündig erklären: „Da sich in Wilna auf der Durchreise von Petersburg der bekannte Wiener Publizist Dr. Th. Herzl hier aufhält, ersuchen wir Euer Mochwohlgeboren ergebenst urri die Erlaubnis, ihm zu Ehren. 'Sonntag, den 3. August d. J., im Städtischen Saal ein Bankett mit 80 Gedecken zu geben." Das Gesuch war von S. M. Soltz, B. A. Goldberg und Jakob ben Jakob unterfertigt. Obwohl das Gesuch „harmlos" lautete, wurde das Bankett für den „Wiener Publizisten" ni ch t g es tat tc t Im; Gesuch findet sich folgende, mit Bleistift geschriebene tyqtiz: „Dem Herrn Segal, der das Gesuch überreichte,. zu ■melden, daß seiner Bitte wegen bestehender Verordnung yonrnir nicht stattgegeben wird." . ' Iii. ' - ■ ■"v\i Die Wilnaer Zionisten wollen Herzl feiern. Der' zum Bahnhof 'beorderte Prdstaw Snidkö1 'erstattete am gleichen Tage folgenden Beriebt: „Ich' metöe Euer Hochwolilgeboren, daß heute, halb zwölf Uhr vormittags, mit dem Schnellzug aus Petersburg der bekannte •judische Publizist und Führer, Präsident des Baseler Zio- 'iristehkongresses, Dr. Herzl, eingetroffen äst. Ihn zu ^begrüßen ist zur Station Wilejko das Hauptmitglied/ der iniesigen zionistischen Gesellschaft Goldberg ehtg^geij- ^efälhretu Auf dem Wilnaer Bahnhof versammelten sich die jkaufleute Sch.esk.in, Opatow, Ben Jakob, Mfaretzky, Skijower, der Dirigent des Tempelchores Kjjatschko, das Mitglied der Schul Verwaltung Üri- Srejron (Schulverwaltung Zedaka Gedola. Anm. d. Verf.) nn'd. der Hauptbuchhalter der Scbulverwattung Es Hie.rfh'ä n.fl.!; Der hiesigen zionistischen GeseHscliaft war die. Ankunft wahrscheinlich 'bekannt, da außer den oben erwähnten Personen eine große Menge Juden erschienen war, ungeiaitr 300 Menschen, die, als Herzl einen Wagen bestieg, die Hfte schwenkten und ihn bejubelten. Herzl fuhr beim Hotel George vor, wo er Aufenthalt nahm. Ueber seinen weiteren Aufentihalt in WtMna und seinen Besuch bei der Administration der Hauptsynagoge, wo er feierlich empfangen wurde pxL .wo die Mitglieder der Schtrlverwaltung, Rabb. 'N e m» iSfe-rV/KJjatschko u. a. Ihm eine Thora und einen gej^c^tratzten Schrein überreichten, werde ich besonderen/BeV rjeht erstatten. Pristav Snidko." " , Den versprochenen Ergänznuigsberächt ischick^b $ijAdjiQ, erst am 8. August, Der 'Bericht lautet: „Ate Ergätt'- zwng meines Berichtes vom 3. August Nr. 667 melde ich Itter/ Hi?chwohilgeboren, daß ich am 3. August die Auft«c|tterihaltung der Ordnung in der Wilnaer und in der Deutschen Gis^se gelegentlich der Ankunft des Wjener Publizisten, de« bespannten jüdisclien Führers und Präsidenten der Ziöhiste-n, Theodor He/rzl, durchzuführen hatte. Ak ich durch ^die Wilnaer Gasse ging, fand ich auf dem Jekaterinenplatg,eme Menge junger Juden nngesamme3>t, ziTka 300 Menschen. Von einigen dieser Leute erfuhr ich, daß sie sich wegen d^F Ankunft Herzls »versammelt hatten und beabsichtigten, Sfeder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die Kunerol«Erzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur» fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT ihm beim Vorüberfahren ihre Sympathien auszudrücken. Ic!h befalhl der Menge, sdeih zu zerstreuen, da Ansammlungen auf Straßen und Plätzen verboten seien. Die Menge kam der Aufforderung nach. Ich selbst begab mich zur Administration der Hauptsynagogc, bei deren Eingang ich wiederum eine Menschenansammlung antraf. Die Leute erklärten mir, HctzI bei seinem Erscheinen ihre Ehrerbietung bezeugen zu wollen. Als ich das Lokal der Administration betrat, fand ich, daß alles einen feierlichen Gbarakter trage, daß alle Anwesenden, Mitglieder der Administration, Vertreter der jüdischen Iutelligenzkreise aus Wilna und aus anderen Städten, die gekommen waren, um Herzl zu begrüßen, festliche Kleidung trugen, Frack, Salonanzug, Zylinder, weiße Binde. Alle, die von draußen und die von drinnen, waren in gehobener Stimmung, in freudiger Erregung von der Anwesenheit Herzls. Herzl ist von der Administration feierlich empfangen worden, und zwar von den Mitgliedern der Schulverwaltung mit Samuel Soltz an der Spitze, Jakob Parneß, Arje Neu schul, Abraham Katzenelnbogen, Markus E s t ih e r m a n n, David S1 o n i m s k i, Aaron Sit>ietz, des weiteren von Rabb. Markus Ne ms e r, Rabb. Kl j a t s c h k o, Hilfsrabb. Samuel Schreib e r g. 'von den Kaufleuten S c h w a r z, Sc he s k im, Goldberg, Maretzki, Israel Buiämowi'tz, Opatow, ben Jakob, Adolf Gprdon, . von den Aerzten Dr. Wigptzki (gegenwärtig Seimabgeordneter. Anm. d. Verf.) und Dr. Cohen, vom Druckereibesitzer Piroschin ikow, von den beeideten Hilfsadvokaten Fri ed.mann und S te d n be r g." IV. Herzl wird auf Schritt und Tritt bewacht. Der PoHzeikommissär des III. Bezirkes Was&lefski berichtet: „Laut persönlich übernommenem Befehl melde ich Eurer Exzellenz, daß Dr. Herzl, der Führer der zionistischen Bewegung, um 1 Öhr mittags,. zusammen 'mit Dr. Katzenellensohn aus Lübau, in die Kanzlei der Schulverwaltung (Zedaka Gedola) gekommen ist. Um ahm zu empfangen, versammelten sich die Verwaltu.ngsmitglieder Soltz und Parneß, Rabb. Nemser, beeideter..Rechtsanwallt Slonimski u. a., im ganzen 50 Personen. Vor dem Haus auf dem Platz staute sich eine Menge von 200 Menschen. Diese wurde, als Herzl ankam, von der Polizei zurückgedrängt. Herzl hielt sich in der Kanzlei 1'5 bis 20 Minuten lauf. Eine Rede hielt er nicht; er begnügte sich damit, den Verwaltungsmitgliedern für den herzlichen Empfang zu danken und begab sich von dort direkt ins Hotel am Georgiewski- Prospekt. Das Gespräch wurde in deutscher Sprache geführt. Unterdessen hatte sich das Gerücht verbreitet, Herzl werde idiie große Stadtsynagoge und die angrenzende Bibliothek besuchen. Ich begab mich daher zusammen mit meinen Leuten dorthin. Rasch be&axm die jüdische Bevölkerung sich im Schulhof, und als dieser uberfüllt war, in tdier Jüdischen und Deutschen Gasse zu sammeln. Man schätzte die Menge auf 3000. Alle verhielten sich ruhig. Die Polizei forderte sie auf, sich zu zerstreuen, was s4e, wenn auch widerwillig, taten. Sie rotteten sich, aber bald wieder zusammen. Die Stimmung war sichtlich gereizt. Es zeigte sich zum Schluß, daß Herzl weder in die Synagoge noch in die Bibliothek gehen werde, wo sich sehr alte hebräische und chaldäische Bücher befinden. Der Wert der Bücher wird auf 100.000 Rubel geschätzt Der Kustos ist der Kaufmann Neuschul. Um 2 Uhr nachmittags wurde verkündet, idaß Herzl abgereist sei, die Bibliothek nicht besuchen werde. Das Publikum glaubte dieser Meldung und verHeß nur ungern den Platz. Ein Teil begab sich nach Hause, ein Teil zum Hotel, wohin Herzl sich zurückgezogen hatte." \ Der Kommflssär des M. ßedrkes imefctet In seinem Gehiamberieht, was in Herzls Hotel vor sich gegangen sei (dies aus anderen Publikationen bekannt) und berichtet weiter: „Als Herzl im Hotel weilte, hatten sich unzäh&gemal Juden eingefunden, die immer wieder auseinandergetrieben wurden. Wenn Herzl über die- Gasse fuhr, begegnete ihm die Menge durch Zurule in hebräischer Sppache und wmikte ihm lebhaft zu. Bevor Herzl nach Werki afc* fahr, ging Jfcchak Goidberg zum Telephon und veffeagte

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