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Die neue Welt · 1928-09-21 · Heft 53 (21.9.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 53 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr, 53 DIE NEUE WELT Seite 3 Ist es schon das letzte Stadium? (Naclrder Berliner Sitzung des Aktions-Komitees.) Von J. Grünbatim, Sejmabgeordneter. Bs scheint wiederum an der Zeit, die Agency-Frage A «Wem Ernst zu erörtern wegen ihrer bisherigen Wildungen und ihres Einflusses auf die weitere Entwicklung der zionistischen Bewegung und d.er zionistischen Arbeit. Im wesentlichen geht es ja darum, die j ü d i s c h e n Notabc'l"n-Kre is e in Amerika zur Arbeit heranzuziehen. Die anderen Länder spielen in dieser Hinsicht eine untergeordnete Rolle. Wird in Amerika die Angelegenheit zu einem positiven Ergebnis gebracht, so wird sie auch in anderen Ländern irgendwie durchgeführt werden. Umgekehrte wenn es in Amerika negativ enden sollte, so wird ein gutes Resultat in anderen Ländern nichts helfen. Die Agency-PoHtik ist eine 'amerikanische Angelegenheit. Sie wurde geboren in New York und ihat auch den Zustand und die Entwicklung der zionistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten am meisten beeinflußt. Sie hat bis jetzt in den zionistischen Reihen lAimerflkas keinen offenen Kampf hervorgerufen, wie in anderen Ländern. Die Gegnerschaft hat bis jetzt nicht einmal die Plattform, wenigstens ikeine offene, für die Opposition 'gebildet; eis sind jedoch Zeichen vorhanden, daß sich in dieser Hinsicht etwas zu ändern beginnt. Die Hauptsache aber ist, daß die Einnahmen für Erez Israel unter dem Einfluß der erfolgreichen Agency-Politik, die ja schon jetzt für die zionistische und Erez-Israel-Pronaiganda viele neue Türen geöffnet haben soll — so behaupten wenigstens die Anhänger der Agency-Politik — daß diese Einnahmen welche 40 bis 60 Prozent der allgemeinen Einnahmen des Keren ausmachen, in den (letzten Jahren die Notwendigkeit der Politik der vergrößerten Agency beweisen sollen, an der sich neue kapitatkräftige Kreise beteiligen würden. Man muß sich laber fragen, wie es 'kommt, daß man mit so schlechten Ergebnissen gerade in den Jahren zu tun hat, in denen man in der Agency-Politik Er folge zu verzeichnen hat, einen größer als den anderen, wo jeder Erfolg fast Jubel hervorruft in der zionistischen Bewegung. Es steht dafür, bei dieser Frage zu verweilen und sich zu. bemühen, sie ernst und aufrecht zu beantworten; besonders jetzt, nachdem die Experten-Kommission ihren Bericht veröffentlicht und die Vorschläge festgestellt hat, zu denen sie gelängte und die gemäß dem Abkommen zwischen W e i z mann und M a r s h a 11 das künftige Arbeitsprogramm der erweiterten Jewish-Agency 'bilden Arbeitsprogramm der erweiterten Jewish Agency bilden dieses Arbeitsprogramm nicht angenommen. Das Ak'tion s - K otni t e e hat es aber auch nicht abgelehnt. Es hat in einigen wichtigen, entscheidenden Punkten nur seine Gegenmeinung ausgesprochen, nur einfach Bedingungen .gestellt. In der offiziellen zionistischen Presse und vor der ganzen Welt wird diese Arbeit als ein wichtiger und großer Sieg der Agentur-Politik dargestellt Eine kleine Minderheit—ibloß vier Menschen, Mitglieder der Opposition hat gegen die Resolution gestimmt, der Weizmann seine Zustimmung gegeben hat. Man vergißt, oder tut so, als ob man vergessen würde, daß Weizmann dieser Resolution lange nicht zustimmen wollte. Er tat es doch, weil, wie er selbst sagte, er sich d e n L u x u s der Logiik nicht erlauben kann. Warum die Logik gefordert hart, dieser Resolution nicht anzustimmen, die alle Beschlüsse der letzten zwei Kongresse wiederholt und die doch von der Expertenkommission gewiß gekannt Wiedersehen mit der Lemberger „Krakowska". Man kann als empfindsamer Besucher der Orient- ,/iesse in Lemberg, die voll berechtigten Nationalstolzes wirtschaftlichen Airfschwung kündet und edle Früc!?!* friedlicher Entwicklungsarbeit eines Jahrzehntes frohen Voä'kserwachens zeigt, den sentimentalen Wunsch doch nicht ganz unterdrücken, auch die Stätten der Tränen und des Blutes zu sehen, die das langgestreckte, imposante „teater mjeisky" (Stadttheater) dem Auge des wissenden Spaziergängers in der „ulica Legionow" (früher: „Carola Ludvica") hinter gefälligen architektonischen Schnörkeln vergeblich verhüllt. * Die handelsbeflissenen Gruppen auf dem breiten Bürgersteig, schief gegenüber dem Theatergebäude, wo die „Legionow" aufhört, fashionable Promenade zu sein, vor dem Cafe „Elite" und in der dichtbevölkerten Passage sovse die von geschäftlicher Eile gepeitschen jüdischen Packträger mit den bunten Warenlasten auf dem gekrümmten Rücken und den zweirädrigen Handkarren, auf diesem täglichen Jahrmarkt, zwischen „JageHonska", Cafe „Polonia" und „Kazimierzowska", deuten untrüglich auf die Nähe der Gemeinschaft Gehetzter hin: des Ghettos. * Verlangsamt man die Schritte hier ein wenig, um einen Blick in eines der warengefüllten Schaufenster 'zu tun, so regnet es von allen Seiten geflüsterte lockende Anbote aller Art: Vom vorteilhaften Geldwechseln angefangen bis zum ausfuhrfreien Waggon Vieh, vom Füllfederhalter und der Ein-Zloty-Krawatte bis zur großen Börsentransaktion oder Häuserspekulation. Das Geschäft liegt hier ia der Luft, das Getd-atrf der Straße. war — darin eben liegt der Sinn der Beschlüsse des Aktions-Komitees in der letzten Sitzung. Die radikale Opposition forderte, daß die Agency- Politik als gescheitert anerkannt werden sollte — dies wurde mit großer Mehrheit verworfen — und daß die Exekutive unaufgefordert die Agency-Unterhandlungen auf Grund der neuen Beschlüsse weiterzuführen hat. Hiebci ist es jedoch klargemacht worden, daß diese Beschlüsse conditio sine qua non sind, d. h. daß das Aktioms-Komitcc der Gegenseite ein Ultimatum gestellt hat. Dieses Wort ist nicht gebraucht worden, weil man den zweiten Teil nicht beleidigen wollte, aber dies war der wahre Sinn der Beschlüsse. Wird dieses Ultimatum durch Miarshall und seine Gruppe abgelehnt, so müssen die Unterhandhingen abgebrochen und der ganze Plan, zumindest in seiner jetzigen Form aufgegeben werden. Dies fordert die Logik der Beschlüsse. So haben sich die Arbeiter-Gruppen und der Misrachi, die eigentlich diese Beschlüsse durchgesetzt haben, die weitere Entwicklung vorgestellt. Hat sich auch Weizmann das so vorgestellt? Gewiß, er hat es ja ganz offen zum Ausdruck gebracht in seiner Versicherung, gar nichts zu unternehmen, was eine vollzogene Tatsache schafferf könnte, ohne früher das Aktions-'Komitee oder den Kongreß gefragt zu haben. Der Schwerpunkt liegt wiederum bei der Gegenseite. Sie hat die Antwort zu geben. Sie muß „Ja" oder „Nein" sagen. Sic muß gewisse Punkte ihres Programmes ändern, das sie auf Grund der Berichte der Experten ausgearbeitet hat. Sie muß sich von dem Neuen, das sie einführen wollte, in der Verstärkung der individuellen Grundlagen der Kolonisation, in der Liquidierung des Kollektivismus, sogar in den Fragen des „Moschaw Owdim" abkehren. Sie muß als Kriterium der Aufbauarbeit nicht so sehr den wirtschaftlichen Erfolg wie die nationalen Notwendigkeiten launohmen, welche oft fordern, Dinge zu tun, die nahe der Unrentabiiität und fern vom -Gewinn sind. Und zum Schlüsse muß sie darauf eingehen, daß nach all dem die Gemeinschaft bloß auf drei Jahre probeweise geschlossen wird. Dieser letzte Kongreßbeschluß wurde nicht ausdrücklich wiederholt, man wußte gut, daß die Gegenseite sich sehr scharf gegen ihn ausgesprochen tot. Weizmann macht daraus kein Geheimnis, daß er bereit sei, von dieser Bedingung Abstand zu nehmen, daß er mit einem bestimmten Vorschlag in diesem Sinne zum Kongreß kommen wird. Deshalb hat er auch gefordert, daß mau auf diese Bedingung nicht hinweisen soll. Die Mehrheit ließ sich aber nie dazu überreden. Weizmann. hat sich damit zufriedengegeben. Wird sich Mich Marshall damit zufriedengeben? Meinte Marshall, als er die Zustimmung Weizmanns zu dem Programme erhalten hat,, daß es sich in der Berliner Sitzung des Aktions-Komitees nur darum handeln Wenn man um die Ecke des Theatergebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite zehn Schritte weit geht, steht man schon mitten in der Stadt der verfallenen hölzernen Handelsbuden und der klaffenden Häuserruinen: in der „Krakowska". Das Bild der Ver>wüstiitnig, wie es 1918 unter dröhnenden Gewehrkolbenhieben und lodernden Feuersbrünsten der Pogrom schuf, als es hieß, Juden hätten die einziehenden Befreiungstruppen aus ihren Wohnhausfenstern mit siedeheißem Wasser übergössen, ist in all den Jahren der jungen Freiheit unverändert geblieben. Kahle Mauern ragen in die Lüfte, schon geborsten, einsturzdrohend. Nur die Straße und die Erdgeschoße der Häuser sind bevölkert. Aus den Stockwerken gähnen leere Fensteröffnungen, zum Teil auch schon ohne die verbrannten oder vermorschten Fensterstöcke, herab. %i Hier erstand man 1918, als in der ganzen übrigen Stadt schon wienerische Knappheit in allem herrschte, noch immer preiswert ein Päckchen guten russischen Tabak oder die damals so sehr gesuchten ägyptischen Zigaretten „mit Wasserdruck" zu erschwinglichen Schleichhandelspreisen; hier hielt man tadellose koschere Dauerwürste mit „Hechscher"-ßrief des Rabbis von Czort'kow für jedermann um Spottpreise feil, als im Bürgerkrieg schon die Kugeln um die Straßenecken pfiffen und die Granaten aus dem Kilins'kypark schon über den Köpfen der kriegsdienstuntauglichen Verkäufer heulten, um auf den Dächern "der Hauptpost und der Gendarmeriekaserne und anderer öffentlicher Gebäude zu krepieren; hier gab es noch immer, als zum Schutze gegen Raub Überfälle irregulärer Banden eine jüdische Bürgergarde gebildet werden mußte, auf der Straße „an Eß ün -a Trunk": wohlschmeckende Mostäpfel und -hörnen um wenige altösterreichische Heller. i *' Und-da langt noch die gteiehe runzelige aKe F*au, wird, dieses Programm mit gewissen Vorbehalten, die nur einen literarischen Wert haben werden, zu ratifizieren, dann hat er geirrt. Er hat seiner Gruppe nicht bloß das Londoner Programm vorzulegen, sondern auch die Berlinev Korrekturen, die eigentlich die alten Kongreßbesohlüsse sind, die ja nicht in Betracht gezogen wurden. Jetzt stehen sie wiederum als Bedingungen da. Man muß sie nochmals erwägen und die Stellungnahme festlegen. Orientalische Teppiche Neue AnkUnfte aus dem Orient * Herrliche preiswerte Stücke Philipp Haas & Sohne Wien, I. Stock-im-Eisen-PI. 6, Wien, IV. Suttnerpl. 1 Wien, VI. Mariahilferstr. 75, Wien,.VIII. Alserstr. 21 Die Vorfälle von Petrovoselo. Die Ritualmordlüge. — Energisches Eingreifen der jugoslawischen Behörden. Der nach Petrovoselo zur Nachprüfung der Lage entsandte J. T. A.-Vertreter 'Stellte fest, daß dort die R u Ii e wieder hergestellt ist. Menschenopfer sind keine zu verzeichnen. Dagegen liegen Hausschäden vor. Die Behörden haben raschestens strenge Maßnahmen ergriffen und die Wiaffenmacht konnte gerade einschreiten, als durch die fanatisierte Bauernschaft P ogr omgef ahr unvermeidlich erschien. Die Menge gab die Belagerung der jüdischen Häuser auf, als sie einsah, daß die Behörden ernstlich gewillt sind, jüdisches Hab und Gut zu schützen. (Es ist zu bemerken, daß die Einwohnerschaft des Ortes aus magyarischen Katholiken besteht.) Der Mordpastor Münchiueyer. Er dar! sich auf das Reichsgericht berufen. Aus Hannover, 16. d., wird gemeldet: Der berüchtigte nationalsozialistische Pastor Müuchmeyer aus Borkum sprach am Donnerstag in einer iVersafhm-!ung in Hannover. In seiner Rede führte er u. a. aus:]Der Völkerbund sei eine Affenkomödie und die Untenzeichnung des Kellogig-Paktes eine Machination des internationalen Judentums. Er hatte die Ermordung Rathenaus auch heute noch for ein großes Gluck für Deutschland'. Mindestens sechsmal nannte er die deutsche Republik eine J u deur e pub lik. Er dürfe das sagen, führte er aus, weil das Reichsgericht dies £ünf Fällen zugegeben habe. Fünf Freisprüche lägen vor. die damals die Stadt mit ihren Mostäpfeln Iahte, mit einer langen rostigen ßlechzange die heißen gekochten Kukuruzkolben aus dem mächtigen Holzkohlensamowar hervor, um sie vor sich einladend auszubreiten? während sie mit ihrer heiseren Stimme ihre dampfende Ware anpreist: „Heiße Kükcrü!" Wenn ein Kukuruzikäufer kommt, dann nimmt sie mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger eine starke Prise aus dem Salzbehälter und 'bestreut den Korben reichlich von allen Seiten, wie wenn sie vom Inhaber der uaheu Mleczarnia eine hohe Provision für jede durstige Kehle zu erwartenhätte. * In und vor den halbverfallenen-Oden, auf der Straße allerhand verstaubter unverständlich zusammengewürfelter Bodenkram: ein schadhafter Handtuchhalter neben einer schiefen hölzernen Sohneiderkleiderpuppe, ein Freundsohaftsglas mit einem weit klaffenden Sprung neben dreiteiligen Schuhspannern, Größe 48: „Brauchen Sie nix zu kaufen?" Gleichzeitig wendet sich der Verlkäufer wieder ab, einem jungen Bauern zu, der unschlüssig mit einem Paar guterhaltener gelber Reitstiefel liebäugelt. Während die beiden miteinander feilschen, lockert sioh ein Stück Fenstergesims im ersten Stock des Hauses und fällt Iklirrend in das zersprungene Freundschaftsglas. Der Fatalist beachtet es kaum und denkt auch nicht eine Sekunde daran, daß die ganze baufällige (Bude ihm eines-Tages über dem Kopfe zusammenstürzen könnte. * Warum die Häuser nicht wieder hergestellt odei niedergerissen und neu gebaut werden? Er zögert mißtrauisch mit der Antwort: Die Besitzer sind geflüchtet, verschollen oder tot — Pogromflüchtiinge? Aber neto! Kriegsflüchtlinge. Pogromoptfer? Nein! Kriegsopfer. Die HäRtser bfoß-vom Zahn der Zeitso ze*fre«sen.4>ie^JQe-

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