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Die neue Welt · 1928-09-21 · Heft 53 (21.9.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 53 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 53 PB^WÄREiT> GEBRÜDER BRAININ [jnn l„ Bauernmarkt 20, Tel.U-22-3 59 Icll iL, Glockengosse 8, Tel. R 45-4-33 diese edJe Landessittc bot die am der Vorwoche in Hof gast ein abgehaltene Hauptversammlung des Oester r e i c h i s c h e n Heilbäder- und K u r o r t e v e rb and es. Die Wiener „Reicbspost" schreiiibt in ihrem Berichte: „Einige Badeorte übten scharfe Kritik an dem Treiben der orthodoxen Juden. Umter denen, die diese Kritik mit großem F r e«m u >t 'beisorgten, befand sich auch der sozialdemokratische Bürgermeister F r i m in e I von V ö s 1 a u. „Diese Juden," sagte er. „die da mit Kaltau und eigenartiger Frisur von Gaintarn nach Vöslau iherübcnpiilgern, erwecken meist die Entrüstung der Kurgäste." Es wäre hohe^Zeit, mein'te der Bürgermeister, wenn sich diese Leute einmal halbwegs 'kultivierten. - Noch drastischer schilderte sie Bad T a t zmannsdorf, wo der starke Passantenverkehr an orthodoxen Juden insbesondere aus Iniierungar« zur wahren B a d e p 1 a g e wurde. Mit ihren s c >h m i eirlgen Kiaftans und ilhren K oip f iha a rk o r kz i e h e r n zogen sie drei Wochen hindurch in großer Menge nach Bad Tatzmannsdorf. Auf solche,Gäste vernichtet Bad Tatzmannsdorf seihr gerne, heißt es in dem Bericht des Kurortes, denn die Juden brachten sogiar ihr Essen in die Restauratiionen mit und trugen zur Verschönerung der Promenaden und Kurplätze nicht das mindeste bei." Dieser s o z i a 1 d e m oik r a t i s c bl e Bürgermeister eines a u s s c h 1 Ii e ß 1 i c ih vom jüdischen K u rgästen besuchten Kurortes, welcher mit den Hakenkreuzlern konkurriert, ist eine Nummer für sich. Da kann man wirklich die Worte sparen. Aber nicht unerwähnt soll bleiben, daß dieser Tagung Vertreter der R eg i e r u m g beiiwohnten, Mi niste riaßrat Dr. M ü 11 e r, Seiktionsrat Dein! ein und sonstige Ober- und Unterräte, daß also unter Patronanz der Regierung diese stupiden Frechheiten vom Staipel gelassen wurden. Glaubt unsere hochweise Regierung, daß durch solche Dinge das Ansehen Oesterreichs und sein Fremdenverkehr gefördert wird? Die Wahlen in die Wiener Judengemeinde. Wir erhalten vom Zionistischen Lahdeskomitee nachstehende Mitteilung: Der Parteirat der Zionistischen Organisation Oesterreichs hat, wie mitgeteilt, den Beschluß gefaßt, in den diesjährigen Wahlkampf mit einer eigenen Liste, also ohne Kompromiß mit einer nichtzionistischeh Gruppe, einzutreten. Dienstag den 11. d. fand eine Sitzung der Ver-; trauensmänner der Wiener zionistischen Bezirkssektionen statt, bei der auch Angehörige sämtlicher zionistischen Gruppen und Sonderverbände anwesend waren. Der Präsident des Klubs der zionistischen Mandatare, Dr. Desider Fried mann schilderte eingehend die Notwendigkeit einer programmatischen Auseinandersetzung mit unseren Gegnern von rechts und links. Aufgabe der Zionistischen Organisation wird es sein, mit unserem klaren, aus den gegenwärtigen Verhältnissen sich naturnotwendig ergebenden Programm aufzutreten und vor allem für die Durchsetzung der Forderungnach Einführung des a 1 Tg em einen, gleichen und direkten Wahlrechtes für alle Gemeindeangehörige»! ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit und Steuerleistung sowie für die Aufhebung der bestehenden Beschränkungen der Wählbarkeit zu wirken. Unsere Aufgabe wird es ferner sein, mit allem Nachdruck die Wahrnehmung der nach den Verfassungsgesetzen den Juden als Gesamtheit gewährleisteten bürgerlichen Rechte durchzusetzen sowie für die Vervollständigung der Gemeindeeinrichtungen und Anstalten für rituelle, kulturelle Unterrichts- und Fürsorgezwecke, durch Ausbau und zeitgemäße Reform der bestehenden sowie Schaffung gebotener neuer Institutionen und für die Förderung in der wirtschaftlichen und sozialen Wohlfahrt der jüdischen Bevölkerung einzutreten. In einem eingehenden Referat behandelte sodann der Vizepräsident der israelitischen Kultuegemeinde, Herr Dr. Joser L öw enh er z, die organisatorischen Grundlagen der bevorstehenden Wahlkampagne. Das Zentralwahlkomitee ,dem die Herren Dr. Paul Diamant, Dr. Z. Finkelstein, Dr. Desider Friedmann, Dr. Max Kiwe, Dr. Josef Löwenherz, Prof. Moses Rath, Dr. Dagobert Rybaczewsky, Ministerialrat Moses Weiner, Saul Weinreb, der Präsident des Zionistischen Landes^ komitees, Dr. Leo Goldhammer und der Vorsitzende des Zionistischen Parteirates, Dr. Israel Taubes angehören, ha4 bei seiner Konstituierung am 13. d. Herrn Dr. Josef Löwenherz zu seinem Vorsitzenden gewählt. Das Zentralwahlbüro hat seinen Sitz in Wien, I., Kärntnerstraße (Telephon Nr. R-27-4-85 und R-27-4-86). Die Bildung der einzelnen Bezirkswahlkomitees wird zu den nachfolgenden Terminen vorgenommen werden; 17. September 20. Bezirk, 18. September Zwischenbrücken, 3., 9. und 18. Bezirk, 20. September Prater, 1., 2., 4.-5., 6.-7., 8. und 21. Bezirk, 22. September 12., 14.-15. Bezirk, 25. September Jugendgruppen, 10., 13., 16. und 17. Bezirk. Samstag den 22. September;, 8 Uhr abends, findet eine Vertrauensmännerversammlung statt, bei der Bericht über die bisherigen Vorbereitungsarbeiten erstattet werden wird. Einladungen ergehen schriftlich. Die Eingeladenen werden «esucht, pünktlich zu erscheinen« Die Minorität. —y. Zum ersten Male hat sich der Völkerbund mit der Minderheitsfrage befaßt. In seiner diesjährigen Vollversammlung nahm eine ganze Anzahl von Rednern zu dieser Frage Stellung und ihr Auftreten zeigt, daß die bekannte Resolution des Minderheitenkongresses, die der Enttäuschung von 40 Millionen Menschen Ausdruck verleiht, eine gewisse Wirkung bereits erreicht hat. Die Vertreter der Schweiz, Deutschlands und Oesterreichs wiesen auf die politische Gefährlichkeit des Fortbestehens dieser mißtrauischen Stimmung hin und der Vertreter Hollands beantragte die Schaffung einer ständigen Minderheitenkommission beim Völkerbund. Es war dies derselbe Minister, der als Referent der Mandatskommission gegen die eigenmächtige Verletzung des Mandätsvertrages in der Pal ä- .s t i n a-F rage Einspruch erhoben hatte. Er hat seinen Protest rasch wieder zurückgezogen und er hat auch auf dem Antrag für die Minderheiten nicht weiter bestanden. Ihm antwortete zunächst der tschechische Gesandte O s u d s k y, daß die Schaffung der Kommission nicht vorgesehen, also unmöglich ist. Das ist der Einwand eines Vereinskassiers, für den sich die Welt in den Mitgliedsbeiträgen malt. Dann aber kam Herr Briand, der Außenminister des gewaltigen Frankreich, und schlug alle weitere Erörterung mit der Keule nieder. Er hat am 10. September zur Minderheitenfrage das folgende gesagt: „Vor dem Kriege hat es hundert Millionen Menschen gegeben, die als Minderheiten ein trauriges Los hatten und deren Stimmen nur aus dem Grabe heraus vernehmbar waren, weil es eben keinen Völkerbund gab, der sich ihrer angenommen hätte. Jetzt gibt es nur zwanzig Millionen Menschen, die als Minderheiten in anderen Staaten leben, und der Völkerbund ist da, um sie zu schützen. Aber es darf aus dem Minderheitenschutz kein großer .Kampfschild gemacht werden, er darf kein Deckmantel für den Krieg sein. Keine Rücksicht darf über die Rücksicht auf die Erhaltung des Friedens gehen. - Wenn eine Minderheitengruppe sich erhebt, die zu einer Gefahr für den Frieden werden könnte, so würde ich ihr zurufen: „Schweige und denke an den Frieden!" Es ist da zuerst richtigzustellen, daß sich in der Auffassung Briands.-zwei Unrichtigkeiten breitmachen. Man hat die Minoritätenfrage in ihrer heutigen Gestalt vor dem Kriege überhaupt nicht gekannt und es gibt heute nicht 20 Millionen Menschen, sondern 40 Millionen, also die doppelte Anzahl, die däs^bittere Brot der Minderheit essen muß. Geht man dem. Problem auf den Grund, so muß man daran erinnern, daß der Krieg wegen der serbischen Minderhei't in Oesterreich- Ungarn ausgebrochen , ist und. daß an seinem Beginn der; Ueberfall auf den kleinen Staat Belgien stand, der Angriff einer mächtigen Mehrheit auf ein -schwaches Volk. Die Befreiung der kleinen Völker,' der Schutzder Schwachen war ja die große m o f ä 1 is c h e P r o p a g a n<d a k r a f t d e r E n t e n t e und aus dieser Stimmung heraus ist der Völkerbund geschaffen' worden. Er 'ist da, wie Briand ihn .definiert, um'die Minoritäten zu ^schützen. Die Minderheiten und ■ihr- Kongreß sind lebejide Zeugen dafür, daß dieser •Schutz zu keiner Stünde wirksam geworden ist und daß Briand die Verteidigung des Völkerbundes so vehement und offensiv besorgte, ist ein weiterer Beweis dafür, daß die für die Schwachen errichtete Institution ihren Zweck nicht einmal mangelhaft erfüllt. Wer sich so verteidigt wie Herr Briand, der «lagt sich an. * Es sind, hat Herr Seipel gesagt, zwei Nationen in Europa: die eine, die satt und behaglich sich des Besitzes der Macht erfreut, und die andere, die der Minderheiten. Ihr gehört die jüdische Minderheit. an und gerade sie hat den Schutz des Völkerbundes mit dem Erfolg angerufen, daß sie Objekt einer infamen Lüge geworden ist. Sie hat gegen das ungarische TUCHHAUS ONZ WIEN, I. Ertlgasse 4 und Kramergasse 11 Telephon U 25-2-57 Import Original englischer und schottischer Herrenu, Damen- Stoffe sowie irischer Donegals und Thornproof* Detailverkauf zu Engros-Preisen! Univers.itätsgesetz protestiert und der Völkerbund hat im heurigen Frühjahr die Mitteilung Ungarns akzeptiert, daß die Reform bereits erfolgt ist. Er hat es zur Kenntnis genommen, ohne sich von der Richtigkeit zu überzeugen, während er anderseits — was nur schön und gerecht ist — immer wieder die Bestimmungen über Opiumhandel und Mädchensklaverei kontrolliert. Im jüdischen Falle genügt die Erklärung einer Regierung, eine Erklärung, deren Wert niemandem im Völkerbund zweifelhaft ist. Es gibt da noch die Juden in Rumänien, die Juden in Polen, es gibt noch die jüdischen Wanderer, die jüdischen Heim¬ und Staatenlosen, alle Angehörige der Gruppe, zu deren Schutz — sagt Briand — der Völkerbund da ist. Hinter diesen jüdischen Beschwerdeführern steht keine tatsächliche, greifbare, sichtbare Macht. Während Deutschland, Ungarn, Jugoslawien jederzeit für ihre Splittervölker sich mit legaler Autorität einsetzen können, hat das jüdische Volk keine zentrale Institution, keine Möglichkeit der Gegenwehr für sich geschaffen. Und es hat doch zwei Wege vor sich. Der eine ist die nationale Organisierung in den Wohnländern, der andere der Ausbau seiner Heimstätte zu einem nationalen Machtzentrum. . V Die beiden Wege gehen von einem Punkt aus, von der Erkenntnis der Lage; aus diesem Punkt ist ja auch in Wirklichkeit die Freiheitsbewegung entstanden, die man Zionismus nennt. Die Erkenntnis war vorhanden, aber sie verflacht sich heute schon. Es war eine Zeit, in der das Judentum wußte, daß sein Leben in der Verbannung und sein Leben in der werdenden Heimat eines ist, das eines das andere bedingen und befruchten muß, daß es sich Macht schaffen muß. Der Gedanke des Jude nstaates, des freien und nur sich selbst verant- Die Sonne bei Tag zeigt sonnige Fluren, Nächtens der Mond zeigt mond'ge Konturen, Der Witz im geselligen Kreis zeigt Esprit, Wer Hmber-Geist*) trinkt, der wird ein Genie. *) Im Huber-Ükör enthalten. wortlichen jüdischen Volkes ist nicht offensiv gedacht. Aber er gibt, konsequent zu Ende geführt, den jüdischen Minderheiten den starken politischen Rückhalt. Das Judentum ist, weltpolitisch gesehen, immer in einer Geiselstellung. Der Judentstaat bietet den Ausweg. Aber zum Judentstaat, zur vollen Anerkennung als Volk gelangt man nicht durch einen bloßen Vertrag, durch' das Mandat, sondern nur durch den eigenen W il 1 e n. Eine entschlossene und bewußte nationale Organisation in der Diaspora, ist die Voraussetzung des jüdischen Staatswesens; sie wäre aber auch die Stelle, die für die Minderheitsrechte einschreiten kann, sofern sie nur in sich selbst die Kraft findet, die Staatsgrenzen in der Vorstellung zu negieren. Es gibt jüdische „S c h u t z" s t e 11 e n in allen Staaten; sie können nicht wirksam auftreten, weil ihnen das einheitliche jüdische nationale Bewußtsein fehlt. Sie sind atomisiert. Der Zionismus hätte dem abhelfen können. Er hat eine vom nationalen Willen beseelte Organisation besessen, die aber aus lauter „Staatsklugheit", aus lauter Angst vor dem patriotischen Janhagelgebrüll sich „nur auf Palästina beschränkt". Sie hat damit die Macht über die jüdische Seele verloren, sie hat den Respekt, den man einmal vor dem Zionismus hatte, in und außerhalb der jüdischen Gasse verloren und sie hat in Palästina einen Zustand erreicht, in dem das würdelose Ghettokompromiß als höchste politische Weisheit ausgegeben wird. So ist das Judentum, das sich e|ne imposante Stellung hätte erringen können, wenn es gewollt hätte, rechtlose Minderheit geblieben und gehört zu jenen, die der Völkerbund über die Achse] anschaut,

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