Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 52 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 ME NEUE WELT Nr. 52 WllllMIIKIMIIIHMI MDSfKHAUSJXCELSIQr Ion. Riöiard Herzog WIEN ttffSSKS&.i. Telephon 73-4-90 Sprechapparatc jeder Art, sowie sämtliche jüdischen und hebräischen Schallplatten in reichster Auswahl stets auf Lager PROVINZ VERSAND! PROVINZVERSAND! ailllim^M»IIMilllNMIIINIlHHimHWHHIHHII Die Hitlerei! Die sechzigste Friedhofsschäudung in Deutschland. Aus Lüdinghausen in Westfalen wird dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitgeteilt, daß in der Nacht zum 1. September auf dem jüdischen Friedhof von unbekannten Tätern dreizehn Grabdenkmäler umgestürzt worden sind. Die Polizei hat Nachforschungen nach dien Tätern eingeleitet. Es ist dies der sechzigste Fall von Schändung jüdischer Friedhöfe seit Ende 1923. Junge jüdische Landwirte aus Rumänien nach Frankreich. Bukarest, 2. September. (J. T. A.) Die Gesellschaft Hias-Ica-Emigdircct hat Anstalten getroffen, eine größere Zahl junger jüdischer Landwirte aus den neurumänischen Provinzen nach Südfrankreich zu -bringen, wo sie auf den Gütern als Lohnarbeiter lohnende Beschäftigung^ finden werden. Die Arbeiter werden mit Jiaihresvertrag eingestellt. Es übersiedeln meist Söhne jüdischer Bauern aus der Gegend von iMarimaroschszigct, gut augebildctc Landwirte, die aber wegen Boden.mangels keine Aussicht haben, sich als Bauern in ihrer Heimat zu 'betätigen. Auch in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, weilte ein Delegierter von Hicem zur Auswahl solcher ausgebildeter jüdischer Landwirte für Südfrankreich, denen in der Heimat eine ärgendwie aussicbtsvolle Betätigung in der Landwirtschaft versagt ist. Die Gemeinde von Gemünden bittet um Schutz. In Gern ü-liden (Hunsrüok) kam es bei einer nationalsozialistischen Veranstaltung, bei der der völkische Landfagsafogeordnete Dr. Ley-Köln sorach — wie dem „Israelitischen Familienblatt" gemeldet wird —, zu b 1 u t i g e n Z u s a m nie n s t ö Ben zwischen Hitler- Leuten und Komm«nistep. Da die Ortspolizeibehörde keine Vorkehrungen getroffen hatte, versuchten einige. Hakenkreuizler die Synagoge zu stürme«. Das Städtchen Gemünden ist seit einiger Zeit Tummelplatz der Hitler-, Rowdies. Nach diesen Vorkommnissen hat sich die Synagogengemeinde an das Ministerium in Berlin mit der Bitte u' m S c h u t z gewandt. Das „rote Hakenkreuz". . Im Verlauf der in München stattgefundenen nationalsozialistischen Führertagung sprach F r äu lein Zander über Zweck und Ziele des deutschen Frauenordehs, der zu einem „Roten Hakenkreuz" ausgebaut wird. Wir brauchen, sagte die Rednerin, ein Rotes Hakenkreuz gegenüber dem Roten Kreuz, da bei nationalen! Kämpfen, die ausgefochten werden, die Unfallstation e n v o n Juden besetzt sind. — Zum Schluß hielt Adolf Hitler eine Rede, in welcher er dem „Herden" instinkt" und dem „Herdentrieb", die nur durch Rassenreinheit erreicht werden können, ein Loblied sang. Die Blutlüge von Buchara. f Dia Zeitung „Prawda Wosteko", die in Taschk.e n t erscheint, teilt mit, daß die unter Christen und Muselmanen verbreitet gewesene Legende, daß Juden in Buchära" einen nichtj udische« Knaben g et ö te t'hätten, um ihm Blut zu rituellen Zwecken abzuzapfen, sich als ganz harmlos herausgestellt hat: Ein taubstummer, geistig nicht normaler jüdischer Knabe namens Ruh in, dessen Eltern und Brüder vor einigen Jahren von Banditen umgebracht wurden, wurde im Hause seiner Verwandten erzogen und wegen seiner geistigen Abnormität in strenger Hut gehalten. Daraus entstand die Legende, daß Juden einen christlichen Knaben gefangen gehalten und ihn getötet haben. Die Behörden haben nun die Angelegenheit vollkommen auf g eklärt, wodurch sich die nichtsüdische Bevölkerung beruhigt hat. VERE1NIBTE VERSICHERUNGS¬ AKTIE NQESELLSCHAFT IN WIEN Feuer-; Einbrach-, Transportversicherungen-alter Art, Hagel- und Tierversicherung, Kautions-Ver- •mtreuungsversicherung, Mascbinenbfuchversicherong, Unfall- und Haftpflichtversicherung m vorteilhaftest en Bedingunge-n Direktion: W1€M, IX. KOL INSASSE NU »WER 6 Generalrepräsentanz: WIE*, l DOMINIKANER BASTEI 21 Tolstoi-Briefe zur Judenfrage. Die von der Sowjetregierung jetzt vorbereitete Ausgabe sämtlicher bereits veröffentlichter und noch unbekannter Werke, Bemerkungen und Briefe Leo Tolstois' wird auch manche interessante Daten über die Aufh fassung Tolstois vom Judentum — nicht der jüdischen Religion und der jüdischen Bibel — enthalten, die vielleicht eher gestatten werden, ein abgeschlossenes Bild über den großen russischen Dichter in seinem Verhältnis zur Judenfrage zu bieten. Das, was uns bisnun vorliegt, besonders seine Briefe, in denen er sich über die Judenfrage und bestimmte politische Ereignisse im Zusammenhang mit der Judenfrage äußerte, lassen dieses Bild, wie die hier folgenden Auszüge aus seinen Briefen beweisen, noch sehr schwankend erscheinen. Im Jahre 1890 schrieb Leo Tolstoi an seinen Freund Wladimir %olowjew :! „Ich weiß es von vorneherein, daß, wenn Du Wladimir Sergejewitsch Deine Meinung in dieser Angelegenheit (der Judenfrage) äußern würdest, Deine Worte auch' der Ausdruck meiner Gedanken und Gefühle wären, denn der , Grund unseres Entsetzens über die Unterdrückung der jüdischen Nation Ist bei uns beiden derselbe: Die Erkenntnis der Brüderschaft der Völker und im besonderen die Freundschaftsbande mit den Juden, aus deren Mitte der Nazarener hervorgegangen "ist und die von der Dummheit der sich Christen nennenden Götzendiener soviel zu leiden hatten und noch immer zu leiden haben." In einem Disput mit dem Antisemiten Dr. Makowitzki im Jahre 1910 sagte Tolstoi: „Wie kann man ein ganzes Volk hassen? Ich verstehe es, daß man instinktiv manchen Fehlern der Juden gegenüber Abneigung empfinden kann, aber unmöglich ist es deshalb, alle- Vor den Feiertagen lassen Sie Ihr Badezimmer oder Ihre Zentralheizung von uns In Stand setzen. Gebrüder M AfBl&k ''iiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiP' TmI V5%i *3 ffm Gesellschaft für sanitäre und^Hefzungs-Anlagen Wien, III., Ungargasse 47 Telephon: U-10-2-50 und U-10-2-51 samt zu beschuldigen und -zu verdammen. Im Gegenteil, man muß sich bemühen, sich von dieser kurzsichtigen Engherzigkeit zu befreien, wie man sich von eigenen Fehlern zu befreien trachten soll. Tust du das nicht, dann empfindest du Liebe für die Gesellschaft der Menschenfeinde, wie für den „Verband des russischen Volkes"", welcher Uebcrfälle auf Juden arrangiert, und leistest ihnen, unterstützende Förderung. Die J u d e n w e r d e n u nterdrückt. Sie befinden sich in einer außergewöhnlichen Lage. Man darf es .ihnen daher; nicht vorwerfen, daß sie sich an allen Protesten gegen die R e g i e ru n g, an allen Um sturzaktionen beteiligen. Früher einmal erblickte ich in dem russischen Volk besondere Wunderkräfte und hob besonders die russischen Bauern als Menschen mit besonderen Tugenden, die das Herz zu packen wissen, hervor. Jetzt aber bereue ich es. Ich bereue es und bin bereit, auf diese Erkenntnis zu verzichten. Eigenschaften, die Zuneigung erwecken, kann man in jedem Volk finden. Und Juden haben ausgezeichnete Vorzüge (zum Beispiel ihre Musikalität). Du behauptest, daß die abscheulichen Seiten bei den Juden überwiegen, daß ihnen die guten Eigenschaften in höhcrem Maße abgehen als anderen Völkern, und stützest dich hiebei auf die Statistik. Ich bin jedoch der Meinung, daß diese Statistik nicht zutrifft^ Was bedeutet das Wort Jude? Für mich ist es völlig um verständlich. Ich weiß bloß, daß es Menschen gibt und sonst nichts. Ich kenne die Landkarte der Erde. Ich wefßjl daß hier Juden wohnen, dort Deutsche, Franzosen, aberj die Teilung der Menschen nach verschiedenen Völkern erscheint mir wie ein Phantasiegebilde. Ich kann sie nicht: fassen. Unfreundliche Gefühle kann man nur gegen Ein" zelpersonen empfinden. Hast du die Juden nicht gerne, so steht dir der einzige Weg offen, ihnen etwas Gutes zu bereiten. Das einzige Mittel gegen sie ist, ihnen die Gleichberechtigung zu geben, sie mit allen gleich zu machen. Deshalb sage ich immer wie-l der: sie befinden sich in einer außergewöhnlichen Lage. Würde ich deiner Ansicht zustimmen, so bedeutete das! für mich, alles, woran ich glaube, zu verleugnen, auf die Grundprinzipien meiner Anschauungen, wonach alle Menschen gleich sind, zu verzichten, und ich begreife esl nicht, wi'2 du bei deiner Anschauung und deinem Leben dich zu einem ganzen Volk so zu verhalten vermagst. Ich glaube, daß du das Verlangen haben mußt, dich von diesem Gefühl wie von einem Fehler zu befreien.'*! Im Jahre 1908 schrieb Tolstoi: „In bezug auf die Juden kenne ich nur eine Beziehung: das religiöse Verhältnis wie zu Menschenbrüdern.. Vor jeder anderen Untersuchung, die diese Beziehung stört, wie die Untersuchung Chamberlains, von welcher Du mir schreibst, habe ich Angst." 1 „./,.', Nach dem Kischenewer Pogrom im Jahre 1903 schrieb Tolstoi an den Herausgeber einer Sammel- ™—- mmmüL nrrm mumz "ouüotifcr echte NMiuäurita. r schrift zugunsten der Pogromopfer: „Die fürchterliche Untat, 'die in Kischenew begangen wurde, hat mich krank gemacht. Zum Teile habe ich meine Ansicht hierüber in einem Brief an einen meiner jüdischen Bekannten auseinandergesetzt. Ich schicke Ihncti eine Aschrift dieses Briefes. Vor einigen Tagen übersandten wir ein Kollektivschreiben an den Bürgermeister von Kischenew, in welchem wir unseren Gefühlen über die Nachricht von dem fürchterlichen Geschehnis Aus" druck liehen. Ich werde mich sehr freuen, Euer Werk zu fördern, und mich bemühen, etwas Entsprechendes zu schreiben. Zu meinem Leidwesen ist es mir nicht mögÜich, das, was ich zu sagen habe, in russischer Attsr gäbe im Druck erscheinen zu lassen." Der erwähnte Brief an den jüdischen Bekannten^ datiert, vom 27. April 1903, lautet: ) „Ich erhielt Ihr Schreiben. Ich habe bereits einige ähnliche Briefe erhalten. Alle verlangen von mir gleich Ihnen, daß ich meine Meinung über die Ereignisse in Kischenew sage. Mir scheint jedoch, daß es irrig ist, sich in dieser Angelegenheit an mich zu wenden. Man glaubt, daß meine Stimme einen Wert hat, und verlangt deshalb, daß ich meine Ansicht über das Verbrechen äußere; das in Kischenew begangen wurde, ein Ereignis, das wegen der Entstehungsursachen äußerst wichtig und kompliziert ist. ) Der Irrtum liegt darin, daß man von mir als Pu" biizisten eine Tat verlangt, während ich ein Mensch bin, der mit Leib und Seele in eine einzige bestimmte Frage vertieft ist, die gar keinen Zusammenhang hat mit der Wertung von Ereignissen der Gegenwart, das heißt in die Frage der Religion und ihrer Beziehung zum Leben. Von mir die öffentliche Meinungsäußerung über die Zeitereignisse zu verlanget^ ist völlig unbegründet, genau so, wie es von einem Fachmann verlangt werden kann, der einen gewissen Ruf hat. Ich kann bloß — und das habe ich bereits getan — irgend ein Zeitereignis zur Illustration benutzen, um meine Idee zu fördern. Aber meine Ansicht über Zeitereignisse, und mögen sie noch so wichtig! sein, zu äußern, wie es Publizisten zu tun pflegen, ver* mag ich ganz und gar nicht, obgleich ich es1 für nötig hielte. Würde ich es tun, dann müßte ich1 flüchtige, unbegründete Ansichten wiedergeben, die bereits", andere ausgesprochen haben, weshalb meine Meinungsrj äußerung nicht den Wert hätte, wegen dessen man sie von mir verlangt. I Mir scheint, daß meine Beziehungen zu den Juden und dem furchtbaren Ereignis in Kischenew jedem, der; meine Weltanschauung mit Interesse verfolgt, klar ist Meine Beziehung zu den Juden kann keine andere sein, als zu Brüdern, die ich liebe, nicht weil sie Juden sind, sondern weil wir und sie wie alle Menschen Kinder eines Vaters sind, und diese Liebe fordert von mir keine besondere Ueberwindung, da ich sehr gute Judenmenschen kenne und ihnen begegnet bin. / Auch mein Standpunkt gegenüber dem Verbrechen von Kischenew ergibt sich von selbst aus meiner religiösen Weltanschauung. Die später veröffentlichten schrecklichen Einzelheiten" waren mir nach der ersten Zeitungsmeldung' noch nicht bekannt gewesen und ich begriff schon das ganze Fürchterliche, das geschehen ist, und mein Herz* JEDE DAME sollte das VII. Kaiserstraße besuchen Tausende Pariser Modelle und Schöpfungen der eigenen Ateliers der herrlichsten Herbst- und Winterraodelle in allen modernen Farben. Vom einfachsten bis zürn verwöhntesten Geschmack in allen Größen zu den billigsten Preisen Wir haben nirgends Filialen! Anerkannt größtes u. führendes Spezialhaus Österreichs