Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 51 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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\ dßr 3 Rinds Uppen 7 Würfel Mr. 51 DIE NEUE WELT türmen und vereinigen, in dem, wie unsere alten Lehrer sagen, „die Lippen der Dahingeschiedenen sich bewegen", um für die Lebenden, wenn sie in Not und Sorgen sind, ihre Bitten, wie einst zu ihren Lebzeiten, zu Gott emporzusenden. Aus jedem Grabe ruft die Stimme des darin Ruhenden seinen Teueren zu: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach." Das ist die Sprache der Friedhöfe, wie die Juden von jeher sie vernommen und verstanden haben, Und die Wirkung dieses Verständnisses bestand darin, daß, während das Leben der Juden oft einem Friedhof glich, der Friedhof ihnen vielmehr Leben, Mut und Trost ehr flößte. Diesen Sinn, diese Bedeutung des Friedhofes verstehen und bekunden, heißt ihn einweihen. Was nun den äußeren Vorgang der Einweihung betrifft, so hat unsere Religion in ihrer hohen Weisheit einen solchen, das heißt eine zeremonielle Handlung dafür überhaupt nicht vorgeschrieben. Denn es ist keine zeremonielle Handlung denkbar, d i e das Erdreich des Friedhofes weihevoller und heiliger gestalten könnte, als es schon durch diese Bestimmung ist. Aber auch die Religion hat uns das älteste und herrlichste Weihelied geschenkt, das auch hier seinen Zweck erfüllt. Es heißt zwar das) „Weihelied des Hauses", nämlich des Tempels, aber da auch der Friedhof ein Haus, ein Tempel ist, so findet jener Psalm in seiner wunderbaren Vielseitigkeit auch auf ihn Anwendung, denn da es heißt „Ewiger, Du führst meine Seele aus der Gruft empor, Du belebst mich wieder, nachdem ich in das Grab gesunken war". Kann es etwas Tröstlicheres geben, als diese Zuversicht des Lebens mitten in dem Bereich des Todes? Ist dieser Satz nicht die erhabenste Würdigung und Weihe des Friedhofes, gleichsam eine Aufschrift über seinen Eingang, die ganz in Gegensatz steht zu der von dem berühmten mittelalterlichen Dichter erschauten Uebcrschrift über den Pforten der Hölle, die den ewig Verdammten die Aufforderung zuruft, alle Hoffnung fahren zu lassen? Unsere Religion weiß von keiner Hölle, von keiner ewigen Verdammnis und von keiner Hoffnungslosigkeit. Ganz im Gegenteif heißt es in jenem Weihepsalm: „Wenn auch am Abend ein Tränenstrom sich ergießt, es kommt doch ein fröhlicher Morgen." Welche Tränenströme hat der Weltkrieg schon den Augen der Menschheit entlockt! Wie viel neue Friedhöfe hat er geschaffen! Dennoch wird der fröhliche Morgen nicht ausbleiben, so flüstert der Wind uns zu, der über Gräber streicht, er bringt uns den Trost des Propheten: „Es kommt der Morgen, wenn es auch jetzt Nacht ist." Das ist die Lehre unserer Geschichte, die freilich zuweilen andere Wege geht, als wir vermeinen. Als vor vierzig Jahren der Ze ntralfriedhof eröffnet wurde, da meinten manche unter uns, die Gemeinsamkeit des Friedhof es bedeute den Morgenanbruch allgemeiner Brüderlichkeit und sie bedauerten nur die noch immer aufrecht erhal ene Trennung der Konfessionen^ während von der anderen Seite schon wegen ihrer bloßen Umfriedung durchdieselbe Ringmauer die Einweihung des Zentralfriedhofes wäre verweigert worden. Heute nach vierzig Jahren haben nun wieder alle Konfessionen ihre besonderen Friedhöfe und so weihen auch wir heute unseren eigenen jüdischen Friedhof ein und das alles geschieht in allseitigem Einverständnis. Was lieg* auch daran? Nicht das Unter- oder Nebeneinander-Begrabenwerden wird den Friedenstempel aufrichten, in dem eine Religion, die Liebe, alle Menschen vereint und das Psalmwort verwirklicht: „Siehe, wie schön und wie lieblich ist es, wenn Brüder zusammenwohnen!" Lassen wir denn alles, was jetzt die Menschen mehr als je entzweit, Haß, Feindschaft und Krieg auf den alten Friedhöfen für immer begraben sein und^weihen wir diesen, neuen mit dem Ausdruck der Hoffnung ein, daß die heiß ersehnte Zukunft allgemeinen Friedens bald zur Gegen" wart werde, dann werden wir mit den Schlußworten des Weihepsalms ausrufen können: „Du hast' meine Trauer in Fröhlichkeit verwandelt, Du hast mein härenes Gef wand gelöst und mich mit Freude umgürtet." Hochschulnachrichten. Die Inskriptionsfri&t für In- und Auslände* an der Wiener Universität läuft vom 1. bis 31.' Oktober d. J. Nachträgliche Gesuche sind vom 2. bis 14. November 'bei den Dekanaten einzureichen. Später werden Gesuche nicht mehr entgegengenommen. Die jüdischen Kriegstoten. Bei der Enthüllung des KriegerdenikniaAs 'Ut GAatz sprach neiben dem evangelischen und katholischen Geistlichen auch Rabbiner Dr» Vogclstein aus Breslau. Am Morgen war eine Gedenkfeier in der Synagoge abgehalten worden. Sämtliche sieben jüdischen Jirn&linge der Gemeinde Glatz, die sich bei Kriegsausbruch f reiwIHig gemeldet hatten, sind gefallen. Gottesdienst für die reifere Jugend. Der Vorstand der israelitischen Kuiltusgemeinde. veranstaltet an den kommenden hohen Feiertagen im Olympiasaal, I., Rotgasse 5, einen Festgottesdienst, der hauptsächlich für die reifere Jugend 'beiderlei Geschlechtes (im Alter von 15 bis 20 Jahren) bestimmt ist. Der Zutritt diesem Gottesdienst erfolgt aoif Grund unentgeltlich .iu sg e g e$ e n e r Karten, deren Ausgabe tunlichst im Wege der Jugendorganisation erfolgen soll. Die Verteilung der restlichen Karten erfolgt ab Somvtag, den 9, September 1. J., zwischen. 10 und 12 Uhr vor«iittags im Bureau des Jugendreferates, I., Seitenstettengasse 4, Parterre, gegen Vorweisung einer Legitimation. Erste Palästinareise 5689. 13. März bis 9. April 1929. Die Vorbereitungen zu der vom Verbände radikaler Z i o n i s t e n und der Vereinigung demokratischer Z io n i s t i n n e n, gemeinsam mit dem Wiener Palestine Touring-CIub veranstalteten I. Palästinareise befinden sich vor ihrem Abschlüsse. Wie bereits mitgeteilt, wird die Seereise von Genua über Neapel und Sizilien bis Alexandrien und zurück mit dem neuen Luxus-Schnelldampfer „Ausoni a" der Schiffahrtsgesellschaft „Sitmar" zurückgelegt. Dieser Dampfer, welcher seine Erstlingsfahrt im Juni 1P28 angetreten hat, versieht nunmehr auf der Luxus-Eillinie Genua •—Aegypten abwechselnd mit der jedem Orientfahrer .wohlbekannten „Esperia" den Dienst. Die „Ausonia" ist mit dem größten Komfort ausgestattet, hat einen Tonnengehalt von 13.700 Tonnen, entwickelt eine Geschwindigkeit von 21 Seemeilen und nimmt außer der Besatzung von 200 Mann 472 Passagiere auf. Alle Klassen cüoses Dampfe« verfügen über geräumige und elegante Kabinen und über zahlreiche Gesellschaftsräume, im Gegensatz zu den Personendampfern der anderen Linien, welche für den Ver- If 4« Infi. Richard «erzog WIEN HS^JS^» Telephon 73-4-ÖO Sprechapparate jeder Art, sowie sämtliche jüdischen und hebräischen Schallplatten in reichster Auswahl stets auf Lager PROVINZVERSAND! PROVINZVERSAND! kehr mit Palästina in Betracht kommen, sind die Kabinen selbst in der dritten Klasse bloß vier- und sechsbettig. Die Schiffahrtsgesellschaft „Sitmar" hat der Reisegesellschaft entgegenkommenderweise außer den jeder Klasse zur Verfügung stehenden Decks ein gemeinsames Deck überlassen,, so daß alle Reiseteilnehmcr auch während der PSeereise die Möglichkeit haben werden, in stetem Kontakt zu bleiben. Die Reiseleitung wird diese Begünstigung; dazu benützen, um den Reiseteilnehmern während der Seereise die Möglichkeit haben werden, in stetem Kontakt Unterhaltungen zu bieten. Das Programm für den Aufenthalt im Lande ist bereits festgesetzt und in dem zur Versendung gelangten Prospekte genau angegeben. Die Ankunft in Palästina erfolgt am 1°. März. Der Aufenthalt im Lande dauert bis zum-2. April 1929. Vorgesehen sind Besuche der Städte und ihrer Sehenswürdigkeiten, ferner der jüdischen Siedlungen und deren Einrichtungen. Die Reiseleitung hat dafür Vorsorge getroffen, daß für die Reisen im Lande erstklassige G es e 11s c h af ts au tos zur Verfügung gestellt werden, welche von gut ausgebildeten jüdischen Chauffeuren geführt werden. Gegründet 189« Gummistrümpfe S 13.60 aufw. Fesselformei* S 6.50 aufw/. Bandagen aller Art SenkfuB-Einlagen, fertig u. nach Glpsaodruck S 2.40 aufw. O- und X-Be.ne-Korrektur Krampfadernatrumpf, bewährter Schlankformer, haltbar, waschbar, unsichtbar, per Paar S 33 aufw. Fachkundige Bedienung MIKOLAfCH Taborstraße 22 Herren« und Prauenbedienung Reparaturen aller Art Auf. der Rückreise wird ein dreitägiger Aufenthalt in Aegypten dazu benützt werden, um die Städte Kairo und Alexandrien, sowie deren Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen. Es wird auch Gelegenheit geboten] Genua, Neapel und Syrakus zu besichtigen. Das Interesse, welches dieser ersten Palästinareise entgegengebracht wird, ist nach den der Reiseleitung bisher zugekommenen Zuschriften und Anmeldungen aus Oester reich, Deutschland, der Tschechoslowakei, Polen und Jugoslawien ein sehr reges. Mit Rücksicht darauf, daß die Zahl der Reiseteilnehmer eine beschränkte sein muß, empfiehlt es sich, daß dje Interessenten, welche diese Palästinareise mitmachen wollen, das dem Prospekt angehaftete offizielle Anmeldungsformular entsprechend ausgefüllt an, das Sekretariat der Reiseleitung der I. Paläst inareise (Frau Berta Taubes), Wien, IL, Böcklinstraße 92, ehestens übermitteln und die Anzahlung mittels den über Verlangen zur Verfügung zu stellenden Posterlagscheinen leisten sollen. Prospekte werden von der Reiseleitang kostenlos zugesandt und Auskünfte auch auf telephonischem Wege (Telephon-Nummer R 43-9-19) gerne erteilt. 0, M. Alkalai gestorben. kn Alter von 73 Jahren starb in Sofia David M. A-lkaiai, einer der Führer der Judeuschaft Bulgariens. Er war ein Enkel von Abraham Ben Samuel Alkalai, des Verfassers von „Sechor rAbraham" und anderer populärer hebräischer Werke. Der Vcrstobene hinterließ testamentarisch 500.000 Leva für jüdische Wohlfabrtsizwecke. Sind die Briefe des Baal Schern echt? Die Geschichte des Fundes. — Dr. Schwadron in Jerusalem findet eine Methode. — Untersuchung durch Prof. Josef Weese in Wien. Von Dr. Jos*f Pfeifer. Im Jaftre 1917 brachten die Zeitungen eine Nachricht, welche für die ganze jüdische literarische und wissenschaftliche Welt eine Sensation war: In Cherson seiein Paket mit Dokumenten, Briefen, Urkunden und Notizblättern, im ganzen ungefähr mit 80. Stück des Rabbi Israel Baal Schein Tow, des großen Zaddiks und Begründers des Chassidismus, und seiner ersten Schüler und Anhänger gefunden worden. Die Schriften, hieß es, seien wichtig und interessant und würden ein neues Licht auf die Persönlichkeiten der ersten Chassidim und auf das Leben und Wirken des geistigen Vaters aller Zaddikim, der ganzen chassidisohen Welt werfen, die eine neue Epoche schuf, von der die Geschichte eigentlich noch wenig zu erzählen weiß, weil bis dahin nur zwei bis drei gedruckte Briefe des Baal Schern vorlagen. Die Geschichte des Fundes hörte sich so an: Vor 90 Jahren, im Jahre 1838, wurde unter der Regierimg des Zaren Nik o 1 a u s I. gegen den Rabbi Israel ib e n S c h a 1 o m Fried m a n n von Rizin, den Begründer der Zaddikdynastien von Sadagora, Czortkow, Husjatin, Bojan usw., der Verdacht konstruiert, daß er an dem Tod der Denunzianten O ch smann und Sch warzinan n, die damals bei Uschitza erschlagen wurden, schuld trage. Andere behaupten, daß man ihn, beschuldigte, er wolle König der Juden werden. Man steckte den Rabbi in den Gefängnisturm von Kiew und bei Durchsuchung seiner Wohnung konfiszierte die Polizei alle dort vorgefundenen Papiere, darunter auch die oben erwähnten Schriften des Baal Schein Tow und seines Kreises- Es ist übrigens bekannt, daß der Riziner Rabbi Schriften über die ersten Zaddikim sammelte, einen Teil dürfte er gewiß von seinem Großväter, dem Rabbi R e ib Beer, dem Maggid von M e ze r its cli, dem würdigsten Schüler und geistigen Erben des Baal Schern, geerbt haben. Rabbi Jismel, der Riziner, flüchtete aus Rußland nach Oesterreich und schlug seinen Wohnsitz in Sadag o r a (Bukowina) auf. Die russische Regierung verlangte später von Oesterreich seine Auslieferung (die diesbezüglichen Akten wurden vom Wiener Staatsarchiv veröffentlicht), der aber, nicht stattgegeben wurde, da sich acht Zeugen fanden, welche bestätigten, daß er in Sadagora geboren sei und nichts mit dem Riziner Friedrnann zu tun habe. Wie kamen diese Papiere nach Cherson? Darüber gibt es zwei Versionen. Die einen meinten, Cherson sei damals — in den Neurnzigerjahren — die ■ •höchste Gerichtsinstanz für schwere Verbrechen in Südrußland gewesen. Andere behaupteten, daß die Schriften die ganze Zeit über in Kiew gelegen, aber von den Bolschewiken, als diese die Stadt verließen, zusammen mit anderen Akten mitgenommen worden seien. Als man die Archive durchstöberte, fand man auch diese Schriften, von denen die meisten für schweres Geld von einem reichen Ghassid namens S c h e m u 1 G -u r - A r i e aus K r e an e n t s c Ii u k angekauft wurden, der sie wiederum seinem Rabbi, dem Zaddik von L u b a w i t s c h, schenkte und Kopien an die Rabbis von, Grodisk, Ger, Radzimiu und auch an die Enkel des Riziner schickte. Hillel Zeitlin dagegen schildert im ,,Hathor", worin er drei solcher Briefe abdruckt, den Fund anders: Ein Privatmann ging in Charkow vor einem Sowjetamt vorüber. (Also nicht in Cherson; Dubnow bringt eine dritte Version, wonach sie in Kiew gefunden worden sind.) Er bemerkte dort zerstreut liegende Blätter, hob sie auf, zeigte sie Kennern, welche fanden, daß es Briefe des Baal Schern und seines Kreises seien. Vom Finder kaufte es der erwähnte reiche Ghassid. Jedes Schriftstück trägt eine Nummer, die vom Polizeiamt stammen soll, das sich mit den Akten beschäftigte, und auch eine oder zwei Durchlochungen, was beweisen soll, daß die Schriftstücke in Mappen mit Klammern gelegen waren. Auf einem der Briefe (oder auch auf einem andern) soll sich eine Bemerkung in fehlerhafter russischer Sprache von einem gewissen Jermejew und ein offizieller Stempel befinden. Bald wurde von verschiedener Seite die Veröffentlichung dieser Schriften begonnen, so von Chaim Bloch und Ch. E. B i c h o w s k y. Auch Oh. N. Bialik veröffentlichte zwei Briefe des Baal Schern und einen des Rabbi Schneur Salman, des Gründers des Chabath innerhalb des Gbiissidismüs, SclüießÜch