Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 51 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sdfe 6 DIE NEUE WELT Nr. 9f pniiiiiHiRnffiimim^ I KOHLE * KOKS 1 ANTHRACIT 1 | BESTER MARKEN LIEFERT KONKURRENZLOS | I Firma Bäsch, IV.» Afgentiaierstraßc 22 | 1 Telephon 9 U-41-2-87, U-46-40S §§ I Rabattsektion des KEREN KAJEMETH 1 meister des Moskauer Staatsorchesters, Galawanow, der es nicht dulden wollte, daß „Juden rassische Musik machen", wurde für mehrere Jahre von seinem Posten entfernt; das Staatsorchester besteht auch weiterhin aus fast 60 Prozent Juden, die ausgezeichnete Musiker seien. Auf die Frage, warum die Zionisten in Rußland verfolgt werden, erwiderte Lunatscharski, ihm seien solche Fälle unbekannt. Die zionistische Organisation ist gleich allen anderen nichtkoinmimistischen Organisationen an Rußland; verboten. Wenn Zionisten nach Sibirien verbannt werden, so erfolgt das wegen der konterrevolutionären Betätigung dieser Zionisten. Die zionistische Anschauung als solche wird nicht verfolgt. Zur Frage des Verbotes der hebräischen Spra,che in Wort und Schrift, iin Schulen und Publikationen, sagte Lunatscharski: Das Hebräische ist als Sprache nicht verboten. Wiir verbieten bloß die autisowjetistische Literatur in jeder Sprache. Hebräische Schulen können nicht zugelassen und schon gar nicht aus Staatsmitteln erhalten werden, weil es in Rußland keine hebräisch sprechende Masse gibt. Hingegen ist Hebräisch als Nebenfach an gleichem Ausmaße wie Latein und Griechisch erlaubt. Hebräische Zeitschriften sind früher nicht verboten gewesen. So erteilte er, Lunatscharski, dem ehemaligen Moskauer Rabbiner Mase die Erlaubnis, solche Zeitschriften zu bezieh en. Da aber die jüdischen Kommunisten in hebräischen Zeitschriften eine Gefahr für ihre Sache erblickten und erklärt haben, es gäbe keine Juden, die sich des Hebräischen als einziger Umgangssprache bedienen, und daß die hebräischen Zeitungen der kommunistischen Politik gegnerisch seien, habe' Lunatscharski die Erlaubnis z-um Bezüge und zur Herausgabe hebräischer Zeitungen zurückgezogen. Betreffs der hebräischen Bücher .sagte Lunatscharski: „Die Zensur unterstellt meiner persönlichen Leitung, und es ist mir nichts bekannt, daß ein hebräisches Buch nur deshalb verboten worden wäre, weil es hebräisch geschrieben ist. Sollte es vorkommen, daß ein derartiges Buch verboten wird, so solle man sich an mich wenden. Wie kann man behaupten, daß wir gegen Hebräisch sind? Wir haben ja einen Lehrstuhl für Hebräisch an der Moskauer Universität." Zur Frage der religiösen Erziehung, der Bestrafung hebräischer Lehrer und der Konfiskatioh von Synagogen erklärte Lunatscharski: In religiöser Beiziehung kann sich jeder iin Rußland frei ausleben; es steht im Belieben der Eltern, den Kindern eine religiöse Eziehung zu geben. In den öffentlichen Schulen jedoch wird der Religionsunterricht nicht geduldet. Es ist aber gestattet, daß mehrere Familien sich zusammentun, um ihren Kindern gemeinschaftlich Religionsunterricht erteilen m. lassen. Was die Konfiskation von Synagogen anbelangt, so werden auch Kirchen und Klöster von gleichem Schicksal betroffen. In dieser Hinsicht haben die Ortsbehörden freie Hand. Erhebt jedoch die Bevölkerung Beschwerde gegen eine Beschlagnahme, so wird diese Beschwerde in den meisten Fällen berücksichtigt. Ich persönlich bin in dieser Beziehung weder streng noch engherzig. In solchen Fällen spielt die Je wsekzia eine Rolle, die leicht nervös wird, bea jeder Kleinigkeit Lärm schlagt und es mir wirklich schwer macht, da ich nicht dauernd Streit mit den jüdischen Genossen haben will. Ich personlich helfe, wo ach kann. Lunatscharski schilderte seine Beziehungen &ur „iHabimar, der er Staatsunterstützung amgededhen lioi und ähren Mitgliedern ohne weiteres Auslandspässe verschaffte; sie wirkte gegenwärtig in Palästina,. wo sie einen natürlichen Boden für ihre Tätigkeit gefunden habe. Die „Habimah" hat um die Erlaubnis zur Ausreise für den in Rußland lebenden (übrigens nichrjüdiseben) Regisseur Dziki nach Palästina gebeten, Lunatscharski hat diese Erlaubnis gewährt. Herr Lunatscharslci lügt und dreht gena« so, wie irgend ein Diplomat der alten Schule. Nur tut er es nicht so geschickt. Er ist nicht gegen den Zionismus, aber die Zionisten werden eingesperrt. Tausende Zionisten schmachten in Sibirien und in Kerkern, aber ihm ist nachts bekannt, Hebräisch ist erlaubt, aber hebräische Zeitungen und Bücher und Schulen sind verboten. Es herrscht Religionsfreiheit, aber aus Synagogen werden Klubheime und Ställe gemacht. Nur in einem Punkte sagt er die volle Wahrheit, dort, wo er zugibt, daß alle diese Abscheulichkeiten gegen national gesinnte und religiös gesinnte Juden auf das Konto jüdischer Lumpen und Hetzer zu setzen sind, daß alles begangen wird, um den lieben „jüdischen Genossen" das Giftmaul zu stopfen. Eine neue Chaluz-EinWanderung. Die Zionistische Exekutive wandte sich an die Palästinaregierung mit dem Ersuchen, ihr 1000 Einwanderungszertifikate für C Ii a 1 u z i m, sowie 200 weitere Zertifikate für Zionisten, die a u s R u ß 1 a n d nach Palästina verbannt worden sind} zur Verfügung zu stellen. (Wie erinnerlich, wurde vor kurzem in Palästina amtlich verlautbart, daß von jetzt ab nur jenen Auswanderern aus Rußland die Einreiseerlaubnis gewährt werden soll, -die über einen regelrecht ausgestellten Reisepaß verfügen und somit die Möglichkeit ha'ben, eventuell auch nach Rußland zurückzu kehren.) Die Halle der Toten Zur Vollendung des Baues der neuen Zeremonienhalle auf dem Wiener jüdischen Friedhof, „Das ganze Werk ist vollbracht" steht in hebräischer Sprache auf dem Schlußstein der neuen Zeremonienhalle, die am Sonntag ihrer Bestimmung übergeben wird. Es ist ein Werk, dessen Vollbringen alle ehrt, die an Plan und Ausführung beteilig1 waren, ein Stück jüdischen Besitzes in dieser Stadt und eine würdige Repräsentanz jüdischer Pietät. Der jüdische Tote war bisher (auf der alten Abteilung) eigentlich nur in Miete. Gemeinde hatte mir das Benützungsrecht, das allerdings für so lange gelten sollte, als der Zentralfriedhof ein Friedhof blieb.' Jetzt ist der Boden, in den wir unsere Lieben betten, volles! jüdisches Eigentum, und der Oemeingeist hat einen bei aller Bedachtnahme auf den ernsten Zweck doch schönen Rahmen geschaffen. Die Verhandlungen zum Ankauf des Geländes waren zuerst sehr ungünstig verlaufen. Bürgermeister der Stadt Wien war Karl Lueger, und man kam nicht vorwärts.* Nach! seinem Tode geriet die Sache ganz ins Stocke^ Immerhin traf die Leitung der Kultusgemeinde unter dem Präsidenten Dr. Stein alle Vorbereitungen. Sie errichtete als Notbehelf die kleine von Gärtner entworfene, und von M e 1 c h e r ausgeführte Zeremonicnhalle, die aber nur den für das Notwendigste in Frage kommenden RaUm umfaßte. Inzwischen kam der Krieg, das Flüchtlingselend, und damit trat hinter der ins gigantische steigenden Sorge für Kranke, Sieche, Heimatlose der Friedhofsplan zurück. Das vom Architekten Reiser ent^ worfene Projekt, das bei einer Konkurrenz den ersten! Preis erhalten hatte, ruhte in einer Mappe. Aber die Zu* GE1BANO & C9, WIEN, IX. GRUNDLSTR. 5 Telephon 1,9-0-69 . ... I» beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ALLEN ARTEN KARTONS stände auf dem al eu Friedhof wurden immer unerträglicher. Da die finanzielle Lage der Gemeinde sich trostlos gestaltete, setzte man alle Hoffnung auf das von der österreichischen Republik beschlossene Gesetzfür produktive, Arbeitslosenfürsorge. Das Gesetz sicherte allen öffentlichen Körperschaften, die im öffentlichen Interesse Bauten aufführen, Beihilfe oder Darlehen zu niedrigem Zins zu. Nach der geübten Praxis wäre auf die jüdische Gemeinde ein Betrag von etwa 750.000 Sehilling gefallen. Alle Schritte wurden getan, aber vergebens. Die Judengemeinde bekam nicht einem Grosch en. Nun entwarf man einen., neuen Finanzplan-und trat mit der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien in Verhandlung. Sie erklärte sich bereit, einen Kredit zu gewähren, der aus den Einkünften für prüfte und Gräber zu tilgen ist. Damit war die finanzielle Basis gegeben und es wurde zu Beginn des Jahres 1925 vom Vertreterkollegium beschlossen, das Projekt Reiser mit einem Kostenaufwand von 1.8 Millionen Schilling, zur Ausführung zu bringen. Der bezügliche Beschluß wurdej wie es in dem Protokoll heißt, einstimmig von den Vertretern aller Parteien, also der Mehrheit, den Jüdisch-Nationalen und den Sozialisten gefaßt. Da die letztgenannten heute das ganze Werk mit ihrem Haß beehren, i$t es nicht so unwichtig, dies festzustellen« Schon vorher, lange noch, bevor man an einen Bau denken durfte, hatte die Belegung der Gründe beginnen müssen. Die alte Abteilung' war überfüllt, Krieg und Hunger, herrschte, aus dem Osten hatte die militärische Bestie Tausende von jüdischen Flüchtlingen nach Wien getrieben. So wurde der Betrieb auf dem neuen Friedhof bereits am 4. April 1917 mit einer stillen Feier1 aufgenommen. Die Eiuweihungsrede hielt der kurz nachher verstorbene Oberrabbiner Dr. Güdemann. (Wir lassen die Rede unten folgen.) Am 19. April wurde das1 erste Grab aufgeworfen und bis heute schlafen hier bereits 22.000 Tote ihren letzten Schlaf. Nunmehr ist auch 1 die Zeremonienhalle vollendet, und* sie wird Sonntag vormittag mit der feierlichen Schlußsteinlegung der Wiener4 Judenschaft und dem ganzen jüdischen Volk übergeben. Die Weiherede hält Herr Rabbiner Dr. taglicht, worauf die vom Amtsdirektor, Regierungsrat Guido Fuchsgelb verfaßte Denkschrift, mit der von allen Mitgliedern des Vertreterkollegiums' unterschriebenen hebräischen Urkunde vermauert werden wird. Der Tempelchor wird hjebei den Psalm 23, den bekanntlich Schubert vertont hat, zum Vortrage bringen. Der Text der Urkunde ist von Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang abgefaßt. Von Montag bis Freitag wird die Anlage dem jüdischen Publikum zur Besichtigung freigegeben werden. * Der Architekt Reiser hat die ihm gesteilte Aufgabe, auf dem abseits des lärmenden Verkehrs sich dehnenden Feld dem Auge einen stillen, ernsten Ruhepunkt zu schaffen, sehr glücklich gelöst. Die ganze Anlage bildet einen in sich geschlossenen Bezirk, den eine 45G( Meter lange Mauer von der Straße abgrenzt. In deni Zypressenvorhof führt das monumentale dreitorige Portal. Drinnen erhebt sich als architektonische Dominante die auf einer breiten Freitreppe erreichbare Zeremonienhalle mit dem Kuppeldach, das auf ihr ruht, ohne sie aber zu erdrücken. Die Kuppel ist 22 Meter hoch und hat eine lichte Spannweite von 171/2 Meter. Die Halle besitzt einen Fassungsraum für 400 bis 500 Personen. Die Kammern für die Leichen, für die infektiösen Leichen usw. sind allen modernen Erfordernissen der Hygiene entsprechend angelegt. Bei der Bauabnahme und der letzten behördlichen Besichtigung konnte auch nicht die leiseste Bemängelung ausgesprochen werden- In der Halle sind hebräische Inschriften angebracht. Eine deutsche Marmortafel erinnert an die Schrecken des Krieges und der Nach*" kriegszeit. Die Rede Dr. Güdemanns. Bei der Einweihung des neuen jüdischen Friedhofes, am 4. April 1917, also noch während des Weltkrieges, hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann die hier folgende Rede: „Die Feier, zu der wir uns hier eingefunden haben, ist eine hochbedeutsame, aber glücklicherweise eine seltene. Ich sage glücklicherweise: Denn man kann billig nicht wünschen, daß die Einweihung eines neuen Friedhofes sich öfters wiederhole. Die jüdischen Friedhöfe in Wien sind, durch zeitliche Abstände voneinander geschieden, mit denen man zufrieden sein kann. Die Gründung des ältesten reicht fast bis in das Mittelalter zurück, der zweite wurde vor ungefähr 130 Jahren eröffnet, der dritte, auf dem Zentral- Zfriedhof, ist allerdings kaum 40 Jahre alt. Wir sind jedoch, wenn er auch noch für einige Zeit ausreicht, durch Zden Weltkrieg, der leider ganz Europa in einen; Friedhof zu verwandeln droht, gezwungen, schon jetzt diesen neuen Friedhof zu eröffnen und einzuweihen. •Was heißt denn nun einen Friedhof ein" ,weinen und worin besteht diese Einweihung? Einen Friedhof einweihen, heißt, erkennen und feierlich aussprechen, was er bedeutet. So stumm die Friedhöfe sind, ein so tiefes Schweigen sie bedeckt, so führen sie doch die lauteste und beredteste Sprache für den, der diese Sprache versteht. In diesem Verständnis ist ihre Weihe, ihre Heiligkeit, ihre Unverletzlichkeit begründetj Denn wo die Erde ihren Mund öffnet — und jedes Grab ist ein solcher Mund — da vernimmt das kundige Ohr die Stimme der lauteren Wahrheit, wie es heißt; „Die Wahrheit bricht aus der Erde hervor." Darum befinden wir uns auf dem Friedhofe in der „Welt der Wahrheit"k Diese Wahrheit ist die Geschichte. Das Archiv der jüdischen! Geschichte sind die jüdischen Friedhöfe. Deshalb ist für uns der Friedhoff keiiie Stätte des Todes, sondern das „Haus des Lebens", keine Stätte der Vergänglichkeit, sondern das „Haus der Ewigkeit". Ja, schon in der Tatsache, daß der Friedhof überhaupt ein Haus genannt wird, ist der tiefere Sinn enthalten, daß er kein Trümmerhaufen ist, sondern daß die Steine, die sich auf den Gräbern befinden, sich zu einem Hause, zu einem Tempel auf- VEREINIGTE VERSICHERUNGS¬ AKTIEN GESEÜ£CHAFT IN WIEN Feuer-, Einbruch-, Transportversicherungen alter Art. Hagel- und Tierversicherung. 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