Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 51 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Hr. 51 DIE NEUE WELT Die Austreibung der jüdischen Seele. Zum Gastspiel des Moskauer Jüdisch-Akademischen Theaters. Von Oskar Rosenteld. „Freiheit ist ein bürgerliches Vorurteil." Die Revolution stürzte dieses Vorurteil. Gra« riowsky tat es im Kampf um das neue Theater. Gra nowsky als Initiator, Inspirator, Regisseur, Dramaturg, Prophet des Moskauer Jüdischen Akademischen Theaters Daß der Kampf ■um einen neuen Bühnenausdruck in bezug auf sein Ziel ein politischer 'ist, wird man sogar auf seinen Umwegen verstehen. Nicht Staat, nicht Verfassung, nicht soziale Gliederung meint man; sondern eine neue Weltanschauung — und erst von hier soll die umstürzlerische Wirkung ausgehen. Künstlerischer Radikalismus ist dem politischen gleichgesetzt: er verlangt die Beseitigung der bisherigen optischen, räumlichen, materiellen und seelischen Vorstellungen. ". Also weg mit den realistischen Details des Schauspielers! Weg mit der realistischen Füllung der Bühne! Weg mit den Re q u i s i t e n c i ncr h o u r g e o i s e n Epoche! Es gibt.keine starre Bühne mehr, es gibt keine drei Wände mehr: in den Raum wird hineingcspielt, damit der Strom. des Geschehens nicht an die Ausstattung, an Möbel, Türen, Fenster, an die bürgerliche Räumlichkeit gefesseltsei. Man versteht Granowskys szenische Idee. Nun steht-ihr aber der Mensch im Wege. Was soll e r in i t den Individuen t u n? Soll er sie von der Bühne verdammen?. Ohne sie auskommen? Das geht natürlich nicht.'Wo bleiben denn sonst die'erwachenden Energien des Massemenschen? ' ' Also; E r d*r i 11t die Menschen. Er drillt sie, die ja Individuen sind, solange, bis sie zu Automaten werden. Er. schwingt die Peitsche zum Rhythmus! Hoppla! Rhythmus! Sic .hüpfen, springen, tanzen, klettern, schwingen Arme, Beine, Fänger zu einer unhörbaren Musik, die der Regisseur komponiert hat und unsichtbar gemacht halben will. Das geschieht so lange, bis der Eindruck eines Mechanismus erzeugt wird, dem nichts Menschliches mehr eigen ist und auch nicht eigen sein kann. Denn alles geschieht innerhalb eines S'keletts eines Bühnenapparates, sozusagen im leeren Raum, der nichts, nichts, 'kein Echo wiedergibt. Rhythmus im Programmheft, Rhythmus in der Kritik, Rhythmus in. allen Aeußernngcn. Rhythmus ist aber der harmonische ' Ausgleich von Ruhe, .und .Belegung,. in dem Wellenberg, und Wellental ihr''Theres Lehen aüsschWinsen. Hier wird Rhythmus gezüchtet — in Marionetten, Puppen, Automaten, Spielzeug. Die Amerikanisierung vollzieht sich — entartete Primitivität Tempo giibt es nur nach außen (da ist's unruhig, bewegt), weil innen kein Tempo vorhanden ist. Nur seelische Emotionen können in der Kunst Tcinpo geben. Die .Menschen-der G r an.o wsky sehen Regie haben kedne seelis ch e n E m o.t i o n e n, daher auch kein Tempo; sie haben es äußerlich. Sie werden getrieben, wie. aufgezogene Spieifiguren. Alles klappt, geölt, geschmiert. Der Drill hat ~r mau erschrecke nicht — Girls erzeugt, die sich von den Revue-Girls, hur dadurch unterscheiden, daß der Gleichtakt im Zickzack und in verschiedenen Höhenlagen abrollt. Die Phantasie des Publikums wird ausgeschaltet. Es wird passiv. Kino. Revue. Habiinatraum. Die Habiroa kam aus Moskau. Sic landete in Palästina. . " Nithts kommt mir 'zwingender entgegen als Habima- Assoziatiqnen. Es genügt das Wort: Ha-hi-mu, um jene, starken ekstatischen Stimmungen hervorzurufen, die der geistigen und seelischen Haltung dieses hebräischen Theaters, für.immer zu verdanken sind. Die ,großen Erlebnisse' der jüdischen Seele, die ihr Schicksal in allen Stadien des Leids, des Heroismus, der Aufopferung, der Hingabe, der messianischen Idee durchlebte, gaben sich bei der Ha-bima in wundervollster Reinheit. Der Begriff des „Entfesselten" Theaters" hatte seinen inneren ethischen Sinn; Um ihn erst gruppierte sich alles, was im Lichte des Alltags' Inszenierung, Regie, Technik heißt. Sprache der Bibel war Urlaut eines mit dem sonderbarsten Geschick verknüpften Volkes. Worte wie Rhythmus, Bewegung, ■. Gestaltung zerflattertcn angesichts der Intensität echtester Gefühlswerte zu nichts. : Die Habima ist lehrreich für den Fall — GrauowsKy. Schalom Alechein ohne Geste, ohne Sprache, ohne Humor. - i;. Granowsky bedarf seinem Rezept entsprechend a'u^b keiner.'-Pachtung. Dichtung ist literarischer Rohstoff,, als.o untergeordnetes Gebiet. So heißt's in einem Buch, über sei" Theater. Und ferner: Der Regisseur Granowsky nahm die ..einfarbige spaßhafte Anekdote Schalom Alechems vom Schneider Schimelc Soroker und seinem 200.000- Haupttreffer luid „entwickelte" sie in seinem Laborato«- riiiin. Was heißt das in der Praxis? Zunächst das eine, daß Granowsky, wie seine Eckermanns künden, den rein literarischen Humor der Dichtung als unnötigen Ballast über Bord wirft. Er behält bloß die Fabel und führt mit ihrer Hilfe sein Experiment durch. t Wer Schalom Alechems Schriften kennt, wird als sein Köstlichstes den Humor seiner Figuren empfunden haben, eines Humors, der seinen Nährboden In der sprach* liehen, physiog-nonnschen und milieugefesti'gten Intimität besitzt. Nun wissen wir aber schon, daß die Moskauer individuelle Gesten vernichten müssen; daß sie blutlose, ge- Granowsky kommt zu spät. Granowsky kontrolliert die innneren seelischen Gemütserregungen durch das Gehirn. Er arbeitet „rationell". Ratio heißt Vernunft. Und Poesie ist — unvernünftig. Es gibt kein Theater ohne Dichtung. Es gibt auch kein Theater ohne Schauspieler. Die Revolutionierung des Theaters durch Granowsky besteht nur ~ in der Konstruktion. Seine Generalreforni kommt zu spät. Nach dem realistischen Theater Brabms, nach dem romantischen Reinhardts, nach dem ekstatischen Jcßners, Tairofis, Meyerholds, die alle mit der dramatischen Dichtung parallel liefen, kam Granowsky zu einem dramatischen Skelett, zu dem „skeptischen" Theater. Je theatermäßiger er wird, desto nüchterner wird er. Er desilfusioniert seine eigenen Illusionen. Pirandello sollte ihm ein warnendes Beispiel sein. Pirandello ist tot und Granowsky will leben? Es gibt keine aktive Dichtung, die er für sein System verwenden kann. Er will einen Mangel als Reichtum ausgehen. Ein jiüdisches. Theater ohne jüdische Seele ist unmöglich. Und doch. Und doch! Jin Moskauer Jüdisch-Akademischen Theater steckt Arbeit, Einfall, Witz, Schmiß, Schwung. Gewisse Grundelcmente des neuen Granowsky-Theaters, aus dem Geist des Kollektivismus geboren, weisen Wege in die Zukunft. Die kommen nicht zu spät für das — europäische, deutsche, Wiener Theater. Der Einbau der Musik in den Fluß des Geschehens bezeugt Einblick in das Wesen deV Kunst überhaupt. Einzelne Rcgicciniällc überzeugen prinzipiell. Von ihnen .könnte ein Jahrgang Wiener Operette leben, von Leo Pulvers wohlverstandener Musik (Pulver hat die jüdische Musik verstanden) die Wiener Operettenkomponisten. Michoels ist ein großer Schauspieler, wenn er's sein darf. Ebenso Suskin, ebenso Frau Rott'baum. . Die Moskauer jüdischen Schauspieler vergießen ihr Herz, will sagen Hirn für die Dilettanten des europäischen Theaters. Sie sind die Opfei" eines Gehirnfanatismus. Europa wird von ihnen lernen — wenn auch Negatives. Wir haben also; wieder einmal — jüdische Märtyrer, spensterhafte Figuren wie Schatten auf Gerüsten, Stangen, Profilicrungen, skizzenhaften Wänden huschen lassen. So muß , jede Intimität der Kleinbürger des Dichters verloren gehen. Den superklugen jttdenlibcralen Blättern in Berlin und Wien scheint es, daß;,dcr dem unjüdischen! Wesen •innewohnende starke Bewegungsdrans' Granowsky angeleitet habe, seine (nämlich die jüdischen) Ausdrucksformen auf; der Bühne anzuwenden". Und es scheint ihnen weiters, daß Granowsky „die innere Bewegung der leicht'flüssigen und leicht aufrauschenden jüdischen Seele entbunden ha-U '.."'•• ' ■: " Diese schmookhaften Phrasen sind charakteristisch für "eine große Schichte von Menschen, die das jüdische Wesen in Granowskys Inszenierungen finden wollen,:; der ja innerstes, wesentlichstes Judentum projiziert,- :der ja — wieder gemäß den Verkündern in Rußland — die Schälom Alcchem-Personen auf die elementaren- Typen cfjes jüdischen Humors zurückgeführt hat! Also der jüdische Schneider Schimelc Soroker (Michoels) und der Schadehen Sblöweitschik (Suskin). die ein für allemal gültigen jüdischen Urtypen! '; ' ■ Der Sprache Schalom Alechems ist's nicht besser e'rgangen. Der Reiz der kleinen intimen Wendungen, liimVcr denen sich die köstlichste Welt von Komik, Ergriffenheit, Beschämung, Kleinbürgertum verborgen hält, um plötzlich alles zu erhellen, wo ist er geblieben? Die Moskauer sprechen eine Sprache, die aus Vokabeln besteht, ein papjernes, blutleeres, lexlkales Jiddisch, das eben 'kein jiddisch mehr ist. Die jüdische Seele, das Herz der Völksdiciücr Schalom Alechem und Mendalc Mocher Sförim \yard ihm ausgetrieben. Ich hörte einen zerdehnten'Singiu\\g, hineinkomponiert in den konstruierten Strom ' der Bewegung — bis auf ein paar Augenblicke, in denen d.er S^u&Pieler sich vergaß. Sonst war's die Parodie "auf eine lebende Sprache. Verbleibt noch der Humor. V '.' .' :i, Die These eines scharfsinnigen Kritikers zitiert. das Programmheft: „Das jüdische Leben selbst mit seinen h|zjj;rr anmutenden Ecken und Kanten, ein Leben, dasl;inr' ^aiifp eines Jahrhunderts unter den anormalen Verhältnisj&euLdes Ghettos sich entwickeln mußte, zeitigtejene unwahrscheinlichen Muster der jüdischen Form und des Rhythmus, die in den Werken von Schalom AJeichem zu II.Taborstraße 8 :; Tel.42-3-41 Uraufführung; Frltt Langt Meisterwerk [SPIONE n den Hauptrollen: Willy Fritsch und Gerda Maurus RM . Beginn: 5, 7 und 9 Uhr P»© Sfedei* Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die Kurier (^Erzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur« fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT finden sind und von der oberflächlichen Kritik meistens als Humor betrachtet werden." In Granowskys Entkleidung hat Schalom AIcichcm natürlich keinen Humor und ich kann mich auch nicht erinnern, daß während der Aufführung der musikalischen Komödie „200.000" zwei M e ns c h c n g c 1 a c h t hätten. Schalom Aleichcm hat keinen Humor, denn seine Schriften bilden die Formen nach, zu denen die jüdischen Ghettomenschen geworden sind. Man muß ihn also, will man ihn genießbar machen, in Granowskys Kctorte aufkochen. Schalom Alcohem hat keinen Humor. Humor haben Parkas & Grünbaum, Brammer. & Gr.ünwald, Friedmann 6c. Lunzcr, Glinger <St Taüssig, Emil & Arnold Golz, Arnold & Bach, Kadclburg & (Blumen - fhal, Lcopokli & Wicsenthal. Daß die Juden, die Granowskys Staatsgenossen sind, sich von der Ghettoform emanzipieren wollen, daß eine neue, hebräische Kultur aus Tageslicht drängt zusammen mit ihren Trägem, das allerdings hat mit Granowsky nichts zu tun. Denn es ist — Theater, nichts als Theater; er hat alle Erscheinungen des Lebens dem Theater, seinem Theater dienstbar zu machen. Und seine Juden, so wie sie aus seinem Laboratorium herauskommen, „Mißgeburten des «nichtigen Spießertums" sagen: Wir sind entsetzliche Karikaturen. Wir sind keine Menschen mehr, Juden schon lange nicht mehr. Wir sind Grotesken unseres eigenen Seins. Nieder mit uns! Habt Mitleid und laßt uns verschwinden; Es gibt keine Juden hier mehr, keine jüdische Geste, keine jüdische Sprache, keinen jüdischen Humor mehr. Was jüdisch hier in Rußland'ist, das ist häßlich. Wehe über die Fratzen des Schneiders, des Schadchens, des Hausherrn, der Gesellen, wehe über sie alle! Sie sind ein Alptraum. Verschwindet! Und übers Jahr? Uehers Jahr gibt's auch diese Grotes'kc nicht mehr. Im Laboratorium Rußland wird alles seinen Ausgleich finden. Die Entjudung der j üd i s chcn S c cl e i s t vollkommen. — Judensprache ist pathetische Sprache. Dieses goethesebe Wort greift über die sprachliche Grenze auf den ganzen Menschen über. Jüdische Ethik hat Pathos — in der Bibel, im Prophetenwort, bei allen jüdischen Denkern und Philosophon. Pathos heißt starke innere Er-, regung. Granowskys Menschen zeigen Spiel. Sie sind unjüdisch. Das Moskauer Jüdisch-Akademische Theater ist un-, antijüdisch. Willst tfu in schweren Daseinsstunden An Leib und Seele rasch gesunden, Präg' Dir genau das Mittel ein: 's wird ein Likör von Huher sein! Minister Lunatscharski über die Judenfrage in Sowjetrußland. Der gegenwärtig in Wiesbaden, zur.Kur weilende Volkskommissar für Kunst und* Unterricht der Sowjetunion, Anatol Lnnatscharsiki, gewährte "Klein Vertreter des Warschauer „Hajnt" ein Interview. Zur Frage des Antisemitismus in Rußland erklärt Lunatscharski, daß die (in der ausländischen Presse verbreiteten Nachrichten hauptsächlich den Zweck haben, idie Sowjetregierung zu diskreditieren. Es gibt "in Rußland keinen Regierungsantisemitismus. In den Kreisen des Kleinbürgertums, umgebildeter und unwissender Bauern und Arbeiter, mögen wohl Schimpfworte über Juden fallen. Dieser seit Jahrhunderten Im Volke lebende Judenhaß ist ihm von den früheren Regierungen eingepflanzt worden, die Sowjetregierung hat keine Möglichkeit, diesen Zustand zu ändern, sie geht mit den strengsten Mitteln vor, bestraft jede antisemitische Ausschreitung und Beschimpfung und hat eine gewisse Besserung bewirkt. Der noch vorhandene Antisemitismus beschränkt sich hauptsächlich auf die konterrevolutionären Kreise, die sich des Judenhasses bedienen, um sich bei der Masse Gehör m verschaffen. Die Juden haben sich als intelligentes und strebsames Volk schneller dem Tempo der russischen Bewegung angepaßt, Juden bekleiden verantwortungsvolle Stellen in der Regierung; die Reaktion bezeichnet das als eine Eroher u n g R u ß I a n d s d u r c h die J u d e n. Der Kapell-