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Die neue Welt · 1928-09-07 · Heft 51 (7.9.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 51 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sefte 2 DIE NEUE WELT Nr. 51 IOTEL CONTINENTAL WIEN, II.» PRATERSTRASSE 7 (neben Schwedenbrücko 200 Zimmer, modernst eingerichtet Erstklassige Küche Mäßige Preise verfahrene, sondern auch ein mangelhaftes Wahrnehmen der übernommenen Verpflichtung. Mit besonderer Besorgnis erfüllen in Hinblick aui die letzten Jahre die unwidersprochen gebliebenen Aetißerungen führender Staatsmänner auf der Plattform des Völkerbundrates, die den ursprünglich für den Fortbestand der Nationalitäten entscheidenden Sinn der minderheitsrechtlichen Bestimmungen in Zweifel ziehen, beziehungsweise in sein Gegenteil umkehren und nur aus einer vollkommen falschen Einschätzung der Schwere der nationalen Spannungen in Europa erklärt werden können. Die ohne Rücksicht auf Objektivitätsgarantien soeben erfolgende Neubesetzung des Minderheitensekretariats im Völkerbunde läßt in besonders beunruhigendem Mal3e die Befürchtung aufkommen, daß das Sekretariat künftig seiner vorbereitenden Aufgabe nicht gerecht werden kann, wodurch die Autorität des Völkerbundes in Minderheitskreisen gefördert würde. In Erwägung dieser Tatsachen erklärt der vierte europäische Natkxnalrtä'tenkongreß, daß das Vertrauen der 40 Millionen Seelen umfassenden nationalen Minderheiten und mit ihnen aller jener wohl noch zahlreicheren Kreise, die ihre Auffassung über die Aufgabe des Völkerbundes teilen, zum Völkerbunde als dem Garanten der Minderheitsrechte schwer erschüttert ist. Für die Lösung des Mihderheitsproblems ist bisher durch den Völkerbund, dank der angewandten Methoden, n i c h t s E r n s t h a f t'e s getan worden. Die Wahrung der Rechte der nationallen Minderheiten als Voraussetzung.einer Erhaltung des Friedens ist und bleibt die Verpflichtung des Volke rb u n d e s. Wir erwarten, daß er in Zukunft dieser Verpflichtung gerecht werden wird." Bei den Neuwahlen wurde Herr Motzki'-n wieder in die Exeku ti v e entsendet. Der Kongreß ging am 2. September zu Ende. ■ Ein guter Freund ' Der' „Z e n t r a 1 v er e,t;U de u ts c*h'e r S;t ä: a t sb ü r ge r j üdische.n GJ-aubeii<s" bemüht sich schon seit Jahrzehnten,-.-den Deutschen nachzuweisen, daß der Antisemitismus ein Blödsinn ist und die Juden, in Deutsche land vollwertige Germanen sind. Daß die Deutschen bockbeinig bleiben, geniert ihn nicht und' er .arbeitet eifrig weiter. Besonders hoffnungsfreiidig wird der Zentral- , verein, wenn es ihm gelingt, eines deutschen. Mensefoenexemplares ihabhaftig. zu. werden, 'das nicht, Olper Juden schimpft. Dieser Musterdeutsche wird 'dann sorgfältig gehegt und gepflegt und der deutschen Nation als Beispiel vorgesetzt. Ein solcher Mann nach dem Herzen der Zcntraive'reinler. ist der Dichter Walter Bloem, welcher in einem seiner Romane die Juden nicht ungünstig behandelt hat. Zum 60. Geburtstage dieses Mannes brachte das Organ des Zentralvereincs natürlich einen gewaltigen Festartikel. Unter anderem wird darin festgestellt, daß Walter Bloem ein Feind der Antisemiten ist und seiner antisemitischen Burschenschaft Kappe und Band zurückgeschickt hat. und weiters, daß er in den Juden gleich- und vollwertige Mitglieder der deutschen Nation erblickt. Da wurde dem guten Herrn Bloem etwas schwül, das Lob der Juden wurde ihm zu gewaltig. Er schrieb an die Zeitung, daß er wohl ein Freund der Juden ist, aber richtigstellen müsse, daß er noch jetzt Mitglied seiner an t i s e mi t i s einen Burschenschaft ist und es auch fernerhin 'bleiben will. Auch die Ansicht, daß er, Bloem, die Juden als Deutsche ansieht, lehnt er liebenswürdig, aber entschlossen ab. Er sieht in den Juden eben Juden und sagt mit Bezug auf die Behauptungen der Antisemiten: „Auch der Freund des Judentums muß zugeben: es ist ein Körnchen Wahrheit in diesen Vorwürfen. Das Judentum hat es nicht immer verstanden, seinen Hang zur Kritik an den ihm nicht voll begreiflichen und zugänglichen Zügen der deutschen Eigenart in den Grenzen der durch Geschmack und Selbstbescheidung einer winzigen Minderheit gebotenen Grenzen zu ihalten. Es hat die ihm innewohnende Gabe zu geistreicher, witziger, sarkastischer, auflösender Verneinung in nicht eben seltenen Fällen in erbitternder Weise mißbraucht." Er erteilt — immer als guter Freund — den Juden den Rat, möglichst bald und gründlich zu verschwinden. „Ich halte die Assimilation für eine w e 11a e s cihi ch t J i che und menschheitüche Notwendigkeit, für die einzige mögliche Lösung des jüdischen Problems, die Katharsis der jüdischen Tragödie. Was ich persönlich an jüdischen Einzelschicksaleu erlebt habe, bedeutet einen solchen Ozean von Leid und Seeleunot, daß ich, wenn ich seibor Jude wäre, nur den einen Wunsch träumen könnte; diesem Albdruck des Entsetzens zu entrinnen und mich b i s z u r völligen Sei b s tauf g a b e in irgendeine Nation aufzulösen." Die Juden sollen sich also taufen lassen, Mischehen emgenen. kurz alles n n, um nicht mehr da zu sein. Für sich lehnt der deutsch« Herr Bloem natürlich eine solche Handlungsweise ab. Er schreibt: „Niemand kann stolzer aui seine angestammte Nation sein, als i c h es auf die meine bin -- niemand kann es tiefer verliehen als ich, wenn jemand die Zumutung, seine Nation aufgeben zu sollen, sich „umalugamicren" zu lassen, als tödliche Kränkung e m p f i ndeu sollte." Was für ihn tödliche Kränkung bedeutet, rät er seinen iüdaseben Freuwden wärrostens au. Seine liebe m ihnen ist so heiß, daß er sie verschwinden .selten möchte. Wenn die Herren vom Zentralverein keine besseren Freunde und Zeugen für ihr gutes Deutschtum auftreiben können, dann haben sie" Pech. Der Ueberfall auf Dr. Plaschkes Die bedingte Verurteilung des Attentäters Kahn aufgehoben. — Drei Wochen Arrest unbedingt. — Die Strafe rechtskräftig. Wie wir seinerzeit berichtet haben, kam es am 3. Mai dieses Jahres mach der Verhandlung, die der frühere Minister Ottokar Czerniu gegen den verantwortlichen Redakteur der Zeitschrift „Die neue Welt" angestrengt hatte, zu einer aufsehenerregenden Szene. Als der Vertreter des angeklagten Redakteurs, Dr. Leopold Plaschkes, das Gerichtsgebäudc verließ, wurde er von einem ihm Unbekannten attackiert und ins Gesicht geschlagen. Diese Sache hatte ein Nachspiel vor dem Strafbezirksgerioht I, da sich der Angreifer, namens Johann K a h n, wegen leichter Körperverletzung und Ebrenbelcidigung und Doktor Plaschkes wegen einer Ehrenbelcidigung, die er sich seinem Angreifer gegenüber nach dein Ueberfall angeblich zuschulden kommen Heß, zu verantworten hatten. Johann Kahn,, ein arbeitsloser Particfiilirer, bezeichnete sich zuerst als gewesener Offizier, der ..Altösterreichs Ehre" an Doks tor Plaschkes habe rächen wollen. Später ergab es sich, daß er Feldwebel gewesen war. Johann Kahn wurde wegen leichter Körperverletzung im Zusammenhang mit tätlicher Ehrcwbclcidiguug zu ci licm M o n a t A r r e s t, verschärft mit einem Fasttage, b c d;i n g t verurteilt. Von der weiters inkriminierten Ehrenbelcidigung, begangen durch die Worte: „Es ist mir eine Ehre, den Plaschkes zu erschlagen", wurde Kahn freigesprochen. Der Privatanklage des Kahn gegen Dr. Plaschkes blieb ein Erfolg versagt, weil Dr. Pliascbkcs freigesprochen worden ist. Gegen das Urteil, mit welchem Kahn zu einer bedingten Arreststrafe verurteilt wurde, haben der Staatsanwalt und Dr. Plaschkes Berufung eingelegt. Ebenso hat Kahn wegen des Freispruches des Dr. Plaschkes berufen. lassen Sic Ihr Badezimmer oder Ihre Zentralheizung von uns In Stand setzen. Gesellschaft für sanitäre und Heizungs-Anlagen Telephon: \m9$ ü-10-2-50 tfhcru-*i0'-:2-. Uc'.ier .die vorliegenden Berufungen hatte am 30. August ein Senat des Straflandesgerichtes I unter dem Vorsitz des Beirates Dr. Jösef Schanpp zu judizieren. In Vertretung des Dr. Plaschkes erschien Rechtsanwalt Dr. Herbert Schutzmann und führte aus, daß der Angriff des Johann Kahn eine wirkliche Sühne erheische, und diaß die Auwendung der bedingten Verurteilung im vorliegenden Falle l>loß eine Markierung der Strafe bedeute. Es sei für die. gesamte Rechtsanwal tschaft von besonderem Interesse, daß sie gegen Angriffe wegen ihrer Pflichterfüllung von den Gerichten in wirkil i che u Schu tz genommen werde. Eine bedingte Verurteilung mache die Rechtsanwälte, die Ihne verantwortungsvolle Pflicht erfüllen, geradezu v ö g c J f r e i. Weiters bekämpfte Dr. Schutzmann den Freispruch des Kahn von einem Teil der Privtatauiklagc und beantragte, Kahn auch i n dieser Rieht u <n g s c h u 1 d i g z u sprechen und mit Rücksicht auf die schworwiegende Tat von einer bedingten Verurteilung abzusehen. Auch die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Staatsanwalt Doktor Sturm, erklärte, diaß gegen die Einführung von W i 1 d w e s t s i 11 e n entschieden Stellung genommen werden müßte und daß im vorliegenden Falle die Tat nur durch eine unbedingte Verurteilung gesühnt werden könnte. Der Angeklagte, verteidigt durch Dr. Hans Gürtler, versuchte darzutuu, daß eine 'bedingte Verurteilung gerechtfertigt gewesen ist. PELZWAREN GEBRÖDER BRAININ [jnn i„ Bauernmarkt 2a, Tel. U-22-3-59 IUI 11.. Glockengasse 8, Tel. R-45-4-33 Nach längerer Beratung verkündete der Vorsitzende das Urteil, demzufolge den Berufungen der Staatsanwaltschaft und des Pr.ivatanklägers Folge gegeben und Johann Kahn wegen leichter Körperverletzung sowie Uebertretung der Ehrenbeleidigung durch den Zuruf: „Es ist mir eine Ehre, den Plaschkes zu erschlagen", schuldig gesprochen und zu einer Arreststraie in der Dauer von drei Wochen, verschärft durch einen Fasttag i n jeder Woche, u n b cd 1 n g t v e r u r t e i 11 w u r d e. Kahn wird sohin auf Grund dieses rechtskräftigen Urteilcs nunmehr seine Strafe abbüßen müssen. In der anschließend stattgefundenen Berufungsverhaudlu ng wegen des Freisprach es des Herrn Doktor Plaschkes kam das Berufungsgerlcfbt zur Ueberzeiiguug, daß der Freisprach des Dr. Plaschkes begründet gewesen ist und bestätigte die erstinstanzliche freisprechende Entscheidung. Brief aus Palästina. Der neue Naziw. —- Das neue Budget. — Der neue Hadassahdirektor. — Der Zwischenfall. Von Dr. Fritz Loewenstein. Mit der Ernennung des neuen Oberkommissärs gebt es uns wie mit der Ernennung des vorigen: Wir wissen nichts von ihm. Was uns die allgemeine Presse über ihn berichtet, zeigt, daß Sir John Robert Chancellor ein angesehener britischer Verwaltungsmann ist, der in den letzten Jahren den Posten eines Gouverneurs von Südrhodesien bekleidete. Aber wir entnehmen daraus nicht, ob dieser dritte Naziw eine Stellung zu unserem' Aufbauwerk hat, ob er selbst mit bestimmten Vorstellungen nach Palästina geht oder ob er nur ein Fortsetzer der Piumerschen Politik sein wird. Vergleicht man Samuels und Plumers Zeiten, so ist das wesentliche Charakteristikum, daß es zu Plumers Zeiten sehr viel geklärter und ruhiger zuging, als zu Samuels. Im Anfange war alles unklar: Niemand wußte, wie der Aufbau des Nationalheims vor sich gehen würde, welche Rolle die Mandatsregierung sich dabei vorbehalten und wie die Stellung der Araber sein würde. Nach jahrelangem Hasten hat dann das Cluü-chillsch'c Weißbuch Klarheit geschaffen, und seitdem hat der palästinensische Oberkommissar' fast ctjjne Abweichungen eine bestimmte Linie verfolgt, . che durch n e u t r a 1 e S y m p a t h i e gegenüber dem Aufbauwerk etwa gekennzeichnet werden kann. Es kann wohl ernsthaft keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn es zionistischer Bemühung nicht gelingen sollte, in London eine grundsätzliche Äenderung im Standpunkt der Mandatsregierung herbeizuführen, das Weißbuch auch in Zukunft die Grundlage der englischen Palästinapolitik bilden wird und daß demgemäß der neue Oberkommissar, zwar in Details sich günstiger oder ungünstiger stellen kann als Plumer, daß aber in-den großen Grundzügen wesentliche Aenderungen nicht zu erwarten sind. Die Richtlinien des Weißbuches sind leider klar genug und geben dem ausführenden Organ, dem Oberkommissar, keine Möglichkeiten zu wesentlicher Äenderung des eingeschlagenen Kurses. In Palästina vermutet man, daß die Ernennung eines Mannes, der in Südrhodesien nicht nur administrativ, sondern auch kolonisatorisch tätig war, doch vielleicht bedeute, daß auch in Palästina jetzt nach Ansicht der Mandatsi egierung die Zeit gekonfmen sei, wo die kolonisatorischen Aufgaben, die bisher ausschließlich Sache der Zionistischen Organisation waren, nun auch von der Regierung in den Umkreis ihrer Tätigkeit einbezogen werden würde. Richtig ist in der Tat, daß Chancellor der erste palästinensische Oberkommissar sein wird, der kolonisatorische Erfahrungen hat, die Samuel und Plumer völlig abgingen. In Südrhodesien wird, viel kolonisiert und die Regierung unterstützt dort die weißen Ansiedler in aktivster . Weise durch Hergabe von Bode u, Krediten und Anleitung. Ob Chancellor beabsichtigt, diese seine Erfahrungen auch Palästina zugute kommen zu lassen, ist eine offene Frage. Man sollte freilSchi erwarten, daß der Schutz des zionistischen Kolonisationsweikes durch die erste Kolonialmacht der Welt sich gerade in der Form der Hilfe bei der Durchführung dieser kolonisatorischen Aufgaben bemerkbar machen sollte. Im eintönigen Ablauf des zionistischen Jahres sind wir nun in das Stadium getreten, wo in Palästina die Unzufriedenheit über das Budget zum Ausdruck zu kommen pflegt. Diesmal freilich weist die übliche Erscheinung bemerkenswerte Abweichungen auf. Sonst pflegte es sich darum zu handeln, daß man mit dem vom Kongreß oder Aktionskomitee, beschlossenen Budget nicht zufrieden war und von der Exekutive verlangte, daß sie Mittel und Wege finde, um den Bedürfnissen Palästinas Rechnung zu tragenf In diesem Jahre haben wir das Novum, daß die Exekutive sich durch das vom Aktionskomitee beschlossene Budget nicht gebunden fühlt. Wie erinnerlich, hat das Aktionskomitee das von der Exekutive vorgeschlagene Budget um Pf. 40.000 erhöht. Das Aktionskomitee hat es

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