Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 50 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DIE NEUE WELT 90 IHM AP X E RGASSE 30-32 Telephon : 9 0- 5-6 7 und 93-9-38 VI.MARIAHI LFE RSTR.49 , -Te t 'e .p h o n : 112 1 Verl a n q e rt Sie Prospek te' vorgetragenen Atomisierung der jüdischen Gesellschaft. Ohne Zweifel verstanden sie gewisse Unklarheiten des Wahlrechtes, eine sehr eigenartige Haltung der politischen Aufsichtsbehörden sowie ihre von alters her geübten Wahlpraktiken für die Entscheidung ihrer Erfolge zu mißbrauchen. Dies allein hätte jedoch in einem Orte wie St an isla», der seit Beginn der zionistischen Bewegung der beste zionistische Platz in Galizien war, nicht genügt, um die bereits in den letzten Wahlen auf Grund des veralterten Wahlrechtes bestandene zionistische Majorität in eine Minderheit herunterzudrücken. Wie schwach mußten die nationalen Elemente in Kolomea sein, wenn sie unter Protest gegen die Nichtzulassung von Zionisten in die Wahlkommission überhaupt den Wahlen fernblieben. Will man für die Zukunft lernen, will man sich nicht selbst täuschen, muß man die entscheidenden U rs a c he n offen und klar bloßlegen. Das System und die Methoden der zionistischen Leitung in Galizien seit dem Entstehen des neuen Polen, insbesondere seit dem Ableben des Dr. Gerschon Z i p p e r, haben die jetzt an den Tag getretenen Tatsachen-verursacht. Die zionistischen Erfolge in der Welt, politische Ereignisse und die Lage des Judentums im neuen Polen verursachten insbesondere bei Parlaments- und Gemeindewahlen, nicht zuletzt unter dem Druck der Gefahr eines Verlustes einer jeden jüdischen Vertretung, zufolge des eigenartigen Wahlrechtes einen Zulauf der für die Zionisten abgegebenen Stimmen und ein Verschwinden der assimilatorischen Vertreter. Anstatt jedoch die zionistischen Ideale hochzuhalten, beim Programm auszuharren, beides in die Massen zu tragen, zu vertiefen und sie organisatorisch zu erfassen, ließ man sich von den Erfolgen berauschen. Man 'hielt die eigenen Reihen nicht unter genügender Kontrolle, man schaute sich die neuen Menschen nicht an, man verstand sie auch nicht, von den Ortsleitungen fernzuhalten. Man hätte besser sehen sollen; dann wäre es klar gewesen, daß es sehr oft Konjunkturmenschen waren. Es waren frühere Assimilanten, Mitglieder der Cliquen, Moszkos, die da dachten, daß sie nunmehr unter nationaler Flagge ihre Geschäfte besser besorgen können. Hingegen schrumpfte die oberste zionistische Leitung im Lande zu einer kleinen, sich gegenseitig fördernden Gesellschaft zusammen. Alte, in allen Lagen bewährte Führer und Mitkämpfer fanden keinen Platz, wenn sie nicht zu allem vom Präsidenten Gewünschten, im vorhinein ja und amen sagten, wenn man ihrer nicht „sicher" war. Hingegen bediente man sich gegen diese Zionisten oft und nicht ungern der Mitläufer. # Charakteristisch für die ganze Entwicklung ist der jetzige Wahlkampf in Lemberg, der Hauptstadt des Landes. (In Krakau, der zweitgrößten Judengemeindq, finden die Wahlen erst später statt.) Man ließ sich gefallen, daß ein bis dahin in der jüdischen Politik unbekannter Mann, ein gewisser geachteter Universitätsprofessor, ein sehr gut beschäftigter Rechtsanwalt, der auch einst im Cheder hebräisch lernte, Dr. Maurycy Allerh and, hinter dem aber niemand stand, der zu nichts verpflichtet und für nichts verantwortlich war, zum Regiei^ngskommissär der Kultusgemeinde ernannt wurde. Wenn er hie und da gegen die Wünsche der Zionisten keine Stellung nahm und für den Keren Ha: jessod etwas übrig hatte, kargte man nicht mit Lob. Man brachte es zustande, daß ein Ignazy Jäger, ein im Kriege reich gewordener Buchdrucker, der bereits vor Jahren volkistische Organisationen in Galizien zu schaffen suchte, Prylucki nach Lemberg brachte, diesem eine Volksversammlung veranstaltete, in ihr Zionisten verprügeln ließ, zur Bedeutung im Judentum Lembergs gelangte. Man verhinderte es nicht, daß Jäger Obmann des jüdischen kaufmännischen Vereines wurde und man dürfte ihm auch Hoffnungen auf ein Abgeordnetenmandat gemacht haben. Als diese nicht erfüllt werden konnten, glaubte Jäger bereits flügge zu* sein. Bei den jetzigen Kultuswahlen hob er Dr. Allerhand aufs Schild und schmiedete einen sogenannten Wirtschaftsbio ck, dem der kauf männische Verein, die Organisation der Handwerker „Jad Charuzim" und der Verband der Kleinhändler, die Fleischhauer, die Kutscher, vor allem aber die Assimilanten angehören, Dem von Dr. Reich geführten nationalen Block gehören an die allgemeinen Zionisten, der M i s r a c h i, die nationalen Elemente der Kaufmannschaft, der Handwerker, der Kleinhändler und der Privatbeamten. Die Hitachdut hat, gestützt auf die Organisation der Privatbeamten, der Invaliden und gewisse Handwerker, eine eigene Liste eingebracht, jedoch mit dem nationalen Block gekuppelt. Die rechten und die l i n k e n P o a l e - Z i o n sowie der Bund haben keine eigenen Listen aufgestellt. Diesen kommt jedoch keine tiesondere Bedeutung zu. Die Aguda bemüht sich, einen religiösen Block zu schaffen. Die Wahl findet am 0. September statt. Der Wahl« kämpf ist ein sehr heftiger; von Jäger gedungene Leute sprengten sogar gewaltsam eine zionistische Versammlung. Bezeichnend für die ganze Situation ist, daß Doktor Reich in einem Artikel hervorhebt, daß er ja immer für die Erweiterung der Jewish-Agency eingetreten ist und daß er jetzt zu einem Kampfe gegen die in die Agency eintretenden Elemente genötigt sei. * Der jüdische Religionsunterricht in den staatlichen Schulen. Das Ministerium für Kultus und Unterricht veröffentlicht ein genaues Programm des Ret ligions Unterrichtes an den allg. staatlichen Schulen. Das Programm umfaßt sieben Schuljahre im Einklänge mit der beabsichtigten Reform des allgemeinen Schulwesens. Das Ministerium zog die Forderungen der jüdischen Kreise in Betracht und berücksichtigte teiweise das Programm des hebräischen und jüdischen Geschichtsunterrichtes nebst den religiösen Vorschriften und den Gebeten. Das erste Jahr umfaßt ausschließlich den Unterricht der religiösen Grundsätze und die jüdische Gechichte bis zum Auszug aus Aegypten sowie einige Gebete. Im zweiten Jahre sollen erfaßt werden das Zeitalter Moses sowie eine Reihe von Gebeten und die Lehre von den jüdischen Feiertagen. Im dritten Jahre sollen die Schüler bekannt werden mit der jüdischen Geschichte von Josua bis zur Teilung des jüdischen Reiches nach dem Tode Salomons sowie mit den religiösen Bräuchen und Vorschriften. Das vierte Jahr umfaßt den Geschichtsabschnitt bis zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem sowie die nationalen Feiertage, Chanuka, Purim und Fasttage. Im fünften Jahre sollen die Schüler mit der jüdischen Geschichte bis zur zweiten Zerstörung des Tempels in Jerusalem, mit den Tefillim, Bar-Mizwa u.. s. w. bekannt werden- Das sechste Jahr umfaßt die Geschichte von Isaak Abarbanel bei eingehender Berücksichtigung solcher Gestalten wie Jehuda, Halewy, Rambam, Geschehnisse wie Wogest bevorstehender Ueberstadlung verkaufe um jeden Preis alle Arten Reisekoffer, neu patentierte Auto« und Coupe-Schrankkoffer Reiserequisiten u. Lederwaren neuester Modelle Erfinder und Erzeuger der patentiert. Luftsdiifl-, Touristen-, Auto- und Coupö-Schrahkkofier die Inquisition sowie das. Marannentum. An Stelle der Gebete und der religiösen Vorschriften sollen die Schüler mit gewissen Abschnitten der Bibel bekannt gemacht werden. Im siebenten Schuljahre beginnt der Geschichtsunterricht vom XVI. Jahrhundert bis zur gegenwärtigen Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der Schicksale der Juden in Polen und der Teilnahme der Juden an den polnischen Aufständen. Von den geschichtlichen Gestalten sollen die Schüler kennenlernen die Persönlichkeit des Sabbataj Zwi, des Baalschem-Tow, des Wilnaer Gaons, Moses Mendelsohn, Pinsker, Herzl, Achad Haam; aus der hebräischen Literatur Mapu, Smolenskin, Bialik, Mendele, Perez. Von den geschichtlichen Problemen umfaßt das Programm die Haskala, die russischen Pogrome; nebst dem ist vorgesehen der Bibelunterricht und Pirkej-Abot. Vom zweiten Schuljahre an soll der Unterricht der hebräischen Sprache eingeführt werden, da das Ministerium eingesehen hat, daß ohne Beherrschung der hebräischen Sprache der Jugend nicht möglich sein wird, mit dem Original der Bibel und der Gebete bekannt zu werden. So stellt sich in großen Umrissen das Programm des jüdischen Religionsunterrichtes an den allgemeinen staatlichen Schulen dar. Die Realisierung dieses Programms •hängt in bedeutendem Maße von den Lehrkräften und von der Zahl der für den Religionsunterricht zur Verfügung stehenden Stunden ab. Insofern es auf die Lehrkräfte ankommt, hat leider das polnische Schulwesen keine besonders günstige Tradition. Bis vor kurzem und teilweise auch noch jetzt wurden zu jüdischen Religionslehrern Personen ernannt, die nicht die nötigen Qualifikationen aufweisen konnten. Weder die hebräische noch die jüdische Sprache ist ihnen geläufig. Es wird Sache der judischen Gemeinden und der jüdischen parlamentarischen Vertretung sein, für die Anstellung geeigneter Lehrkräfte und' für die Bestimmung einer genügenden Stundenzahl zu sorgen. wird sofort aufgenommen. "Verlangt wird auch Unterricht in hebräischer Sprache und Klavier. Zuschriften unter .K4 an die Ad« ministratfon dieses Blattes. Die Lage der Juden in Rumänien Die jüdischen Studenten klagen an. Jüdische Studenten aus Rumänien haben an <Ho» Führer der LlUiderdelegationen zum X. Internationalen; S t ud e n te nk ong r e ß in Paris ein Schreiben gerichtet, in welchem unter anderem ausgeführt wird: In Burer Mitte sitzen Delegierte einer Organisation, die seit langer Zeit ein Instrument der Politik der rumänischen Regierung gegen die nationalen Minderheiten ist. Seit sechs Jahren wirkt diese Organisation in aiHen rumänischen Universitäten gegen jeden Geist der Zivilisation. Sie tot es so weit (gebracht, daß heute an den Universitäten Rumäniens e i n N«inerm s nullius g egen du'ie jüdi. seihen Studenten herrsoht. Sie unterstützte und ■unterstützt noch heute brutale Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung des Landes; in UelKreinstimmung mit rumänischen Autoritäten hat sie d*e Stimmung geschaffen für die Pogrome in Großwardein, Kilausenburg, Torgi-Ocna, Ja'ssy usw. Auch Morde hat sie auf dem GeGwdsseu, -m erwähnen ist der FaH des jüdischen Studenten Faük, der von einem Pogrom-Studenten #m Gerichts sa al niedergeknallt wurde; der Mörder wurde dann, von einem rumänischen Gericht freigesprochen. Die Organisation, die auf Eurem Kongresse repräsentiert 'ist, betreibt die Politik ihrer Regierung, derselben Regier« ng, die die jüdischen Studenten Zuck er mann und Cahane zu acht, beziehungsweise stehen Jahren Kerkers verurteilen ließ, weil sie es wagten, sich den Pogromausschreitungen an den Universitäten entgegenzustellen. Es ist uns bekannt, und wir können es beweisen, daß einer der Haup tdeiegierten der rumänischen Studentenschaft auf diesem Kongreß den Versuch unternommen hat, in der Versanam- Jung des Verbandes romanischer Studenten in Paris antisemitsche Ausschreitungen gegen die jüdischen Kollegen zu provozieren, wobei er aber von der großen Mehrheit der Versammlung desavouiert worden ist. Der Chef der rumänischen Delegation hat vor der Abreise nach Paris mit einem als Antisemiten bekannten Minister eine Konferenz abgehalten und von ihm Direktiven 'bezüglich seiner Stellungnahme auf dem Kongreß erhallten. Die rumänische Studentendelegation auf dem Kongreß repräsentiert keinesfalls die gesamte rumänische ' Studentenschaft, sie ist nur ein Instrument der r u«m änisebe-n Oligarchie. Wir sind der Meinung, daß die Abordnung einer solchen Organisation nie dem Geiste der internationalen Verständigung, von dem die iuternationiale Studentenschaft beseelt ist, dienen könne. Wir gehen der Hoffnung Raum, daß der Kongreß, treu dem^^-Ziek der. mensoMicheu* Sofö-%' darität, die rumänische Delegation aus dem Kongreß ausschließen wird. War bitten Euch (ferner, gegen die Verurteilung unserer Kollegen Zuckermann und Gattnau« seitens des. Gerichtes in Bukarest Protest zu erheben. Protestiert auch gegen die Martern, die ihnen in den Gefängnissen von Doftana auferlegt werden und die jeder menschlichen Würde spotten. Von der Jerusalemer Universität Das Judaistische Institut. Die sechste Sitzung des V'erwaittuugsrates des Judaistasche Instituts an der hebräischen Universität in Jerusalem fand am 21. und 22. August 'in Basel statt. Es waren anwesend die Herren: Oberrabbiner Dr. J. H. Hertz (London), der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Rektor Dr. A. B ü c h I e r (London), Dr. Martin Bube r, Dr. H. Bai ab an (Warschau),, Dr. S. Daiches (London), Professor Dr. Elhogen (Berlin), Professor Dr. J. Epstein (Jerusalem), Professor Dr. Louis Gäuziberg (New York), Professor Dr. J. Husik (Phitoddphda), Professor Dr. Klausner (Jerusalem), Oberra'bbiner Dr. I. L6vi (Paris), Dr. M. Li her (Paris), E. Manuel (Paris), Professor Dr. Feiioc Perles (Königsberg), Professor Dr. M. Schorr (Warschau), David Je II Hin (Jerusalem), Professor Dr. S. Zeit!in (Philadelphia) wnd De, L. K o h n, Sekretär des Verwiadtungsrates. Der Verwaltungsrat beriet über die Vorschläge des Lehrkörpers, 'betreffend die Einführung von UniveT* s i t ä t s k u r s e n im Anschluß an das Forschungsinstitut. Es wurde 'beschlossen, daß im Sinne der prinzipielle«. Beschlüsse der letzten in London abgehaltenen Sitzungen de» Verwaltuugsrates und des Kuratoriums die Einführung akademischer Lehrkurse in den am Judadstisohen Institut vertretenen Fächer erfolgen soll, scbald die 'betreffenden Fächer am Institut besetzt sind. Demgemäß werden Uraversitätskurse für mittelalterliche und moderne hebräische> Literaturgesdhäcih+e sofort eingeführt, während die Kurse im talmudisöheu Fach von der Besetzung des 'Lehrstuhls für Haiacfhalh, in der Palästinakunde vom Amtsantritt des Ihiefür ernannten Professors abhängig gemacht werden. Ebenso soll die Einführung von Universitätskursien für Religdons-Philosophie und Kabbala erst nach der Ernennung eines Professors f&r Philosophie an dem Institut erfolgen. Im Anschluß an diese Resolution wurde die Benennung neuer 'Dozenten für das Fach der Haiachah und;,der jüdischen Geschichte beschlossen. Es wurde ferner ein« Kommission, bestehend aus den Herren Professor Schone, Dr. Büchler, Professor Dr. Gänzherg, Professor Dr, Margots und Professor Perles, ernannt, die die Frage des Ausfeaus und der Besetzung der Avi>t<e44u.<ii«g iwrr