Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 49 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Dffi NEUE WELT Nr. 49 I macher; seine Ware flog in den Rinnstein, Nun -hatte man Bfart gerochen: ein Jude wurde vom Autobus himmtergeschleppt, ei" anderer im Theater mißhandelt. Am schlimmsten erging es aber den jüdischen Fuhrleuten und schließlich -na'hm man sich die eigenen jüdischen Kameraden vor. Jetzt gab es überhaupt kein Halten mehr. Die jungen Rowdys bedrohten ihre eigenen Vorgesetzten; sie zerstörten den ArfbciterMub, versuchten die Bahn wache zu entwaffnen und den Agenten der G. P. U. die Flinten zu entreißen. Schließlich mußte berittene Polizei mobilisiert werden. Einige der Rowdys wurden verhaftet, die anderen begaben sich heim und setzten unterwegs die Judenmißhand'lungen fort. Die Parteiorganisation von Mobile w rea« gierte aber in keiner Weise auf dieses unerhörte Treiben der Parteimitglieder. Ais jedoch das örtliche Parteiblatt aufgefordert wurde, darüber zu schreiben, sträubte sich der Redakteur mit Händen und Füßen dagegen: „Das wäre ja, die reine Konterrevolution", meinte er. Für die Verhafteten wurde aber eine 'besondere „Mopr" (Rote Hilfe) in den Kasernen ins Leiben gerufen; man s a mm el t c f ür -s i e Geld und das Gericht erwies sich letzten Endes äußerst milde: das Urteil -lautete wegen einfachen Rowdytmus auf je sechs Monate Gefängnis. Ja noch' mehr. Die Teilnehmer an den Judenm«ßhandlungen und selbst die z« d en Gef ängni ss t r af en Verurteilten durften weiter Mit;g Ii ed er der komimunistdschen.Ju.gend und der Partei bleiben. Die parteilosen Arbeiter waren dagegen über die Vorgänge im höchsten Maße empört. Sie forderten, daß die Antisemiten entlassen werden. Es ist eine Schmach für uns parteilose Arbeiter, erklärten sie, Seit 1905 haben wir nichts Aehnlicflies erlebt. Ein Feldzug gegen die jüdischen Kolonisten. N. Dolgi, Mitglied der kommunistischen Exekutive des Distrikts KrJwojrog in'der Ukraine, richtet in der , Presse, schwere Angriffe gegen einen Teil der jüdischen Kolonisten im Distrikt Kriwojrog, denen er vorwirft, daß sie sich gedungener Arbeiter bedienen, denen sie 40 Kopeken Tageslohn zahlen, während sie selbst sich dem Handel mit den Nachbarstädten widmen. Die jüdische kommunistische Zeitung „Der Stern" in Charkow fordert eine strenge amtliche Ueberprüfung der Angaben Dolgis und schreibt, daß wenn »sich seine Anklagen als begründet erweisen sollten, die schuldigen Kolonisten ihres Bodens verlustig gehen werden. Eine Versammlung gegen Antisemitismus. Aus Moskau meldet die J. T. A.: Eine Gruppe von Studenten des Industriellen PöliteohnMcums m Poltav.a (Ukraine), berief eine Versammlung ein, in der Maßnahmen zur Bekämpfung' des ah der Hochschule überhandnehmenden Antisemitismus erwogen 4werden sollten! Die antisemitische Studentenschaft fand sich in großer Zalhä in der Versammlung ein und als die Rädelsführer des Antisemitismus das Wort ergriffen, wurde ihnen von Ihrer Anhängerschaft stark applaudiert. Die Arrangeure der Versammlung konnten gegen die : antisemitische Mehrheit der Teilnehmer nicht aufkommen, so -ging die Versamm-? hing, ohne,daß ein Beschluß gefaßt /wurde, auseinander. Der Weltkongreß der Studenten. Die Engländer gegen die Rumänen. — Die Judenfrage. Sieg der antisemitischen Rumänen. , Wie schon berichtet, ist in Paris der internationale Studentenkongreß zusammengetreten. Gleich in der ersten Sitzung kam es zu einer indirekten Erörterung der Jüdischen Frage, indem die englische Delegation gegen die Zulassung der Rumänen Einspruch erhob. Es kam zu einer erregten Auseinandersetzung, die sich in die Kommission fortpflanzte. Schließlich aber winkte die Drohung der Rumänen, den Weltverband zu verlassen, und es wurde beschlossen, eine, Erörterung der „nationalen Fragen*' zu unterlassen. Es werden uns die folgenden Einzelheiten berichtet: - ' Während der Kongreß die Anerkennung der Delegierten-Mandate behandelte, erhob sich beim Aufruf der Namen der rumänischen'Delegierten der F-Ohr er der englischen Delegation und1 gab die (folgende Erklärung ab: , „Ich schlage vor, daß die rumänische Delegation Im Hinblick auf das schlechte Benehmen der rumänischen Studenten gegen Studenten anderer Nationalität in Rumänien von der Teilnahrae an diesem Kongreß ausgeschlossen werde. Unser Internationaler Kongreß trägt den Charakter von Einigkeit und Vereinigung der Studentenschaft aller Länder. Für Verfechter des nasses und der Verhetzung ist hier kein Paltz," Diese Erklärung erregte ungeheures Aufseh e n. Auf den Bänken der rumänischen Delegierten herrschte große Aufregung. Der Führer der rumänischen Delegation Romanescu erhob sich und erklärte mit bebender Stimme: Ich protestiere gegen, die Bern enkungen des englischen Delegierten. Dieser Kongreß hat nur über Fragen zu entscheiden, die auf die Studentenverbände verschiedener Länder Bezug haben. Innere Fragen des einzelnen Landes gehen den Kongreß nieh t s an. Wllr wollen .es keinem erlauben, sich -in die Politik unseres Landes einzumischen. Ich bitte, diese' Frage von der Tagesordnung abzusetzen!** Der tschechoslowakische Delegiert« stimmte diesem Antrag zn. Der Kongreß beschloß, die rumänische Frage und die Frage der inneren Studentenverhältnisse in anderen Ländern der ersten Ko m m i s s i o n zur Behandlung und Berichterstattung an den Kongreß zuzuweisen. In der Kommission selbst ergriff der Führer der englischen Delegation noch einmal das Wort und führte aus: Die Frage des Verhaltens der rumänischen Studenten gegenüber ihren Kollegen anderer Nationalität ist keine innere rumänische, sondern eine allgemein menschliche Frage. Der internationale Studentenverband umfaßt die denkende und schaffende Jugend. In der Wissenschaft darf es keine Feindschaften und Beschränkungen geben. Ich schlage darum vor, daß sich die Kontmission mit den inneren Studentenfragen in Rumänien befassen soll. Darauf gab der rumänische Delegierte Romanescu eine Erklärung ab, die in der Drohung gipfelte, daß im Falle der Behandlung innerer^ Fragen die „alten" Studentenverbände aus dem Weltverbände austreten werden. Der Vorsitzeride, der Italiener Maltin 1, unterbrach den Rumänen mit der Bemerkung: „Sie können nur im eigenen Namen reden. Wenn Sie wollen, treten Sie aus dem V-efband aus, w i r A11 e n werden bleibe n." Schließlich wurde der Vorschlag des französischen Delegierten angenommen, daß der Kongreß sich zwar mit internationalen Interessen der Akademiker befassen, aber die nationalen Fragen tinerörtert lassen solle. Romanescu rief triumphierend: Der Programmpun-kt Ist also von der Tagesordnung abgesetzt! Der Vorsitzende Maltini bemerkte: Hier hat aber noch das Plenum des Kongresses ein Wort mitzureden. Ludendorffs Aengste. In seiner „Deutschen Wochenschau" kommt General Ludendorff noch einmal auf die Legende zurück, daß ein in "Mnrienbad abgehaltener Judenlcongreß seinen Tod beschlossen'hat. Er nennt sich den ,yg r o ß e n E n t Ii ü 11 e r", flössen' Aufklärungsarbeit' sich nicht nur auf das deutsche Vol'k beschrä'mkt, sondern auch auf alle Völker der Erde erstreckt und zur Entfesselung des Kampfes gegen die „überstaatlichen Mächte" geführt hat. In den dunklen, roten und schwärzen Logen, schreibt Ludendorff, fanden sich die Völker- und Menschemverderber und berieten angsterfüllt die Abwehr. Sie verloren so sehr die „Vorsicht", daß sie, ganz ebenso wie sie einst dem Zaren das Mordurteil bekannt gaben: Er und seine Familie müssen „beseitigt" wrden, weil die weiße Armee heranrückte. ' Nun haben sie ' in Marien-bad am 19. Juni 1928 (Quersumme 19+6+10-1-10=3X15) beschlossen, mich ■ mit allen Mitteln zu „beseitigen", weil ich die Aufklärungsarmee der Völker führe, die ihrem schwarzen Treiben als weiße Armee entgegentritt." Wetters berichtet Ludendorff in seiner Zeitung, jüdische Geschäftsleute hätten „z y n 1 s c h g e ä u ß e r t", daß die Etsenbahnunfälle dem Flugverkehr der sich in Deutschland so schwer einbürgere, und der Autoniobil- Industrie sehr förderlich' seien. „Sollten vielleicht," so heißt es weiter in Fettdruck, „die gehäuften Unfälle gar nicht so ganz ohne die sanfte Beihilfe solcher Geschäftsinteressen ,zu erklären sein? W'ärc es nicht ganz interessant zu wissen, wer die Notbremse bei dem letzten Eisenbahnunglück zog?" , In einem zweiten Artikel setzt dann der General auseinander, die deutschen Eisenbahnen seien nu r noch Eigentum der Juden und hätten daher erst für erhöhte Tarife, also für Proletarisierung des. Volkes und zweitens für erhöhte L e b e n s g e f ä h r d u n g der Deutschen zu sorgen, von d e n e n 2 0 Millionen zu viel seien. Daß die Bahn jüdisch sei, ergäbe sich schon aus den Farben, au« den Schlaigbäumen, die „die roten und weißen Blüten des jüdisohen Akazienzweiges des Stabes Moses, des jüdischen Welteopters, wiedergäben." Ein französischer Erfinder. Während Ludendorff behauptet, daß England und Frankreich im Weltkrieg nur die ausführenden Organe einet „jüdischen vVeltoberleitung", die die Vernichtung Deutschlands beschlossen hatte, gewesen seien, schreibt 4er französische Antisemit Roger Lambelin in einem soeben erschienenen Buche „Les victoires d'Israel" folgendes: „Die größte Mehrzahl, wenn nicht die G e $ a (tn theit der Juden ergriff während des Krieges Partei für die Mittelmächte und fühlte sich mit Deutschland solidarisch... Ueberhaupt kann man feststellen, daß die Juden eine starke Verehrung für Deutschland an den Tag legen, obwohl sie in Deutschland oft schlechter behandelt wurden als Irgendwo anders. Sie haben während des Krieges, besonders in Amerika, J Italien und auf dem Balkan allgemein für Deutschland! Partei ergriffen, und auf ihren Einfluß ist es zurückzuführen, wenn in den VersaiHer Friedensvertrag gewisse ifür Deutschland günstige Bedingungen aufgenommen wurden und wenn die späteren Verträge den Friedensvertrag mildern." Der Weltverband der jüdischen Jugend. Das neue Zentralkomitee. Der zweite Kongreß des Weltverbandes der indischen Jugend hat seine Beratungen in Paris beendet Nach eingehender Diskussion über das Programm des Weltverbandes wurden die von Dr. Paeif ici verfaßten Leitsätze gebilligt. In diesen Leitsätzen werden als Ziele des Weltverbandes die „Zusammensetzung und Erziehung der jüdischen Jugend auf der Basis der Einheit des Judentums und der Renaissance des jüdischen Volikes, deren Krönung in der Wäede r auf ri cht u n «-Palästinas besteht", angegeben. In einer besonderen Klausel wird den Mitgliedern des Wel'tverbandes, wo sie mit den Leitsätzen nicht buchstäblich übereinstimmen, Gewissensfireiheit zuerkannt. Das in der .»letzten Sitzung gewählte neue Zentralkomitee setzt sich aus folgenden Personen zusammen: Präsident ist Aime Pa liiere; Pariser Mitglieder sind: M. Adolph, A. Bäkouche, Andre Bauer, Joe Golde n b e r g, N. H a 1 p e r n, K r i n s ik y, Jacques M a t a- 1 o n, Charles N eh am a, Mme. Yvbnne Netter, Mlle. Maxa Nord au, Schwöb, S. Steinberg, Rabbiner Stourdze, Alfred' Valen-si, Hillel Z1 a t o p ol sky. Ferner gehören dem Zentralkomitee an: David Yellin und Bourstein (Palästina), Dr. Alp. Pacifici (Italien), Rabbiner Artur Weiill (Basel), ferner Jean Schrameck (Straßburg), M. Geliber (Kanada), M. Kagan (Casablanca), Dr. A Pariente* M. Piha (Alexandrien). Der Kongreß hat mit Bezug auf den iK^ren-Kaijemeth die folgende Resolution gefaßt: Die jüdische Jugend wird aufgefordert, an dem Werke des Wiederaufbaues Erez Israels als einem wesentlichen Fa'ktor der jüdischen Renaissance mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften und Mitteln moralisch und materiell mitzutun und besonders den Keren Kajeaneth' 1'Jisrael zu unterstützen. Der Kongreß hat beschlossen, eine Kolonie „Kiar Hanoar" (Dorf der Jugend) in Palästina zu begründen. Das Zentralkomitee wairde beaulftragt; sich diesbezüglich mit den maßgebenden Palästina-Stellen in Verlbindung zu setzen. Präsident Palliere hielt eine Schlußansprache, die in einem TfcuegelÖb'nSs an das Judentum aüsMang. ' Dieses Gelöbnis wiederholte er in hebräischer Sprache. Die Versammlung hörte die Erklärung stehend an und rief zum Schlüsse, die Hände erhoben: „Naasse wenischma!" Hierauf wurde die „Hatükvah" gesungen. Wie der Hofrat Geringer einen jüdischen Invaliden behandelt. „Das ist eine jüdische Frechheit!" Ein Kriegsbeschädigter, der an den Folgen eines SäbelsKohes in den Bauch mit einer Magen- und Darmverietzung, die esur operativen Entfernung elines sechsunddreißig Zentimeter langen Darmstückes geführt hatte, leidet, kam, wie die „Arb.-<Ziig." berichtet, am 18. Juli zu einer Sohiedskamimisstion'Sverbandiliun.g und sollte von den Sachverständigen untersucht werden. Ehe er aufgerufen wurde, wurde ihm, wie öfter, infolge seines Leidens übel, und er ersuchte einen Kairrieraden, falls er aufgerufen würde, au melden, daß er sofort erscheinen werde, sobald er erbrohen halbe. Bei seiner iRiüökJkehr war or bereits -aufgerufen worden und -trat deshalb in das Uintersiuohunigisiziimmer ein. Der Sachverständige, Hofrat Dr. Geringer, schrie ahn sofort an* „Was hatschen Sie so langsam?" Als der Invalide ihm sagte, er 'könnenwegen der Schmerzen nicht schneiller gäben, zieh er ihn der Lüge und meinte, er habe keine so großen Schmenzen und könne gewiß schneller gehe«. Aul die berechtigte Einwendung, daß der Arzt ohne vorhergehende Untersuchung doch nicht feststellen könne, ob seine Angabe über Schmerzen glaubwürdig sei, sagte der Arat: „Das ist eine jüdische Frechheit!" Dann wies der Herr den Man« an, sich ausizuiziehen, vor der Untersuchung aber sagt© er noch: „Sind Sie efin Polnische r? Hätten Sie auch in Polen solche Geschichten mit Ihrer dreckigen Invalidität gemacht, wie Sie es hier machen?" Als der tovalliide einen Spitalizettetf vorwies, aus dem hervorgeht, daß e-r von Heirat Dr. Schalt zier xm gegen -Revers entlassen wwrde, (konnte er von Hofrat Geringer erfahren, daß Professor Schmitalens Kenntnisse hinter seinen (GeringeTs) Fachkenntnissen aurücksbünden. Auf die Frage des Invaliden, warum der Arzt ihn so behandle, er- . hielt er die Antwort: „Warum machen Sie lauter so jüdische Drehs?" Aus Kränloung und Scham begann der Invalide zu weinen und auch die Betmer'kiung Gerlingers, er sehe ein, daß er Schmerzen habe, konnte ihn nach der vorhergegangenen schnöden Behandlung nicht beruWigen, so daß er auch dem Vorsitzenden in der folgenden Verhandlung die Behandlung, die er erfahren hatte, nicht so genau schildern konnte.