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Die neue Welt · 1928-08-24 · Heft 49 (24.8.1928) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 49 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 4P Brief aus Polen. Von unserem Warschauer N. R.-Berlchterstatter. Zum Ableben Boyensteins. In Warschau ist im 85. Lebensjahr der bekannte Historiker und hebräische Schriftsteller Chaim Jechiel Borenstein gestorben. Seine Arbeiten, betreffend den jüdischen Kalender, sind einzigartig. Borenstein übersetzte auch viele Meisterwerke des europäischen Schrifttums, unter anderem Shakespeares „Hamlet" ins Hebräische. Er war, wie die besten seiner Generation, Autodidakt und lebte, der breiteren jüdischen Öffentlichkeit fast unbekannt. Er war Sekretär der Tlomackaer Synagoge. In den letzten vierzig Jahren war er erblindet und diktierte seine Arbeiten hingen Bestichern der Betha-us- Bibliothek. Antisemitismus bei der Straßenbahn. Die Direktion der städtischen. Straßenbahnen in Warschau hat im letzten Jaure -400 Neiianstelhwigcii vorgenommen. Entgegen dem Beschluß, des. Gemeinderates wurde kein e i n z L,g e r Jude aufgenommen, In der letzten Sitzung des Warschauer Magistrates wurde deswegen eine Interpellation eingebracht, d;ic die Frage enthält» was der Magistrat im Verhältnis zur Straßenbahtidirektion zu tun gedenkt, damit der Gemeinderatsbescfohiß ausgeführt werde. Der Magistrat hat. die Angelegenheit einer speziellen Kommission überwiesen. * Juden dürfen nicht t'-rri polnischen Meer baden. ' * Ein Christ, der sich z>u<m Soirwneriaufentih'fl'lte ans Meer nach. Kuznice bei Hei begab, hatte dem Umstände, daß er ein jüdisches Aussehen «hat, so manche Unannehmlichkeiten zü verdanken.. Er schildert seihe Erlebnisse im Organ der polnischen -Sozialdemokraten „R obotnik". Schon unterwegs im Eisenbahnwaggon riefen ihm mitfahrende Posener Mittelschüler „Moszko" zu. Als ersieh: kn Gemeindeamte beim Vorsteher anmeldete, begegnete er dort einem der Gymnasiasten, der bei seinem Anblick den Vorsteher fragte, was es denn zu bedeuten habe, daß er am Meere drei Juden gesehen natoe. „Auch ich:habe sie gesehen," antwortete der Vorsteher, „nach ihren Dokumenten sind sie jedoch Christen". Als er, der Schreiber, am Strand spazieren ging, wurde er mit Schlamm beworfen. Ein Deutscher, der da<bei war, fragte, die Mittelschüler, warum sie dies täten. Sie antworteten, weil Juden nicht das Recht zusteht, im „polnischen Meer" zu baden. Die Arntsvorstehuiig, welche von diesen Vorfälljen Kenntnis hat, unternimmt nichts.- dagegen. ,. •-■ ' ■ :ü>,-..,. ■ v .;. Das Gesetz über die Minderheitsrechte in Rumänien. Ein Oberster politischer Rat der Juden. Aus Cluj (Klausenburg) wird uns geschrieben: In offiziellen Verlautbarungen wurden iri den letzten Wochen wiederholt erklärt, daß die r u m'ä n i s c h e R e g i e r u n g ernstlich darangehe, die Minpritätenfrage in Großrumänien auf gesetzlichem Wege zu regeln. Es Würde auch eine ministerielle Kommission mit der Aufgabe eingesetzt, unter Fühlungnahme mit den Führern der einzelnen nationalen und konfessionellen Minoritäten das für die Schaffung eines solchen Gesetzes erforderliche Material zu sammeln und. zu verarbeiten. Da verlautet, daß diese Kommission sich bereits mit den Vertretern der Nationalitäten in Verbindung gesetzt, die jüdische Minderheit jedoch außer acht gelassen hat, ist die jüdische Bevölkerung in Unruhe versetzt, Sie hegt die Befürchtung, daß die Rechtslage der jüdischen Minderheiten in Rumänien a-y ch nach der Sc ha f f uhg.d es Min de rhe.it s g es;etz es eine unsichere bleiben wird. „Uj Kete't*' gibt diesem Bedenken auch Ausdruck und schreibt: Die Juden der neurümänischen Gebiete haben sich gleich nach Bildung des neuen Reiches als nationale Min derheit deklariert, während die offiziellen Vertreter des Judentums im Regat in ihren in der Kammer und im Senat abgegebenen Erklärungen gleichfalls' festgestellt haben, daß-sie die Juden als eine ethnische Minderheit betrachten. Bisher : hat das antisemittische Regime der liberalen Partei diese Wünsche mit der Begründung zurückgewiesen daß das Judentum k e i n e M i n o r i t ä t d a r s t e Ki t. Beriefen sich die Juden wieder darauf, daß sie die gleichen Rechte beanspruchen wie die Mehrheit, dann wurden sie mit Hohn zurückgewiesen, indem man ihnen erklärte,, daß sie als Fremde si c h. Re c h te a r rog i er en,.die ihnen nicht gebühren. Die Juden in Rumänien begnügen sich mit den einer Mehrheit zustehenden Rechten, bestehen jedoch darauf, daß ojiese Rechte präzise und bestimmt formuliert werden, und daß im Oesetz ausdrücklich festgestellt werde, daß das Gesetz über die Rechte der Minderheiten sich auch auf die Juden bezieht. Allerdings müßten die Juden ihre Wünsche und Forderungen einheitlich formulieren. Diesem Zwecke dient auch der in den nächsten Wochen, zu bildende jüdische Oberste politische Rat, in welchem sämtliche jüdische Organisationen in Rumänien paritätisch vertreten sein werden. Von der Haltung und Arbeitsfähigkeit dieses Obersten Rates wird zum großen Teil abhängen, ob die rumänische Regierung wird veranlaßt werden können, den in diesem Rate verkörperten Wünschen der Judenschaft vpn Großrumänien Rechnung zu tragen. Verband radikaler Zionisten. Mittwoch, den 29. August, halb 9 Uhr abends im Cafe Atlashof (Klublokal), I., Aspernplatz, Versammlung Thema: 1. Die Lage nach der A.-C.-Sitzung. 2. Der Brüsseler Kongreß und der Zionismus. Freie Aus s p räche. mmmmemmmmmmamaamBammmmm On parle jargon! Das neue Losungswort der Assimilation. So lautet der Untertitel einer jetzt in Wien gespielten Revue. Und wirklich — da gibt es eine Figur, einen Fremdenführer, der sich mit den nach Wien kommenden Ausländern unter der Devise »0 n parle jargon" unterhält und ihnen im Schubert- Jahr die Sehenswürdigkeiten Wiens zeigt. Ist das sonderbar? Nein. Ist das eine unwirkliche Erscheinung? Nein. Der Jargon zieht durch die Straßen, er ist die Sprache, durch die man sich kurz mit allen verständigen kann, er ist die Rute, mit der sich die Stadt selbst züchtigt. Früher nannte man es „mauscheln". Es war das Rezept für das typische Mauscheltheater, in dem es nur eine Parole gab: Me lacht! Heute hat es sich vom zweiten in den ersten Bezirk geschlagen und es geht weiter und weiter. Die Israeliten unterhalten sich, die Nie h tisraeliten unterhalten sich auch. On parle ja r go nl. In derselben Revue tritt ein j ü d i s c h e r Ha.usierer auf. Er erscheint inmitten einer sogenannten „internationalen" Gesellschaft, die für das Publikum langweilig wäre. Also — tritt ein jüdischer Hausierer auf. Im Grunde genommen eine tragische Figur,, der Gestaltung durch einen- Dichter würdig. Hier aber — wer wundert sich? — redt er ausgerächnet mit die Händ und mit die Fieß, führt lauter Schubert-Artikel. (Gott, wie geistreich!), weil ja doch' dar Jud im Schubert-Jahr.'seinen Schubert-Rebbach haben muß. Und — den jüdischen Hausierer spielt ein- Nichtjude, der ausgezeichnet jüdelt.. Unsere lieben Israeliten lachen, sich den. Bauch voll.- O n parle 'j a r g ö n.. : .;•• ■ '.-. :<?; n ' . u ' „lach bin 'lieber finf Minuten feig als wie ä ganz Leben töit!" Das ist die Pointe einer jener entzückend geistreichen Anekdoten, die der nichtarische Fahrgast dem arischen knapp vor Verlassen des Zuges •allwöchentlich zum besten gibt: der Weisheit letzter Schluß, wenn es keinen Ausweg mehr gibt als die Flucht in den MauscheKvit^, der langsam das 'Zentrum der Stadt verläßt und mit einem Kikeriki- Geschrei bis zur Peripherie der Stadt losgelassen Wird. Die I s r a e I i t e n . s c h in u ri z e 1 n jeden 'Montagmorgen, die N i c h t i s r a e 1 i t e n schmunzeln auch. On parle jargon. Man sieht, wie sich diese Geisteshaltung verschoben hat. Es ist kein Privileg mehr der jüdischen Israeliten. Die „Gojim" bilden sich nicht wenig drauf ein, es auch schon zu können. So groß, so stark, so hemmungslos ist schon die Assimilation. ' Kein Wunder, daß sozialdemokratische. Abgeordnet e, G e m e i n d e r ä t e, Agitatoren in jo vialem Jesuitismus Wählerfang mit Jar gönn ua neen betreiben und wie weiland Zar Nikolaus die süßesten :F l ö t c n m e 1 o d i e n f ü r i h r e „Lieben J^u d e n" von sich geben. jlliiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiflt für die ehrw. Herren | Rabbiner und Kantoren § und Chorsänger § innwimanim Sie fertig und na* Ma6 s In bester Qualität § zu den billigsten Preisen! J in der allbekannten § •uJafisdineideiei | Ii i Wien, II.TataMe Iii. U I (Achtung auf Hausnummer I) ö"! 1 Tel. R 45-6-29 Oegr 1866 | s Zah'reiche belobende Anerkennungsschreiben! j| 1 Verwirf mA «Uta Weltteilen ff# Warft KiiiloH traft i 1 %IIIIIIMIIIIUIIU^ / Eine ungeheure Assimilationswelle ergießt sich über Wien. Rechts und Links und Mitte wirbt um die Israeliten und läßt sie Kulturgut vernichten. Man spricht von Verjudung. Es ist eine Verjüdelung. Die echten, wirklichen, aufrechten Juden wollen mit dieser Erscheinung nichts m tun haben. Dar« m nieder mit . ihnen! . — schreien jene, deren Ziel es ist, aus Juden Jüdelach zu machen. Die österreichischen Sozialdemokraten lassen nichts unversucht, um die Juden Wiens und damit zugleich Wien selbst zu verjüdeln. Literatur, Presse, jetzt auch noch —* Theater, alles soll ihren Assimilations- und Amalgamierungsbestrebungen dienlich sein. Zionismus? Eine klerikale Angelegenheit, rufen sie. Daher blieb der Bürgermeister der Stadt Wien dem Begrüßungsabend des Wiener Zionistenkongresses 1925 fern. Palästinaaufbau? Was geht uns das an?. So murmeln die Juden Friedrich Adler und Otto Bauer bei der Brüsseler Sozialistentagung im Gegensatz zu den Christen Vandervelde und Henderson, die die große sittliche Arbeit des Palästinaaufbaues anerkennen. Poale Zion? Humbug! Wir können wirklich arbeitende Proletarier, welche Anhänger des nationaljüdischen Gedankens und nationaljüdischen Heimes sind, nicht anerkennen. Hinaus mit ihnen! So j^ebärden sich die israelitischen Führer der österreichischen Arbeiterschaft. Also, wir wollen keine Juden. Wir wollen nur „Mauschel"! O n parle jargon — in der s o z i a- Iistischen'Stadl Die sozialdemokratische Organisation „Werktätige Juden64 schließt die Poale-Zionisten aus. Das Organ der Wiener sozialdemokratischen „Vereinigung werktätiger Juden" meldet, daß seitens der Exekutive und der Ortsgruppen der Antrag' auf A u s s c h 1 i e ss u n g d er Poale. - Zionisten aus der Vereinigung mit großer Majorität angenommen wurde. Speziell wird über die Ausschließung des Kultusrates Dr. Glan z, des Vertreters der Poale-Zion im Vorstand der Wiener judengemeinde, berichtet. Die diesbezüglichen Beschlüsse werden mit der Behauptung begründet, .daß eine Zusammenarbeit mit „nationalistischen" Elementen unmöglich ist. Bisher . haben die Poale-Zionisten gemeinsam mit den „werktätigen Juden" und vielfach als' deren-Wortführer die allgemeine zionistische Organisation heftig bekämpft, so bei Parlaments¬ und Gemeindewahlen. Nun, da die Poale-Zionisten Berücksichtigung ihrer Wünsche fordern, werden sie ausgeschlossen. Der Ausschluß soll auf Initiative der jüdischen Führer in der sozialdemokratischen Parteileitung, insbesondere des Landtagspräsidenten und Nationalrates Dr. Danneberg, erfolgt sein. Weltkongreß für liberales Judentum. In Berlin hat am 18. August der dritte Weltkongreß für liberales Judentum begonnen, an welchem Vertreter aus 40 Ländern teilnahmen. Die Referate an der Tagung, welche am 21. August beendet war, haben sich mit der Entwicklung des liberalen Judentums und seiner Ziele beschäftigt. Paleologue — jüdischer Abstammung. Der bekannte französische Diplomat Paleologue, der kürzlich zum Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde, also unter die Unsterblichen gelangte, soll nach Behauptung des polnischen Historikers S ö k o I n ick { jüdischer. Abstammung, sein. Im Jahre 1914 wurde Paleologue zum französischen Botschafter in R u ß 1 a n d ernannt, als besonderer Vertrauensmann des damaligein Presidenten, der Republik, Poi'ncare, nachdem er bereits früher in verschiedenen politischen Missionen in Tanger, Rom, China, Korea und Sofia gewirkt hatte. Sqkolnicki hat letzthin eine , größere Arbeit über Paleologue veröffentlicht, in welcher er ihm vorwirft, daß er es am Zarenhof immer vermieden ' habe, die Pölenfrage zu berühren. Sokolnicki führt wörtlich aus: „Es ist interessant, daß Paleologue sich noch als Gesandter in Rußland stark für die Judenfrage interessiert hat. Er. hat viele Male energisch beim Zaren zugunsten der russischen Juden interveniert ..An einer anderen Stelle schreibt: Sökolnicki: „Paleologue stammt;aus dem gajizischen Ghetto; er i$t in einem der jüdischen Städtchen Galiziens geboren, da besuchte er das Cheder, aber später, als er in die weite Welt kam, vergaß er seine Abstammung und wählte einen neuen Namen .. /'__ Die Kolonien-Resolution des Kongresses der Internationale. Lord OJ5vi er, der vor dem Brüsseler Kongreß der Zweiten Internationale den Bericht der Kolonienkommission erstattete und die Resolution zugunsten der Kolonialländer und -Völker einbrachte, erklärte in einem Referat, Palästina sei in die Resolution betreff e n d d i e K o 1 o n i e n nicht eingeschlossen, weil Palästina nicht Koloniäilaud ist. Bs bestehe mit Bezug auf dieses Land ein Mandat, welches genügende Garantien zum Schutz für die Rechte der Bevölkerung bietet,

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