Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 49 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711664--0648-2713806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
- Ukraine 1× ep/1001131
OCR text
Nr. 49 DIE NEUE WELT Seite $ Ein Weltkongreß jüdischer Frontsoldaten, Ein Aufruf Scbalom Schwarzbarts. Im Pariser „H a i n t" wendet sich Schalom Schwarzbart an die jüdischen Frontsoldaten aller Länder. Er schreibt: Alle die Kriegsnachwehen, die sich seit dem ..Fricdonsausbruch" vor unseren Augen abspielen, sind hinreichend, um jeden davon zu überzeugen, daß die Juden im Weltkrieg alles verloren und nichts gewonnen haben. Die Blut st euer für den Krieg haben die Juden in nicht geringerem Maße bezahlt als alle übrigen Völker. Dartiber hinaus hatten die Juden noch einen speziellen Steueraufschlag zur Blutsteuer, und zwar die viel en Verl eu mdu ng e n, Verfolgungen, Vcrt<r e iib u n g c n und Geißelungen zu leisten. Später kam die Belohnung dos Nachkriegs: die Wutigen Pogrome in der Ukraine, in Ungarn und Rumänien. Dann: die neuen Rechtsbeschränkungen, Verleumdungen, Zurücksetzungen, die sich in der letzten Zeit von allen Seiten her über die Juden ergossen. Von den sogenannten selbstbewußten Arbeitern der blutige 1. Mai in Warschau und der S o w j e t a n t i s em i t i s m u s. Ferner der Numerus clausus, die Schändung jüdischer Friedhöfe und andere mittelalterliche Methoden. Das alles muß in jedem Juden das Bewußtsein reifen lassen, diaiß das so nicht weiter gehen "kann. Früher glaubte man, daß die ganze Schuld am Antisemitismus in der Reaktion umid Unwissenheit der Massen zu suchen sei. Heute aber sehen wir, daß der Antisemitismus aus den Universitäten und auch von den „organisierten" Arbeitermassen kommt. Bis jetzt war die Revolution noch nicht imstande, den Rassenhaß abzustellen und die Wissenschaft zeigte sich unfähig, die menschliche Bestie zu zähmen. Die Joden müssen sich daher selbst verteidige«. Wer sonst .sollte es tun, wenn wir es nicht tun? Mit dem Worte „wir" will ich alle jüdischen Heldenopfer bezeichnen, die Freiwilligen und die Unfreiwilligen, die den Weltkrieg mitgemacht und ihr Blut für andere, die sich uns gegenüber selbst als Fremde bezeichnen, vergossen haben, alle, die sich für Rußland schlugen, in der Zeit, da man ihre Eltern, Frauen und Kinder aus ihren Heimen vertrieben hat! Diejenigen Juden, die für Deutschlands Stolz gekämpft haben und denen man jetzt die Friedhöfe schändet, ihren Glauben lästert! Juden, die mit ihren Blutopfern halfen Rumänien groß, Ungarn frei, Litauen unabhängig zu machen, und dafür jetzt als unerwünschte Fremde bedrückt und verfolgt werden! Kann das so weitergehen? Die Juden sind ein leidendes, geduldiges Volk, geübt Im Ertragen von. Leiden. Aber alles muß doch endlich einmal ein Ende haben! Ein Ende der Leiden und Verfolgungen. Müssen wir denn auch heute noch vor die Welt mit demselben Klagen und denselben Vorhalten treten, wie es einst Shakespeares Juden taten: Wir haben Augen, Ohren und andere Gefühle, genau so wie die Christen, und tut mau uns ein Leid au, so empfinden wir Schmerzen! . . . Werden wir noch weiterhin die Zielscheibe für jeden Strolch sein? Wird man uns denn bis ins Unendliche dafür, daß wir den Steinen, mit denen man uns bewirft, ausweichen, noch extra bestrafen? Zum Schluß schlägt Schwarzbart vor, daß alle jüdischen Frontsoldaten der Welt sowie die Invaliden und Kriegsgefangenen und andere, die unmittelbar unter dem Krieg zu leiden hatten, sich zu c i n c m Kongreß vereinigen mögen, auf welchem die Frage des Antisemitismus, des Selbstschutzes, der jüdischen Kolonisation und andere Frageii^erörtcrt werden sollen. Der Kampf um die syrische Verfassung. Aus Damaskus wird gemeldet: Die provisorische Konstituante, die Iiier seit drei Monaten tagt, hat einen Verfassungsentwurf ausgearbeitet, dessen zwei erste Artikel sich sowohl gegen das französische Mandat als auch gegen Palästina als englisches Mandatsland wenden. Artikel 1 lautet: »Syrien ist ein unaibhäugiiger und souveräner, eine integrale Einheit bildender Staat, der keine Unterteilung annimmt. Es ist ausdrücklich verboten, auch nur den kleinsten Teil seines Gebietes aufzugeben oder abzutreten." Im Artikel 2 liest man, „daß das ganze syrische, vom türkischen Reich abgeschiedene Gebiet eine politische Einheit bildet, welche nicht geteilt werden darf, und daß die nach dem Weltkriege zugestandenen G e b i e t s a t> t r e t u n g e n ungesetzlich und deshalb unzulässig seien". Durch diese Behauptung wird der Abtretung Palästinas, Transjordaniens, des Dschebel der Drusen, des Staates der Alawiten und der neuen Iibanensischen Provinzen die Gültigkeit aberkannt. Parlamentarismus im Hedschas. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: „Um el Oura", das offizielle Blatt I b n S a u d s, veröffentlicht die Verfassung, die der König dem Volke des Hedschas und des N eds chd gibt. Danach wird eine „Ratsversammlung" eingesetzt, der bestimmte Gesetzentwürfe der Regierung vorgelegt werden müssen. Die Mitglieder dieses Parlaments müssen „e h r 1 d c h, vernünftig, niemals mit ehre nr ü Ii r i g e n Strafen b e 1 e g t und niemals bankrott 'gewesen" .sein- Der &onig/kann das Parlament j e d e r z e i t a uf lösen und einen Teil seiner Mitglieder durch andere ersetzen. Die „Times" über Palästina. Diic Londoner „Times" widmen dem aus seinem Amte 'scheidenden Oberkommissär von Palästina, Feldmarschall Lord Plumer, einen Leitartikel, in welchem insbesondere Lord Plumers Verdienste um die allmählich vor sich gehende Annäherung zwischen Juden und Arabern, die sich früher aibsolut feindselig gegenüberstanden, her- IMBAD Das tägliche Bad für die Familie! FOr Jedermann erschwinglich I Preis S 20«— Verkommener Badetfmmerersate JOSEF TRINKE. Wien, Vi., Mariahflferstrafle Nr. 35, f. Stock. Telephon B-27-6-28 vorgehoben werden. Die Zeit .ist vielleicht nicht mehr fern, schließen „Times", da dank den Bemühungen Lord Plumers dem Laude Palästina eine V e r f a ss u n ig w i r d gegeben werden k ö n n^ n, die auf breiter Basis ruhen und auf gewählte Elemente beider Rassen sich wird stützen können. Professor Zibichowsky über das Mandat. Die J. T. A. meidet aus Warschau: Die Mit-, arbeiterin der hebräischen Tageszeitung „Hazlfirah", prau Klara Weiß fei d, hatte ein Interview mit dem Präsidenten des .in Warschau tagenden 35. Kongresses des Verbandes für internationales Recht, Prof. Zygmiund Zibi-. chowsky, der auch Mitglied des Internationalen Gerichtshofes dm Haag ist. Prof. Zi-bicuowsky gab zu, daß in Polen die Lage der jüdischen Minderheit aus wirtschaftlichen Motiven nicht günstig sei; hier spiele die innere Lage im jüdischen Klub eine gewisse Rolle. Zu verwundern ist, wie lange die Wahl eines Präsidenten des jüdischen Parlamentsklubs hinausgezögert werden mußte. Die Jüdische parlamentarische Repräsentanz verliert zuviel Energie bei inneren Reilbungen, sie müßte endlich einen Modus vivendi finden und einen einhielt". 1 ti c he n Reform.pl a n vorlegen, dessen Realisierung bei dem Bestehen einer einheitlichen jüdischen PoMk" wahrscheinlich ist. Prof. Zibi clio wsky kam auch auf die PaflS&stmiah Bewegung zu sprechen und. sagte, die Schaffung eines jüdischen National heims in Palästina sei eine Idee imensch-. licher Gerechtigkeit. Nach seiner Meiti«n« aber hat England, das das Mandat zur Errichtung eines solchen Nationalheimies erhalten hat, nicht die rechte Initiative zur Erfüllung dä-eseir Aufgabe be wiese n. Prof. Zibichowsky erklärte, er werde dem Kongreß vorschlagen, sich auch mit der rechtlichen Lage der Staatenlosen in allen Ländern zu befassen. Zum Schluß bemerkte er, daß die von den früheren Kongressen für internationales Recht, ausgearbeiteten Projekte und Gesichtspunkte zu einem großen Teile vom Völkerbund verwirklicht worden sind. Brasiliens Sympathien für Palästina. Der Außenminister von Brasilien, Octavio Mangabeiro, empfing den Vertreter der Zionistischen Exekutive und des Keren Hajessod, Etting er, und gab ihm gegen:- über seinem warmen Interesse für das jüdische Werk in Palästina Ausdruck. Die brasilianische Regierung, sagte er, hege herzliche Sympathie für die nationale jüdischeBew egung; obwohl Brasilien gegenwärtig dem Völkerbund nicht angehört, wird die Regierung der Republik Brasilien auch weiterhin gegenüber dem Aufbau des Nationalheims in Palästina eine freundschaftliche Haltung einnehmen. Die Stadt der Kohanim. Bei den Juden von Nordafrika. * Aus einem Reisetagebuch von Dr. Nahuni Slustsch. Die Kleine Hara. Ein breiter Weg wischen grünen Hügeln und gut bearbeiteten Gärten führt nach der Hara-Serira, dem Kleinen Ghetto, bekannt als die Stadt der Kohanim. Die Stadt liegt tief unten, sieben Kilometer von der Meeresküste entfernt und macht einen unangenehmen Eindruck durch ihre dorfisch-stille Atmosphäre. Von meinem ersten Besuch in der Hara-Serira vor zwanzig Jahren ist mir eine der köstlichsten Erinnerungen von meiner afrikanischen Reise zurückgeblieben. Damals fand ich dort eine alteingesessene jüdische Bevölkerung von ungefähr tausend Seelen vor, fast lauter Kohanim, die nach alter patriachalischer Weise lebten. Sie lebten dort ohne Berührung mit der Außenwelt, unbeeinflußt von ihr, seit Jahrhunderten, wenn man ihren Erzählungen recht gehen will; seit Jahrtausenden, noch aus der Zeit Esras. Vor zwanzig Jahren fand ich in der Stadt der Kohanim eine Gruppe geistiger Häupter, die Gemeinde und Heilig-, tum mit starker Hand führten. Ich werde niemals die imposante leuchtende Gestalt des Raw Reib Mosche Magus oder, wie man ihn gewöhnlich nannte, Ret) Sa'khen (Reh Alter bei den Ostjuden) vergessen. Ein großer Gelehrter war er, ein gründlicher Kenner des Talmud und sogar der Talmudliteratur der Aschkenasim, die er sehr hoch einschätzte, dazu ein Mensch voll Güte und Einfachkeit, aber auch ein Mann ernster Entscheidungen. Dieser Typus eines echten Talmid-Ghacham ist übrigens auch an anderen Orten bereits selten. Die verlorene Illusion. Ich erinnere mich auch an den greisen Ghacham Rabbi David Hakohen, der ein frommer Gelehrter und Philosoph war, Autor zahlreicher religiöser und philologischer Biücher, ein gründlicher Kenner der Geschichte dpr G'hetti und deren bedeutenden Männer In den letzten, j Generationen. Ich kann auch den alten Chacham Rabbi ' Mosche Hakohen nicht vergessen. 92 Jahre alt war er damals, und wiewohl schwach und blind, kam er dennoch in die Jeschiwah, wo wir uns aufhielten, um mir wichtiges Material über die Geschichte der Juden in Dscherba zu bringen, ein Material, das ich so der Vergessenheit entreißen konnte. Auch andere jüngere Tarmid-Hachachim ©ab es dort ein ganzes Dutzend bedeutender Männer in solch einem kleinen Städtchen, darunter auch den Rosch Jeschiwa Rabbi Josef Barbi, einen Gelehrten in osteuropäischer Art. Aber fast alle diese Gelehrten waren Kohanim mit Ausnahme des Raw Rabbi Sakhen, den man zum Vorsitzenden des rabbinischen Gerichtshofes gewählt hatte. Warm brüderlich, echt jüdisch war damals die Atmosphäre, in der ich dort lebte und mit Bedauern frage ich mich, warum es mir einfiel, bei meiner jetzigen Reise durch Nordafrika diese Land'zügc wieder zu besuchen. Hätte ich es nicht getan, wäre mir eine Illusion geblieben. Meinen Augen, an Zerstörungen gewöhnt, würde der Anblick des Niederganges erspart geblieben sein. Jetzt ist mir auf den ersten Blick die Hara-Serira viel kultivierter, reiner, dichter bewohnt und vielleicht auch wohlhabender erschienen als einst. Die Häuser sehen rein und gepflegt aus, frisch getüncht. Die Männer sind einfach und sauber gekleidet, die Kinder tragen bereits-europäische Tracht. Der Hauptplatz des Dorfes, wo allmonatlich ein großer Markt abgehalten wird, ist ausgebaut. Die Läden «eigen Fenster und machen schon den Eindruck von Wohnlichkeit. Selbst die Synagogen sind umgebaut worden. Die größere, älteste, von alter geheiligter Tradition, wurde niedergerissen und an ihrer Stelle steht heute eine -neue, schönere. Auf der Galerie, wo die Chaohamim zu sitzen pflegten, habe ich einst zusammen mit ihnen unvergeßliche Stunden verbracht. Aber diese Galerie und die obere Etage sind jetzt niedergerissen, und es ist, als wäre dem romantischen Kapitel meines Erlebnisses dort auch äußerlich ein Ende gesetzt. Von all den alten Gelehrten lebt kein einziger mehr. Die wenigen jüngeren mußten die Stadt der Kohanim verlassen, da andere Interessen in den Vordergrund traten; sie gingen in die Große Hara, das Große Ghetto, um in der Thora-Atmosphäre der Kohahimsynagoge zu verbleiben,'der letzten Stätte der Talimudgeleh.rten in Tunis. Dadurch ging der spezifische Gharakter der Stadt der Kohanim verloren, welche die einzige ihrer Art ist in der Welt. Ein großer Teil der Kohanim ist weggezogen, um in den neuen Städten der Wüste sein Brot zu suchen, und an Stelle der Ausgewanderten sind;.aus dem 'Großen Ghetto die Ueberaähligen in das kleine (Ijietto,-<le Kleine Hara gewandert. Vorläufig bleiben die Kohanim immer noch die Herren der Stadt. Der Scheich Rabbi Pinchas Hakohen ist einer der Ihrigen und vor allem die heilige Synagoge wird von drei Kohanim verwaltet. Galuth und Judentum. Eine Schule ist entstanden, ein weißes Häuschen im Osten der Stadt. Lauter Knaben besuchen sie, jüdische Knaben, die im selben Hause ihren Glieder haben. Und doch! Der Niedergang schreitet fort. Die gelehrten Kohanim sterben aus. Nicht lange und ihre sicher begabten Enkel werden nicht mehr hebräisch denken und schreiben. Die französische Kultur wird sie ergreifen. Früher gab es hier hebräische Journale der osteuropäischen Haskalah, man las Kaiman Schulman und Nahum Sükolow. Man abonnierte Zeitungen. Heute ist's vorbei. Und selbst den aus Palästina stammenden Doar Hajom, der da und dort zu sehen ist, verstehen die jungen Kohanim nicht, denn Doar Hajom ist in der modernen hebräischen Sprache geschrieben. Mir scheint der Niedergang dieser altjüdtechen Siedlung unaufhaltsam, wie denn überhaupt die Galuth ihre Kraft verloren hat, da Judentum zu erhalten. Günstiger als die geistige Situation liegt die wirtschaftliche Lage der Kleinen Hara. Sie ist von einem Kranz arabischer Dörfer umgeben, so daß hier die jüdischen Getreidehändler, Schmiede, Weber, Färber, Töpfer und andere Handwerker ihre Existenz finden können. Die Jugend verläßt allmählich die alte Heimat. Die jüdischen Kleinbauern geben ihren Bodenbesitz auf. Das, was für lange Zeit noch ein gutes Stück Judentum in der Stadt der Kohanim bewahren wärd, ist das berühmte Heiligtum, die Synagoge, Grjba genannt, mit der das ehrwürdigste Traditionsgut verknüpft ist.