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Die neue Welt · 1928-08-24 · Heft 49 (24.8.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 49 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 49 «arückEMfütoren, daß sie im Namen Oesterreichs sprechen konnten. Ofozwar Oesterreich ein Meines Laind von «eriitgem Einfluß auf die Wettwirtechaft fst, besitz* es eine starke «ml politisch erfolgreiche so®iaWemokratisc'he Partei, weflche in der International« ate starker Faktor hoch ej-rugeschäitzt wird. Die Majorität zeigte daher keine Neigung, mU den Vertretern dieser angesehenen Grün* wegen der Fraige der Einseton« einer Paiästinakomimission in KonS*kt zu geraten und dies umso weniger, als Adler und Bauer entschlossen schienen, bis aufs Aeußerste zu kämpfen. Es fiel auch niemanden ein, die Frage auszuwerfen, ob Adler und Bauer mit ihrem antiiziontetischen Vorstoß den WiMen der österreichä-schen Arbeiter zum Ausdruck brachten. Sie handelten dabei gewiß nicht im Auftrage ihrer Wähler, denn die österreichische Arbeiterschaft hat Sn jüdischen Diimgen, aJs auch.in.der Sache des Zionismus, keinen Wülflen w nd k ei ne M e i n.u m g. Dafür halben die Tauf- und Asstaiiktionsijniden ä Ja Adiler und Bauer, welche die Wiener Arbeiterpresse souverän (beherrschen, ausreichend gesorgt. Die Existenz einer J.iCdenfrage, also auch eines ernsten,,' von den großen sozialistischen Führern des Auslandes erkannten zionistischen Problems, wird vor den Lesern geheimgehalten. Die Herren Juden wollen keine Aussprache -über das Juden tonn, damit man wicht, Gott 'behüte, äiiif .Mir verleugnetes Judentum aufmerksam werde. Wenn sie süfrpn in der Arbeiterpresse auf jüdische Dinge zu sprechen kommen, tun sie es in «erfflgsohäteiger und feindlicher Art, «um dem antisemitischen Masseriinstinfot entgegenzukommen. Jetzt aber, nach Brüssel, scheinen sie doch für Rechtfertigung ihrer Haltamg auf dem Kongresse etwas fcu.n zu müssen und — fallen über den Zionfemus;her und .nullifizieren ihn. In der letzten &onntag.snu-m;mer der „Arbeiterzei-tain-g" stelht zu 1-esen: „Die Riulhe -in der palästinensischen Polkiik, die Grabes-stile in der .palästinensischen Wirtschaft dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß unter der Oberfläche Kräfte wirksam sind, von denen die Entwäckflumg des Landes rasch weiter®edrängt wird. Um es vorwegzunehmen: wenn von der Eroüwickfl«u<n,g Palästinas ««redet wird, so 'bedeutet das zurzeit etwas völlig anderes als eine Entwicklung zäun Ideal, des Zionismus, dem jüdischen Na«ti-onailheiim, dem Staat der Juden auf dem Boden' ihrer Väter. In der rauhen Wirklichkeit, einem harten Existenzkampf umi die primitivsten Voraussetzungen des Daseins, sind die nationalen Ide-aje schneller f 1 ö t e n g e g a nige n als es unter gu nsiti ge r e«i' öiköriomi sehen B ed i ngungen sonst der Fall .gewesen wäre. Palästina 'ist ein armes Land. An eine rasche industrielle Entwicklung des. Landes -ist nicht tm. denken. ..Unter diesen Umständen ist die Schaffung .einer jüdischen Majorität in Palästina auf dem Wege d.er Einwandern!nig überha/U'Pt nicht mögll'ich." .. Wie gewissenhaft und .wahrheitsliebend die. Herren bei ihren .yPalästinaforscriungen'' zu Werke, gehen, ist Mar ersichtlich, wenn man einen Artikel des e-welten. sozlaldemokratisohen Organs, des „Abend" zur Hand nimmt, der einige. Tag« früher, allerdings vor Brüssel, erschienen ist. Da heißt es mit Bezug auf dasselbe Palästina: „In Palästina würde eine chemische Industrie entstellen, die eine fast weltibelierrschende Stellung einnähme, ja ,für einige Chemikalien würde dieses Land in kurzer' Zeit eine Art Weltnionopclste-lhing erringen können. Das Tote Meer wird also sehr b a 1 d. a uß e r o r d e a 11 i c h 1 eib e n d lg werde u. Gewallige chemische Fabriken werden hier entstehen, eine ungeheure chemische Industrie sich entwickeln. Diese Salze sind im Zeitalter der Technik und deT Ghemie wichtiger und 'kostbarer als Goidlager. So wird ekn ungeheurer Zustrom von Arbeitskräften nach jenem Gebiet einsetzen, zuimal die Bahnverbindung mm nächsten Hafen an der- Mittetoeerküste nach Jaffa kaum 75 KülometeF betragen wird* Dann werden mit denn heutigen SchneWiziugstemipo die Fabriken und Wohnungen, die Häuser und Städte aus dem E r d b o d e h schießen und das Tote Meer wird in Kunze eine d er beliebtesten Imd us t rl egegend em der Welt sein, eines der bedeutsamsten Zentren der chemischen Industrie." Der Vergleich läßt erkennen, daß es den Herrenu>m atfles raehr zu tun ist, als tum die Wahrheit. Das sind so die Mittelchen, deren man sich bedient, um den Zionismus m diskreditieren. Sie sind gut für heute und morgen. Auf die Dau-er werden sie nichts nüttoen. Sehr bemerkenswert ist auch der Uamta-nd, daß sich auf dem Br-üssler Kongreß niemand fand, der den Herren Adler i*nd Bauer die Maske vom Gesicht gerissen hätte. Niemand stamd auf, uun festzustellen, diaß hier nicht der Sozialismus, sondern das Tauf- und Assimilationsjudentwm spricht, nicht ehriKche Sorge um die Aufrechterhältung sozialistischer Grundsätae, sondern Haß umd Fwrcht jüdischer Renegaten, welche vom aufrechten, leibenden Judentum, vom Zionismus befürchten, und mit Recht befürchten, daß an ihm die Lüge ihres Lebens zunichte wird. Die Führer der palästinensischen Arbeiterschaft, die Vertreter der „Poale Zion" waren da und sie schwiegen, schwiegen im Saale und in der Presse. Sie fühlten sich .in der Sehiifi'ge ihrer eigenen Politik gefangen. Die Politik der Poale Zkxi ging m den letaten Jahren dahin, die Tauf- und AssimHatfonsjuden in der Sozialdemokratie, entgegen jeder zionistischen Raison, m umwerben und zu umsctomekv.el'ii. Sie glaubte die Feindschaft dieser Leute so -zu besaiiitigeu. Ate im Vorjahre in Wien demokra tisei»e Z j o n * s * e a im Wattfcunpk fingen die Hotten AdU^ ßa a#i »n-d Genossen unterlagen, da sandte die Poale Zion den Herren Adler und Bauer begeisterte Glückwunschtelegramme und gratulierten zum Siege iiiber die ^reaktionären" Zionisten. Der jüdischen Jugend wurden Adler und Bauer als Idealgestalten vorgeführt. Jetzt, in Brüssel, hat der Zionismus die Frucht dieser falschen Politik geerntet. Die wirklich verdienstvolle und ersprießliche Aufklärungsarbeit, welche die Poale Zion in Kreisen der Iiuter.nationale geleistet hat, wird durch die Wimkclzüge der jüdischen Renegaten Im letzten Moment stark entwertet. Es genügt eben nicht, die nichtjüdische Welt mit dem Wesen des Zionismus vertraut ®u machen, man muß ihr auch die Verlegenheit und Schädlichkeit des jüdischen Renegatentums vor Augen führen, gleichviel, ob es weiß-bürgerlich oder" rot-sozialistisch ist. Wenn d'iese Arbeit unterlassen wird, muß es so kommen, wie es in Brüssel kam: jüdische^ Renegaten schieben sich zwischen die Niolitj-uden und das jüdische Volk und verhindern die Verständigung. Die schwarz-weiß-rote Helene. Eine antisemitisch-jüdische Blamage. — Das zerstreute Madchen. Als auf der Olympiade in Amsterdam die Siegerin im Florettfechten dem Publikum vorgestellt wurde, sah es ein blauäugiges, blondhaariges Mädchen, das eine schwarz-weiß-rote Fahne stolz und lustig schwingt. Schwarz-weiß-rot ist das Kampfbanner der deutschen-Antisemiten und wird immer hervorgeholt, wenn es gilt, gegen Juden und die Judenrepublik zu demonstrieren. Es ist verständlich, daß die gesamte Antisemitenschaft Deutschlands in helle Begeisterung 'geriet, und He 1 € n e May e r, das gerade, blonde Kind auf den Schild hob, als reinstes Produkt der germanischen Rasse, als Gegenstück zum schwarzen, plattfüßigen, krummbeinigen Judenpack.- Eine antisemitische Zeitung leistete sich sogar ein Gedicht auf die hieb- und stichfeste.Helene. Da ist es: Mit einmal ändert sich die Szene! Ein deutsches Mädel, blond und nett, Steht — dreimal Siegerin. — Helene, Den weißen Handschuh am Florett; . Blauäugig und von' frohen Sinnen, Vom Kämpfe noch'-die Wangen rot, Die ganz Europas Fechterinnen Die Spitze -ihres Degens bot. Der Neuzeit weibliche Göschöpfö Besiegt sve schlicht^htt Sportgevvaud Und, denkt euch, sie trägt — blonde Zöpfe; Und schlingt darum., ein weißes Band. Ein blaues Aug',, ein deutscher Schädel, Der Jugend. Anmut im Gesicht, Ein gut gewachsen rheinisch Mädel — Und ficht, als wie der Teufel ficht! Aber auf einmal begann man zu wispern. und zu tuscheln und es stellte sich heraus, daß Helene Mayer, ein jüdisch»-Kind ist, die Tochter eines Juden- . doktors in Offenbach. Jetzt hörten die Antisemiten .auf und die deutschen Israeliten begannen zu lachen. Aber wie! Nicht nur schadenfroh lachten sie, weil die. Antisemiten hereingefallen sind,, sie lachten auch s,tolz, weil ja der von ihnen lang ersehnte Beweis erbracht ist, daß germanische und deutschisraelitische Rasse nicht zu unterscheiden, absolut gleich sind. Sie lachten stark, aber nicht lang. Denn plötzlich stellte irgend ein plumper Tölpel die blödsinnige Frage: „Wie kommt das J ud e nmäde 1 zur an t is e m i t i s c h e n F a h n e?" Das deutsch-israelitische Gelächter erstarb und machte deutsch-israelitischer Verlegenheit Platz. Aber nicht umsonst haben Vater und Großvater Talmud studiert, die Kunst, auf die blödeste Frage eine gescheit aussehende Antwort zu gelben. Nach kurzer Pause der Bestürzung brüllte es einstimmig im deutsch-israelitischen Blätterwald: „Helenchen 'hat sich nur geirrt. Sie ist zerstreut gewesen und in ihrer Zerstreutheit hat sie den deutschnationalen, antisemitischen Fetzen erwischt!" Heierichen isi zerstreut, das stimmt, sie hat es schon einmal bewiesen. Im Frülij-ahr hat sie in London in einem europäischen Fechtturnier den Preis errungen. Auch in jenen Tagen hatten die deutscheu Antisemiten den Sieg der germanischen Heldin, über welsche und jüdische Katzen bierfröhlich besungen. Da damals niemand etwas von einem jüdischen Papa wisperte und tuschelte, schwieg das jüdische Kätzchen und ließ es sich wohl sein als gefeierte Germanin. Rein aus Zerstreutheit. Zerstreutsein ist überhaupt die typische deutsch-israelitische Krankheit. Aus Zerstreutheit läßt man sich in Turn-, Sport- und Gesangsvereinen bespucken und ohrfeifgen und merkt es nicht und bleibt, aus Zerstreutheit, bis man beim, Kragen gepackt und hinausgeworfen wird. Aus Zerstreutheit fährt man in Sommerfrischen, wo Juden nicht erwünscht sind, und spendet dort für eine neue Monstrnnz. Aus Zerstreutheit nennt mau sich eines Tages nicht mehr Kohu, sondern Kerr, nicht Aron, sondern Arnold. Bis mau eines Tages statt in den Tempel in die Kirche rennt, am Zei&rmtheiU I0TEL CONTINENTAL iiiiiiiiim^ WIEN, II., PRATERStRASSE 7 (neben Schwedenbrücke) j ^^^n^J^^njo^^^"^^^^ j Erstklassige Küche Maßige Preise Wurmstich und Frieders. Als den deutschen D r e y f u s - F a M stellt man, ' die Affaire Frieders gern hin, die Angelegenheit des Weimarer Oberstaatsaniwaltes, an dem zweifellos ein Justizmord verübt worden ist. Der Vergleich mit dem framzösischen Offizier stimmt nicht. Hauptmann Dreyfus war Jude und ist es geblieben. Dr. Frieders ist zur evangelischen Glaubensgemeinschaft übergetreten. Die Dinter und Genossen, die in Deutschlands öffentlidiem Leben herrschen, haben das freilich nicht zur Kenntnis genommen und da sie gegen die semitische Rasse als solche 'kämpfen, so muß eben der Doktor Frieders an ihre Logik glauben, Das Eigentümliche dieser Affäre liegt eben darin, daß durch den neuen. Anstrich die alte Grundfarbe durchschlägt. Frieders' ist evangelisch, aber er bleibt für die Germanen ein plattfüßiger, gemeingefährlicher Jude, der im Auftrag der Mliance Israelite sich von dem Herrn Flöbl heimtückisch erweise einen Akt hat unterschieben lassen- Er wird als Jude bestraft. Er hat es ja zeitlebens an der für Deutschland staatserhaltenden Gesinnung nicht fehlen lassen: hat mit dem Glauben, den Vatersnamen Friedländer abgelegt und ist im Felde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden (das er sich noch als Jude geholt hat). Er ist in der Assimilation konsequent vorwärts geschritten, bis er sein Jena gefunden hat. Nützt ihm ailes nichts. Niemand schert sich darum und der Staatsanwalt Wurmstich — das ist ein prachtvoll passender Name für diese Affäre — leitet die Verfolgung ein und stellt die Hätz wider den Juden in das sichere Gehege der Paragraphen. Mit allen, Mitteln ist dieser Kampf geführt worden, nichts aus dem Arsenal der verwegensten Kinoromantik hat gefehlt; es 'gab eine erschlichene Unterschrift, einen unterschobenen Akt, listige Vertauschung der Bezeichnungen Eid, Meineid, Falscheid. Und das alles, um ein. Exempei an dem Exjuden zu statuieren. Die Assimilation nützt also nichts. Nichts dem armen Proletarier, der sich in eine Volkspartei eintragen läßt und das Judentum ablegt, nichts, dem Bourgeois, der sich auf Grund von, Bildung und Wissen für berechtigt glaubt, nach Höherem zu langen. Eines Tages kommt der Wurmstich. Die Sache Frieders entbehrt ja gewiß nieth der Tragik, aber im letzten Grunde führt sie auf einen furchtbaren .moralischen Fehler zurück, den nicht Frieders allein begangen ha-t, sondern der in der Zeit liegt. Die große Masse des deutschen Judentums ist ihrem Blutvolk fremd geworden. Sie ist durch die Emanzipation gegangen und hat die Fühlung mit dem jüdischen Wesen verloren. Der Konservativismus, der in Deutschland noch besteht, hat sich eingeengt und hat nie einen Kampf um die Seele der Juigend gewagt. Die jüdische Masse hat sich mit Hurrah für das Deutschtum entschieden.' Sie ist dort nicht gerne gesehen worden. Aber das ist die korrumpierende Wirkung des Nachläufertums, daß es Willen und Seele verkrüppelt und daß es für die vielleicht erreichte soziale Geltung seinen moralischen Wert auf den Tisch legt. Dieses Verhalten findet seine Strafe. Bs war auffällig, daß sich wegen der Sache Frieders nichts in, Deutschland rührte, daß Sozialdemokraten, Demokraten und auch das in Persekutionsdingen sonst so nervöse Zentrum kalt blieben. Weshalb sollten sie sich für einen Mann alternieren, dem sein angeborenes Volkstum so wenig gilt? Ebenso* reserviert hat sich das deutche Judentum verhalten. Mit Recht. Denn es hat mit dem Dr. Frieders nichts m schaffen. Aber die Sache wäre doch für alle Juden des Nachdenkens wert. Sie wollen ihr Judentum nicht als gleichwertig mit deutscher Art gelten lassen. Die jüdische Olympiasiegerin Helene Mayer wedelt mit der schwarz-weiß-roten Fahne und es Ist höchster Stolz eines deutechen Juden, wenn, ein waschechter Arier ihn anpumpt. Er will als Germane gelten, bringt Opfer an Intellekt, an Vermögen und an Familie — und das melancholische Ende ist dann der Staatsanwalt Wiurmstich. Die liberalen Juden Deutschlands — und sie sind doch die Mehrheit — können sich an Treue nicht genitigtun. Sie sind das Vorbild der magyarischen und türkischen Israeliten, die stolz auf Minoritätsrecht und auf Wahrung der eigenen Art Verzicht leisten. Diese Schichten verdammen den Zionismus als unpatriotisch, bestenfalls als Bekenntnis zu einer doppelten Nationalität. Aber in Ungarn und nun auch in Deutschland erfahren, sie, daß es nutzlos war, die Treue zu brechen und sich anzubiedern. Wurmstich ist ein Typus. Frieders ist auch eine«, "Wir wollen daran arbeiten, daß er v-e>r«c&w4ndei.

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