Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 48 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711663--0639-2713796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE NEUE WELT "1 Seite 1 die Stadt <fer jlkiischen Märtyrer und Mystiker.; Von Perei Hirschbein. Abgeschlossen von der offenen Welt, hat sich tief in die Berge des oberen Galiläa die Stadt Safeth eingegraben. Bescheiden und züchtig sieht sie aus, wie 9ie sich an die knochigen Rippen der Berge anschmiegt. Der . schwarze Basalt rings um Safeth zeugt dafür, daß es nicht ruhig zuging dort unten in den Tiefen der Erde, wo die Stadt nicht aufhören will, die verschütteten Gebeine von Generationen zu bewahren. Vor uralten Zeiten haben hier wache Vulkane ihre Lavaströme ausgespien und jetzt sind ihre Spuren sichtbar. Erstarrte, zersprengte, schwarzgraue Schichten haben sich in die braune, fruchtbare Erde eingesessen, mehr Stein als Erde oben sichtbar lassend. In der Glut der Sonne brodelt die Erde und vertrocknet und ringsum ist alles öde wie eine verfluchte Landschaft. Und doch hat eine Stadt sich verbissen, aus dieser unruhigen Erde Nahrung zu ziehen. Wie oft auch die Beben Safeth von den Rippen der Berge loszureißen versuchten — niemals gelang es. 'Jerusalem .ist so oft von menschlicher Hand zerstört worden durch die Leidenschaften der Völker. Es ist von geheimnisvoller Hand wieder aufgebaut worden. Und Safeths Geschichte währt immer wieder von einem Beben zum andern. Vor neunzig Jahren war das Beben da und zerstörte difl$zähe Stadt. Jetzt aber ist Safeth immer noch die sonderbare Schönheit des oberen Galiläa. Jerusalem hat die Verwegenheit der Jugend, sich hinauszustelleh. und seine Tore breit zu öffnen für den Einlaß aus allen Teilen der Erde. Jerusalem glaubt nicht an die Vernichtung, Safeth aber hat sich versteckt, um den Kampf mit menschlicher Blutdurst und gegen die ewige Gier nach Beute nicht aufnehmen zu müssen. Safeth hält sich vor den Augen der Menschen verborgen. In seinen Schlupfwinkeln führten unsere jüdischen Meister Krieg gegen den bösen Geist, da wurden alle leiblichen Begierden niedergekämpft, da haben unsere Helden das sündige Fleisch abtöten wollen, um so die Seele zu läutern, auf daß sie die Welt mit ihrem Licht erhelle. Wiewohl in Jerusalem viele jüdische Köpfe beisammen sind, wiewohl Jerusalem das Heiligste aller Heiligkeiten besaß, hat es doch zu viel gesündigt. Jerusalem hat in allen Poren Unreines gehabt. Jerusalem, das erlöst werden sollte, konnte sein Heil für sich selbst nicht vom Himmel herabreißen. Des Volkes Erlöser sammelten sich in den Bergen Galiläas und hier in Safeth,-das wie Jerusalem hoch auf edn Bergen liegt, hat die Schechina, die ewige 'Glorie Israels,' schwer getraiiert. Hierher sind die Wundergläubigen gezogen, hier stieg die Arbeit jüdischen Geistes lodernd auf. Wievieles Sehnen, welche Erhebungen der Seele von Safeth ausgingen in alle vier Enden der Erde! Wie oft hat sich die jüdische Seele hie* verirrt, wenn die Mutter sie verlassen hatte! Hier ist der Ort, wo der jüdische Leib sich kasteien mußte, damit er die Waage im Gleichgewicht halte zwischen Leben und Tod. Alle Nöte, die sich um die Häupter der Juden in Spanien Und Portugal spannten, das Wehgeschrei derer, die zum Scheiterhaufen schritten, fanden Widerhall in Safeth, das hoch oben in Galiläa liegt... Hier in Safeth erfüllten die Jünger der Kabbalai ihre Mission. Da hörten sie die Ketten des gefesselten Messias klirren, erblickten seine schwärenden Wunden. Hier peinigten die Frommen ihre Kör.per, bis Funken aus ihren Augen sprühten, heilige Funken, die aus der eigenen Seele aufloderten; von hier sollte die Welt von den Sünden gereinigt werden, auf daß sie das Erscheinen des melach hamaschiach, des Erlösers, des Königs begrüßen könne. Hier blühten Hoffnungen auf, hier blühten Enttäuschungen auf. Das 16. Jahrhundert war voll von Prüfungen der jüdischen Seele. Rabbi Jizchak Lurja und später Rabbi Chaim Vital raubten Jerusalem die Göttlichkeit für Safeth. Von Safeth hoch oben in Galiläa lugte man aus nach dem Kommen des Messias. Hier in Safeth hat der Maranne Salomo Molcho seinen Leib kasteit, bevor er den Scheiterhaufen bestieg, er, der Israels Führer, sein wollte. * Jetzt blicke ich von Safeth tief hinein ins Land jenseits des Jordans. Nach der Ostseite hin, tiefer hinab, erscheint der See Kinereth, 4000 Fuß unten, sehnsüchtige Stimmung erweckend, wenn man frühmorgens oder in der Dämmerung sich ihm nähert, Von Safeth ging ein vielbegangener Weg bergabwärts zum Tal 'des Jordans Ich erlaube mir dem P. T, Publikum zur Kenntnis zu bringen, daß ich ab 1. Juli 1928 eine streng «n^O SELCHWAREN-FABRIK Wien, XX., KtosterneuburgerstraBe 60 unter besonderer Aufsicht des Oberhauptes der polnischen Gemeinde Wiens, Sr. Ehrwürden des Rabbiners M, Mayersohn jViJa.KB-fyiini^yT "roiD oDTiDon p*on wn t>p nw rron rinn ljni r,D ptos mjn rat* »a«»^ phtmd "p«d neu eröffnet habe. — Täglich frische und erstklassige Spezial¬ Erzeugnisse feinster Wurstu. Selchwaren. — Provinzversand WILHELM PITYAN« SELCHWARBN-PABRIK Wien, XX., Kloatgrneuburgerstraae W Telephon A-43-1-59 bis nach Tiberias. Sicher sind von Zeit zu Zeit die Jungte? und Meister der Kabbala von Safeth an den See Kineret«, den Tiberiassee, gegangen, worin sich ihre hageren, bleichen Oestalten spiegelten. Jetzt dauert's eine Stunde von Safeth nach Tiberias, aber nicht weit von hier verändert sich die Atmosphäre, es wechseln die Stimmungen. Jenseits des Tiberiassees zieht sich das Oebirge hin, unbekannte Welten; nordwärts hebt sich der Tabor und zerschneidet das Land dem Blick, wenn auch unten ein Teil des Emek Jezreel sich zeigt und weiter das Schomrongebirgc. Ueber Safeth waltet jetzt Ruhe. Nur der nüchterne Reisende, der flüchtige Autogast bringt Unruhe in die friedliche Stadt. Allzu deutliche Denmale unserer Vergangenheit besitzt Safeth selbst nicht. Die Schul des Rabbi Jizchak Lurja, in die man vom Schammes hier geführt wird, bewegt das Oemüt nicht. Auch die Kreuz:- züge haben keine merkbaren Spuren zurückgelassen. In der Niederung, in. den engen Gäßchen, ist das jüdische Leben zu finden. Der Weltkrieg hat die jüdische Gemeinschaft von Safeth sehr erschüttert. Nur ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ist zurückgeblieben. Aber die dreitausend jüdischen Seelen treten stark hervor. Die Gesamtbevölkerung hat zehntausend Seelen. Wie in Jerttr salem bilden auch hier den Grundstock die Chalukajuden, die sich die alte Lebenghaltung in Palästina bewahrt haben. Sie schreiten durch die schmalen Gassen mit langsamen Schritten und verbreiten gelassene Ruhe- Die Thoragelehrten zerreißen in ihren buntfarbigen Gewändern das Grau der Gassen, wo tagsüber Geschäftigkeit und Marktgeschrei herrschen. Aber die Zeit tut das ihre. Die neuen jüdischen Menschen haben auch nach Safeth, der Stadt der Märtyrer und Mystiker, den neuen Geist des Aufschwunges, des Temperaments, der Jugend hineingetragen. General Nobile über Pontremoli. General Nobile hat sich in Rom sofort nach seiner Rückkehr gegenüber Journalisten über die wissenschaftlichen Erfolge seiner Expedition ausgesprochen. Er teilte u. a. mit, Professor Aldo Pontremoli habet ihm kurz vor dem Absturz mitgeteilt, daß er die Masse des horizontalen Bestandteiles des magnetischen Gebietes gefunden habe. Da die Aufzeichnungen Pontremolis in der Führergondel verblieben sind und so gerettet werden konnten, so werden die Avissenschaftlichen Entdeckungen Pontremolis, denen große Bedeutung beizulegen ist, ausgewertet werden können. Prof. Aldo Pontremoli, ein Enkel Luigi Luzzat'tis, befand sich unter jenem Teil der Nobile-Mannschaft, der mit dem Luftschiffkörper abgetrieben worden ist. MIMMMMMmMIIHIIIIMOIIMHMMIMIMIMIHmMf.1 lull. Sitai] Herzog WIEN ilSSSSSSSmm, Telephon 73-4-90 Sprechapparate jeder Art, sowie sämtliche Jüdischen und hebräischen Schallplatten in reichster Auswahl stets auf Lager PROVINZVERSAND! PROVINZVERSAND! ft8Miiw»tmtm»iiwi»MiMiiiM(>nninimniii«i8 Der Magen David als Erkennungszeichen, In vielen Fällen wurde bereits der Davidsschild als Erkennungszeichen benützt, so auch im letzten Weltkrieg. Viele jüdiche Soldaten, die keinen jüdich klingenden Namen hatten, trugen bei sich entweder ein Magen David oder machten' dieses Zeichen neben ihrem Namen, um, wenn sie verwundet oder getötet werden, als Juden erkannt und behandelt zu werden. Jüngst aber hat ein Mr.gen David in einem interessanten Fall im Einwanderungshafen in New York wertvolle Dienste geleistet. Mit dem Dampfer „Patria", kam unter anderen Passagieren auch ein bildhübsches 23jähriges Mädchen an, das sich elly T o le d a n a nannte und als in Brasilien geboren und wohnhaft auswies. Als Brasilianerin unterliegt sie nicht dem Quotengesetz der Einwanderer und mußte daher anstandslos durchgelassen werden. Da sie aber als junges Mädchen ohne' Aufsict reiste, sollte sie der Obut einer Einwandertrschutzorganisation überantwortet werden, der christlichen Mission der jüdischen Hias. Da Fräulein Toledan^ außer Spanisch keine andere Sprache beherrschte und da kein spanischer Dolmetsch zur Stelle war, konnte* man aus ihr nicht herausbringen, welcher Religion sie angehöre und demnach welcher Schutzorganisation' sie unterstellt werden soll. Die Vertreterin der Frauenabteilung der Hias zeichnete nun auf ein Blatt Papier einen „Maigen David" und daneben ein Kreuz mit je einem Fragezeichen. Fräulein Toledano' begriff sofort, was man von ihr wolttey und freudestrahlend wies sie a u f d a s jüdische Z e ichen hin. Die Hias-Vertreterin nahm das junge Mädchen in ihre Obhut und stellte bald fest, daß das Mädchen zu ihrem Bräutigam, einem angesehenen portugiesischen Arzt, gekommen sei, um ihn zu heiraten; Das Schiff war um einige Stunden früher angekommen, weshalb der Bräutigam noch nicht erschienen war. Tatsächlich fand einige Tage nach ihrer Ankunft die Trauung der Toledana mit ihrem Bräutigam unter Assistenz der Hias statt. Amtliche Mitteilungen der Israelitischen Kultusgemeinde. Der Vorstund der Wiener israelitischen Kuluüisgerneinde . veranstaltet anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage im Größen Musikvereinssaal, I., Dumbagasse 3, Sofiensaal, III., Marxergasse Nr. 13, Hotel „Kontinental", II., Taborstraße 4, Gottesdienste. Jene Parteien,, welche auf die im Vorjahre benützten Sitzplätze reflektieren, können die neuen Karten , gegen Vorweisung der vorjährigen an der Kartenkassa der israelitischen Kultusgemeinde, I., Seitenstettengnsse 4, I. Stock, in der. Zeit von Sonntag den 26. August bis Mittwoch den 5. September 1928 während der Amtsstunden von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags belieben. Die bis dahin ünbehobenen Sitzplätze gelangen ab Donnerstag den 6. September d. j. zum allgemeinen Verkauf. Jüdische Bauern aus der Bukowina werden von der ICA in Frankreich angesiedelt. Czernowitz, 30. Juli. (J. T. A.) Eine größere Zahl jüdischer Landwirte der Bukowina, die durch wirtschaftlichen Zusammenbruch im Gefofcgc des Krieges nicht mehr •die Möglichkeit haben, in der Bukowina zu ihrem landwirtschaftlichen Beruf zurückzukehren, sollen — wie seitens des ICA-Büros in Paris hierher mitgeteilt wird — in Frankreich auf der ICA gehörenden Böden angesiedelt werden. Das Bukowina-Büro von HJGBM (HIAS-ICÄ- EMIGDI'RECT) hat vor einiger Zeit das HJCEM-Zentralbüro in Berlin ersucht, diesen Landwirten die Möglichkeit der Ansiodlung, in den ICA-Kolonien in Kanada zu verschaffen. Es stellte sich aber heraus, daß sie den Voraussetzungen für die ICA-Kolonisation in Kanada nicht entsprechen, woraufhin Schritte unternommen werden, sie in Frankreich anzusiedeln. Das Märchen vom „Schwarzen Auto". Antisemitische Lügen. In den letzten Monaten war in Ob e r s ch I esien wieder und immer wieder das Gerücht über die Untaten eines „Schwarzen Autos" aufgetaucht, dessen angeblich jüdische Insassen verschiedene Personen entführt haben sollten. Der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist diesen Gerüchten nachgegangen und ühergibt nun deren Ergebnis der Oeffentlichkeit: Es gelang, alle bekannt gewordenen Fälle als Märchen aufzuklären, durch die ein längeres, unerlaubtes Fernbleiben von Haus, Schule oder Arbeit beschönigt werden sollte oder bei denen eine gehörige Portion Hysterie oder Vagabundentum mitspielte. In Gl ei witz mußte ein junger Mannzugeben> daß er ein auf der Kanalstraße stehendes Wellblechhäuschen in der Dunkelheit als schwarzes Auto und die Bäume als Männer angesehen hatte. Am 28. Jänner wollte in Cosel ein junges Mädchen bei einer solchen Entführung sogar einen Messerstich in den Rücken erhalten haben. Als sich aber bei einer ärztlichen Untersuchung weder eine Wunde noch eine Narbe fand, mußte sie schließlich zugeben, geschwindelt zu haben. Der ernsteste Fall war zweifellos der, daß ein Mann, dar tatsächlich mit erfrorenen Füßen in das Krankenhaus eingeliefert werden mußte, angab, Insassen eines „schwarzen Autos" hatten ihm ein Fläschchen unter die Nase gehalten und ihn dann betäubt ins Auto gezogen. Nachts sei er dann mit erfrorenen Füßen im Walde bei Laband erwacht. Die in diesem Fall besonders schwierigen Ermittlungen ergaben schließlich, daß es sich um einen Arbeitsscheuen handelte, der sich bei einem vielleicht krankhaften Herumstreichen nachts im Walde verirrte und sich dabei die Füße erfror. Ein Schuljunge in Gleiwitz wurde anfangs März kn Stadtwald mit verstauchtem Bein aufgefunden. Er wollte sich das zugezogen haben, als er aus dem „schwarzen Auto"> in dem man ihn habe entführen wollen, herausgesprungen sei. In Wirklichkeit hatte er sich, wie er schließlich selbst gestehen mußte, an ein Auto angehängt und sich beim Herunterfallen den Schaden geholt. Am 14. März sollte in Schalscha ein dort vermißtes Mädchen in e,-nen Sack gesteckt und von dem „schwarzen Auto" verschleppt worden sein. Es wurde kurz darauf in Gleiwitz aufgegriffen und wegen Herumstreichens in Fürsorgeerziehung gegeben. Als schließlich ein unaufgeklärter Lustmord an einer Frau in der Nähe von Beuthen mit dem „schwarzen Auto" in Verbindung gebracht wurde, unterbreitete die Polizei in einer Pressekonferenz ihr Material zur allgemeinen Beruhigung der Oeffentlichkeit. Die Gerüchte vom „schwarzen Auto" verstummten nun für längere Zeit. Die Aufklärung der Polizei schien aber doch nicht überall hingedrungen zu sein, denn ein dreizehnjähriger Schuljunge in Schwekowitz bei G r.-S t r e h 1 i t z erzählte, daß er am 6. Juli beim Gänse- Gänsehüten von einem Mann „mit langem Bart und gedrehten Ohrenlocken" in einem Automobil nach dem Weg gefragt worden sei. Dabei sei ihm dieser mit der halbgeöffneten Hand über die Nase gefahren und habe ihn so eingeschläert. Bei seinem Erwachen habe er sich im Auto zwischen zwei Männern „mit gedrehten Ohrenlocken" befunden. Auch der Chauffeur habe einen Spitzbart gehabt. Als er „Rettung!" schrie, hätten ihm die beiden mit dem Tode gedroht. Da habe ein auf einem Rade daherkommender Landjäger sein Rad auf der engen Straße vor das Auto geworfen und es dadurch zum Halten gebracht. Er sei darauf entsprungen, und als er um 1/34 Uhr nach Hause gekommen wäre, hätte seine Mutter von den Nachbarn schon von seinem Abenteuer gewußt. Die von der Ortsgruppe des Centraivereins in Gr.-Strehlitz erbetene amtliche Untersuchung des Falles ergab, daß der Junge statt in die Schule au gehen und nachher die